Lebenszeichen Radikalismus der Mitte

Harald Martenstein bekennt sich zu Anglizismen und erinnert daran, dass die deutsche Sprache früher ein Unterschichtphänomen war

In der ZEIT wird immer auf Anglizismen geschimpft. Wieso beschäftigt dieses Blatt ausgerechnet einen Typen wie mich? I am the uncrowned king of the anglicism . Im Mittelalter hat die deutsche Oberschicht ein paar Hundert Jahre Lateinisch geredet, das war doch auch okay. Die deutsche Sprache ist nämlich ursprünglich ein Unterschichtphänomen gewesen, ähnlich wie heute Arschgeweih und Ballermann. Und jetzt macht ausgerechnet das Bürgertum so ein Bohei um diese Sache, statt, wie es sich bei einem korrekten und nicht allzu kurzatmigen historischen Gedächtnis gehören würde, wieder Lateinisch zu reden. Das kann doch keiner verbieten. Ad fontes, patrioti! Ich persönlich habe das Latinum, meinetwegen kann es morgen losgehen, urbi, orbi et hamburgi . But I love German. Goddammit, how I love this horny little language .

Meine Haltung zu Fragen der Ästhetik könnte man als „Radikalismus der Mitte“ bezeichnen. In den Ferien habe ich ein Buch gelesen, in dem deutsche Schriftsteller über ihre Vorbilder schrieben und über ihre Leitidee. Die Schriftstellerin Antje Rávic Strubel äußerte dort, das Wichtigste beim Schreiben sei „Misstrauen gegenüber der Sprache“.

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Das halte ich, mal ganz traditionell ausgedrückt, für ein schwer danebenes Avantgardeklischee. Das ist so, als ob Liselott Linsenhoff sagte: „Das Wichtigste beim Pferdesport ist Misstrauen gegenüber dem Pferd.“ Da wäre sie sicher nie Olympiasiegerin im Herumreiten geworden. Oder als ob ein Straßenfeger sagte: „Ich als moderner Straßenfeger misstraue dem Besen. Der Besen ist, bezogen auf die komplexen, vielschichtigen Straßen von heute, ein untaugliches Instrument.“ In der Straße, in der so ein Avantgardist fegt, möchte ich nicht wohnen. Die Sprache ist doch das Werkzeug. Die Sprache muss man als Schreiber doch lieben, gern mit ihr spielen und ihr vertrauen. Wenn man der Sprache misstraut, sollte man eher Pantomime werden oder Komponist.

Ich misstraue nicht der Sprache. Ich misstraue mir selbst. Denn ich habe in der Zeitung Die Welt einen Artikel über einen der bekanntesten avantgardistischen Komponisten gelesen, den sogenannten Nestor oder Nestroy der Atonalität, Elliott Carter. Die Atonalen sind Musiker, die der Musik misstrauen. Carter hat jetzt erklärt, dass er seine gesamte Musik, alles, was er in den letzten fünfzig Jahren zusammenkomponiert hat, für scheußlich hält. „Niemand mag das hören“, sagt Carter. Er habe sein Leben verschwendet. Er schimpfte auf die Kritiker, die ihn gelobt, und auf die Dirigenten, die seinen, wie er selber es nennt, „Unsinn“ dirigiert haben. Er entschuldige sich beim Publikum. Er wolle in Zukunft zum Beispiel irische Folksongs komponieren. Das werden nicht allzu viele irische Folksongs sein.

Elliott Carter ist 98 Jahre alt. Außerdem möchte er seine gesamten avantgardistisch-atonalen Werke überarbeiten und sie mit traditionellen Melodien zum Mitsingen versehen. Daraufhin wurde er gefragt, wie er überhaupt auf diesen stilistischen Irrweg gelangen konnte. Carter sagt, seine Frau sei schuld. „Sie mochte dieses Zeug.“ Er habe zu seiner Frau einfach nicht Nein sagen können und habe deswegen, quasi aus Gutmütigkeit und Gattenliebe, fünfzig Jahre lang eine avantgardistische Musik nach der anderen komponiert. Kürzlich ist seine Frau gestorben. Diese Ehe, dachte ich beim Lesen, wäre ein Romanstoff, es dürfte aber auf keinen Fall ein avantgardistischer Roman sein. Und, if I may say so , was werde ich wohl mit 98 Jahren über Anglizismen denken? Das kommt offenbar ganz auf die jeweilige Lebenspartnerin an.

 
Leser-Kommentare
  1. Sehr geehrter Herr Martenstein, heute haben Sie sich selbst übertroffen! Wenn Sie mit 98 eine Lebenspartnerin suchen, die Ihre Einstellung zu Anglizismen beeinflusst: Melden Sie sich gerne bei mir.

  2. 2. Mei,

    Martnstoa, sans froh, wenns mid ochtaneunzge no denga kennan. Sie kennans itz eh scho nimma.

  3. Sehr geehrter Herr Harald Martenstein,

    einfach genial Ihre Berichterstattung. Ich finde Anglizismen auch cool. Die Sprache ist ein wundervolles "Macht-Mittel", bloß leider können die meisten Menschen nicht wirklich Denken, dann handeln und dann erst Reden, geschweige was "Vernünftiges" schreiben! Wie sagt man so schön in Deutschland: "Deutsche Sprache, schwere Sprache"! Alles Quatsch. Deutsch ist eine hervorragende Sprache, bloß leider ist diese, bei den meisten Menschen, verloren gegangen. Zurück zum Ursprung, dass wärs doch!?!
    Machen Sie weiter so, einfach genial, dass was Sie schreiben, danke!

    Angela Kraft aus Berlin

    • joeyyy
    • 10.08.2007 um 9:44 Uhr

    Gestern holte ich (45) meine beiden Jungs (12 + 13) am Bahnhof ab, nachdem sie von ihrem obligatorischen Oma-(67)-und-Opa-(68)-Sommerferien-Besuch zurückkamen. Der Kleine meinte, dass Oma voll viel cooler sei als ich. Sie würde brutal viel verstehen von dem, was die Kinder reden und wo ich doch immer nachfrage. Außerdem hat sie echt krass übel viel drauf von den Wörtern und benutzt sie auch.

    Ich stelle mir vor, wie meine Mutter mit ihren Freundinnen auf dem Wochenmarkt einkauft: "Ey, Traudel, schon von den coolen Zucchini probiert? Echt übel frisch, ey. Mach ich voll den krassen Auflauf - mal kucken, wie Heinz abschmatzt. Aber die Zitronen von Emmi sind voll schwul - musst Du liegenlassen."

    Ich glaube, ich muss mal mit meiner Mutter reden...

    • WIHE
    • 10.08.2007 um 10:08 Uhr

    z.B. geradewegs nach den Bedeutungen der verwendeten Anglizismen fragen.

    Dann merkt man, viele können nicht nur Anglizismen auswendig, viele können auch stottern und solche Worte wie ähh, ähh. Dann merkt man auch schnell, wie sie denken und was sie tatsächlich verstanden haben.
    Wichtig ist, dass man sich selbst nicht zu ernst nimmt und den Anschein erträgt, man wüßte etwas nicht, was scheinbar allen bekannt ist.

  4. Ich mag Arabismen. Nur bedarf es zur Realisierung dessen noch etwas mehr Malocherei von Seiten der Taliban. Schade aber auch!

  5. 7. Huch

    die vorredende Dame hat mich völlig aus dem Konzept gebracht. Nichtsdestotrotz: Recht so, liebes Fräulein Iphigenie, sparen Sie sich auf, die letzten Jahre sollen ohnehin die besten sein.

    Mit besten Empfehlungen
    Ihr Erdge Schoss

  6. Zum Thema von Herrn Martenstein "Anglizismen" kann ich nur sagen, so ist es!
    Alles Weh und Ach um die "deutsche Sprache" bleibt im Ansatz betrachtet ein KLEINES sicher entbehrliches Denken.
    Nehmen wir den Lauf der Zeit als das, was er ist, eine kleine Entwicklung der aus der Summe einer Geschichte.

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