Libanon Hisbollah? Halb so schlimm

Ein Jahr nach dem Libanonkrieg: Neue Terroristen bedrohen die UN-Truppen, die inzwischen auf 14000 Soldaten angewachsen sind

Beirut/Naqura
Jeder, der auf diesem Bergkamm steht, spürt die politische Ladung in der Luft förmlich knistern. Raffaele Forgione, ein italienischer Hauptmann mit fescher Sonnenbrille, kaut etwas nervöser als sonst auf seinem Kaugummi herum. Die »Whisky Position 19« ist als heikler Fleck bekannt. Ein paar Meter über den Jeeps von Forgiones UN-Patrouille flattert die gelb-grüne Flagge von Hisbollah im Wind. Höhnisch hat die schiitische Miliz ihren Fahnenmast auf die Anhöhe gerammt – genau ins Blickfeld eines israelischen Wachturms, der keine zweihundert Meter entfernt steht und hierher blickt, in den Südlibanon. Ein falsches Signal, ein Funke, und es kann knallen.

»Natürlich«, antwortet Hauptmann Forgione, »hat die israelische Armee uns gebeten, die Flagge zu entfernen. Aber das machen wir nicht. Wir sind« – er stockt, macht eine bekräftigende Handbewegung – »neutral.«

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Ein Jahr nach dem 34-Tage-Krieg zwischen Israel und dem Libanon gilt die Grenzregion zwischen den Ländern noch immer als Front. Am 14. August 2006, nach rund 1400 Toten auf libanesischer und 161 auf israelischer Seite, mehreren Hundert zerstörten Brücken, Straßen und Fabriken und 1500 pulverisierten Häusern von hier bis in die Hauptstadt Beirut, einigten sich die Parteien lediglich auf eine Kampfpause. Einen offiziellen Waffenstillstand gibt es bis heute nicht. Doch immerhin erklärten sich Israel und der Libanon einverstanden damit, die seit 1978 stationierten Puffertruppen der Vereinten Nationen in der Region gehörig zu verstärken. Mehr als 14000 Soldaten zählt die sogenannte United Nations Interim Force in Lebanon (Unifil) mittlerweile, den Großteil stellen die Nato-Länder Italien, Spanien und Frankreich. Deutschland beteiligt sich mit einem guten Dutzend Marineschiffen, die vor der Küste kreuzen.

Die »neue Unifil«, so stellt man es sich vielleicht am besten vor, soll verhindern, dass am neuen Eisernen Vorhang des Nahen Ostens Scharmützel ausbrechen, die leicht zu einem weltpolitischen Konflikt ausufern könnten. Hinter Hisbollah steht schließlich als Schutzmacht die iranische Regierung, hinter Israel die amerikanische. Beide Lager haben bereits in unterschiedlicher Offenheit erklärt, einander am liebsten »vernichten« zu wollen.

Unter anderem deshalb möchte Hauptmann Forgione jetzt lieber weiterfahren.

Er winkt den Soldaten in den Splitterschutzwesten, die das Gelände mit Gewehren absichern, wieder in die Fahrzeuge zu steigen. Seit am 24. Juni ein Sprengsatz am Straßenrand sechs UN-Soldaten in den Tod riss, herrscht höchste Vorsicht. Denn seitdem muss die Unifil davon ausgehen, dass sich im Libanon ehrgeizige Gangs sunnitischer Terroristen formieren. Das dringlichste Ziel dieser neuen Akteure scheint es zu sein, die empfindliche Kräftebalance in der Grenzregion zu kippen.

Die Jeeps von Forgiones Trupp ruckeln durch eine zerklüftete Karstlandschaft, in der unter Disteln und Stacheldraht noch eine Menge unsichtbares Rüstzeug wuchert. Minenfelder säumen die Straßen. In den letzten Kriegsstunden hat die israelische Luftwaffe hier Streubomben abgeworfen. Die UN vermuten noch Tausende scharfe Sprengsätze im Gelände. Ziel der Bombardements war es, Hisbollah und ihre Arsenale auszulöschen. Israel glaubt, dass die Miliz in der Zeit zwischen 1992 und 2005 bis zu 11500 Raketen verschiedener Reichweiten angehäuft hat. Gut 4000 davon hat sie im vergangenen Jahr abgefeuert. Wie viele der restlichen Waffen haben Patrouillen wie die von Forgione schon entdeckt? Die Unifil kann oder will es nicht genau sagen. »Dutzende Bunker, Stützpunkte und Ausgucke« von Hisbollah habe man der libanesischen Armee übergeben, so die Auskunft, »dazu Hunderte von Waffen«. Zufallsfunde zumeist. Denn Hausdurchsuchungen lässt auch die verschärfte UN-Resolution 1701 vom August 2006 nicht zu. Kaum ein Zweifel: Hisbollah dürfte noch immer die machtvollste Guerillagruppe der Welt sein. Militärisch ohnehin, politisch sogar noch deutlicher.

