Verkehrspolitik Tunnel sucht Autos

In Lübeck haben sich Staat und Privatfirmen beim Bau einer Unterführung verrechnet. Zahlen müssen die Bürger

Ein großer Coup sollte es werden, ein Geschenk an die Lübecker Bürger: ein Tunnel zwischen der Hansestadt und Travemünde. Zeitgemäß, denn endlich kämen sich Schiffs- und Straßenverkehr nicht mehr in die Quere. Zukunftsweisend sollte das Finanzierungsmodell sein: Die Firmen, die sich um den Bau des »Herrentunnels« bewarben, sollten diesen zu einem Großteil selbst bezahlen und sich ihre Ausgaben durch Maut wieder hereinholen dürfen. »Public Private Partnership« hieß das Zauberwort, das eine neue Verkehrsachse versprach – ohne einen Cent aus der klammen Stadtkasse.

Doch nun, zwei Jahre nach Eröffnung des Herrentunnels, sieht man allerorts lange Gesichter. Die Betreibergesellschaft Herrentunnel GmbH verzeichnet nur die Hälfte der prognostizierten Fahrzeuge und liegt im Rechtsstreit mit der Stadt. Und die Bürger zahlen für eine Tunnelfahrt doppelt so viel wie angekündigt.

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Lübecks Seehafen Travemünde, 15 Kilometer entfernt an der Ostsee gelegen, ist schon seit dem 14. Jahrhundert Ortsteil der Hansestadt. Von 200.000 Lübeckern wohnen 35.000 nördlich der Trave. Der Fluss umschließt die Innenstadt mit ihren backsteingotischen Kirchen, den schmucken Bürgerhäusern mit Buddenbrook-Flair und dem Rathaus aus dem 14. Jahrhundert. Bis zum Jahr 2005 stand dort die Herrenbrücke, die täglich zehnmal für durchfahrende Schiffe hochgeklappt wurde und für jeweils 20 Minuten den Verkehr auf der Bundesstraße 75 zwischen Lübeck und Travemünde zum Erliegen brachte.

Baumängel an der Brücke machten eine neue Travequerung erforderlich. Mit einem symbolischen Spatenstich für einen Tunnel gaben bereits im Jahr 1994 die Lübecker Wirtschaftsjunioren, eine Jungunternehmer-Vereinigung, den entscheidenden Impuls. Dem Bund war ein Tunnel jedoch zu teuer. Er stellte 90 Millionen Euro in Aussicht – das hätte für eine neue Klappbrücke gereicht. Unbefriedigend für die Lübecker. Die Pendler wünschten sich das Ende aller Staus, die Wirtschaftsjunioren freie Fahrt für dicke Autos unter und für dicke Pötte auf der Trave, um die Stadt für Globalisierung und Hafenerweiterung zu rüsten.

Die Mautgebühr steigt, die Zahl der Nutzer schrumpft

Bloß stand die Stadt Lübeck zu jenem Zeitpunkt mit neun Millionen Euro in der Kreide, das Land Schleswig-Holstein mit 15 Milliarden Euro. Die Rettung versprach ein neues Gesetz zur Finanzierung öffentlicher Verkehrsprojekte mit Hilfe privater Firmen. Ein moderner Tunnel, gebaut und finanziert von einem Konsortium aus den Firmen Hochtief und Bilfinger Berger mit einem Zuschuss vom Bund – und die Stadt müsste keinen Pfennig dazubezahlen! Und das Beste: In 30 Jahren würde Lübeck den Tunnel geschenkt bekommen. Laut Konzessionsvertrag erhält die Betreibergesellschaft das Recht, 30 Jahre lang Maut zu erheben, danach würde der Tunnel automatisch an die Stadt Lübeck fallen.

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