Zum Glück gibt es sie, die kleinen Erfolgsgeschichten. Wenn Silvie Boyd eine von ihnen erzählt, liegt plötzlich wieder Begeisterung in ihrer Stimme. Da war zum Beispiel dieser junge Türke, ganz neu in Deutschland, der in einem ihrer Sprachkurse saß, immer ganz hinten, mit gesenktem Blick. Am Anfang konnte er nur »Guten Tag« sagen. Meistens aber sagte er lieber gar nichts. Bis er dann nach ein paar Monaten in der Pause zu ihr kam und in fast perfektem Deutsch fragte: »Ich würde gerne noch schneller lernen. Kann ich noch mehr tun?« Ohne diese Augenblicke hätte die 32 Jahre alte Hamburger Deutschdozentin vielleicht längst den Beruf gewechselt. »Ich arbeite von morgens bis abends, doch es wird immer schwieriger, von dem Geld zu leben«, sagt Silvie Boyd.

Es ist ein Phänomen, das trotz des Wirtschaftsaufschwungs verbreitet ist unter Deutschlands Akademikernachwuchs: hoch qualifizierte Arbeit für eine bescheidene Entlohnung, oft auch noch auf Honorarbasis, denn besonders Geisteswissenschaftler finden nicht auf Anhieb feste Jobs. Gleichwohl: In vielen Fällen mag das Lohndumping nur ein vorübergehendes Ärgernis zu Beginn der Karriere sein, doch im Falle der Lehrer für Deutsch als Fremdsprach (DaF) hat die miese Bezahlung ernsthafte gesellschaftspolitische Konsequenzen. Denn die Gefahr besteht, dass gerade die besten und engagiertesten Dozenten frustriert aufgeben. Dabei hängt von ihrer Leistung der Integrationserfolg Hunderttausender Einwanderer ab.

Große Klassen machen den Unterricht wenig effektiv

DaF ist ein junges akademisches Fach in einem Land, das sich erst seit dem Jahr 2005 offiziell zu den Einwanderungsländern zählt. Damals wurde das neue Zuwanderungsgesetz verabschiedet wurde. Selbst konservative Regierungsmitglieder wie Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) reden seitdem nicht mehr von »Ausländern«, sondern nur noch von »Migranten«. Insofern müsste es eigentlich super laufen für Silvie Boyd und ihre Kollegen, denn mit dem neuen Gesetz haben legal in Deutschland lebende Einwanderer das Recht erhalten, einen Deutschkurs zu besuchen, größtenteils auf Kosten des Staates: Damit sich auch wirklich jeder Zuwanderer die Teilnahme leisten kann, liegt der Eigenbeitrag bei lediglich einem Euro pro Unterrichtseinheit.

Das Curriculum der Kurse ist bundesweit einheitlich; in 600 Stunden werden Anwendungskenntnisse der Sprache vermittelt, dazu kommen 30 Unterrichtsstunden zu Rechtsordnung, Geschichte und Kultur in Deutschland. Über die Qualität wacht das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das nach eigenen Angaben Prüfer auch unangemeldet in die Kurse schickt. Allein in den ersten zwei Jahren haben mehr als eine Viertelmillion Menschen die Kurse besucht, eine gewaltige Zahl. »Nie zuvor hat mein Job so viel Aufmerksamkeit erfahren«, sagt Silvie Boyd. Der einzige, wenngleich entscheidende Haken: Die Finanzierung hat mit der politischen Rhetorik nicht Schritt gehalten.

Dabei klingt auch die Summe, die von der Bundesregierung für die Deutschlern-Offensive aufgewendet wird, zunächst gewaltig. Allein in diesem Jahr zahlt sie über das BAMF 140 Millionen Euro an die Kursveranstalter, Volkshochschulen größtenteils, aber auch zahlreiche private Träger. Nächstes Jahr soll das Budget sogar um weitere 15 Millionen Euro steigen. Geradezu mickrig nehmen sich allerdings die Sätze aus, die bis vor Kurzem bei den Veranstaltern ankamen: ganze 2,05 Euro pro Stunde und Teilnehmer, dazu ein einmaliger Verwaltungskostenbeitrag von 7 Euro. Um überhaupt wirtschaftlich arbeiten zu können, packen viele Schulen die Kurse bis zur erlaubten Höchstgrenze von 25 Teilnehmern voll – und das, obwohl viele der Migranten auf kleinere Lerngruppen angewiesen wären. »Die Starken werden gehemmt, und die Leistungsschwachen gehen in der Masse unter«, sagt Silvie Boyd. Doch selbst überfüllte Klassen ändern nichts daran, dass bei den bundesweit rund 12000 Dozenten im Schnitt nur 17 Euro pro Unterrichtsstunde hängen bleiben. Seit Einführung der Integrationskurse ist die Vergütung im Schnitt um 2 Euro pro Stunde zurückgegangen. So steht es in einer Studie, die die dänische Beratungsfirma Rambøll im Auftrag des Bundesinnenministeriums erstellt hat. Das allein ist schon wenig. Dazu kommt, dass viele Sprachschulen ihre Mitarbeiter aufgrund des Kostendrucks in die Freiberuflichkeit entlassen, sodass sie ihre Sozialabgaben komplett selbst bestreiten müssen.

So ist es am Ende eine einfache, aber deprimierende Rechnung: Geht man von einem wöchentlichen Unterrichtspensum von 25 Stunden aus, das etwa der Münchner DaF-Professor Konrad Ehlich angesichts der anspruchsvollen Kursinhalte für realistisch hält, kommen die Dozenten auf etwa 1000 Euro netto im Monat – im Durchschnitt wohlgemerkt und nur solange sie sich ins Zeug legen, nicht krank werden oder etwa Urlaub machen wollen. 1000 Euro, das ist nur wenig mehr, als Hartz-IV-Empfänger in Hamburg inklusive Mietzuschuss erhalten.