Hochschulforschung Erschreckend dünne Bretter
Zu vielen Doktorarbeiten mangelt es an Qualität. Die Universitäten müssen ihr Promotionsrecht besser pflegen.
Wer derzeit in der akademischen Welt provozieren will, der braucht offenbar nur laut über die Promotion nachzudenken. Vor allem die Frage, wer hierzulande Doktoranden promovieren darf und ob dieses Promotionsrecht an bestimmte Voraussetzungen geknüpft werden sollte, sorgt für aufgeregte Debatten. Es scheint fast, als würden sich die Stellung und das Selbstverständnis der versammelten akademischen Einrichtungen vor allem über das Promotionsrecht definieren – der Universitäten, die dieses Recht bislang als Einzige besitzen, aber auch der außeruniversitären Forschungseinrichtungen und der Fachhochschulen, die dieses Recht lieber heute als morgen ebenfalls besitzen würden.
Wichtiger aber ist eine andere Frage die nach dem Wesen und der Qualität der Promotion. Die Promotion ist in ihrer Idee seit je eine starke und eigenständige Forschungsarbeit. Genau dies muss sie auch bleiben. Sie ist die erste Qualifikation zu selbstständiger wissenschaftlicher Arbeit und zugleich die Voraussetzung für alle weiteren.
Gerade weil die Promotion eine so herausragende Bedeutung hat, ist es unabdingbar, sich kritisch mit ihrer Qualität auseinanderzusetzen. Mit der Qualität der Promotion steht und fällt die Qualität der Wissenschaft in Deutschland. Um diese Qualität aber ist es hierzulande nicht überall zum Besten bestellt. Zwar ist das Gros der Promotionen in Deutschland gut, zu nicht unerheblichen Teilen wirklich ausgezeichnet. Das sehen wir immer wieder an hervorragenden jungen Wissenschaftlern, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert werden. Auch können viele an deutschen Universitäten Promovierte als Postdoktoranden an den renommiertesten Forschungsstätten der Welt reüssieren.
Dennoch gibt es berechtigte Klagen über die Qualität der deutschen Doktorandenausbildung, allen voran über eine mangelhafte Betreuung. Es mag banal erscheinen, ist es aber beileibe nicht: Wenn Doktoranden ihren Doktorvater oder ihre Doktormutter nur höchst selten zu Gesicht bekommen, so ist das der Qualität der Promotion nicht zuträglich. Die verantwortungsvolle und damit auch zeitintensive Betreuung von Doktoranden muss stärker als bisher von jedem Hochschullehrer als wichtige Aufgabe ernst genommen werden.
Diese Zeit in die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses zu investieren ist mehr als sinnvoll. Erst in der Zeit der Promotion wird sorgfältiges wissenschaftliches Arbeiten und Forschen wirklich vermittelt. Wenn nicht durch die intensive Betreuung, wodurch dann? Und nur eine Fakultät, an der selbst hervorragende Forschung betrieben wird, kann dem Nachwuchs vermitteln, worauf es bei der Forschung ankommt.
Ein anderes Problem ist die wissenschaftliche Tiefe der Promotion und ihrer Ergebnisse. Zwar werden oft dicke Bretter gebohrt – mitunter sind es aber auch erschreckend dünne. Wie es etwa in der Medizin aussieht, wo viele Promotionen nur noch ein Ritual darstellen, ist nicht erst seit der Stellungnahme des Wissenschaftsrates zur Doktorandenausbildung bekannt. Sie ist bereits wieder fünf Jahre alt ohne dass sich an der unbefriedigenden Situation Substanzielles geändert hätte.