»Hier bitte nicht fotografieren«, warnt der italienische Soldat

Die Patrouille erreicht das Dorf Bint Dschubeil. Hier tobten im vergangenen Jahr schwere Kämpfe zwischen israelischen Panzerverbänden und Hisbollah. Viele Häuser sind dem Erdboden gleichgemacht, fast alle Fassaden tragen noch Narben von Geschosseinschlägen.

»Hier bitte nicht fotografieren«, sagt Hauptmann Fiorgine. Hisbollah schätze das nicht. Neulich erst habe sich eine spanische Unifil-Patrouille deswegen mit Milizionären ein Handgemenge geliefert. Hisbollah-Leute filmen und fotografieren derweil Unifil-Truppen, wie es ihnen passt. In fast jedem Dorf feiert die Miliz ihren »Sieg« über Israel, sei es mit meterhohen Postern ihres Anführers Hassan Nasrallah, Modellen von Katjuscha-Raketen oder zur Schau gestellten lahmgelegten israelischen Merkava-Panzern. In Beirut belagern Hisbollah-Anhänger unterdessen die Innenstadt, um sich den gebührenden politischen Einfluss zu erstreiten. Die Regierung des sunnitischen Ministerpräsidenten Fuad Siniora existiert nur noch als Rumpf und droht jeden Tag zu kollabieren. Schon machen Gerüchte die Runde, wonach Hisbollah-treue Parteien planten, eine Nebenregierung auszurufen. Sollte das passieren, könnte die Unifil die libanesische Armee als verlässlichen Ansprechpartner verlieren. Damit stünde die ganze Mission infrage.

Kurz vor dem Hauptquartier der Unifil im Küstendorf Naqura hat Hisbollah ein drei Meter hohes Bild mit einem Kriegsschiff an den Straßenrand montiert. Es soll die israelische Fregatte INS Hanit darstellen, die am 14. Juli 2006 von einer radargesteuerten Rakete von Hisbollah getroffen wurde. Unter dem rauchumwölkten Schiff steht: »Und das war noch nicht alles…«

Der Kommandant der Unifil tut derlei Statements als landesübliche Propaganda ab. »Formal hält sich Hisbollah an Resolution 1701. Sie zeigt ihre Waffen nicht öffentlich«, sagt Claudio Graziano, ein bulliger italienischer General. Das Entscheidende sei: »Keiner kann hier im Süden mit Waffen durch die Gegend laufen. Keiner kann sie bewegen. Keiner kann Lager anlegen.« Hisbollah, lässt er durchblicken, sei nicht so sehr das Problem.

Und wie erklärt er sich dann den neuerlichen – glimpflichen – Katjuscha-Angriff auf Israel am 17. Juni? Ist es denkbar, dass Hisbollah davon nichts wusste? Dass die Waffen nicht aus ihren Lagern stammten?

»Technisch ja«, sagt er. »Eine primitive Abschussvorrichtung ist nicht größer als ein Couchtisch. Versteckt in einem Obstlaster, können solche Raketen durchrutschen in den Süden.«

Also könnte Hisbollah doch weiter aufrüsten?

Graziano beugt sich nach vorn. Was er jetzt sagt, ist ihm wichtig.

Im Süden kann man gegen Israelis und »Kreuzzügler« zugleich kämpfen

Hinter der Katjuscha-Attacke wie auch hinter der auf die Unifil-Soldaten, glaubt er, steckten keine Hisbollah-Heißsporne, sondern jene sunnitischen Terroristen, die sich derzeit in den palästinensischen Flüchtlingslagern des Libanon entwickelten. »Die machen uns wirklich große Sorgen«, sagt er. »Ihr Ziel könnte sein, Israel zu einem Gegenschlag zu provozieren. Dann nämlich würde es den anderen arabischen Staaten schwerfallen, diese Leute als ›Terroristen‹ zu verurteilen. Denn sie wären ja gewissermaßen Befreiungskämpfer.«

Und Hisbollah würde kaum anders können, als in den Kampf einzusteigen, Unifil hin oder her. Gerade sei er dabei, sagt Graziano, eine Telefonhotline zu seinem Counterpart bei den israelischen Streitkräften aufzubauen. Im Falle eines erneuten Angriffs müsse er sofort deeskalieren können. Neulich sei ihm das noch gelungen.

Tatsächlich entpuppen sich die palästinensischen Flüchtlingscamps im Libanon seit einigen Monaten als Brutstätten des Dschihad-Fanatismus. Im Lager Nahr al-Bared nahe Tripoli liefert sich die libanesische Armee seit Wochen Gefechte mit der schwer bewaffneten Fatah al-Islam, einer Gruppe von Terroristen und Selbstmördern, die Gedankengut von al-Qaida entlehnt. Beobachter halten es für möglich, dass ihre Anhänger im Südlibanon ein ideales Betätigungsfeld ausgemacht haben, denn dort lassen sich zwei Erzfeinde auf einen Schlag angreifen: Israel und die verhassten »Kreuzzüglertruppen« aus den Nato-Staaten. »Die libanesische Armee nimmt an ihren Checkpoints jeden Tag Leute fest, die nicht die richtigen Papiere haben, um in den Süden zu fahren«, berichtet die zivile politische Beratin der Unifil, die Deutsche Cornelia Frank. »Sie stammen zumeist aus Syrien und aus Palästina.« Die »Warnhinweisdichte« für die Unifil-Truppen, sagt ein deutscher Offizier, sei »unheimlich hoch«.

