Neuromedizin Bauteile für die SeeleSeite 4/4

Heute befürchten viele Philosophen, dass die Hirnforschung auch deren letzten »Hauch« auf den Illusionshaufen der Geschichte wirft. Die Seele wäre nur eine Funktion des Körpers. Mit ihrem Tod ginge eine der kostbarsten Vorstellungen des Abendlandes verloren – die Idee, dass jeder Mensch ein ureigenes Selbstgefühl hat, das er niemandem mitteilen kann und das nur ihm allein gehört. Wie der Philosoph Gottlob Frege sagt: »Jeder ist sich selbst in einer besonderen und ursprünglichen Weise gegeben, wie er keinem anderen gegeben ist.« Könnte man dieses Selbstgefühl wirklich einer technischen Intervention unterziehen, würde die immer als unverfügbar erschienene Seele zu einem manipulierbaren Objekt – nur die Dichter, diese armen Seelen, könnten noch ein Lied von ihr singen.

Die nächste Generation der Philosophen wird darüber nachdenken müssen, was vom einzigartigen Selbst jedes Menschen bleibt, wenn es Elektroden gehorcht. Denn ob materiell oder immateriell – die Seele läuft oft aus dem Ruder. Zu den häufigsten psychiatrischen Leiden gehören Zwangshandlungen, und vielen Kranken helfen weder Psychotherapie noch Medikamente. Der Neurochirurg Volker Sturm aber hat knapp die Hälfte seiner 16 von Zwangsstörungen schwer betroffenen Patienten durch die Dauerstimulation mit dem Hirnschrittmacher »praktisch geheilt«, bei einigen weiteren hat sich der Zustand zumindest gebessert. Ob die DBS auch bei schweren Depressionen Erfolge zeigt, ist offen; noch ist die Beobachtungszeit bei diesen Patienten zu kurz. Offenbar schwinden die Symptome mit der Elektrodenimplantation zunächst rapide, kehren nach einiger Zeit zurück, um dann wieder abzunehmen.

Schon jetzt fürchten allerdings Fachleute, dass die Hirnkrücke für Kranke zum Accessoire der Gesunden werden könnte. Manche Psychopharmaka gelten vor allem in den USA schon heute als Modedroge. Prüfungsgeplagte Studenten, gehetzte Geschäftsleute oder Kreative steigern ihre Leistungen mit Ritalin-Pillen. Der amphetaminähnliche Stoff ist nur zur Behandlung hyperaktiver und aufmerksamkeitsgestörter Kinder zugelassen. Auch Provigil, gedacht zur Behandlung plötzlicher Schlafattacken bei Narkolepsie-Patienten, erfreut sich größter Beliebtheit bei partyfreudigen Professionals. Und längst forschen Neuro-Companys an einer neuen Klasse von Psychopillen, Gedächntisboostern und Lernturbos – die in erster Linie natürlich Demenzerkrankungen abwehren sollen.

Der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer hat in einer Studie mit einem Alzheimer-Präparat das Gedächtnis von Gesunden verbessert. Er macht sich keine Illusionen: »Kognitives Enhancement«, sagt er, »das kommt. So oder so.«

Mitarbeit: Thomas Assheuer

 
Leser-Kommentare
  1. Also, ich weiss eigentlich immer, warum, wenn ich lache.

    Dass Sinnes- und Selbstwahrnehmung, Gefühle und Motorik durch Chemie direkt beeinflusst werden können, war der Menschheit doch schon immer bekannt. Jetzt kommt halt noch Strom dazu. Was soll daran so revolutionär sein? Die Vorstellung, irgendwann käme ein Biologe und bewiese, dass ICH nur ein Haufen Neuronen bin, ist doch absurd. Ich weiss, dass ICH mehr bin, denn mir ist bekannt, dass der Mensch zum Großteil ein symbolisches Wesen ist.

    Gruß,
    v.

  2. Endlich mal einer, der seinen Huxley gelesen hat. Brav, brav :)

    • andrku
    • 16.08.2007 um 22:02 Uhr

    Natürlich ist der Mensch nur Biologie, zumindest aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keine Anzeichen für etwas anderes.

    Trotzdem ist er keine einfach vorherberechenbare biologische Maschine. Entscheidungsprozesse, Wissen und Gefühle sind derart komplex, dass sich die Wissenschaft noch lange die Zähne daran ausbeißen wird.

    Zu wissen welche Gehirnregion man stimulieren muss, um ein Lachen zu erzeugen, ist vergleichbar mit dem Wissen welche Taste man beim PC drücken muß, um eine Eingabe zu bestätigen. Weit, sehr weit davon entfernt zu verstehen wie die Hardware und Software genau funktioniert.

    MfG
    AKu

    • morb
    • 17.08.2007 um 0:11 Uhr

    enhancement ? alkohol ! kaffee ! zigaretten ! pilze ! kokain ! ... und tausend ähnliche sachen, die das argument des vorkommentators veranschaulichen.