Angesichts dieser Schwachpunkte fordert die Deutsche Forschungsgemeinschaft als großer Förderer des wissenschaftlichen Nachwuchses seit Langem, die Qualität der Promotion zu stärken. Ein wichtiger Weg ist die Promotion im Rahmen eines im wissenschaftlichen Wettbewerb eingeworbenen Projekts, der vor allem in den Ingenieur- und Naturwissenschaften zielgerichtet genutzt wird. Eine weitere erfolgreiche Möglichkeit bieten die Graduiertenkollegs der DFG, von denen an den deutschen Hochschulen inzwischen rund 300 gefördert werden und die allen Wissenschaftsbereichen offenstehen. In ihnen können Doktoranden ihre erste wichtige wissenschaftliche Qualifikation in einem von mehreren Hochschullehrern getragenen Forschungsprogramm durchführen. Gefördert werden dabei nur solche Forschungsprogramme, die sich durch hohe wissenschaftliche Qualität auf internationalem Niveau auszeichnen und möglichst interdisziplinär ausgerichtet sind.
Genau dies sind die Merkmale, die jede gute Promotion auszeichnen. Doch ganz gleich, ob die Promotion auf klassische Weise als Einzelarbeit erfolgt, ob innerhalb eines Graduiertenkollegs oder einer im Rahmen der Exzellenzinitiative eingerichteten Graduiertenschule die Einrichtung, in der promoviert wird, muss eigene Maßnahmen entwickeln, um die Qualität der Promotion zu garantieren. Womit wir bei der brisanten Frage sind, wer promovieren dürfen soll.
Meine Meinung ist hier klar: Das Promotionsrecht sollte wie bislang den Universitäten vorbehalten bleiben. Nur sie und ihre Fakultäten betreiben die Pflege und Weiterentwicklung der Wissenschaft. Sie sind Orte, an denen sich der wissenschaftliche Nachwuchs durch die Wechselwirkung von Forschung und Lehre vom ersten Tag an entwickeln kann. Aber: Die Universitäten sollten bei der Promotion weit stärker als in der Vergangenheit zu Kooperationen bereit sein, und zwar allemal mit den außeruniversitären Forschungseinrichtungen, aber auch mit den Fachhochschulen. Auf diese Weise können sie weit mehr hervorragenden jungen Menschen den Weg in die Wissenschaft öffnen und gleichzeitig von den Kooperationen in Forschung und Lehre profitieren.
Wenn aber das Promotionsrecht den Universitäten vorbehalten bleibt, dann ist es noch notwendiger, dass dieses Recht ebendort gepflegt und gestärkt wird. Die Universitäten in Deutschland müssen das Promotionsrecht als Auszeichnung und Qualitätssiegel betrachten und nicht als Selbstverständlichkeit oder Statussymbol. Sie selber müssen die Qualität der Promotion systematisch sichern und immer wieder kritisch hinterfragen. Dazu sind sie bestens befähigt und können sich dabei selbstbewusst von außen über die Schulter gucken lassen.
Matthias Kleiner ist Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)
- Datum 31.12.1899 - 01:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.08.2007 Nr. 34
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Ich kann dem Autor zwar in seiner Diagnose zustimmen, dass Doktorarbeiten oft von erschreckend schlechter Qualität sind, aber nicht in den gezogenen Schlußfolgerungen. Warum intensive Betreutung, wenn die Promotion primär eine selbstständige Arbeit sein soll? Ein Doktorvater soll Anregungen geben, Diskussionspartner sein, Kontakte herstellen und (auch) das Geld organisieren, damit der Doktorand an Konferenzen und Workshops teilnehmen kann. Das inhaltliche der Arbeit muss zu 95% vom Doktoranden kommen.
Gerade projektorientierte Arbeiten und Gradiertenkollegs führen meiner Meinung nach oft zum mittelmäßigen oder schlechten Doktorarbeiten. Die Themen lassen meist einfach zu wenig Freiheiten, weil im Review-Prozess der Projektanträge bereits zu detaillierte Arbeitspläne verlangt werden. Diese Entmündigung des Doktoranden ist eine Hauptursache für mediokre Arbeiten.
Graduiertenkollegs bringen sinnvolle Elemente an dt. Universitäten, die es im Ausland, z.B. CH oder F seit über 10, 15 Jahren als arbeitsbegleitendes "Doktoratstudium" gibt: interdisziplinär, strukturierter Zeitplan und Arbeitsplan, regelmässiger Austausch mit Studenten anderer Institute, feedback weiterer erfahrener Forscher für die eigene Arbeit neben dem eigentlichen Betreuer. Das alles kann die Qualität der Promotionen deutlich erhöhen, für die natürlich am Ende der Doktorand selbst verantwortlich bleibt.
