Hirnforschung
Alles so schön bunt hier
Gehirn-Scans sagen viel weniger aus, als in sie hineininterpretiert wird.
Die letzte Bastion soll nun fallen. Auch die höchsten mentalen Leistungen des Menschen, das Denken, Lügen, Glauben, Hoffen und Lieben, harren der baldigen Enträtselung durch die Neurowissenschaft. US-Altpräsident Bush hatte schon die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zur Decade of the Brain ausgerufen. Als der Erfolg zunächst ausblieb, wurde das erste Jahrhundert des neuen Millenniums flugs zum Century of the Brain erklärt. Im Spiegel avancierte die Hirnforschung gar zur künftigen Leitwissenschaft.
Die neue Popularität verdankt sie vor allem der Macht der bunten Bilder, die mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) und der Positronenemissionstomografie (PET) Einblicke in die Anatomie, den Stoffwechsel und die Neurochemie des menschlichen Gehirns erlauben. In der Tat wurden bei der Erforschung basaler und komplexer Wahrnehmungsleistungen wie dem Sehen von Kontrasten, Farben oder komplexen Formen wie Gesichtern und Häusern in den letzten Jahren beeindruckende Erfolge erzielt. Das fasziniert nicht nur Fachkreise, in populärwissenschaftlichen Medien boomt das Thema ebenfalls.
Für manche Wissenschaftler scheint die Auflösung des Enigmas von Gehirn und Geist bereits ausgemachte Sache zu sein. In ihren Manifesten stellen sie vollmundig die Entschlüsselung sämtlicher Geheimnisse des Mentalen in Aussicht. Einige Autoren wollen so komplexe Phänomene und geisteswissenschaftliche Konzepte wie Religiosität, Liebe, Glück und Schuld mit simplen Experimenten im MRT erklären.
Werden Glücksgefühle gemessen, widersprechen sich die Resultate
Andere verkünden den Tod der geistigen Freiheit: Der freie Wille stehe im Widerspruch zu elektrophysiologischen Experimenten. Allerdings operieren sie dabei mit verkürzten und unscharf definierten Konzepten von Freiheit. In völliger Verkennung der wissenschaftlichen Möglichkeiten schlagen einige sogar vor, die funktionelle Bildgebung als Entscheidungshilfe bei forensischen Gutachten einzusetzen, um die Schuldunfähigkeit der Delinquenten quasi objektiv nachzuweisen. Selbst für eine Wiedergeburt der Freudschen Theorie mussten Ergebnisse der funktionellen Bildgebung als Kronzeugen herhalten.
Die suggestive Kraft der bunten Hirnbilder ist verführerisch. Auf farbenfrohen Darstellungen kann jedermann die Orte der strukturellen oder funktionellen Hirnauffälligkeiten von Schlauen oder Dummen, ortskundigen Taxifahrern, geschickten Jongleuren, frommen Nonnen, liebenden Partnern oder schuldunfähigen Mördern betrachten. Eine tiefer gehende Fachkenntnis scheint dafür zunächst nicht nötig zu sein – Hingucken reicht.
Doch die Evidenz der Bilder ist trügerisch. In Wirklichkeit handelt es sich um komplexe mathematische Konstrukte. Im Scanner vollführen Probanden zunächst geistige Leistungen im Rahmen eines Experiments. Es werden Lern- oder Gedächtnisaufgaben erledigt, emotionale Erinnerungen wachgerufen, Bilder von geliebten Personen betrachtet oder religiös-meditative Erlebnisse induziert. Währenddessen wird der Blutfluss in den Hirnarealen oder deren Glukoseverbrauch gemessen. In gängigen Untersuchungen der fMRT führt man solche Experimente bei etwa 10 bis 20 Probanden durch. Die gemessenen Signale der Ruhebedingung (zum Beispiel kein Lernen, keine emotionale Erregung, kein religiös-meditatives Erlebnis) können dann mit dem aktiven Zustand mathematisch verglichen werden.
