USA Auferstanden aus Ruinen

Als Bürgermeister von New York war Rudolph Giuliani der Held des 11. Septembers. Sein Ruf hat ihm einträgliche Geschäfte ermöglicht und soll ihn nun ins Weiße Haus führen.

Folter? Rudolph Giuliani steht mit den anderen republikanischen Kandidaten vor den Fernsehkameras und wird gefragt, was er als Präsident der Vereinigten Staaten tun würde mit einem Terroristen, der weiß, wo eine Bombe explodieren soll, und es nicht sagt. »Ich würde den Beamten sagen, benutzt jede Methode, nicht gerade Folter, aber jede Methode, die euch einfällt«, sagt er. »Auch waterboarding?«, fragt der Moderator, eine Methode, bei der man fast ertränkt wird. Giulianis Gesicht strafft sich: »Ich sagte, jede Methode!« Ähnlich hart gab er sich kurz darauf bei einem Vortrag. »Das dominierende Thema bei der Präsidentenwahl sollte die Tatsache sein, dass islamische Terroristen versuchen, uns umzubringen.«

Rudolph W. Giuliani ist der Jack Bauer des Wahlkampfs. Der Held der Serie 24 bringt terroristische Verbrecher mit allen Mitteln zur Strecke. Giuliani kämpfte schon als Bürgermeister von New York gegen die Mafia und gegen Straßenkriminelle. Und nachdem das World Trade Center in Flammen zusammengebrochen war, stand er grimmig vor den Ruinen und versprach, keinen Zoll vor den Terroristen zu weichen. Das gefällt den Amerikanern, die weniger des Irakkriegs müde sind als der Aussicht überdrüssig, dass sie ihn verlieren. Giuliani liegt nach Umfragen bei den republikanischen Kandidaten vorn – und kann selbst mit der demokratischen Spitzenreiterin Hillary Clinton mithalten.

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Er nahm mehrere Leute aus dem Rathaus in seine Firmen mit

Aber der Kämpfer für das Gute ist nur eine Seite von Rudy Giuliani. Weniger bekannt ist, dass der 63-jährige Italoamerikaner, der gerne Zigarren raucht und Mafiafilme anschaut, seinen Ruf auch für viele Geschäfte nutzt. Als Giuliani Silvester 2001 das New Yorker Rathaus verließ, besaß er gerade mal zwei Apartments und war in einen Unterhaltsstreit mit seiner damaligen Frau Donna Hanover verstrickt. Heute hat seine Firma Giuliani Partners LLC der Washington Post zufolge mehr als 100 Millionen Dollar verdient. Und er selbst streicht als Redner Spitzenhonorare ein. Das stößt vielen Menschen sauer auf, die am 11. September gelitten haben. Für Jim Riches, Vater eines Feuerwehrmannes, der damals umkam, ist das »Blutgeld«.

Die Geschichte von Rudy Giuliani, dem Geschäftsmann, begann am 15. Januar 2002, als er ein Joint Venture mit Ernst & Young verkündete, einem weltweit operierenden Finanzprüfer. Seine Firma Giuliani Partners LLC zog bei Ernst & Young ein, in einen Wolkenkratzer am Times Square. Der Wirtschaftsprüfungskonzern hatte den Mietvertrag 1999 unterschrieben, als Giuliani Bürgermeister war. Die Stadt sorgte damals dafür, dass die Firma 20 Millionen Dollar an Steuerermäßigungen und sonstigen Zuschüssen erhielt, der Bürgermeister bejubelte den Vertrag als »großartigen Beitrag zu der Renaissance, die am Times Square stattfindet«.

Bald entstand die Tochterfirma Giuliani Security & Safety mit Ablegern in Asien, dazu erwarb der Exbürgermeister von Ernst & Young eine Investmentbank, die er Giuliani Capital Advisors nannte und die inzwischen verkauft wurde. Er nahm mehrere Leute aus dem Rathaus mit zum Times Square, darunter Feuerwehrchef Thomas Von Essen und Polizeichef Bernard Kerik. Der einzige Teilhaber, der nicht aus der City Hall kommt, ist Roy Bailey, der Exfinanzchef der Republikaner in Texas, der Giuliani 2000 bei der Senatorenwahl gegen Hillary Clinton unterstützte.