Aber die Graduiertenstipendien sind geradezu lächerlich gegenüber 100%-Assistenzstellen oder Forschungsstellen in der Wirtschaft oder einer Forschungssassistenz im Ausland. Einem begabten Studenten kann ich genau deswegen kein DFG-Graduiertenkolleg empfehlen. Für die gleiche Arbeit wird er woanders deutlich besser entlohnt. Da muss die DFG nachbessern, wenn sie es ernst meint. So erreichen sie nicht die besten Studenten, sondern im besten Fall die zweite Reihe, die bereits früh das Zweit-oder Drittbeste zu akzeptieren lernt.
Der Autor hat von der Realität keine Ahnung. Die Qualität von Dissertationen ist schon längst nicht das, was er anscheinend erwartet. In bestimmten Bereichen ist die Promotion in Niveau und Arbeitsaufwand nicht mehr als in anderen Disziplinen eine ausgezeichnete Diplomarbeit, und zwar durchaus so, dass eine ausgezeichnete Diplomarbeit an einer Fachhochschule anspruchsvoller sein kann als eine Dissertationsschrift in einem anderen Bereich an der (vielleicht benachbarten?) Universität.
Die Problematik wird noch schärfer durch die Unterschiede zwischen alten und neuen Bundesländern und -!- den Verhältnissen bspw. in USA. Wer PhD Thesis auch von angesehenen amerikanischen Universitäten kennt, weiß, daß auch dort meist nicht so heiß gegessen wird wie gekocht. Dort sind dann selbst Dissertationen in Bereichen, die bei uns sehr anspruchsvoll sind (wie Ing.-Wissenschaften) oft nicht viel mehr als gute Diplomarbeiten bei uns.
All das hat nichts mit der Frage zu tun, wer promovieren lassen darf und wer nicht. Vielmehr sollten wir uns fragen (auch den Autor des Artikels), ob die Motivation nicht eigentlich Dünkelpflege ist, als viel mehr ein realistisches Ansinnen, Qualitätsstandards durchzusetzen.
Man mag Herrn Kleiner in seiner Schlussfolgerung, dass das Promotionsrecht der Hochschulen durch mangelnde Qualitätsstandards unerfreulicherweise in den Bereich allgemeiner Begehrlichkeiten rückt, wo am Ende eine Art wissenschaftliches Jedermannsrecht daraus werden soll, zustimmen; Die Aussage, dass NUR die Hochschulen und ihre Fakultäten die notwendige Pflege und Weiterentwicklung von Wissenschaft leisten, muss aber wohl eher eingeschränkt werden auf NICHT EINMAL ALLE Hochschulen und Fakultäten...
Daraus folgt aber, dass weder ein rein prozeduraler Schritt, wie die flächendeckende Promotion in Graduiertenkollegs, Promotionsstudiengängen etc. gleichermassen nicht die Lösung sein kann, wie ein fruchtloser Apell an die Hochschulen, sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein(werden). Einzig und allein ein verbindlicher Qualitätsstandard über Promotionsordnungen führt dazu, dass egal unter welchen Umständen eine Arbeit entstanden ist, deren Qualität halbwegs gesichert ist. (was aber wohl im föderalen Hick-hack unmöglich sein dürfte, wenn nicht einmal ganze Fakultäten(Witten-Herdecke) trotz attestierter wissenschaftlicher Unzulänglichkeiten Konsequenzen zu fürchten haben)
In Skandinavien braucht man beispielsweise für eine medizinische Promotion 2-4 Artikel in internationalen peer reviewed Journals - wem das nebst der zugehörigen Projektfinanzierung zuhause auf seinem Bauernhof gelingt, der soll doch gerne promoviert werden - unter abschliessender Kontrolle inkl. ernsthaftem öffentlichen Rigorosum(!!) einer einschlägigen Fakultät, nicht notwendigerweise unter deren Fuchtel!
Durch den Beschluss von Bologna werden die Abschlüsse an den unterschiedlichen Hochschultypen auf ein gleiches Niveau gerbacht. Hinter dem MSc (Master of Science) steht also nicht mehr das (FH), wenn der Abschluss an einer Fachhochschule erworben wurde. Die Akkreditierung der Studiengänge erfolgt unter gleichen Bedingungen an Unis und FHs. Warum soll dann nicht einer Fachhochschule, die einen forschungsorientierten Masterabschluss bietet, akkreditiert ist und sich somit auch einer ständigen Evaluation unterzieht, nicht das Promotionsrecht eingeräumt werden?
Ist es nicht die DFG die über die letzten Jahre die Anzahl der Doktorandenstellen ausgeweitet hat indem statt beantragten PostDoc-Stellen nur halbe Doktorandenstellen genehmigt werden? Ist das Verhältnis PostDoc:Doktorand in Graduiertenkollegs und anderen Programmen nicht 1:5? Wer soll denn die Betreuung übernehmen wenn auf einen Professor mehr als 5, teilweise auch mehr als 10 oder 20, Doktoranden kommen?
Eine ausländische Arbeitsgruppe mit drei PostDocs und zwei Doktoranden veröffentlicht in der Regel mehr und bessere Ergebnisse als eine deutsche Gruppe mit zehn Doktoranden und zwei PostDocs. So ist es auch kein Wunder das in den Naturwissenschaften US Doktoranden mit drei Journal-Veröffentlichungen abschließen während in D eher 1-2 die Regel sind.
Ich arbeite mittlerweile im britischen System indem die Betreuung besser ist, da es weit mehr PostDocs als Doktoranden gibt. Deutschland ist in Europa mit der grösste Produzent von Promovierten. Doch anscheinend ist noch eine Ausweitung geplant wenn es heißt "Auf diese Weise können sie weit mehr hervorragenden jungen Menschen den Weg in die Wissenschaft öffnen". Angesichts der Stellensituation nach der Promotion führt dieser Weg für 90% der in der Grundlagenforschung bleibenden ins Ausland.
Man merkt dem Artikel doch deutlich an, dass hier der Vertreter der DFG spricht, für welchen die Promotion idealerweise selbstverständlich in einer Form erfolgen sollte, welche dem Einfluss dieser Institution zuträglich ist. Dabei ist bei genauerem Hinsehen klar, dass der Wert einer Promotion hier offensichtlich von ihrer Vermarktbarkeit abhängt.
Diese Überwätigung der Zwecke durch die Mittel mag zwar mittlerweile fast unabdingbar sein, um Forschung noch finanzieren zu können, aber das damit eine Verarmung insbesondere der Geistes- und Sozialwissenschaften einhergeht, ist offensichtlich. Dass man damit nur im allgemeinen Trend des absoluten Vorrangs ökonomischen Denkens und Handelns liegt, welches in der Folge seine befreiende Wirkung einbüßt und vielmehr Subjekte zu Objekten degradiert, macht die Sache auch nicht besser.
Welch wunderbare Forderung, dass eine bessere und zeitintensivere Betreuung hergestellt werden sollte. Wie lautete doch gleich eine Kategorie der so beliebten Hochschulrankings? Genau, Promovierende pro Prof., oder so ähnlich. Je mehr, desto besser. Vielleicht sollte man an prominenter Stelle mal darauf hinweisen, dass dies zum Beispiel eben gerade kein Qualitätsmerkmal ist. Wer mehr Qualität von Promotionen fordert, der muss, genau wie derjenige, der mehr Promotionen fordert, dafür Sorge tragen, dass es zum einen eine genügende Zahl von Wissenschaftlern gibt, die diese betreuen können, und dass diese zum anderen genügend Zeit habe.
Gerade in Bezug auf letzteren Punkt könnte die DFG großen Einfluss nehmen - durch eine Änderung der Förderpolitik, indem sie zum Beispiel Anträge zu weniger zeitaufwändigen Akten für Wissenschaftler gestaltet, die eigentlich forschen und lehren sollten. Also dann: mit gutem Beispiel voran. Nicht Artikel, Taten sollten sprechen.
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