Die Vergleiche werden für jeden Bildpunkt der MRT-Aufnahmen durchgeführt. Da durchschnittliche fMRT-Untersuchungen mehr als 150000 Bildpunkte gruppenweise vergleichen, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, rein zufällig »signifikante« Ergebnisse zu bekommen, sodass bei der Auswertung komplizierte statistische Korrekturverfahren angewandt werden müssen. Das Ergebnis sind dann Gruppen von Bildpunkten, die sich in ihrem Messsignal in der aktiven Bedingung von der Ruhebedingung unterscheiden. Die Farbe der Bildpunkte zeigt dabei aber nicht unbedingt die Stärke des gemessenen Signals, da ja nur relative Größen bestimmt werden können. Die Farben zeigen vielmehr, wie signifikant der Signalunterschied im Gehirn bei bestimmten Aufgaben ist, also die Größe der Wahrscheinlichkeit, dass die Differenz kein Zufall ist. Die so codierten statistisch definierten bunten Bildpunkte werden dann auf ein anatomisches Bild des Gehirns projiziert, um die Anschaulichkeit zu vergrößern.
Bei der Präsentation und Interpretation der so generierten statistischen Gehirnbilder reden viele Wissenschaftler dann verkürzt von »Aktivierung« oder »Deaktivierung«. Es wird auf rot-gelbe oder blaue Teilbereiche des Gehirns gezeigt, die während einer Aufgabe »aktiviert« seien, während andere Areale keine Aktivierung zeigten. Der interessierte Laie muss denken, dass sämtliche Gehirnareale, die nicht »aufleuchten«, tatsächlich nicht aktiv sind. Dies aber ist nicht der Fall. Sie können sogar von absolut kritischer Bedeutung für die Aufgabe sein, sind aber möglicherweise unter Kontrollbedingungen in ähnlichem Ausmaß aktiv. Darüber hinaus ist es möglich, dass das Ergebnisbild eine »Aktivierung« zeigt, obwohl die neuronale Aktivität in der angezeigten Region abnimmt, dann nämlich, wenn es in der Ruhebedingung noch stärker abnimmt.
Es kann auch vorkommen, dass das Ergebnisbild einen extrem »heißen Punkt« (hot spot) anzeigt, der mit höchster Signifikanz die Ruhebedingung von der mentalen Aktivität unterscheidet. Das muss aber nicht bedeuten, dass der Unterschied in der tatsächlichen Aktivierung besonders groß ist – es kann auch sein, dass der Befund bei allen Probanden sehr stabil war. Denn das Ergebnisbild ist – wie gesagt – ein statistisches Bild und kein Abbild der tatsächlichen Gehirnaktivierung oder -durchblutung.
Zu guter Letzt werden die Ergebnisbilder häufig nur in ihrer Projektion auf einzelne anatomisch dargestellte Schnittebenen des Gehirns dargestellt. Die adäquatere Darstellung des Gesamtergebnisses im sogenannten glass brain, die sämtliche Ergebnisse des Experiments offenbart, wird unter Verweis auf die fehlende Anschaulichkeit für den ungeübten Betrachter weggelassen. Auch hier gerät die Illustration oft zur Verschleierung. Denn das Ergebnisbild im glass brain offenbart nicht selten ein viel komplexeres und schwerer zu interpretierendes Befundbild als die Betrachtung einer einzelnen Scheibe.
Ein Problem bei der funktionellen Bildgebung ist auch die Frage nach der Wiederholbarkeit der Ergebnisse; vor allem dann, wenn höhere mentale Leistungen Gegenstand der Untersuchung sind – Themen, die die Öffentlichkeit besonders interessieren: Bewusstsein, Glück, Emotion, Denken und Schuld. Da liefern ähnliche Experimente oft uneinheitliche oder sogar widersprüchliche Ergebnisse. Es bleibt ein Rätsel, wieso eine eigentlich selbstverständliche, solide berechnete und dokumentierte Wiederholbarkeit für solche Studien nicht längst zur Bedingung gemacht wird.
All diese Schwierigkeiten sind in wissenschaftlichen Kreisen wohlbekannt. Sie schmälern auch nicht das Potenzial und die Möglichkeiten, die die verschiedenen Methoden der bildgebenden Hirnforschung heute schon bieten und nach fortlaufender methodischer Verbesserung in Zukunft noch bieten werden. Doch vor dem Versprechen, das Rätsel des menschlichen Geistes könne durch die Neurowissenschaft gelöst werden, sei gewarnt. Bei genauer Betrachtung ist die Neurobiologie weit davon entfernt, die Komplexität von Lebensphänomenen wie Bewusstsein, Freiheit, Liebe oder Glück aufzulösen. Viele Arbeiten, die sich solchen Phänomenen der höchsten mentalen Eigenschaften von Lebewesen zuwenden, können dies nur tun, indem sie das untersuchte Phänomen auf Teilaspekte reduzieren, etwa indem meditative Erlebnisse mit Religiosität oder das Betrachten von Bildern eines geliebten Menschen mit romantischer Liebe gleichgesetzt werden.
