Österreich
Auf die echte Tour
Am Tag die Stille genießen, am Abend eine Brettljausn unter Bergbauern: Eine Woche Wandern auf dem neuen Salzburger Almenweg
Ein später Wanderer kommt auf die Heinreichalm, und als er endlich am graugrünen Berghang den Umriss der Hütte erkennt, nach der er mit abnehmendem Tageslicht zunehmend unruhig ausgeschaut hatte, als Rauch eines Holzfeuers und Lampenschein aus kleinen Fenstern und tatsächlich auch noch mehrstimmiger Gesang ihn sinnlich anheimeln schon am Zauntürl – da ist er froh, dass er von Dorfgastein herauf nicht das »Alm-Taxi« genommen hat, sondern zu Fuß gegangen ist. Es ist neun Uhr abends. Er hat drei Stunden gebraucht, von 800 auf 1700 Meter. Zuerst war der Verkehrslärm des Gasteinertals unter ihm geblieben, dann war er durch Hochwald und über bucklige Weiden gestiegen, Rindvieh graste in der Abendsonne, und immer wieder kreuzte der steile Fußweg die Serpentinen einer neuen Schotterstraße.
Jetzt fühlt er sich für die Mühe belohnt. Er kennt das Lied, das sie da drinnen singen. »Von der hohen Alm auf die Niederalm…« Er stellt den Rucksack auf der Hausbank ab. »…von der Niederalm aufs Tret…« Zwei Frauen singen und ein Mann. Die Alm ist eine alte, schindelgedeckte Blockhütte, die grünen Fensterläden sind mit Aussparungen in Gamskopfform verziert. »…und vom Tret zu mein liabn Dirnei…« Am Brunnentrog wirft er sich Wasser unter die Achseln, es wird dunkel. »…übern Almasattl geht der Weg.« Ihn rührt dieses Lied. Bei der zweiten Strophe tritt er ohne anzuklopfen ein.
Hans hat auch nichts geschossen, ist aber trotzdem gut aufgelegt
Wer von Alm zu Alm durch eine Berggegend wandert, erlebt sie ganz anders als bei einer Tour von Hütte zu Hütte. In den Unterkunftshütten der Alpenvereine trifft man als Flachländer seinesgleichen: fitte Rentner, junge Ausrüstungsconnaisseure, sportliche Paare – Bergtouristen. Auf den Almen lernt man dagegen die Almleut oder Almerer kennen, die droben arbeiten – Bergbauern. Sie treiben das Vieh im Sommer hinauf, weil über der Baumgrenze wertvolles Futter wächst. Früher war Almwirtschaft überlebensnotwendig, mühsam war sie, und schön war sie auch. Im Pongau südlich von Salzburg gibt es seit dem vergangenen Jahr einen 350 Kilometer langen Rundweg über insgesamt 120 Almen, auf 40 von ihnen kann man übernachten. Wer die ganze Runde gehen will, braucht drei bis fünf Wochen. Aber schon in ein paar Tagen spürt man, wie es heute zugeht auf der Alm.
In der Stube ist es warm. An zwei Tischen sitzen sieben Leute. Über einem gemauerten Herd hängen Socken, an den Wänden Geweihe. Eine Frau steht auf und sagt zum Neuankömmling: »Ja wo kimmst denn du no her, so spaat?« Sie ist blond, trägt Hosen und Pulli, sie könnte Sparkassenangestellte kurz vor der Rente sein: Linde Fritzenwanker, Sennerin auf der Heinreichalm. Sie geht in die Küche, dem Gast eine Suppe herzurichten. Der Dreigesang, das ist ein Ehepaar Mitte 50 plus Freundin, Salzburger, sie sind mit dem Auto heraufgefahren. Am anderen Tisch sitzt Familie Schleicher aus Korschenbroich am Niederrhein. Carolin, die erwachsene Tochter, hat in einer Kletterhalle in Köln Plakate vom Salzburger Almenweg gesehen. Nun ist sie mit ihren Eltern unterwegs. Mutter Monika sagt, die heutige Etappe sei lang gewesen. Und schlecht markiert. Und teilweise schwindelerregend. Direkt gefährlich. Carolin verdreht die Augen. Vater Arno schweigt in sein Bier.
