Die letzte Bastion soll nun fallen. Auch die höchsten mentalen Leistungen des Menschen, das Denken, Lügen, Glauben, Hoffen und Lieben, harren der baldigen Enträtselung durch die Neurowissenschaft. US-Altpräsident Bush hatte schon die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zur Decade of the Brain ausgerufen. Als der Erfolg zunächst ausblieb, wurde das erste Jahrhundert des neuen Millenniums flugs zum Century of the Brain erklärt. Im Spiegel avancierte die Hirnforschung gar zur künftigen Leitwissenschaft.

Die neue Popularität verdankt sie vor allem der Macht der bunten Bilder, die mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) und der Positronenemissionstomografie (PET) Einblicke in die Anatomie, den Stoffwechsel und die Neurochemie des menschlichen Gehirns erlauben. In der Tat wurden bei der Erforschung basaler und komplexer Wahrnehmungsleistungen wie dem Sehen von Kontrasten, Farben oder komplexen Formen wie Gesichtern und Häusern in den letzten Jahren beeindruckende Erfolge erzielt. Das fasziniert nicht nur Fachkreise, in populärwissenschaftlichen Medien boomt das Thema ebenfalls.

Für manche Wissenschaftler scheint die Auflösung des Enigmas von Gehirn und Geist bereits ausgemachte Sache zu sein. In ihren Manifesten stellen sie vollmundig die Entschlüsselung sämtlicher Geheimnisse des Mentalen in Aussicht. Einige Autoren wollen so komplexe Phänomene und geisteswissenschaftliche Konzepte wie Religiosität, Liebe, Glück und Schuld mit simplen Experimenten im MRT erklären.

Werden Glücksgefühle gemessen, widersprechen sich die Resultate

Andere verkünden den Tod der geistigen Freiheit: Der freie Wille stehe im Widerspruch zu elektrophysiologischen Experimenten. Allerdings operieren sie dabei mit verkürzten und unscharf definierten Konzepten von Freiheit. In völliger Verkennung der wissenschaftlichen Möglichkeiten schlagen einige sogar vor, die funktionelle Bildgebung als Entscheidungshilfe bei forensischen Gutachten einzusetzen, um die Schuldunfähigkeit der Delinquenten quasi objektiv nachzuweisen. Selbst für eine Wiedergeburt der Freudschen Theorie mussten Ergebnisse der funktionellen Bildgebung als Kronzeugen herhalten.

Die suggestive Kraft der bunten Hirnbilder ist verführerisch. Auf farbenfrohen Darstellungen kann jedermann die Orte der strukturellen oder funktionellen Hirnauffälligkeiten von Schlauen oder Dummen, ortskundigen Taxifahrern, geschickten Jongleuren, frommen Nonnen, liebenden Partnern oder schuldunfähigen Mördern betrachten. Eine tiefer gehende Fachkenntnis scheint dafür zunächst nicht nötig zu sein – Hingucken reicht.