Man kann über Auschwitz auch Witze machen. – Sogar als Deutscher, wenn nämlich das Komische auf eigene Kosten geht und nicht entlastend, sondern entlarvend wirkt. Dem Regisseur Robert Thalheim ist jetzt ein außergewöhnlicher Holocaust-Film gelungen, der mit den Mitteln der Selbstironie das Undarstellbare darstellt. Kommt ein Zivildienstleistender aus Berlin in eine Diskothek in Oświęcim, an der Bar fragt ihn ein polnischer Rocker, was er hier mache. »Civil service« brüllt der Deutsche über den Diskolärm hinweg, und weil der Pole ihn verständnislos anschaut, erklärt unser Mann in holprigem Globalisierungsenglisch, seine Arbeit in der KZ-Gedenkstätte sei die Alternative zum Wehrdienst. Doch der Rocker versteht nur »Army«, über die Schulter ruft er seinen Bandkumpels zu: »Hey Jungs, die deutsche Armee ist wieder in Auschwitz!« Dann prosten die Enkel der von Hitlerdeutschland überfallenen Polen dem Enkel der Besatzer mit Pivo in Plastikbechern zu. Kleiner Scherz unter ehemaligen Feinden! Auf die deutsch-polnische Freundschaft! Willkommen in Auschwitz!

Das ist die Eröffnungspointe eines Geschichtsfilms, der in der Gegenwart spielt und zum Erhellendsten gehört, was bislang über den Faschismus gedreht wurde. Anders als in Roberto Benignis Das Leben ist schön dient der Witz hier nicht als Überlebenstrick, sondern zerstört die Illusion eines Nachkriegsfriedens, der sich automatisch einstelle, einer Versöhnung, die den Heutigen problemlos gelinge. Robert Thalheims Am Ende kommen Touristen handelt nicht von Auschwitz, sondern von unserem Umgang mit Auschwitz. Der junge Regisseur, der zugleich Drehbuchautor des Films ist, zeigt die Sehnsucht nach der berühmten »Normalisierung« und deren Unmöglichkeit in Gestalt zweier Figuren, wie sie verschiedener kaum sein könnten: Der deutsche Zivildienstleistende Sven begegnet im Gästehaus der Oświęcimer Gedenkstätte dem polnischen KZ-Überlebenden Krzeminski. Weil in dem tristen Gebäude sonst niemand wohnt, vor allem aber, weil der Junge den eigenbrötlerischen Alten betreuen soll, ist der Generationenkonflikt programmiert. Ein Nachgeborener trifft einen Zeitzeugen, ein Unbefangener einen Traumatisierten, der sich hinter mürrischer Wortkargheit verbarrikadiert. Während der jugendliche Held vergeblich versucht, diese Blockade zu durchbrechen, lernt er von seinen polnischen Altersgenossen, wie belastet und zugleich banal das Leben in einer Kleinstadt ist, die den Namen des ultimativen Verbrechens trägt.

Sven kommt in eine Stadt, die vor Ewigkeiten, irgendwann im vergangenen Jahrtausend vom Faschismus befreit wurde und deren blasse Überreste wie Kulissen einer besonders makabren Legende erscheinen. Das verwaiste Gästehaus ist ein Zwischenreich, diesseits der Vergangenheit, aber jenseits des Jetzt. Man weiß nicht: Lebt Krzeminski noch in Auschwitz oder schon in Oświęcim? Schemenhaft tauchen vor dem Hintergrund bunter Alltagsszenen – Schulausflug ins KZ, Seminar in der Jugendbegegnungsstätte – die grauen Landmarken des Holocaust auf. Ein Wachturm. Ein Stück Zaun. Der berühmte Kofferberg. Allerdings nicht die berüchtigte Rampe, auch nicht der Schienenstrang, der auf das Vernichtungslager zuführt.

Thalheim zitiert die Schockbilder nur von ferne. Und er widersetzt sich der effekthascherischen Nachinszenierung von NS-Geschichte, wie sie in Kino und Fernsehen derzeit so lustvoll betrieben wird, sei es in Oliver Hirschbiegels Der Untergang oder Kai Wessels Die Flucht. Da krachen die Bomben, rattern die Panzer, wird in großem Stil gestorben. Am Ende kommen Touristen hingegen beschränkt sich auf karge, oft melancholische Szenen. Eine Küche, ein Plattenbauzimmerchen, ein Museumsflur. Zwei Männer im Auto, ein paar Jugendliche am Fluss, ein radelndes Paar auf sommerstiller Landstraße. Wie im Vorübergehen macht Thalheim Aufnahmen von Auschwitz-Besuchern auf der Durchreise. Seine Bilder leben von eindringlicher Figurendarstellung und von einer Komik des Versagens, die direkt auf die inneren Widersprüche der NS-Aufarbeitung zielt – auch wenn heute allenthalben behauptet wird, diese seien längst überwunden.

Für Krzeminski jedenfalls mit seinem zerfurchten Gesicht, seinem abweisenden Gebaren und seinen zwangsweise erworbenen Deutschkenntnissen bleibt Auschwitz unüberwindlich, eine Wunde, nur oberflächlich geheilt durch öffentliche Trauerarbeit bei den üblichen Kondolenzfeiern. Dort begrüßt man ihn stets mit großer Betroffenheitsgeste, schneidet seine unerfreulichen Reden (»Von den 102 Häftlingen meines Transports überlebten nur vier«) aber möglichst rasch wieder ab, um ein Foto fürs Firmenalbum zu machen. Den Direktoren eines deutschen Chemiekonzerns, der sich nahe Oświęcim angesiedelt hat, sagt er bei einer solchen Gelegenheit, sie sollten demnächst doch lieber Schindlers Liste zeigen, das mache mehr Eindruck.

Es ist, als wollten sich die Alten vor Sympathie für den Jungen schützen

Es ist nämlich so, dass das kaum verhohlene Desinteresse an der puren, nicht durch Hollywood aufgehübschten Geschichte Krzeminski verbittert und weiter in die Isolation treibt. Wenn Sven ihn zu seinen Zeitzeugenauftritten chauffiert, hört der Alte gern Schuberts romantische Wilhelm-Müller-Vertonungen, behandelt jedoch den deutschen Zivi ausgesucht unhöflich. Einmal verspotten Krzeminski und seine greisen Freunde, mit denen er sich in einer Eckkneipe zum Pferdewetten trifft, Sven ganz ähnlich wie die Halbstarken in der Disko. Weil dieser nicht weiß, wie spät es gerade ist, kichern sie: »Na so was, ein Deutscher ohne Uhr!« Dann hauen sie Krzeminski anerkennend auf die Schulter: »Mensch, ein deutscher Chauffeur – so ändern sich die Zeiten. Frag ihn doch mal, ob sein Opa auch hier gearbeitet hat.«