Es rumpelt vor der Hüttentür. Ein Mann in Lodengrün mit Hut und Gewehr tritt ein: Franz Fritzenwanker, Lindes Mann. Nein, er hat nichts geschossen, knurrt er. Die Salzburgerinnen probieren einen rauen Jodler. Es rumpelt wieder, es kommt noch einer mit Gewehr: Hans Fritzenwanker, der Sohn. Hat auch nichts geschossen, ist aber trotzdem gut aufgelegt. Jetzt wird über die »Hoareichoim« geredet. Sie gehört der Familie seit Generationen. Vor 50 Jahren, sagt Franz, musste er als Almbub in der Früh um zwei aufstehen, anderthalb Stunden zum Grat hinaufgehen, dort im Freien melken und dann die volle Milchkanne auf dem Buckel zur Hütte hinuntertragen. Warum? Weil die Kühe oben mehr Milch gaben. Hinuntergetrieben werden zum Almstall hätte die Tiere Energie gekostet und weniger Ertrag bedeutet. »Damals hamma jeden Liter braucht«, sagt der Alte kopfschüttelnd, damals als es noch keine EU-Gelder für Bergbauern gab.
Franz und Linde Fritzenwanker haben den Bauernhof in Dorfgastein an Sohn Hans übergeben und machen seither im Sommer die Arbeit auf der Alm. 18 Kühe sind hier oben. Altbauer Franz hat kaputte Kniegelenke und kann sich nicht mehr hinhocken, deswegen hat die Alm einen modernen Melkstand: eine Art geflieste Grube, in der der Melker stehend das Aggregat ans Euter hängt. Seltener Luxus, ebenso wie die eingebaute Duschkabine. Dank Almtourismus und Feriengästen auf dem Talbauernhof geht es den Fritzenwankers wirtschaftlich gut. Trotzdem ist die Heinreichalm keine Touristenshow. Manche Almleut machen ja den Almabtrieb im Herbst dreimal hintereinander, spöttelt Sennerin Linde. Treiben die geschmückten Küh »owe«, fahren sie mit dem Transporter wieder »auffe« und so weiter alle 14 Tage, weils die Gäst halt gern sehen. Sohn Hans grinst und streckt sich, sagt Gute Nacht, geht zum Auto und fährt ins Tal. Der Wanderer schläft – nicht im Heu, nicht auf der Ofenbank – in einem neuen Zweibettzimmer.
Der nächste Morgen. Ein Gamsrudel sonnt sich am Steilhang gegenüber der Alm. Schöne Edelweiß gibt es dort, sagen die Salzburger. Der Wanderer steigt südwärts über die Baumgrenze hinauf zu einem weiten Sattel und hinunter zur kleinen Präaualm. Hier weiden Pferde zwischen den Kühen. Ein großes Fohlen eilt zur Mutter, als er sich nähert, stößt heftig mit dem Kopf zwischen ihre Hinterbeine und lässt ihn beim Trinken nicht aus dem Blick. Der Senn auf der Präaualm heißt Sepp. Er ist muskulös, hat einen Achttagebart und einen lockigen Pferdeschwanz. Die Hütte ist sehr einfach und gemütlich, hier gibt es weder Kühlschrank noch fließendes Wasser, aber ein properes Matratzenlager sowie unterm Dach, über eine Leiter erreichbar, die niedliche, abschließbare, mit rot kariertem Doppelbett ausgestattete »Honeymoon Suite«. Auf der Präau ist es umgekehrt wie auf der Heinreich: Jungbauer Sepp ist mit seiner Frau Monika und allem Vieh auf der Alm, während die Eltern im Talhof die Gäste versorgen. Monika bringt gerade mit dem Auto Almkäse und ihr selbst gebackenes Brot hinunter. Sepp Rieser ist 36. Er hat mit Monika zwei Söhne. Sobald sie alt genug sind, den Hof eine Weile allein zu schmeißen, will dieser Senn und Bauer und begeisterte Kletterer seinen ersten Achttausender besteigen.
Hinunter geht es durch ein waldiges Hochtal, aufwärts durch ein anderes, vorbei an Wölflalm, Gröbneralm, Walchalm, die alle verschlossen sind: Jungviehalmen, wo nicht gemolken wird und nur hin und wieder jemand zum Nachschauen kommt. Im oberen Talschluss liegen Wolken. Dichter Nebel, dichte Latschen, ein Grat, ein Wetterkreuz, nieselnde Nässe beim Abstieg zum Tagesziel Biberalm, die unwirklich aus der Waschküche wächst, nagelneu und wuchtig groß. Zwei Pongauer Zimmerer, die in Kanada gelernt haben, bauten das moderne Blockhaus anstelle der vom Sturm zerstörten alten Hütte, ihr Ponderosa-Stil ist in der Gegend inzwischen sehr gefragt. Auf der Biberalm wirtschaften zwei Schwestern mittleren Alters. Anna melkt und käst und buttert, Mareidl kümmert sich um die Gäste. Die Alm hat, wie sich am Morgen zeigt, eine sehr schöne Aussicht. Der Tiefblick aufs Gasteinertal, der Weitblick zu den Gletschern und Schneefeldern der Tauern wirkt nach dem gestrigen Nebel fast illusionär. Zum Abschied von der Alm-Ranch grüßt, ein wenig verlegen, wie es scheint, ein junges Mädchen in Hüfthosen beim Stallausmisten.
