Im Frühherbst 1957 explodierte auf dem Gebiet der Plutoniumfabrik Majak an der Südostseite des Urals ein riesiger Betontank mit hochradioaktiver Flüssigkeit. Die freigesetzte Wolke verseuchte einen etwa acht Kilometer breiten und 110 Kilometer langen Streifen Land. Kurz darauf begannen die Behörden, Dörfer und Siedlungen zu evakuieren.

Von diesem Unglück drang nichts an die Öffentlichkeit, und jahrzehntelang ist es die bestverschwiegene Atomkatastrophe der Geschichte geblieben. Dass sie überhaupt noch zu Sowjetzeiten publik wurde, ist vor allem einem Mann zu verdanken: Shores Medwedjew.

Der junge Biologe, 1925 in Tiflis geboren, arbeitete damals in Moskau. Auch ihm waren bald nach dem Desaster Andeutungen zu Ohren gekommen. Die Gerüchte bestätigten sich, als ihn sein Professor fragte, ob er in einem Geheimlabor in der Region von Tscheljabinsk im Südural radioaktive Isotope erforschen wolle. Es habe da einen Unfall gegeben, Tausende Bewohner seien evakuiert worden. Er müsse allerdings strengstes Stillschweigen bewahren und dürfe nie darüber publizieren. Medwedjew wollte sich diese Einschränkung nicht auferlegen und lehnte ab.

Einige Zeit später, Mitte der sechziger Jahre, forschte er am Institut für medizinische Strahlenkunde in Obninsk südlich von Moskau und schrieb ein kritisches Buch über die sowjetische Genetik, das der Obrigkeit heftig missfiel. Im Sommer 1970 wurde er in eine psychiatrische Klinik eingeliefert – sein Bruder, der Historiker Roy Medwedjew, machte den Skandal weltweit bekannt. Die Behörden gaben nach und ließen Shores Medwedjew frei. Im Januar 1973 reiste er zu einem Forschungsaufenthalt am National Institute for Medical Research nach London. Kaum dort angekommen, wurde ihm die sowjetische Staatsbürgerschaft aberkannt.

Im Jahre 1976 erwähnte der Exilant in einem Beitrag für die Zeitschrift New Scientist nebenbei das Unglück hinter dem Ural. Was er nicht ahnen konnte: Er stach damit in ein Wespennest. Seine Widersacher saßen jedoch nicht in der Sowjetunion, sondern im Westen. Atomlobbyisten bezweifelten vehement die Tatsache eines Unfalls. Sie standen damals mit dem Rücken zur Wand. Es hatte Pannen und Verseuchungen auch im Westen gegeben, vor allem im Reaktor von Windscale in Großbritannien und im Kerntechnischen Zentrum Hanford in den USA – eine atomare Katastrophe im Osten konnte man nicht gebrauchen. So stürzte man sich auf einen entscheidenden Fehler in Medwedjews Darstellung: Die atomare Flüssigkeit, so heißt es da, habe eine kritische Masse gebildet und sei atomar explodiert. Das sei blanker "Unsinn", reine "Science-Fiction", wischte Sir John Hill, Vorsitzender der britischen Atomenergiebehörde, den Aufsatz vom Tisch.

Es nützte auch wenig, dass sich ein Augenzeuge zu Wort meldete. In einem Leserbrief an die Jerusalem Post beschrieb der nach Israel emigrierte Wissenschaftler Lew Tumerman, wie er 1960 mit einem Wagen durch das betroffene Gebiet im Südural gefahren sei: "Zu beiden Seiten der Straße […] war das Land ›tot‹: keine Dörfer, keine Städte, nur Schornsteine von zerstörten Häusern, keine bestellten Felder oder Weiden, keine Viehherden, keine Menschen… nichts. Das ganze um Swerdlowsk liegende Gebiet war extrem ›heiß‹. Ein riesiges Areal von einigen Hundert Quadratkilometern war brachgelegt, nutzlos und unproduktiv geworden auf lange Zeit, Dekaden oder vielleicht Hunderte von Jahren."

Medwedjew beschloss, von London aus nach Beweisen zu suchen und all den Analytikern und Experten "eine kleine Lektion wissenschaftlicher Detektivarbeit" zu erteilen. Er wusste: Es gab Hinweise auf das Geschehen, schließlich hatte ihm sein Professor ja schon 1958 davon erzählt. Sie versteckten sich in einschlägigen Aufsätzen sowjetischer Fachblätter, in denen statt von einem Unglück immer nur von "Versuchen" die Rede war. Auch fehlten alle Orts- und Zeitangaben und andere Details.

So berichtete ein F.J. Rowinski über die wechselnde Konzentration von Caesium-137 und Strontium-90 in zwei Gewässern von 4,5 und 11,3 Quadratkilometer Größe. Sie lägen in einem seenreichen Gebiet, das durch heiße Sommer geprägt sei. Dies immerhin war ein Beleg für den Südural.