Malchin ist eine Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern, die zwischen den sanften Hügeln der Mecklenburger Seenplatte liegt. Bei den Landtagswahlen im vergangenen Herbst bekam die NPD hier 9,3 Prozent der Stimmen. Seit der Wende hat jeder fünfte Einwohner die Stadt verlassen. Der Armenier Marat Wartadian* ist einer der wenigen, die zugezogen sind. Im Wohnzimmer seiner Mietwohnung zeigt er eine Pappschachtel mit den Nachweisen einer erfolgreichen Integration: Empfehlungsschreiben vom Pastor der Gemeinde, vom Bürgermeister, von den Lehrerinnen seiner Kinder. Die Älteste geht auf das Gymnasium, Wartadian arbeitet ehrenamtlich für die evangelische Gemeinde, er und seine Frau besuchen Sprachkurse. Vor elf Jahren ist die Familie aus ihrer Heimat nach Deutschland geflohen und wird seither geduldet. Mit dem Inhalt dieser Pappschachtel will Wartadian die Härtefallkommission überzeugen, seiner Familie endlich eine Aufenthaltsgenehmigung zu geben. Wenn nicht, bleiben die Wartadians abhängig von der zuständigen Ausländerbehörde des Landkreises Demmin und müssen hoffen, dass diese alle drei Monate ihre Duldung verlängert. In diesem Amt aber fürchtet Wartadian um seine Sicherheit.

Im Oktober 2006 entdeckte Marat Wartadian bei einem Behördentermin zwischen Aktenordnern und Papierstapeln eine schwarze Pistole. Die Waffe sei echt, habe man ihm auf Nachfrage bestätigt. Diesen Vorfall hatte der Armenier bei seinem nächsten Besuch noch gut im Gedächtnis. Zwei Angestellte hätten mit dem Fuß die Tür zum Wartezimmer aufgestoßen und ihn barsch aufgefordert, seine Tasche zu öffnen. »Die hatten schwarze Handschuhe an, mit Nieten an den Fingern.« Auf seine Frage, ob sie ihn verprügeln wollten, habe die Antwort gelautet: »Dann würdest du jetzt schon am Boden liegen.« Seine Tasche sei daraufhin durchsucht worden. Als zwei Betreuerinnen einer Beratungsstelle für Migranten wenig später den Raum betraten, registrierten sie sofort die schwarzen Handschuhe der Behördenmitarbeiter und den »schweißüberströmten, offensichtlich verängstigten« Armenier.

Rainer Plötz, Leiter des Demminer Ordnungsamtes und Chef der Ausländerbehörde, bestätigt, dass seine Mitarbeiter Schusswaffen tragen: »Wenn einer denkt, er ist sicher, wenn er so eine Pistole hat, dann, sag ich, ist das seine Entscheidung.« Zumal es »nur« Gas- oder Schreckschusspistolen gewesen seien. Er habe vorsorglich untersucht, ob die betreffenden Angestellten auch einen Waffenschein besäßen. Für Plötz kein Problem – er ist als Leiter des Ordnungsamtes auch für die Vergabe von Waffenscheinen zuständig. »Das ist Privatrecht«, sagt er. Er könne die Mitnahme von Waffen in die Behörde nicht grundsätzlich verbieten. Immerhin räumt er ein, dass der Anblick von Waffen in den Büros »keine Maßnahme der Deeskalation« sei. Also hat er seinen Angestellten jetzt untersagt, Schusswaffen offen zu tragen.

Bei Flüchtlingen, Rechtsanwälten und Beratungsstellen ist die Demminer Behörde nicht nur wegen Pistolen zwischen Aktendeckeln berüchtigt. Mehrere Untätigkeitsklagen sind anhängig, weil Anträge monatelang nicht bearbeitet werden – auch dann nicht, wenn es zum Beispiel um kranke Flüchtlinge geht, die dringend aus dem entlegenen Asylbewerberheim des Landkreises ausquartiert werden müssten. »Enge personelle Situation«, sagt Rainer Plötz dazu. Dass seine Mitarbeiter auch Schlaghandschuhe tragen, bestreitet er. Was Marat Wartadian da im Wartezimmer gesehen habe, seien normale Handschuhe gewesen. Im Übrigen werde in seiner Behörde auch niemand beleidigt oder geduzt, Menschlichkeit werde hier großgeschrieben. Anja Matz vom Psychosozialen Zentrum für Migranten (PSZ) in Greifswald sieht das anders. »Bewusstes Schikanieren von Asylbewerbern ist in diesem Landkreis kein Einzelfall. Der Ermessensspielraum im Ausländerrecht wird von der Behörde immer wieder menschenunwürdig ausgelegt.«

Dem Flüchtling Wartadian hat Plötz im Beisein einer PSZ-Mitarbeiterin eine Warnung mitgegeben, falls dieser sich an die Öffentlichkeit wenden sollte. »Wie Sie wissen, wirkt sich das nicht positiv auf Ihren Aufenthaltsstatus aus.«

*Name geändert