RomanSchwarze Strumpfhosen

Schrill und zu dick: Vladimir Zarevs Roman »Verfall« von Sandra Hoffmann

In Vladimir Zarevs Bulgarien tragen alle nennenswerten Frauen schwarze Strümpfe oder schwarz-rote Strapse (die »Prachtstücke« tragen solche aus Seide), Röcke, schmal wie eine Bauchbinde, Brüste birnenprall, Beine lang wie Fahnenmaste, und wenn sie ihre Muttergefühle ausleben können, sind sie noch schöner als sonst. Ehegattinnen oder die, die es werden sollen, sind klüger als andere, können aber geschwätzig oder Feministin sein. Der bulgarische Mann ist stark, treu und dumm (dann Leibwächter) oder gewitzt bis intelligent, aber triebgesteuert und Alkoholiker, entweder mit Bierbauch (dann erfolgloser Schriftsteller), mit dickem BMW oder dicken Muskeln (dann korrupter Geschäftsmann) oder zu Fuß und mit Frau am Bändel (dann spielsüchtiger Trödelhändler).

Zarev, 1947 geboren, ist Herausgeber der literarischen Vierteljahreszeitschrift Sewremennik, Autor von mehr als einem Dutzend Romanen, und er liebt die Klischees seines Landes sehr. Seinen Landsleuten muss das gut gefallen, denn kein Roman der Nachwendezeit wurde dort so gefeiert wie 2003 sein Roman Verfall. Verfall von schlichtweg allem: der Moral, dem Geldwert, dem Körper und dem Glauben an die Liebe. Gott kommt gar nicht vor. Aber Geld: viel davon. Wer es hat, hat alle Macht, und wie man dazu kommt, ist nicht so wichtig. Die Korruption bestimmt neben dem Schnaps und den Frauen jegliche Handlung. Begriffe wie Verantwortung und Vertrauen sind Importgüter vom Starnberger See und müssen erst noch gelernt werden. »Das Geschäft gleicht einer langen, vernünftigen Liebe, die über ein ganzes Leben trägt. Sie aber schlagen mir einen schnellen Flirt vor oder – rustikal ausgedrückt – einen One-Night-Stand. Wirtschaft heißt nicht, einander übers Ohr zu hauen«, sagt der bayerische Unternehmer zum bulgarischen.

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Wir haben es mit einem Roman aus Bulgarien zu tun, der davon erzählt, wie ein Land (das ärmste der möglichen EU-Beitrittsländer) noch immer mit der Demokratisierung kämpft, wie die gewöhnliche Bevölkerung an der Armutsgrenze lebt und eigentlich nur die korrupte Elite die Privilegien der Marktwirtschaft genießt. Es ist ein Roman, der einem Volk aus der Seele spricht, weil endlich einer genügend Chuzpe besitzt, um die Misere seines Landes mit der entsprechenden Erzähllust anzugehen, und sagt: Wenn wir so weitermachen, sind wir, wie die beiden Helden und die Liebe, am Ende alle tot. Nur das Papier wird weiterleben, der Roman.

Immerhin, könnte man als Leser sagen, aber das wäre dann schon sehr spöttisch. Der Unterhaltungswert von Verfall ist hoch, man langweilt sich kaum, und es gibt Episoden, die sind richtig groß, weil man den Puls der Idee und den der Figuren spürt – alles ist da, und man ist dabei. Nach etwa 240 Seiten glaubt man sich auf der Zielgeraden, aber dann geht mit Teil zwei des Romans eigentlich alles noch mal von vorne los.

Man hätte Vladimir Zarev einen Lektor oder Kollegen gewünscht, der ihm den ewigen Schnaps und die mit hoher Frequenz wiederkehrenden schwarzen Strumpfhosen nebst inhaltlich redundanten Passagen gestrichen hätte. Dann wären dreihundert straffe Seiten geblieben. Dann wären wir beim Kern der Sache angelangt, beim traurigen Scheitern zweier Männer an gesellschaftlichen Missständen. Denn eigentlich wollen Bojan Tilev, Geschäftsmann, und Martin Sestrimski, erfolgloser Schriftsteller, beide etwas über fünfzig, ihr Leben gut und verantwortlich leben. Der eine, der Schriftsteller, gehört zu jenen, die nichts haben. Er will aus dem Verkauf des Mutterhauses das Geschäft seines Lebens machen, was natürlich schiefgeht. Bojan Tilev, Angestellter im Innenministerium, wird von seinem Vorgesetzten regelrecht genötigt, in dubiose Schmuggelgeschäfte einzusteigen. Nach anfänglichen Zweifeln verführt ihn die Geldgier zu Machenschaften, die ebenfalls nicht gut enden. Schließlich geht beiden das Geld aus, das Fleisch ist müde und der Alltag ein Kater, gegen den nur der Schnaps hilft. Der Geschäftsmann gibt sich die Kugel. Der Schriftsteller stirbt im letzten Satz, aber von ihm bleibt immerhin ein Roman, Verfall, wie er vor uns liegt, 500 Seiten, das dicke Ende.

VerfallBelletristikRoman; aus dem Bulgarischen von Thomas FrahmVladimir ZarevBuchKiepenheuer & Witsch2007Köln24,90511
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    • Schlagworte Roman | BMW | Innenministerium | Armutsgrenze | Demokratisierung | Korruption
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