Linke Zwei ungleiche Sieger

Wohngemeinschaften, Patchworkfamilien: Vieles, wovon die 68er träumten, hat sich durchgesetzt. Der Kapitalismus aber auch.

Stellen wir uns einen 68er vor, der Anfang der siebziger Jahre, von der Encephalitis lethargica befallen, in Schlaf gefallen und erst im Sommer dieses Jahres aufgewacht ist. Wie würde ihm die Bundesrepublik des Jahres 2007 gefallen?

Er würde nach einer kurzen Besichtigung des Landes seinen behandelnden Neurologen anrufen und bitten, ihn an einen Kollegen aus der Psychiatrie zu überweisen. Denn er werde von der Wahnidee heimgesucht, dass die Republik in den Jahren seiner »Abwesenheit« entschieden nach links verrutscht sei – aber irgendwie nach falsch links. Auf Schritt und Tritt sei er bei seinen Rundgängen auf die Spuren von Ideen von 68 gestoßen. Allerdings seien sie ganz anders realisiert worden, als sie gemeint gewesen seien.

Lassen wir die Antwort des Neurologen, womöglich ein gewendeter Marxist-Leninist, beiseite. Begnügen wir uns mit der Vermutung, dass ihm wie uns durch permanentes Wachsein die Fähigkeit zum Staunen abhandengekommen ist.

Denn hat unser Patient so unrecht?

Kein Zweifel, was ihre revolutionären Ziele betrifft, hat die antiautoritäre Bewegung auf breiter Front verloren. Aber die Alltagskultur und auch die Parteienlandschaft sind durch die innovativen »Nebenprodukte« der Bewegung – Kinderläden, Wohnkommunen, Umwelt- und Bürgerinitiativen, Frauengruppen – in einem Maß geprägt, dass man von einer »Mainstream-Bewegung« sprechen kann. Es ist, als habe ein resoluter Manager aus dem Ideensud von damals die verwendbaren von den absurden Projekten geschieden und Erstere, unbekümmert um die ideologischen Vorgaben der Ideengeber, für die Massenproduktion freigegeben.

»Friede den Hütten, Krieg den Palästen?« – viele Hausbesetzer sind inzwischen, oft durch großzügige Senatsbürgschaften gestützt, Hausbesitzer geworden. Die Utopie von der Auflösung der bürgerlichen Familie ist in einer so von niemandem geplanten Massenerscheinung namens Patchworkfamilie aufgegangen. Die Kommune I, eigentlich das Albtraummodell einer Wohngemeinschaft, ist erfolgreich säkularisiert worden – die heutigen Wohngemeinschaften kommen ohne politische Programme aus und begnügen sich mit Putz- und Abwaschordnungen.

Aber es rockt auch auf dem Lande. Das weltweit größte Festival von Heavy-Metal-Bands findet – unter engagierter Beteiligung der ansässigen Bauernfamilien – im Dorf Wacken in Schleswig-Holstein statt. Beim Protest der Globalisierungsgegner in Heiligendamm versorgten vom Verfassungsschutz nicht registrierte Hausfrauen die Protestler mit selbst gekochten Suppen. Ein Vorfall wie neulich in Italien, wo zwei Männer, die nachts im Kolosseum einen Zungenkuss zelebrierten, verhaftet wurden, ist im heutigen Deutschland nicht einmal in Passau denkbar. Zwei schwule Bürgermeister in den beiden größten Städten Deutschlands stehen dafür, dass die sexuellen Vorlieben der Kandidaten bei den Entscheidungen der Wähler keine Rolle spielen. »Frauen an die Macht?« – ausgerechnet die von Männern beherrschte CDU, die gegen feministische Anwandlungen stets immun war, hat in einem Coup wider Willen eine Frau zur ersten Kanzlerin gemacht – eine Frau, die bis kurz vor ihrer Nominierung noch in wilder Ehe lebte.

Zwar hat die CDU keinen ihrer historischen Irrtümer (in der Ausländer-, Familien- und Frauenpolitik) eingestanden, aber umso rücksichtsloser im Garten der SPD und der Grünen gewildert. Die SPD kann noch nicht einmal Vorteile daraus ziehen, dass sie die Reformen, die zum wirtschaftlichen Aufschwung beigetragen haben, angestoßen hat – weil ein guter Teil der Partei sich dieser Reformen schämt.

An dieser Stelle scheint es angebracht, noch einmal auf die Verstörung unseres Patienten zurückzukommen. Denn der von ihm bemerkte kulturelle Ruck nach links ist ja keineswegs das Ergebnis einer – von ihm verschlafenen – revolutionären Überwindung, sondern der Alleinherrschaft des Kapitalismus. Unser Schläfer ist in einem Kapitalismus aufgewacht, dem der Gegner abhandengekommen ist, der sich im Stadium der Hemmungslosigkeit befindet. Je höher die Gewinne eines Unternehmens, desto rascher der Abbau der Arbeitsplätze. Und die Opposition, die Wut dagegen?

Das Schöne an den Jahren der Revolte war doch, dass jeder jederzeit sagen konnte, wer die Guten und wer die Bösen sind. Damit scheint es vorbei zu sein. Politikmachen ist inzwischen wie Skifahren auf einer waldlosen Piste unter einem bedeckten Himmel – man erkennt den Hügel erst, wenn man gestürzt ist. Vergeblich der Versuch, elementare Orientierungsmarken wie links und rechts noch an den Parteien festzumachen. Das politische Personal ist im Windkanal der Meinungsumfragen verwechselbar geworden. Das Projekt, die Reste der west- und der ostdeutschen kommunistischen Parteien unter dem großmäuligen Label »Die Linke« zu sammeln, scheint sich vor allem auf die Tugend der Vergesslichkeit zu gründen. Die traditionellen, flüchtig aufgefrischten Heilsrezepte dieser sogenannten (eindeutig »revisionistischen« – würde unser Gewährsmann hinzufügen) Linken tragen dem gescheiterten Experiment des Kommunismus keine Rechnung. Ihr Erfolg, gerade unter jungen Wählern, gründet sich wohl vor allem auf die Sehnsucht nach einer radikalen Alternative – nicht auf ein zukunftsträchtiges Programm.

Der letzte authentische Rebell der Republik scheint Altkanzler Helmut Schmidt zu sein. Wir alle – auch unser kurz zuvor erwachter Schläfer – haben ihn gesehen, wie er im Kapitol an seiner Mentholzigarette zog und seine Rauchwolken in die Gesichter entsetzter amerikanischer Abgeordneter blies. Und haben gedacht: Was für ein Kerl!

Peter Schneider, 67, ist Schriftsteller und Essayist. In den siebziger Jahren wurde er durch seine literarische Aufarbeitung des Studentenprotestes bekannt

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 09.08.2007 Nr. 33
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