Während der Waffenschmuggel über See dank der deutschen Marineboote spürbar eingedämmt zu sein scheint (von 8000 Schiffen, die die Deutschen bisher anhand der Transportpapiere auf Plausibilität überprüften, seien der libanesischen Küstenwache 34 als verdächtig gemeldet und durchsucht worden), wird die israelische Regierung nicht müde, zu betonen, dass aus Syrien jede Woche Transporte mit Raketen, Granatwerfern und Panzerfäusten in den Libanon gelangten. Zwar hat Tel Aviv dafür noch keine Beweise vorgelegt. Aber selbst die Vereinten Nationen halten die Grenze zu Syrien für völlig porös. An kaum einem Grenzübergang gibt es Lastwagenscanner, und die Pfade über das Antilibanon-Gebirge seien ohnehin nicht kontrollierbar, sagt ein europäischer Diplomat. Als Beispiel nennt er den sogenannten Ameisenschmuggel: Ziegen und Schafen würden einfach Pakete unter den Bauch geschnallt. Die Tiere liefen dann von allein über die Grenze und würden auf der anderen Seite erwartet. Dem Diplomaten zufolge funktioniert der Handel so: »Saudische Stiftungen liefern den sunnitischen Extremisten Geld, die kaufen damit Waffen, die über Syrien in den Libanon gelangen.«

In der New Yorker UN-Zentrale drängt Israel schon, das Mandat für die Unifil am 31. August nicht nur zu verlängern, sondern zu erweitern. »Wir möchten, dass das Mandat auf die Grenzsicherung zu Syrien ausgedehnt wird«, sagt ein israelischer Diplomat. Aber würde ein solcher Schritt die neuen sunnitischen Terrorgruppen nicht zu weiteren Anschlägen auf die internationale Schutztruppe verleiten? Der Israeli zieht die Augenbrauen hoch. »Falls wir kein verstärktes Mandat bekommen«, sagt er, »müssen wir selbst etwas unternehmen.«

So steckt die neue Unifil an ihrem ersten Geburtstag gehörig in der Zwickmühle. Erhöht die Staatengemeinschaft den Druck gegenüber Syrien, rücken die Blauhelme stärker ins Visier der Sunni-Milizen. Tut sie es nicht, könnte irgendwann die israelische Generalität überkochen ob der vermeintlichen Trägheit der UN. Und wenn es in Zukunft zur Friedenswahrung vor allem darauf ankommt, sunnitische Terroristen aus der Grenzregion fernzuhalten, dann könnte Hisbollah – so bizarr es klingen mag – noch als Schutztruppe für die Unifil gebraucht werden. Wer weiß, vielleicht hat am Ende Yussif Ali recht, ein 70-Jähriger, der seit Jahrzehnten einen Gemischtwarenladen gegenüber dem Unifil-Hauptquartier betreibt, wenn er augenzwinkernd die Pointe setzt: »Keine Sorge, mein Freund, keine Sorge. Hisbollah passt schon auf die Unifil auf.«

 
Leser-Kommentare
  1. internationalen Kräfte, vor allem die Europäer in einen Konflikt hineinzuziehen, weil er im eigenen Land keine Unterstützung für einen neuen Krieg mehr hat ?

  2. 2. was...

    ...würde denn passieren wenn keine schutztruppen da wären???
    bürgerkrieg?
    wie in den 70'ern und 80'ern???
    ich würde ja sagen alle raus eus dem mittleren osten und der gesamten muslimischen welt, nen großen zaun drum und die alle mal mit sich alleine lassen. nach 200 jahren voller mord und totschlag sind die vielleicht dann mal soweit demokratie zu verinnerlichen!
    die brauchen dort keine amerikaner um sich gegenseitig fertig zu machen!
    demokratie muss man verinnerlichen nicht vorgelebt bekommen, das reicht anscheinend nicht!
    beschützt israel, die einzige funktionierende demokratie dort unten!

  3. 3. was...

    ...würde denn passieren wenn keine schutztruppen da wären???
    bürgerkrieg?
    wie in den 70'ern und 80'ern???
    wie man sieht sind es nicht christliche milizen die dort gegen die un truppen gehen sondern die hisbollah, womit ersichtlich ist dass die nen staat im staat war. wo waren die ach so humanistischen kommentare dazu in all den jahren.
    ich würde ja sagen alle raus aus dem mittleren osten und der gesamten muslimischen welt, nen großen zaun drum und die alle mal mit sich alleine lassen. nach 200 jahren voller mord und totschlag sind die vielleicht dann mal soweit demokratie zu verinnerlichen!
    die brauchen dort keine amerikaner um sich gegenseitig fertig zu machen!
    demokratie muss man verinnerlichen nicht vorgelebt bekommen, das reicht anscheinend nicht!
    beschützt israel, die einzige funktionierende demokratie dort unten!

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