Der Salzburger Almenweg macht hinten im Gasteinertal, vor den Schneebergen des Alpenhauptkamms, eine Kehrtwendung. Ihm folgend, steigt der Wanderer ab nach Bad Gastein, stiefelt staubig vorbei an Fin-de-Siècle-Hoteltürmen, Luxusboutiquen, Porsches und Pferdekutschen, überquert den einzigartigen Wasserfall mitten im Ort, und auf der Kaiser-Wilhelm-Promenade erreicht er wie zahllose Nobilitäten vor ihm das romantische Kötschachtal mit dem Hotel Grüner Baum, vor dem Richard von Weizsäcker sich 1994 im Langlauf-Outfit abbilden ließ. Heißes Bad, feines Dinner, komfortable Nacht. Auch das offeriert an seinem Rande der Almenweg. Dann ist wieder Schluss mit Luxus. Die Route führt nach Nordosten.
Auf dem steilen Luis-Trenker-Weg plagt sich der Wanderer drei Stunden lang hinauf bis zur Tofernscharte, 2091 Meter, heiß ist es in der schattenlosen Höhe. Der direkte Weg ginge jetzt abwärts weiter. Aber wenn man sich überwinden würde, noch mal eine Stunde aufsteigen würde zum Gamskarkogel, 2467 Meter, dem »höchsten Grasberg der Alpen«… Er deponiert seinen Rucksack unter einem Felsblock, droht nahebei grasenden Rindern mit dem Zeigefinger und fühlt sich dann, so ohne die Last, als fliege er Richtung Gipfel. Der Effekt vergeht rasch. Der Gipfel lohnt trotzdem. 360-Grad-Rundumsicht. Glockner, Venediger, Dachstein, Hochkönig, Hohe Tauern, alles glasklar da. Arnika blüht gelb und heilsam, violetter Quendel duftet wie Thymian, Murmeltiere pfeifen. Der Abstieg hinunter ins alte Bergbaudorf Hüttschlag wird lang. An diesem Tag ist er zehn Stunden lang unterwegs.
Über dem Tappenkarsee scheucht ihn am nächsten Tag ein Gewitter vom baumlosen Grat. Blitze zum Fürchten. Schmerzhafter Hagel. Er sollte sich in eine Mulde kauern, Rucksack und andere Metallteile wegschmeißen, weiß er natürlich. Aber er rennt abwärts Richtung Wald, instinktiv wie das Vieh, dessen tiefe Trittspuren zu rauschenden Regenwasserkanälen werden. Als er die nahen Draugsteinalmen erreicht, ist alles schon wieder vorbei. Die Draugsteinalmen sind speziell. Sie haben keine Autozufahrt. Zwei spiegelsymmetrisch angelegte Blockhäuser sitzen am Hang gleich steinernen Wachlöwen, durch einen Mittelplatz ebenso getrennt wie verbunden. Der Almenweg führt den Wanderer genau mittig zwischen die stattlichen Hütten. Aus der linken tritt ein älterer Mann mit Hut und Lodenjacke. Man begrüßt sich. Er ist der Hans. Sein kantiges Gesicht ist wie aus Wurzelholz geschnitzt. »Drent is scho recht voll«, sagt er beiläufig.
Auf den Draugsteinalmen haben traditionsgemäß drüben wie hüben – »drent« und »herent« – elf Kühe das Weiderecht. Die Tiere weiden zusammen, die Menschen wirtschaften getrennt. Auskömmliche Nachbarschaft ist spürbar, aber auch Konkurrenz und ein Standesunterschied. Die Almleut sind um die 70 Jahre alt. Kathi und Sepp drüben sind Landarbeiter, ledig und kinderlos, »Deanstleit« auf Almen schon seit 45 und 50 Jahren, die still und schwerleibig im Arbeitsgewand das Nötige tun. Maria und Hans auf der anderen Seite sind ein stolzes, Tracht tragendes Altbauernpaar. Maria hat sieben Kinder geboren und macht neun Käsesorten. Sie macht Backerbsen und Hasenöhrl, Kaspressknödel und Guglhupf, zeigt alles her und redet darüber. Je 20 Schlafplätze gibt es auf den zwei Draugsteinalmen. Kommen Wanderer, tun die Almleut beiderseits so, als ob ihnen das Wichtigste gleichgültig wäre: Wer kehrt wo ein?
