Kino Wir können auch ganz andersSeite 2/2

Es ist, als wollten die Alten sich vor jeglicher Sympathie für den Jungen schützen. Warum? Vielleicht aus Angst, dass die Beendigung des gefühlsmäßigen Kriegszustands ihre Verletzungen aufbrechen ließe? Die Wunde Auschwitz schmerzt die letzten Überlebenden ja auch in der Wirklichkeit wieder stärker, seit immer mehr Deutsche behaupten, über den Massenmord an den Juden sei nun wirklich alles gesagt und der »Schuldkult« müsse ein Ende haben.

Das Kino muss nicht dümmer sein als die Historiker

Thalheim macht die Diskrepanz zwischen geläufiger Gedenkrhetorik und existenziellem Leid sichtbar. Er erinnert uns daran, dass der Faschismus einmal als das »Unsägliche« (Ernst Bloch), der Holocaust als das »Unermessliche« (Bertolt Brecht) galt, dessen wahres Ausmaß allein die Toten kennen.

Der angebliche Overkill der Beschäftigung mit Auschwitz ist in Wahrheit ein wachsendes Defizit – deshalb weigerte sich voriges Jahr beispielsweise der betagte Ehrenvorsitzende des internationalen Auschwitzkomitees Kurt Goldstein, an den Feiern zum 60. Jahrestag der Befreiung des Lagers teilzunehmen. »Ich hatte keine Lust, in eisiger Kälte an der Rampe zu stehen und mir von deutschen Rednern anzuhören, wie gut sie mit der Vergangenheit umgehen. Ich finde das zum Kotzen.« Kotzen könnte auch Krzeminski. Stattdessen schweigt er in der anrührendsten Szene des Films, als seine persönliche Überlebenslüge platzt. Seit Jahrzehnten flickt der ehemalige Häftling nämlich fürs Museum die Koffer ermordeter Juden, als könne er so seine Biografie reparieren und der Tatsache, dass er der Vernichtung entronnen ist, Sinn verleihen. Doch nun verweigert das Museum ihm weitere Koffer, weil seine vorsintflutliche Art der Aufarbeitung die moderne Geschichtspädagogik gefährde. Die hauptamtlichen Historiker erklären ihm, heutzutage würden KZ-Exponate restauriert, nicht repariert! Da schwant dem Alten, dass er nicht mehr gebraucht wird. Und sein junger Zivi spürt die Kluft zwischen Krzeminski und dem zur Anteilnahme unfähigen Rest der Welt. Seine zaghaften Trostworte hängen im Raum wie eine zu kurz geratene Brücke: »Es tut mit leid – «

Worüber man nicht reden kann, darüber soll man einen Film drehen. Thalheim hat bewiesen, dass man auch anders vom Faschismus erzählen kann als im Modus der Überwältigung. Das Kino muss nicht dümmer sein als die Historiker. Wenn ein Filmemacher sich der quotenträchtigen Entpolitisierung der NS-Vergangenheit verweigert, kann er Dinge darstellen, die sich den Begriffen entziehen. Dann avanciert der Film zu dem, was in früheren Jahrhunderten die großen historischen Dramen waren, mit Hebbel gesprochen: »die höchste Form der Geschichtsschreibung«.

Diesen Artikel können Sie auch hören unter: www.zeit.de/audio

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service