SchwangerschaftAlkohol und Nikotin

Die fatalen Auswirkungen von Alltagsdrogen auf Ungeborene werden unterschätzt. von 

Wie mächtig Einflüsse vor der Geburt sein können, zeigen die Folgen des Alkoholkonsums während der Schwangerschaft. Alkoholmissbrauch ist die häufigste Ursache angeborener geistiger Behinderung in Deutschland. Das Fetale Alkoholsyndrom tritt nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) bei einem von 350 Neugeborenen auf und ist damit doppelt so häufig wie das Downsyndrom.

Etwa 14 Prozent der Schwangeren trinken Alkohol, ergab der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des RKI. Vor allem Frauen mit einem hohen Sozialstatus verzichten während der Schwangerschaft nicht auf Wein oder Sekt. Wahrscheinlich ist der Anteil der trinkenden Schwangeren sogar weitaus höher, vermutet das RKI. Es hatte Frauen befragt, deren Schwangerschaft bis zu 18 Jahre zurücklag. Bei einer Umfrage unter aktuell Schwangeren gaben 58 Prozent an, zumindest gelegentlich Alkohol zu trinken.

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In schweren Fällen sind Kinder, die in der Gebärmutter Alkohol ausgesetzt waren, kleinwüchsig, haben äußere und innere Missbildungen, zeigen geistige Behinderungen und psychische Störungen. Bei der abgeschwächten Form, auch Fetaler Alkoholeffekt genannt, sieht man den Kindern die Beeinträchtigung nicht unbedingt an, doch das Zentrale Nervensystem ist geschädigt, was sich in Denk- und Verhaltensstörungen äußert.

Alkohol und andere Gifte wie Nikotin passieren die Plazentaschranke problemlos. Der Alkoholspiegel des Fötus ist deshalb genauso hoch wie der der Mutter. Das Zellgift stört die Entwicklung der fötalen Gewebe, vor allem die des Gehirns. Welche Schäden auftreten und wie stark sie sind, hängt unter anderem davon ab, in welchem Entwicklungsstadium sich der Fötus befindet, wenn die Mutter trinkt. Im ersten Drittel der Schwangerschaft wirkt sich der Alkoholkonsum besonders stark aus, weil in dieser Zeit die Organe angelegt werden. Das Gehirn reift über den gesamten Zeitraum, deshalb ist es besonders gefährdet.

Gerade die kognitiven Beeinträchtigungen lassen sich nicht rückgängig machen, stellte Hans-Ludwig Spohr, der ehemalige Chefarzt der Kinderklinik an den DRK-Kliniken Berlin-Westend, in einer Langzeitstudie fest. Die charakteristischen Missbildungen am Schädel und im Gesicht bilden sich häufig zurück, doch die Einschränkungen in der geistigen Entwicklung bleiben. Die meisten dieser Kinder können als Erwachsene nicht für sich selbst sorgen.

Alkohol schädigt nicht nur direkt die Entwicklung des Fötus, sondern kann die Gesundheit des Kindes offenbar auch indirekt beeinflussen: Er erhöht die Aktivität des Stresssystems bei der Mutter und beim Ungeborenen. Das Kind wird so anfälliger für stressbedingte Krankheiten (siehe oben). Das könnte eine Erklärung für die oft subtilen Langzeitfolgen auch weniger starken Alkoholkonsums in der Schwangerschaft sein.

Gerade bei leichteren Schäden erkennen Kinderärzte den Zusammenhang zum Alkohol häufig erst spät oder scheuen sich nachzuhaken. Auch in der Schwangerschaftsvorsorge wird oft nicht gezielt nach dem Alkoholkonsum gefragt. Ab welcher Menge Alkohol dem Ungeborenen schadet, ist nicht sicher. Es gibt jedoch Hinweise darauf, dass sich auch mäßiger Konsum negativ auswirken kann, vor allem auf die Entwicklung des Nervensystems.

Rauchen während der Schwangerschaft schadet dem Kind ebenfalls massiv. Es erhöht die Wahrscheinlichkeit für eine Frühgeburt und damit für ein niedriges Geburtsgewicht. Die Neugeborenen sind anfälliger für Krankheiten und haben ein höheres Risiko, in den ersten Monaten zu sterben. Langfristig leiden die Kinder häufiger unter Lern- und Konzentrationsschwächen, sind hyperaktiv und haben einen niedrigeren Intelligenzquotienten. Etwa 18 Prozent der Schwangeren rauchen laut Kinder- und Jugendgesundheitssurvey; anders als beim Alkoholkonsum sind es vor allem Frauen mit einem niedrigen Sozialstatus.

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    • Schlagworte Alkohol | Schwangerschaft | Nikotin | Alkoholkonsum | Alkoholmissbrauch | Alkoholspiegel
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