Von Kerik musste sich Giulani inzwischen trennen. Der Cop hat 2006 vor Gericht gestanden, er habe seine Wohnung für 165.000 Dollar renovieren lassen, ohne dafür zu bezahlen. Des Weiteren hat er 6,2 Millionen Dollar mit Optionen von Taser International verdient, einem Hersteller von Elektroschockgewehren, der jene Heimatschutzbehörde als Kundin umwarb, deren Chef wiederum Kerik werden sollte; George W. Bush hatte ihn auf Vorschlag von Giuliani nominiert. Überdies hat der verheiratete Kerik ein Apartment bei Ground Zero als Liebesnest für Stunden mit einer Verlegerin aus dem Imperium von Rupert Murdoch genutzt. Das Apartment war als Zuflucht für Feuerwehrmänner und Polizisten gespendet worden.

Giuliani Partners akquirierte rasch namhafte Klienten. Einer davon war CB Richard Ellis, eine Maklerfirma aus Los Angeles, deren Kunden man in Sicherheitsfragen beim Immobilienkauf beraten wollte. »Das ist nachgerade ironisch«, meint der New Yorker Journalist Wayne Barrett, der über Giuliani zwei Bücher geschrieben hat. Denn es war ebendiese Maklerfirma, die – damals noch unter dem Namen CB Real Estate Group – dem Bürgermeister seinerzeit die Räume vermittelt hatte, in denen er das Katastrophenzentrum der Stadt im 23. Stock von World Trade Center 7 einrichtete. In einem der Gebäude, die am 11. September zusammenfielen.

Die Maklerfirma steht den Republikanern nahe, in ihrem Aufsichtsrat sitzt Fred Malek, ein Berater von Ronald Reagan und George Bush senior. Das World Trade Center 7 gehört Larry Silverstein, der auch Giulianis Wahlkampf als Bürgermeister finanziell unterstützt hat. Schon damals verursachte es Kopfschütteln, dass Giuliani seinen »Bunker« ausgerechnet in einem Gebäudekomplex einrichtete, auf den bereits 1993 ein Anschlag verübt worden war. Die Stadt steckte viel Geld in eine Notfallzentrale samt einem Notfallgenerator mit einem 20.000-Liter-Dieseltank. »Schon dieses Gebäude zu wählen war idiotisch«, sagt Giulianis Vorgänger Ed Koch dazu. »Dazu kommt noch, dass das Hochhaus einstürzte, weil sich ebendiese Dieseltanks entzündeten.«

Ein weiterer Klient von Giuliani Partners war Nextel, ein Mobilfunkanbieter. Auch Nextel war zuvor Auftragnehmer der Stadt gewesen: In den Tagen nach dem Anschlag auf das World Trade Center hatte Nextel die Polizei, die Feuerwehr und das städtische Krisenmanagement mit Mobiltelefonen und Sendemasten beliefert. Dabei hatte Nextel jedoch seine Frequenzen so vollgepackt, dass Anrufe abbrachen.

Um das Problem zu lösen, beantragte der Mobilfunker bei der Kontrollbehörde FCC eine Erweiterung des Frequenzspektrums, die für den Konzern hoch lukrativ sein würde. Dazu versicherte sich Nextel der Hilfe von Giuliani Partners. Nun plädierten Giuliani und Von Essen auf Konferenzen in New York, Washington oder Austin, aber auch gegenüber der FCC dafür, dass die Kommunikation im Katastrophenfall verbessert werden müsse. »Beide haben niemals klargemacht, dass sie von Nextel bezahlt wurden«, sagt Barrett. Giuliani Partners bekam Optionen auf 1,2 Millionen Aktien, die bei der Ausgabe 5,4 Millionen Dollar wert waren. 2002 genehmigte die FCC die Frequenzerweiterung. Heute – nach einer Fusion mit Sprint – ist die Aktie vier Mal so viel wert. »Das mag legal sein, aber trotzdem hat Giuliani damit von 9/11 profitiert«, sagt Barrett.

Bei der Auswahl seiner Klienten ist der Berater Giuliani nicht wählerisch

Giuliani Partners beriet auch die Fluglinien Delta, US Airways und Aloha Air, die nach 9/11 Konkurs anmeldeten. Allein dafür erhielt die Firma mehr als zehn Millionen Dollar. Andere Kunden waren Ecosphere, die Wasserfilter und Dekontaminationstechnik anbieten (hier ist Thomas Von Essen inzwischen Vizepräsident), CamelBak, die wassergefüllte Rucksäcke für Soldaten im Wüsteneinsatz produzieren, und Entergy Nuclear Northeast, die Atomreaktoren betreiben. »Giuliani benutzt die Reputation, die er in New York gewonnen hat, um sie an Firmen zu vermieten, die eine Aura von heroischer Integrität brauchten«, erklärt Barrett. Dazu zählte auch Applied DNA Sciences, deren Technologie gefälschte Markenwaren und Kreditkarten erkennen soll. Der Vertrag zwischen Giuliani Partners und Applied DNA, durch den die Berater 1,25 Millionen Dollar einnahmen, wurde im August 2004 unterschrieben, noch im gleichen Jahr stieg der Aktienkurs von rund 50 Cent auf fast zwei Dollar. Das Problem: Einer der Investoren der Firma war Richard Langley, dem die Börsenaufsicht SEC nach einem Betrugsverfahren untersagt hatte, mit Penny-Stocks wie eben denen von Applied DNA zu handeln. Nachdem die Presse darüber berichtet hatte, ließ Giuliani die Firma fallen.

