Beim Landeanflug auf den Berliner Flughafen Tegel können Fluggäste manchmal eine kleine, scheinbar unerklärliche Extraturbulenz erleben. Die Ursache dafür ist ein heißer Luftstrom, der vom Dach der Firma Strato AG aufsteigt. Am fühlbarsten ist das »Luftloch« an heißen Tagen zur Mittagszeit, wenn im Internet Rushhour herrscht und vielleicht mal wieder eine Spamwelle durchs Web rollt.

Dann dampft das Strato-Gebäude, weil die dort untergebrachten Kühlaggregate auf Hochtouren laufen. Zu kühlen sind etwa 25000 Computer, die unter dem Dach in Regalen gestapelt sind und die bei schwerer Arbeit ziemlich heiß werden. 43.000 sogenannte Server besitzt die Firma insgesamt an ihren zwei Standorten in Deutschland, in Berlin und Karlsruhe. Deren Stromverbrauch ist immens: Einschließlich der Energie zum Kühlen liegt er bei 30 Gigawattstunden pro Jahr. Mit dem Strom kämen rund 5.000 Vierpersonenhaushalte aus.

Firmen wie Strato brauchen neben guten Programmierern und geduldigen Hotlinemitarbeitern vor allem eins: eine große Halle für die Server. Web-Hosting heißt das Geschäft. Man offeriert Internetzugänge, Websites, die Einrichtung von Webshops, doch vor allem vermietet man Rechner- und Speicherkapazität. Ganze Banken oder Fluggesellschaften haben ihre Datenbestände ausgelagert, weil sie sich so Hardware und Wartung sparen können oder weil sie ihre Daten dort sicher untergebracht glauben. Zur Zeit der ersten Internetblase schossen Web-Hoster wie Pilze aus der Erde; danach gingen viele baden. Jetzt boomt das Geschäft wieder. Eine Million Kunden hat die Freenet-Tochter Strato, nach eigenen Angaben die Nummer zwei in Europa. Und sie hat ein doppeltes Problem. Die heißen Kisten werden immer mehr – wie kriegt man sie bloß gekühlt? Und insbesondere: Die Stromkosten steigen kontinuierlich, haben sich in den vergangenen fünf Jahren annähernd verdoppelt. Die Stromrechnung ist beim Web-Hoster längst höher als die für Personal und Hardware.

Das Problem haben kleine Firmen mit einer Handvoll Server ebenso wie Giganten in der Größenordnung von Google. Damit die größte Suchmaschine im Internet schnell und zuverlässig arbeiten kann, unterhält Google gleich ein ganzes Netzwerk aus sogenannten Serverfarmen mit – geschätzt – fast einer halben Million Rechnern. Der Energiebedarf des »Googleplex« liegt in der Kategorie Kleinstadt und schlägt mit mehreren Millionen Dollar zu Buche. Monatlich!

Der Laie glaubt ja gern, dass das Internet – ist man einmal drin – im Prinzip nichts kostet. Tatsächlich aber schluckt, das hat die New York Times einmal ausgerechnet, schon die einzelne Suchanfrage bei Google so viel Strom wie eine Energiesparlampe in einer Stunde. Auch viele Onlinespiele im Internet sind zwar gratis, aber nicht kostenlos. Nicholas Carr, ein Autor und bekannter Blogger, hat einmal die Energiebilanz der Avatare im Internetspiel Second Life aufgestellt. Das verblüffende Ergebnis: Die virtuellen Stellvertreter der Spieler leben, was ihren Energiekonsum angeht, auf großem Fuß. Geht man vom Stromverbrauch der 4.000 Second-Life-Server und von 12.500 zu jedem Zeitpunkt rund um die Uhr »lebenden« Avataren aus, dann braucht der virtuelle Mensch so viel Strom wie ein echter Durchschnittsbrasilianer. Die Bewohner von Second Life hätten zwar keinen Körper, »aber sie hinterlassen einen Fußabdruck«, schreibt Carr. Er meint das populäre Bild eines »CO₂-Fußabdrucks«, mit dem die Klimaschädlichkeit von Geräten, Personen oder Systemen illustriert wird.

Der CO-Fußabdruck aller Rechenzentren weltweit hat inzwischen den des Flugverkehrs erreicht, sagt eine Studie der IT-Beratungsfirma Gartner. In den US-Medien werden die Datenzentren schon als »SUV ohne Räder« bezeichnet. Wie die in den USA so beliebten Geländewagen sind Serverfarmen gigantisch und teuer, sie verschlingen unvernünftige Mengen an Energie. Schon sind die Umweltaktivisten auf sie aufmerksam geworden. Zwischen 2000 und 2005 hat sich der Energiehunger der amerikanischen Rechenzentren verdoppelt. 45 Milliarden Kilowattstunden verschlingen allein die offiziell bekannten Server, das entspricht 1,2 Prozent des nationalen Stromverbrauchs.

Dieser große Strombedarf ist, da auch in den USA die Energiekosten rasant steigen, zum ökonomischen Problem geworden. Längst weichen Großverbraucher wie Google, Microsoft oder Yahoo mit neuen Serverfarmen in Industriebrachen aus. Strom aus den Wasserkraftwerken in der Provinz an der Grenze zwischen Oregon und Washington ist noch billig. Doch es gibt eine Alternative zum Umzug, und die ist gerade Megatrend in der amerikanischen IT-Branche: green computing. Man entwickelt sparsame, energieeffiziente Rechner und Peripheriegeräte, die wiederum bei steigenden Energiepreisen gleichzeitig Kosten senken und die Umwelt schonen. Ökologische und ökonomische Interessen verbinden sich so aufs Erfreulichste.

In den USA beflügelt neben den Energiekosten auch eine Anweisung des Präsidenten die Entwicklung sparsamer Computer. Staatliche Einkäufer, die Milliardenetats für elektronisches Equipment verwalten, müssen auf Ökokriterien achten, die auch den Stromverbrauch betreffen. Zu den Anforderungen gehört etwa ein funktionierender Schlafmodus. Bei Nichtgebrauch versetzt sich der Rechner automatisch in einen Zustand, in dem kaum noch Strom verbraucht wird. Diese Funktion bieten neuere Computer zwar fast immer an – doch sie ist wegen allerlei Softwarekonflikten bei 90 Prozent der Geräte deaktiviert. Der neue Ökostandard für die IT-Branche heißt EPEAT (Electronic Product Environmental Assessment Tool) und wurde von der Umweltagentur EPA entwickelt.

In Arbeit sind nun auch endlich Netzteile mit erträglichem Wirkungsgrad – heute gehen rund 30 Prozent der aufgenommenen Energie als Abwärme verloren. Im Kommen sind in größeren Netzwerken die schon länger bekannten sogenannten Thin Clients, das sind Bildschirmarbeitsplätze, die nicht mehr über einen eigenen PC verfügen, sondern auf die Kapazitäten eines Zentralrechners zurückgreifen. Der »dünne Kunde« konsumiert gerade mal 40 Watt – ein Zehntel dessen, was ein gut ausgestatteter PC braucht. Und allerorten entstehen grüne Allianzen aus eigentlich konkurrierenden Herstellern, etwa Green Grid, eine Initiative, die sich vor allem dem Stromverbrauch von Servern widmet. Beachtlich sind die Ziele der Climate Savers Computing Initiative, die in den kommenden drei Jahren 5,5 Milliarden Dollar Energiekosten und 54 Millionen Tonnen klimarelevanter Emissionen sparen will. Um solche Resultate anderswo zu erhalten, müsste man elf Millionen Autos oder an die 20 Kohlekraftwerke aus dem Verkehr ziehen.