Naturschutz Der Tod am Wegesrand

Gerade noch rechtzeitig haben Artenschützer die Kulturpflanzen entdeckt. Doch zum Schutz wertvoller Wildkräuter fehlen Konzepte und Geld.

Die Anfahrt zum Naturschutzgebiet Silberberg endet an einem steilen Feldweg. Mit einem Kleintransporter des Botanischen Gartens Osnabrück sind wir etwa 15 Kilometer südwärts gefahren ins »Hüggelgebiet« bei Hagen am Teutoburger Wald. Ziel der Exkursion: Samen von Pflanzen sammeln, die vom Aussterben bedroht sind. Die Samen sind bestimmt für ein Pilotprojekt, Deutschlands einzige Genbank für heimische Wildpflanzen . In Osnabrück versucht man, tiefgekühlt zu retten, was vielerorts kaum mehr zu retten ist – die genetischen Ressourcen von Pflanzen, die als bedrohte Arten auf der Roten Liste stehen. Die Liste ist lang.

Nach einem kurzen Fußmarsch hangaufwärts gibt ein Gatter einen schmalen Trampelpfad frei, der sich durch eine Wiese zur bewaldeten Kuppe des Silberbergs hinaufschlängelt. Es ist schwülwarm an diesem Südhang, die Hügellandschaft erinnert an die Toskana. Schilder mahnen, den Pfad nicht zu verlassen, weder Blumen zu pflücken noch Pflanzen zu entfernen. Das Erz des Silberbergs ist längst ausgebeutet, doch er birgt noch Schätze: botanische Kostbarkeiten, echte Raritäten. »Dies ist einer der schönsten Kalkmagerrasen weit und breit«, erklärt Barbara Neuffer, Botanikerin an der Universität Osnabrück. 700 Pflanzenarten wachsen in dem kleinen Paradies, darunter 20 verschiedene Orchideen.

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»Da, eine Fliegenragwurz!« Sie zeigt auf eine unscheinbare, 30 Zentimeter hohe krautige Pflanze mit gelbgrünem Stängel neben dem Pfad. Daran hängen drei bräunliche Blüten, die auffällig Hummeln ähneln. »Die Fliegenragwurz gehört zu den Insektentäuschern«, erklärt die Professorin. Die Blüten gaukeln männlichen Grabwespen eine Partnerin vor. »Das reicht bis in feinste Details wie die Behaarung der Blütenlippe oder die Abgabe insektentypischer Sexuallockstoffe.« Der Wesperich läuft beim Begattungstanz auf der Blüte zwar ins Leere, überträgt dabei aber Pollenpakete von Orchidee zu Orchidee.

Die Ragwurz ist nur ein Beispiel unter Tausenden für das eng verwobene Leben von Pflanzen und Insekten. »Viele Schmetterlingsraupen ernähren sich von nur einer Pflanzenart«, erklärt Barbara Neuffer. Verschwindet die Pflanze, verschwindet auch der Schmetterling. Mit der Erkenntnis solcher Zusammenhänge haben sich die Motive für den Artenschutz in den vergangenen Jahren gewandelt. Vorbei die Zeit, als es den Naturliebhabern nur um pflanzliche Schönheit, biologischen Nutzen oder menschliche Moral ging. Es gilt, die Stabilität von Ökosystemen zu sichern, genetische Vielfalt zu erhalten, den Erfindungsreichtum der Natur zu bewahren. Neben ökologische Argumente für den Erhalt der Biodiversität sind somit politische und ökonomische Interessen getreten.

Es gibt viel zu bewundern auf dem Silberberg: weiße Waldhyazinthen (eine weitere Orchidee), der Gemeine Hauhechel (ein Schmetterlingsblütler), die blaue Taubenskabiose. Oder das rosa blühende Tausendgüldenkraut, eine bitter schmeckende Heilpflanze, die Magenkranken einst »tausend Gulden« wert schien. Wer dabei das Umfeld mustert, entdeckt überall kräftige Schösslinge. Von Birken, Eichen, Pappeln, Kiefern, Brombeeren. Sie zeigen: Die blühende Pracht hier ist akut bedroht, zigtausendfach wurzeln ihre natürlichen Feinde bereits im Boden. Sobald die Landschaftspflege durch Mähen aufhört, werden diese Schösslinge alles überwuchern und der artenreichen Wiesenflora das Licht rauben. »Ohne Mahd würde dieses Areal schnell verbuschen und sich später in einen Wald verwandeln«, bestätigt Peter Borgmann. Er betreut die Osnabrücker Genbank und ist mit seiner wissenschaftlichen Beraterin Neuffer hier auf Sammeltour.