    • Medley
    • 17.08.2007 um 1:10 Uhr

    Der Mensch ist ein Geistwesen und kommt nach seinem Tod in den Menschenhimmel, so wie der Fußpilz, wenn ich ihn behandelt habe, in den Fußpilzhimmel kommt. GOTT!!!! Natürlich IST der Mensch NUR Biologie, WAS DENN BITTE SONST???!!!(Kopfschüttel)

  3. Dann ist also nur der Fußpilz ein Geistwesen?!

    Wenn ich schon einen freien Willen habe und mir somit ein Menschenbild aussuchen kann, dann wähle ich lieber ein expansives als ein reduktionistisches. Das ist weniger langweilig und auch politisch weniger gefährlich.

    v.

    • Anonym
    • 17.08.2007 um 11:19 Uhr

    Zitat:
    "Brain-Computer-Interfaces, gleichsam USB-Stecker im Hirn, ermöglichen elektronische Kommunikation zwischen Gehirn, Rechner und Datenbank.
    Cerebellum-Chips dienen als zusätzliche Gedächtnisspeicher.
    Kortex-Implantate sorgen für Gedankenkommunikation (Cyber-Think), für eine Gesellschaft vernetzter Individuen."
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    Hui, da eröffnen sich ja wirklich neue Möglichkeiten. Wie lange wird es im Anschluss wohl dauern, bis man dazu in der Lage ist, MENSCHEN ZU HACKEN? Wenn sich ein Politischer Gegner oder Terrorist einen Gedächtnis- oder Kommunikationschip implantiert hat, braucht man keine blutigen Kriege mehr - man schickt ihm einfach einen Virus, der bestimmte Gehirnfunktionen lahmlegt, das Gedächtnis löscht, Depresionen erzeugt, oder (wollen wir doch nicht gleich so böse sein) ihn glauben macht, er wäre schon immer Gondeliero in Venedig gewesen und zufrieden damit.

    In der Tat lässt sich, wie ein Vorkommentator schon bemerkt hat, wie in Huxleys Buch eine perfekte Gesellschaft schaffen, bestehend aus herrschenden und dienenden Elementen. Und das schöne daran: alle sind glücklich, es fühlt sich niemand irgendwie am falschen Platz.

    Natürlich müsste man zuerst, am besten zweigleisig, für den Flächendeckenden Einsatz solcher Cerebralstimulanten sorgen. Einerseits kann man die immer häufiger auftretenden Fälle von Depressionen aufgreifen und in bestimmten meinungsBILDenden Medien den "Volks-Glückschip" anpreisen, der billig zu erwerben ist und später dann schrittweise zum ausgeklügelteren Volksempfänger erweitert werden kann.
    Gleichzeitig muss unbedingt dafür gesorgt werden, dass ähnliche Implantate auch im Zuge der Verbrechensbekämpfung eingesetzt werden. Es wäre doch wunderbar, wenn man alle erstmals straffällig gewordenen Täter gleich wieder auf freien Fuss setzt, sie aber dazu zwingt, einen Chip in sich zu tragen. Dieser plagt dann den ehemaligen Kriminellen lebenslang mit Schuldgefühlen und hemmt ihn, soetwas jemals wieder zu tun (Gruß von Anthony Burghess). Die Kostenersparnis und das Sicherheitsgefühl in der Gesellschaft wäre enorm gesteigert.
    Aber warum wieder einmal erst dann reagieren, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist? Noch weniger Verbrechen und Terrorismus treten doch dann auf, wenn man seine Neuronenseele von Geburt an kontrollieren kann? Einfach ein obligatorischer Gehirnscan nach der Geburt, der genau aussagt, was sich später mal als störend entwickeln könnte. Man stelle sich eine Welt ohne Punks mit rasselndem Pappbecher, prügelnde Skins, Handtaschenräuber mit Migrationshintergrund oder Pädophilen vor - ob man nebenbei noch die Homosexualität abschafft, darüber kann ja noch geredet werden.
    Und schließlich gibt es eine Gebrauchsanweisung für jeden Menschen, der so eingestellt werden kann, dass er den Beruf ausübt, der gerade gebraucht wird, oder (denn dazu sind Frauen schließlich da) ganz das Muttertier spielt. Wozu noch lästige und verlogene Wahlreden, wenn keine Wahlen und keine Opposition mehr gebraucht werden. Schliesslich kann sich jeder in seinem persönlichen Rahmen frei entfalten und ist glücklich, so wie er ist. Und dass wollen wir doch alle, stimmts?...

    Sollte das doch nicht so schnell realisierbar sein, tue ich mich vorerst mit einem der führenden Neurologen (mit Gewinnbeteiligung) zusammen und gründe mit ihm eine Sekte, die garantiert Glückseeligkeit verspricht.
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    Sicher, das was ich hier schreibe, ist übertrieben und weit hergeholt. Dennoch: immerhin arbeitet man jetzt bereits daran, Elektronikfehler eines modern ausgestatteten Autos über das Internet zu reparieren.

    Einzelne cerebralelektronische Erfindungen fände ich aber tatsächlich ganz praktisch, z.B. ein Babelfisch für die interkulturelle Kommunikation oder ein Denkarium für das externe Ablegen und weitergeben von Erinnerungen.

    MfG

  4. schafft sich der Mensch ein Apparat mit dem er seinen nächsten Gedanken frei wählen kann

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