Eine interessante Frage im Zusammenhang mit Oskar Lafontaine lautet: Wie lange kann ein deutscher Politiker das Image eines Kampfroboters pflegen? Die Antwort: Lange, sehr lange, aber ewig vermutlich nicht. Lafontaine übte nie einen größeren Einfluss auf die deutsche Politik aus als heute, weder als Bundesfinanzminister noch als SPD-Chef oder als saarländischer Ministerpräsident. Er ist jetzt Chef einer Ost-Regionalpartei, auf die eine westdeutsche, in vielfältigen Rottönen schillernde Protestpartei aufgepfropft wurde. Macht hat er als »Phänomen«, will sagen als Fantasie- und Projektionsfigur, als Hoffnungsträger und Gottseibeiuns, als Populist, von dem niemand weiß, wie stark seine Bataillone wirklich sind – und deswegen sind sie zunächst einmal besonders stark.

Die Zeit ist Politikern günstig, die erkennbar keine Parlamentsprofis sind, vor allem keine Parteikarrieristen. Lafontaine verkörpert diesen Typus besonders überzeugend, weil seiner jetzigen Rolle ein fulminanter Bruch in seiner politischen Biografie zugrunde liegt. Da ist einer, der beschlossen hat, Antipolitiker zu werden. Nur der Paria des Establishments kann ein echter Volksversteher sein. So sammelt er die Unzufriedenheit in der Bevölkerung ein, die Rot-Grün hinterließ und die in geringerem Maß auch die Große Koalition freisetzt, und führt das Massenraunen als Politik vor, als dräuenden Aufstand gegen die herrschenden Eliten, gegen ein ungerechtes »System«.

Es ist ein gewaltiges deutsches Trauma und zugleich ein unsterbliches deutsches Faszinosum, dass einer Politik unmittelbar zum Volk macht, vorbei an einer das Gute filtrierenden Institutionenordnung. Aber Lafontaine dosiert. Auch er will nicht ernsthaft den »Systemwechsel«. Er will nur die Stimmung erzeugen, die einer rasanten Wendung ins politische Abenteuer vorausgeht. Seine Macht spielt sich im Raum der öffentlichen Zuschreibungen und Ängste ab, der Sehnsüchte und Übertreibungen. Es ist keine Gestaltungsmacht, eher eine Macht zur Verformung, zur Dimensionierung von Bedeutsamkeiten, nicht zuletzt der eigenen. Es ist auch Zerstörungsmacht.

Man muss anerkennen: Was er da einsammelt, ist ihm gelungen, »links« zu nennen – und es für sich und seine Partei zu reklamieren, jedenfalls für den Augenblick. Oft genug wiesen politische Beobachter ihm nach, er strebe samt Partei zurück in die Siebziger. Damit wollte man ihn entlarven. Aber Teile der Bevölkerung sagen immer öfter: »Hey, was ist falsch daran?«

Da steht Schröders und Fischers Politik als Verrat an der Geschichte

Was die Deutschen umtreibt, ist nach wie vor Unbehagen gegenüber der Globalisierung und dem durch sie ausgelösten Modernisierungsdruck in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Es ist der Wunsch nach einer staatlich garantierten Versicherung gegenüber Jobverlust und Terroranschlägen, nach Daseinsvorsorge und gerechter Verteilung dessen, was dank hohem Steueraufkommen anscheinend wieder zu verteilen ist. Aber es ist auch der Wunsch, eine nicht mehr in Deutschland verankerte Managerkaste zu demütigen, der thüringischen Friseurin im Gegenzug einen gerechten Mindestlohn zu verschaffen, keine Kriege irgendwo am Hindukusch zu führen, deren Gründe quälend kompliziert sind.

Diese Gefühlslage und die aus ihr hervorblitzenden Wünsche sind nicht per se links. Die stillschweigende Zustimmung zu Wolfgang Schäubles Maßnahmen der inneren Sicherheit in der Bevölkerung ist beim besten Willen nicht mit der Tradition der Linken zu verrechnen. Die Neigung zum nationalen Isolationismus und zu einer Freunde und Feinde sortierenden Ideologie ist ebenfalls eindeutig rechts, und es bedeutet etwas, wenn Lafontaine auch im NPD-Milieu seine Fans findet.

Im Augenblick überlagern sich die Erinnerungen an eine goldene BRD und eine schön schimmernde DDR. Die Auseinandersetzung über deren politisch-polizeilichen Unterdrückungsapparat ist nahezu zum Erliegen gekommen, sie spielt auch für die Akzeptanz der Linken keine Rolle mehr. Genauso in Vergessenheit gerieten die Voraussetzungen für die Erfolge Westdeutschlands, halbsouveräner Frontstaat zu sein, dem die Nachkriegsmächte gestatteten, sich in internationalen Bündnissen vor allem finanziell zu engagieren; der Exportweltmeister werden durfte, weil der Wohlstand einen Rückfall in vordemokratischen Wahn verhinderte. Vergessen war auch, dass den Deutschen das Wirtschaftswunder Technikfreundlichkeit und vor allem geburtenstarke Jahrgänge beschert hatte, die umlagefinanzierte soziale Sicherungssysteme am Laufen zu halten versprachen.