Irak Schönes neues BabylonSeite 3/3

IV. Dreißigjähriger Krieg oder: Das Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts

Die seit 2007 vergangenen Jahre waren für den Irak und den gesamten Nahen Osten keine guten Jahre. Mitt Romney, der Ende 2008 neu gewählte amerikanische Präsident, entschied sich dafür, die Präsenz der Vereinigten Staaten in der Region aufrechtzuerhalten. Gründe dafür waren die fortbestehenden Spannungen in den Beziehungen zu Iran aufgrund der atomaren Aufrüstung des Landes sowie heftige Lobbyarbeit des neuen saudischen Monarchen König Sultan bin Abdul Aziz. Hinzu kam das Scheitern der Versuche von Botschafter Crocker und General Petraeus, im Irak einen innenpolitischen Konsens zu stiften und ausreichend große Streitkräfte aufzustellen. Präsident Romney erklärte, die Vereinigten Staaten hätten im Irak eine Mission zu erfüllen. Amerika habe dort nun einmal Verantwortung übernommen und könne es sich nicht leisten, das Land den Terroristen auszuliefern. Das amerikanische Ziel bestehe jedoch nicht darin, die Städte und Dörfer zu beherrschen. Vielmehr würden sich die Vereinigten Staaten fortan darauf konzentrieren, bestimmte strategische Punkte in der Hauptstadt sowie militärische Stützpunkte und die Ölinfrastruktur des Landes zu sichern.

Während die hierfür nötigen Umgruppierungen stattfanden, setzte sich der Aufstand gegen die amerikanischen Streitkräfte fort. Der Bürgerkrieg griff weiter um sich; genauer gesagt handelte es sich um eine ganze Anzahl von kleinen Bürgerkriegen zwischen verschiedensten Gruppen und Grüppchen. Auf regionaler Ebene nahmen die Spannungen weiter zu. In Iran wurde im Sommer 2009 Präsident Ahmadineschad wiedergewählt. In der Folge brachen die Verhandlungen zwischen Iran und der Europäischen Union, die sich mit gemäßigter Unterstützung der Vereinigten Staaten über Jahre hingezogen hatten, endgültig zusammen. Im Frühjahr des folgenden Jahres kam es zu einem militärischen Zwischenfall in der Straße von Hormus, an dem eine amerikanische Fregatte und einige iranische Schnellbote beteiligt waren. Daraufhin flogen die Vereinigten Staaten eine Woche lang Bombenangriffe gegen militärische und industrielle Einrichtungen in Iran. Teheran reagierte unter anderem mit mehreren Raketenangriffen auf Ölanlagen in Saudi-Arabien. Zudem ermunterte Ahmadineschad die libanesische Hisbollah zu einem massiven Raketenbeschuss der israelischen Stadt Haifa. Israel wiederum antwortete, indem es die Ölraffinerie im syrischen Homs bombardierte. Daraufhin wurde Syriens Präsident Assad von seinem Schwager gestürzt. Ein Sprecher der Vereinigten Staaten erklärte, Syrien habe nun die Gelegenheit, durch angemessenes Verhalten gegenüber dem Irak den Beweis zu erbringen, dass es auch in anderen regionalen Angelegenheiten der Zusammenarbeit würdig sei.

Anzeige

Unterdessen haben Syrien, die Türkei, Saudi-Arabien und Iran allesamt Streitkräfte innerhalb des Iraks positioniert. Es ist wiederholt zu Zusammenstößen zwischen iranischen und amerikanischen sowie zwischen iranischen und saudischen Streitkräften gekommen, ebenso zwischen verschiedenen irakischen Milizen und türkischen, syrischen oder saudischen Truppen.

Die Situation macht es für die Vereinigten Staaten immer schwieriger, sich nicht direkt in die irakische Politik einzumischen. Als Schiedsrichter zwischen den verschiedenen lokalen Gruppen und regionalen Mächten, die im Irak gegeneinander kämpfen, ist Amerika zunehmend überfordert. Kein Wunder, dass Dschihadisten aus den unterschiedlichsten Ländern den Irak für den geeigneten Schauplatz halten, um ihren Kampf gegen die Vereinigten Staaten zu führen. Regelmäßig fordern nun Geistliche in so weit entfernten Ländern wie Bangladesch und den Philippinen ihre Anhänger dazu auf, als Freiwillige in den Irak zu gehen und dort gegen Amerika zu kämpfen. Als das Jahr 2012 zu Ende geht, druckt eine der nur noch unregelmäßig erscheinenden irakischen Zeitungen die Schlagzeile: »Wisst ihr noch, wie gut wir es 2007 hatten?«

Volker Perthes ist Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Zuletzt erschien von ihm das Buch »Orientalische Promenaden. Der Nahe und Mittlere Osten im Umbruch«

Aus dem Englischen von Tobias Dürr

 
Leser-Kommentare
  1. Szenario I)
    Der Idealismus in diesem Szenario erstaunt mich. Ein typisch westliches Denken! Es enthält zwei falsche Überlegungen: 1. Der Irak soll sich für ein vom Westen aufgezwungenes quasi-demokratisches und mehrparteiliches Staatsgefüge auf einmal zusammenraufen können und das Gute wollen, nämlich kollaborieren, und 2. das erst noch unter der ins Absurde führenden und sehr demütigenden Vorstellung westlicher Übermacht, die gar so weit geht, DEREN (!) Willen nun auch ohne Besatzungstruppen einem in totaler Angst, Unterwerfung und Abhängigkeit lebenden Volk aufgedrängt zu haben. Obwohl uns die Vision eines Barack Obama als nächster Präsident fröhlich stimmt, und das amerikanische Volk vielleicht zu viel neuem Idealismus befähigt wäre, wenn er gewählt würde, kann nicht ausser Acht gelassen werden, dass die Standpunkte irakischer - und pan-arabischer - USA-Feindlichkeit auch unter dessen Ägide kaum abbrechen würden. Wir im Westen sind nicht dazu imstande, arabisches - hier im Speziellen das irakische "Denken" nachzuvollziehen, zu verstehen oder zu erziehen. Deshalb wäre die gescheitere Lösung - nach all den sinnlosen Drohungen -, die Truppen BEDINGUNGSLOS abzuzuiehen und Irak damit die eine Würde zuzugestehen, nämlich über sich und seine politische Zusammensetzung selbst zu bestimmen. Wer Feindschaft sät, muss nachhaltig mit Feindschaft leben. Icarus

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service