Borgmann hat das Schicksal von Magerwiesen, diesen blumenreichen Insektenparadiesen, selbst jahrelang untersucht. »Diese Weideflächen wurden einst durch Waldrodungen gewonnen. Sie gehören zu den am stärksten bedrohten Biotopen in unseren Breiten«, sagt er. In der Hungersnot erschlossen, werden sie heute wegen zu magerer Erträge entweder gedüngt oder aufgeforstet, insbesondere in steilen Hanglagen. Borgmann hat in Liechtenstein die Böden noch vorhandener und ehemaliger Magerwiesen untersucht und fand: »In Magerwiesen ist der Samenvorrat im Boden um ein Vielfaches größer als in gedüngten Wiesen oder auf verbuschten Flächen.« Doch ohne Eingriffe des Menschen kehrt der Wald zurück, die Artenvielfalt schwindet. Die Nutzung von Magerwiesen wird entweder subventioniert, oder die seltenen Lebensräume werden, wie hier, in Naturschutzgebieten gepflegt – oft von Idealisten, die noch einen Hang von Hand mähen können. »Auch die sind vom Aussterben bedroht«, sagt Barbara Neuffer.

Das Hauptziel der beiden Botaniker wächst oben auf der Kuppe in einer trichterförmigen Senke: ein unscheinbar weiß blühendes Pflänzchen namens Galmei-Hellerkraut (Thlaspi calaminare). »Es bevorzugt schwermetallhaltige Böden und kommt in Niedersachsen nur noch hier vor«, erklärt die Botanikerin. Einen weiteren Bestand gibt es noch im Rheinland bei Aachen. Die Pflanze ist in Mitteleuropa endemisch, kommt also sonst nirgendwo mehr vor. Sie genießt entsprechend hohen Schutzstatus, Gefährdungsstufe eins auf der Roten Liste. Kein Wunder, ihr Verbreitungsgebiet hier ist kaum größer als zwei Tischtennisplatten und umfasst etwa hundert Exemplare. Es ist bereits von lichtem Wald umgeben, wäre rasch überwuchert, von Wildschweinen oder durch einen Brand zerstört.

Blumen pflücken verboten – wer nicht aufpasst, macht sich strafbar

Vorsichtshalber wird ein kleiner Samenvorrat von dieser Hellerkraut-Sippe eingetütet für die Genbank. Borgmann sucht nach verblühten Pflänzchen mit nahezu trockenen Rispen, an denen die schildförmigen Samen aufgereiht sind. Er streift die Samen ab in eine transparente Papiertüte, die er beschriftet. Als der Redakteur ihm helfen will, passiert gleich ein Malheur. Beim Abzupfen der Samen kommt eine ganze Pflanze mit, ihr weißes Würzelchen flutscht aus dem Boden wie aus Butter. »Jetzt haben Sie sich strafbar gemacht«, knurrt Borgmann. »Die Entnahme geschützter Pflanzen ist strikt verboten.« Auch Profis wie er müssen das Sammeln von Samen genau absprechen mit der Behörde, dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz. Kann man das Kraut wieder einpflanzen – oder geht es nun ab in den Knast?

»Es gibt einen Ausweg«, beruhigt der Botaniker und betrachtet die ausgezupfte Pflanze. »Sie kommt als Beleg in unser Herbarium. Der Bestand hier hat sich sehr gut entwickelt und verträgt daher eine Einzelentnahme.« Der Herbarbeleg gehört zur sorgfältigen Dokumentation nebst einer präzisen Beschreibung der Pflanze und einer möglichst metergenauen Angabe des Fundorts.

Nach der Rückkehr in Osnabrück werden die Samen gereinigt und schonend getrocknet, dann in aluminiumkaschierten Plastiktüten luftdicht eingeschweißt, mit einer Kennung versehen und schließlich vorgekühlt bei wenigen Grad über null. Nach einigen Kältetagen, quasi als erstes Nickerchen vor der jahrelangen Frostruhe, gelangt die etwa briefgroße silbergraue Tüte in die Tiefkühlkammer der Genbank.

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