Problematischer war die Tätigkeit für Seisint Inc, ein Start-up aus Florida, das Software zur Datensuche vertreibt, mit der Milliarden von Dokumenten durchsucht werden können. Codename: The Matrix. Seisint-Gründer Hank Asher war nicht gerade der ideale Lieferant für sicherheitsrelevante Software: Er hatte dem FBI gestanden, in den achtziger Jahren mehrere Kilo Kokain von Kolumbien nach Florida geschmuggelt zu haben. Trotzdem bekam Asher, der sich der Hilfe von Giuliani versichert hatte, einen Auftrag über zwölf Millionen Dollar vom Department of Homeland Security. Als Zeitungen in Florida darüber berichteten, trat Asher zurück. »Ich bewundere sehr, was Hank macht«, verteidigte Giuliani seinen Freund damals. »Es ist wichtig, aus seinen Fehlern zu lernen.«

Ob Giuliani im Fall von Seisint seinen Einfluss geltend gemacht hatte, wurde nie nachgewiesen, wohl aber, dass er seinen guten Draht zu Asa Hutchinson genutzt hat, dem Chef der Drug Enforcement Administration (DEA), als es um Purdue Pharma ging. Purdue engagierte Giuliani, nachdem die DEA gegen den Pharmakonzern zu ermitteln begonnen hatte, es ging um das Schmerzmittel OxyContin.

Während Kerik eine Purdue-Fabrik in New Jersey in Sachen Sicherheit überprüfte, traf sich Giuliani mindestens zweimal mit Hutchinson. Eine Woche vor dem Jahrestag des 11. Septembers organisierte Giuliani sogar eine Gala, bei der 20.000 Dollar für ein DEA-Museum gesammelt wurden. Letztlich zahlte Purdue zwei Millionen Dollar Strafe, durfte das profitable Medikament aber weiter verkaufen – sehr zum Ärger der Beamten bei der DEA, die gegen den Konzern ermittelt hatten. »Ich hätte die wesentlich lieber in Handschellen vor Gericht gesehen«, sagte Laura Nagel, die bei der DEA zuständige Abteilungsleiterin, zur Washington Post. Aus seiner Sicht hat sich Giuliani nur dafür eingesetzt, die Firma »zu beraten und Lösungen zu finden, um den Missbrauch solcher Medikamente zu verhindern«.

Der Kandidat sucht die Nähe zu »Big Oil« – wie zuvor George W. Bush

Inzwischen dreht Giuliani ein weit größeres Rad. Anfang 2005 wurde er Teilhaber der Kanzlei Bracewell & Patterson – heute Bracewell & Giuliani – im texanischen Houston. Die Kanzlei arbeitet nach eigenem Bekunden »seit ihrer Gründung 1945 eng mit der internationalen Öl- und Benzinindustrie zusammen«. In Washington tritt Bracewell als Lobbyist auf, man kooperiert mit »Vorstandsvorsitzenden und Industrieführern, was politische Leitlinien und Gesetzesberatung betrifft«. Bracewell-Chef Patrick Oxford ist ein glühender Unterstützer von George W. Bush. Und auch Giuliani könnten diese Kontakte den Weg ins Weiße Haus ebnen.

Giuliani leitet das New Yorker Büro, das in einem Art-déco-Wolkenkratzer an der Avenue of the Americas liegt. Die wichtigsten Kunden von Bracewell & Giuliani kommen aus der Öl- und Rüstungsindustrie, darunter Shell Oil, Bechtel, Raytheon oder die Association of National Petrochemical and Refiners und die Association of Gas Processors. »Die repräsentieren praktisch jeden bad guy, was Umweltschutz angeht«, meinte Frank O’Donnell von der Umweltschutzorganisation Clean Air Trust. Wie Ölproduzenten in Saudi-Arabien, Algerien oder Libyen. Kunde ist aber auch Rupert Murdochs Medienimperium News Corp mit dem Ableger DirectTV.