Aber in Wahrheit gilt die Regel, die am nächsten Tag Sennerin Resi von der Ellmaualm ausspricht: »Wanderer bringen mehr Geld wies Vieh.« Theresia Ganitzer ist die Schwester des Bauern, dem die Ellmau gehört, eine schmale Frau in Jeans und knappem Ringel-T-Shirt, seit 25 Jahren auf der Alm: die moderne Version der klassischen Sennerin. Schon immer zog es junge Frauen auf die Almen, wo sie manche Freiheit hatten, der dörflichen Sozialkontrolle enthoben, abgeschieden, aber nicht unerreichbar für den Jäger oder den Dorfburschen, den es zum »Dirnei« zog. Heute hat die Sennerin ein Handy. Vor zehn Jahren, sagt die Resi von der Ellmau, hat das angefangen, dass Touristen auch unter der Woche auf die Alm kamen. »Vorher hamma mittags gschlafen.« Nicht, dass sie die Entwicklung bedauern würde. Hirt sein und Wirt sein, Kühe melken und Gäste melken, eins schließt das andere nicht mehr aus. Aber es gefällt ihr nicht, dass es heute Almen gibt, die drei Sorten Eis anbieten und eine Speisekarte wie im Gasthaus. Bei ihr gibt es »a Brettljausn, a Gulaschsuppn und a Frittatnsuppn«, fertig. Eine Alm soll eine Alm bleiben, oder net?
Der Salzburger Almenweg streift neue Häuser mit drei Eissorten (Loosbühelalm) ebenso wie die kaminlose Karsegghütte aus dem Jahr 1620 mit offenem Feuer und gestampftem Lehmboden, deren alter Senn sich weigert, für die Gäste Sonnenschirme aufzustellen. Weil rot-weiße Cola-Schirme nicht passen zu seiner alten Alm. Man kehrt hier ein und dort ein und merkt nach einer Weile, dass dieser Almenweg klug konzipiert ist. Er lehrt, worauf es ankommt. Eine Alm bleibt eine Alm, auch mit drei Eissorten, Dusche und Ponderosa-Look – solange auf ihr Sennerinnen und Hirten die Hochweiden nutzen, Almtiere hüten, eigene Produkte herstellen. Das ist der Unterschied zum Etikettenschwindel von hoch gelegenen Etablissements, die sich »Strudel-Alm« oder ähnlich nennen, Ausflugslokalen mit Großparkplatz und Kleintierzoo, mit Schau-Käsen und »lustigen Musikanten«.
Der Wanderer ist früh von der Ellmaualm aufgebrochen, zwei Stunden lang hat er niemand getroffen, der Morgen ist frisch und klar, als er vom Spatkar zur Spatalm herunterkommt. Die Hütte ist verschlossen, ihr altes Holz duftet unter der Sonne. Jungvieh grast, die Grate glänzen, es blaut der Himmel über fernen Gipfeln. Die Glockkuh läutet kompetent. Unter ihm im Nebel liegt das Tal und der Alltag. Hier bleiben den ganzen Sommer, das wärs jetzt. Sommer, Herbst, so lang, bis der Schnee kommt.
Information
Anreise:
Die möglichen Ausgangsorte für den Almenweg erreicht man über Salzburg und Bischofshofen gut mit Bahn und öffentlichen Bussen oder auf der Autobahn mit dem Pkw
Unterkunft:
Auf den Almen Matratzenlager oder einfache Mehrbettzimmer, in den Talorten Hotels und Gasthäuser jeder Kategorie. Übernachtung mit Frühstück kostet auf den Almen 12 bis 16 Euro
Routenplanung:
Die ganze Rundtour ist 350 Kilometer lang und in 30 Tagesetappen unterteilt. Sie verläuft in der Almregion zwischen 1500 und 2000 Meter Höhe und berührt etwa ein halbes Dutzend Alpentäler. In jedem der Talorte kann man die Tour beginnen oder beenden, auch Etappen abkürzen, überspringen oder Abstecher zu nahen Gipfeln machen. Die Wege sind für trittsichere Bergwanderer einfach zu begehen, tägliche Gehzeit vier bis neun Stunden
Wanderzeit:
Die Saison dauert von Mitte Juni, wenn das Vieh hinaufgetrieben wird, bis zum Almabtrieb Mitte September, auf tiefer gelegenen Almen und bei schönem Herbstwetter auch bis Ende September
Auskunft:
Salzburger Land Tourismus, Markt 1, A-5620 Schwarzach, Tel. 0043-6415/7212,
www.salzburger-almenweg.at
Lesen Sie hier mehr aus dem Ressort Reisen.
- Datum 20.8.2007 - 09:32 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.08.2007 Nr. 34
- Empfehlen E-Mail verschicken | Facebook, Twitter, Buzz …
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:










Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren