Fachkräftemangel

Wo sind die Guten?

Deutsche Unternehmen suchen im Ausland nach den Spezialisten, die sie hierzulande nicht mehr finden.

Er konnte zusehen, wie der Stapel auf seinem Tisch kleiner wurde. Am Anfang dachte er noch, es sei die Sommerflaute, aber auch im Herbst und Winter wurden die Bewerbungen nicht wieder mehr. »Im Sommer 2006 war dann der Punkt gekommen, an dem wir merkten, dass wir etwas unternehmen müssen«, erinnert sich Marcus Dückers, Personalleiter beim Maschinen- und Anlagenkonstrukteur Oehmichen & Bürgers Industrieplanung, einem der großen Ingenieurbüros in Nordrhein-Westfalen. Innerhalb eines Jahres war die Zahl der Bewerbungen von 100 pro Woche auf knapp 50 zurückgegangen. Und obwohl das noch immer nach reichlicher Auswahl für ein regional aufgestelltes Ingenieurbüro klingt, findet Dückers oft nicht die hoch spezialisierten Mitarbeiter, nach denen er sucht: »Die Qualität der Bewerber ist geringer geworden. In einigen Branchen ist der Markt an guten Mitarbeitern praktisch leer gefegt. Wenn Siemens oder Daimler rufen, gehen die guten Leute da hin. Uns Mittelständler kennt man eher in Insiderkreisen.«

Damit ist der Betrieb kein Einzelfall. Mehr als die Hälfte der Firmen im IT-Bereich, im Maschinenbau, in der Fahrzeug- und Elektroindustrie klagt über fehlende Fachkräfte. Und selbst Weltkonzerne wie Siemens schreiben mittlerweile »Kopfprämien« aus für jeden Mitarbeiter, den die eigenen Angestellten heranschaffen.

Das Düsseldorfer Ingenieurbüro streckt seine Fühler inzwischen zunehmend ins Ausland aus. Marcus Dückers hat seine Bewerbersuche auf ausländische Hochschulen ausgeweitet und erwägt sogar, Jobmessen im Baltikum und in der Ukraine zu besuchen. Jeder zehnte Mitarbeiter stammt inzwischen aus dem EU-Ausland oder von weiter her.

Rund ein Viertel der Firmen aus der Ingenieurbranche beschäftigt laut einer Umfrage des Branchenverbandes der IT- und Telekommunikationsindustrie (Bitkom) inzwischen Spezialisten aus dem Ausland. Ein weiteres Viertel plant das für die Zukunft. Als ausschlaggebenden Grund dafür nennen zwei von drei Befragten den Fachkräftemangel. Dass Bewerber aus dem Ausland besser ausgebildet wären, sagt dagegen nicht einmal jeder Zweite.

Die Gesetze machen es den Unternehmen allerdings nicht gerade leicht, sich im Ausland nach Fachkräften umzusehen, vor allem, wenn sie in Nicht-EU-Staaten suchen. Das Zuwanderungsgesetz, das der Bundestag erst im Juni verschärft hat, schreibt vor, dass diese Fachkräfte mindestens 85.000 Euro pro Jahr verdienen müssen, um ein Lohndumping durch Billigimportarbeiter zu verhindern. Zudem müssen Unternehmen mindestens zehn solcher Arbeitsplätze schaffen, also knapp eine Million Euro investieren. Das ist für viele Mittelständler nicht zu realisieren. Bisher verhindere das Gesetz das Anheuern dringend benötigter Leute regelrecht, klagen Industrieverbände. Bitkom-Präsident Bernhard Rohleder mahnt, wie kontraproduktiv es sei, weil der deutschen Wirtschaft zusätzliche Arbeitsplätze verloren gingen, denn »jeder Greencard-Besitzer schafft 2,5 Stellen in seinem Unternehmen«.

Für das Ingenieurbüro Oehmichen & Bürgers gilt die 85.000-Euro-Regel nicht, dafür aber eine noch strengere. »Weil unsere Mitarbeiter nicht nur bei uns im Hause arbeiten, sondern auch direkt in den Räumen der Kunden, dürfen wir nur EU-Bürger oder deutsche Staatsangehörige einstellen«, erklärt Dückers. Er sucht daher in Europa, aber auch in Kasachstan, Lettland und der Ukraine nach Jungingenieuren mit deutschen Vorfahren und deutschem Pass. Dann bleibt nur noch die Sprache als Hürde, um sie hier einzubinden. »Wenn sie aus deutschen Familien kommen, mal ein Semester hier studiert haben und sich hier Vereine suchen, funktioniert das in der Regel reibungslos«, sagt er. Selten gibt es mal einen Mitarbeiter, der sich nur mit ukrainischen Freunden umgibt. Dem wird dann ein Deutschkurs angeboten: »Er muss gewillt sein, die Sprache zu sprechen, sonst geht es nicht.« Einen Tipp hat Dückers noch für künftige Ingenieure: Sie sollten antizyklisch studieren und jetzt auf die Branchen setzen, die gerade keinen Mangel leiden. Denn das sind diejenigen, denen übermorgen die Fachkräfte ausgehen, während all jene, die jetzt am lautesten jammern, in einigen Jahren vielleicht eine Bewerberschwemme zu erwarten haben.

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Leser-Kommentare

    • 20.08.2007 um 20:14 Uhr
    • exi2

    was ja eigentlich ganz vernünftig ist. Wenn mich Firma xy nicht übernimmt, warum sollte ich mich dann nochmals auf die gleiche Anzeige bei der gleichen Firma für die gleiche Stelle bewerben? Die wollen mich doch nicht.
    Und wer pro Woche hundert Bewerbungen bekommt, der kann wahrlich nicht über Mangel klagen. Selbst wenn die Bewerbungen auf 50 pro Woche fallen, ist das noch ein riesiges Aufkommen. Wer angesichts dieses Angebots nichts findet, der scheitert an seiner eigenen Unfähigkeit! Der braucht dann keine ausländischen Arbeiter, der braucht auch kein Mitleid, der braucht Hirn! Oder, falls es durch Geburt mitgeliefert wurde eine Gebrauchsanleitung für das eigene Gehirn!
    Tut mir wirklich leid wenn ich so offen sein muß: vor zwanzig Jahren gab es das Problem nicht. Es gab zwar auch damals schon Bewerber die nicht exakt auf die Stelle passten, aber diese wurden durch Ausbildung passend gemacht. Damals, vor 20 Jahren, da hatten wir aber auch noch Geschäftsleute als Firmeneigner/management. Während wir heute nichtsnutzige Versager haben. Idioten die angesichts übervoller Fressnäpfe verhungern!

    • 21.08.2007 um 1:49 Uhr
    • Najima

    Ja, die Flaute scheint vorbei zu sein und die Unternehmen investieren wieder. Hat man über die Jahre ein Auge auf den Arbeitsmarkt gehabt, ist es zur Zeit nicht zu übersehen, dass die Angebote sich vermehrt haben.
    Daraus jedoch auf einen Fachkräftemangel zu schließen, der angebliche Millarden Wirtschaftsverluste verursachen soll, halte ich für Propaganda der simpelsten Art. Nehmen wir z.B. den IT-Bereich (da bin ich zu Hause, dazu kann ich was sagen): Es werden jährlich (teilweise sogar halbjährlich) ausgebildete Fachkräfte fertig - nicht selten ausgebildet auf Kosten der Allgemeinheit. Diese finden später trotzdem keine Arbeit, weil sie von vorneherein aussortiert werden, keine Chance bekommen. Dabei ist für die allermeisten Tätigkeiten sowieso eine Anlernphase nötig. Viel wichtiger ist ein breit angelegtes, fundiertes Grundwissen. Darüber verfügen sowohl IHK-IT'ler wie auch die Akademiker. Keine Frage, akademische Ausbildung ist auf einem anderen Niveau, aber wer z.B. den Fachinformatiker oder den Systemelektroniker lernt, muss ein gewisses Maß an 'Talent' aufweisen, sonst schafft man die Prüfung einfach nicht. Also, es fehlen nicht die Fachkräfte, sondern der Wille, denen, die es gibt, eine Möglichkeit zu geben, ihr Können einzubringen. Mit ein paar Jahren spezialisierter Berufserfahrung, verlaufen sich die Unterschiede sowieso.
    Noch etwas: Die Bitkom, unser IT'ler liebstes Sprachorgan hat auch in den Flautejahren 2003/2004 von einem Fachkräftemangel gejammert. Dabei war in dieser Zeit die Arbeitslosigkeit unter den IT'lern extrem hoch. Man erinnere sich an die derzeit aufkommenden Spam- und Sicherheitsprobleme, die auf nichts geringeres als unterbeschäftigte Computerspezialisten zurück zu führen waren. Soviel zur Glaubwürdigkeit der Bitkom.
    Werfen wir noch die Frage des "cui bono?" auf, so lichten sich die Nebel. Es geht hier nicht darum, Arbeitsstellen ernsthaft zu besetzen, sondern es geht meiner Ansicht nach um eine Erhöhung des Angebots, um den Preis zu drücken. Seit Computerbild und Chip glauben manche (insbesondere Mittelständler), dass jeder IT kann und sind entsprechend wenig bereit, den angemessenen Preis für eine professionelle Leistung zu bezahlen. Und was machen wir, wenn uns die heimischen Äpfel auf dem Markt zu teuer erscheinen? Richtig, wir unterstützten den Import von günstigeren Äpfeln aus dem Ausland. Dann kommen mehr Menschen in den Genuß von Äpfeln und wenn sie in der nächsten Saison nicht mehr im Budget sind, dann brauchen wir uns einfach gar nicht mehr um irgendwelche Äpfel zu scheren. Geht ja auch dann ohne, nicht wahr?

  1. Seit mehreren Wochen liest man in den deutschen Medien immer wieder die Maer des Fackraeftemangels in Deutschland. Witzigerweise erweitert sich der Kreis gesuchter Berufsgruppen von Woche zu Woche. Waren es zu Beginn angeblich Ingenieure und Informatiker, so zaehlt man nun auch Naturwissenschaftler dazu.
    Ich selbst bin promovierter Chemiker und habe mich 2005 nach einigen Berufszeiten in Deutschland mit Zeitvertraegen zu einer Abwanderung in die USA entschlossen, um drohender Arbeitslosigkeit zu entgehen. Ich arbeite nun nach 2-jaehrigem Postdoc-Aufenthalt an einer renommierten Ostkuestenuniversitaet fuer ein internationales Unternehmen in F&E festangestellt in den USA. Bei Bewerbungsgespraechen in Deutschland wurde mir Ueberqualifizierung und einmal sogar vorgeworfen, zu viele Publikationen zu haben - was hier in den USA gerade mein Trumpf im Aermel war. Ich habe einen Studienkollegen in Deutschland, der sich mit gutem Studienabschluss als Taxifahrer ueber Wasser haelt (promovierter Chemiker!). Auch aktuelle Absolventen haben in den Naturwissenschaften unveraendert das Problem, einen qualifizierten Job in Deutschland - dazu zaehle ich keine Praktika oder Traineeprogramme - zu bekommen.
    Wenn Unternehmen jetzt nach einer Green Card wie vor einigen Jahren fuer Fachkraefte schreien, dann nur aus zwei Greunden: zum einen wollen sie so viele Bewerbungen wie moeglich auf eine Stelle bekommen, um sich die Rosinen weiter schoen herauspicken zu koennen, ohne in Weiterbildung oder andere Foerderungsmassnahmen zu investieren. Zum anderen kann der Arbeitgeber damit die Lohnkosten druecken, wenn das Mindesteinkommen fuer auslaendische Fachkraefte gesenkt wird.
    Den jetzigen Arbeitssuchenden oder Arbeitslosen wird das nicht helfen. Der beigeflehte Mangel an Fachkraeften in Deutschland ist kuenstlich und in bestem Fall begrenzt, insbesondere dann, wenn offiziell bekannt ist, dass z. B. die chem. Industrie in Deutschland 2007 weiterhin mind. 1% der Chemikerstellen abbaut.
    Ich kann nur hoffen, dass mobile und gebildete junge Menschen weiterhin schoen Deutschland den Ruecken kehren, sofern Arbeitgeber dort ihre Einstellungen nicht aendern und auch nicht mehr in Weiterbildungen investieren wollen. Anderswo sind diese Leute begehrter und haben mehr Chancen. Ich jedenfalls bewerbe mich nicht (mehr) in meiner Heimat...das sehe ich als Zeitverschwendung.

    • 27.08.2007 um 9:45 Uhr
    • rudi14

    ich kann es auch kaum noch hören. Und der Artikel hat mich in meinen Erfahrungen bestätigt. Die Unternehmen, die am lautesten nach "qualifizierten Fachkräfte" (gibt es auch unqualifizierte Fachkräfte) schreien, wie der genannte Mittelständler, bräuchte sich nur einen der hiesigen Bewerber raussuchen und ihn statt in Deutsch (was er meist schon von Haus aus spricht) in einem für das Unternehmen wichtigen Bereich qualifizieren. An den Kosten dafür dürfte es nicht scheitern. Die AA und andere suchen dringend nach Unternehmen, die bereit sind, unternehmensnah Qualifizierte einzustellen. Und das nicht nur im unteren Level. Den Verdacht, durch die Diskussion die Lohnpreise zu senken, kann sich wohl mittlerweile niemand mehr entziehen, der einigermaßen die Statistiken kennt.

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  • Von Nadine Oberhuber
  • Datum 16.8.2007 - 10:18 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 16.08.2007 Nr. 34
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