Bracewell hilft außerdem bei Konkursen und Korruptionsvorwürfen und vertritt Manager strafrechtlich bei Verdacht auf Aktienbetrug, Anlageberatungsbetrug, Verstoß gegen Kartellauflagen, Geldwäsche, Insiderhandel, Steuerverstoß und Umweltsünden. Der einzige Kunde der Kanzlei, der Giuliani bisher Image-Probleme bereitete, war ein Geschäftsmann, einer von rund 200 Saudis, die von Familien von 9/11-Opfern verklagt wurden, weil sie angeblich den Terror mitfinanziert haben. Der Vertrag wurde aufgelöst, nachdem der Bürgermeister der Kanzlei beitrat. »Das war für Giuliani eine sehr emotionale Angelegenheit«, meinte Bracewell-Geschäftsführer Patrick Oxford zum Fachblatt American Lawyer.

Giuliani handelt im Rahmen des Gesetzes, aber ist das die ideale Geschäftsidee für einen Präsidentschaftskandidaten, der für Recht und Ordnung eintritt? Ed Koch sieht da kein Problem. »Es ist völlig in Ordnung, wenn ein Anwalt Geld verdient«, sagt er. Anders denkt Craig Holman, der beim Verein Public Citizen ein Auge auf die Wahlkampffinanzierung hat. Giuliani verhalte sich zwar legal, denn er halte kein Regierungsamt. »Aber er begibt sich damit in einen Interessenkonflikt, erst recht, wenn die Ölfirmen, für die er heute arbeitet, demnächst für seinen Wahlkampf spenden.«

Für Giuliani sind vor allem die Verbindungen nach Texas bedeutsam, denn dort sitzen die Leute, die bereits George W. Bush geholfen haben, die Wahl zu gewinnen. Patrick Oxford unterstützte Bush erst als Gouverneur von Texas, dann als Präsidentschaftskandidat. Im Wahlkampf 2000 stellte Oxford sogar ein Team von rund 1500 Anwälten auf, die Mighty Texas Strike Force, das in umkämpfte Staaten geschickt wurden. In Florida überprüfte die Gruppe die Nachzählung von Stimmen, die zwischen Bush und Al Gore umstritten waren. Im Wahlkampf 2004 wurde das Team in Ohio eingesetzt. »Wir bewegen uns im Rhythmus von Gewehrschüssen«, sagte Oxford damals zu Newsweek.

Knüpft Giuliani da an? »Er ist schon mehrfach in Texas aufgetaucht, um Spenden zu sammeln«, sagt Wayne Madsen, ein investigativer Journalist aus Washington. »Meistens tritt er dort mit Ölleuten auf.« Geld für seinen Wahlkampf dürfte Giuliani also bekommen. Nur als er selbst spenden sollte, zeigte sich der Exbürgermeister eher zugeknöpft. Für das World Trade Center Memorial werden 300 Millionen Dollar gebraucht, Giuliani und seine Frau gaben im fünfstelligen Bereich. Sein Nachfolger Michael Bloomberg spendete 15 Millionen Dollar.

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 12.08.2007 um 13:05 Uhr

    wußte schon Kaiser Vespasian vor rund 2000 Jahren und das hat sich bis heute nicht geändert. Auch in Deutschland soll es ranghohe Politiker geben, die wissen, daß z.B. auch Gas nicht stinkt. Also hat es keinen Zweck, sich darüber aufzuregen.

    • Anonym
    • 12.08.2007 um 15:26 Uhr

    der ehemalige Bürgermeister von New York hat sein ehemaliges Amt genutzt um viel Geld zu verdienen. Es sei ihm gegönnt aber als möglicher Präsident der USA ist er für dieses Amt, nach meiner Meinung, nicht geeignet. Er wird, wenn er sich für dieses Amt bewirbt, nicht gewinnen.

  1. Zum "straw poll" in Iowa vorige Woche ist Giuliani gar nicht erst erschienen, denn er wusste, dass er dort keine Chance hatte. Neben den dort gekürten Hauptkandidaten der Republikaner spielt nach wie vor der "Nichtkandidat" Fred Thompson hinter den Kulissen eine bedeutende Rolle, obwohl er ebenfalls nicht in Iowa auftauchte. Dennoch könnte Fred Thompson sich als der endgültige Kandidat entpuppen. Die Kandidatenauswahlen sind keine Popularitätswettbewerbe innerhalb der eigenen Partei, sondern es geht immer darum, jemanden zu finden, der auch die Wähler aus der Gegenpartei überzeugen kann.

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