Der Neurowissenschaft droht ähnlicher Spott wie einst der Phrenologie
Es bedarf größerer theoretischer Anstrengungen, die zahlreichen empirischen Befunde der bildgebenden Hirnforschung in eine umfassende und zeitgemäße Theorie des Geistes einzubinden. Außerdem müssen die Geisteswissenschaften bei Begriffsbildung und Interpretation von neurowissenschaftlichen Befunden miteinbezogen werden. Gerade die Neurowissenschaft als empirisch-naturwissenschaftlich geprägte Disziplin sollte immer wieder an ihre eigenen Einschränkungen erinnern. Sonst tritt an die Stelle von solider Interpretation der Ergebnisse komplexer neurowissenschaftlicher Experimente eine Hirndeutung, die aus bunten Scannerbildern wie aus den Klecksen eines Rorschachtests liest.
Solchen Auswüchsen muss die forschende Neurowissenschaft entgegentreten – will sie nicht in 50 Jahren ähnlich verspottet werden wie heute die Phrenologie des 19. Jahrhunderts.
Der Autor ist Leiter der Sektion Experimentelle Neuropsychiatrie und Sprecher des Süddeutschen Brain Imaging Centers an der Universitätsklinik Freiburg, Abteilung für Psychiatrie & Psychotherapie
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- Datum 21.8.2007 - 06:54 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 16.08.2007 Nr. 34
- Kommentare 8
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zuerst einmel vielen Dank für diesen gelungenen selbstkritischen Artikel. Als angehender Chemiker, zu deren täglicher Arbeit der Umgang mit Magnetresonanzspektroskopie gehört, war und bin ich weiterhin fasziniert von den Möglichkeiten, die durch funktionelle MRT und PET eröffnet werden. Um so mehr hat es mich also überrascht, bei genauerer Betrachtung der Methoden die Probleme zu entdecken, die eine statistische Auswertung, wie sie im Artikel beschrieben wurden, überhaupt erst notwendig machen:
Schon bei der spektroskopischen Untersuchung von Molekülen können gute Ergebnisse nur mit enorm starken Magnetfeldern und einer Messzeit von mehreren Minuten bis hin zu Tagen erreicht werden. Auch wenn die Anforderungen, die an einen Tomographen gestellt werden, anders gelagert sein mögen als in der chemischen Forschung, so ist die Methode dennoch bereits von der Konzeption her problematisch.
Zum einen gibt es technische Beschränkungen, da die magnetische Feldstärke - der ausschlaggebende Faktor für die Auflösung des Bildes - nur unter größten (finanziellen) Anstrengungen weiter erhöht werden kann.
Und selbst wenn man die weltweit seltenen Hochfeld-Magnetresonanztomographen in die Forschung einbeziehen wollte, können diese prinzipiell keine dreidimensionalen Aufnahmen durchführen, da die Methode nur die Auflösung von zwei Ortskoordinaten gleichzeitig zuläßt. Die viel zitierte "dreidimensionale Darstellung" ist also nach wie vor nur durch Zusammenfügen mehrerer Schnittbilder möglich.
Das weitaus größere Problem liegt jedoch in der Schnelligkeit unseres Geistes. Mit den angesprochenen technischen Einschränkungen dauert jedes Experiment mindestens einige Minuten, da eine Vielzahl von Schnittbildern gemessen werden müssen. Doch welche Person kann den exakt gleichen Denkprozess über mehrere Minuten hinweg aufrecht erhalten? Was bei einfachen motorischen Übungen wie dem öffnen und schließen der Hand noch funktionieren mag, wird schon bei der ständigen Repetition einer mathematischen Aufgabe schwierig. Wie erst soll man bestimmte Gefühle, die sich aus den geweckten Erinnerungen beim Betrachten einer geliebten Person ergeben, über einen so langen Zeitraum konservieren?
All diese Probleme lassen an die Entwicklung von der Malerei zur Fotografie und den Beginn des modernen Films erinnern. Wie viele Stunden mußte der Sonnenkönig seinen Hofkünstlern Modell stehen um derart übertrieben aus der Wäsche zu gucken? Sieht man nicht auch den alten Famillienfotos die Qual des minutenlangen Stillsitzens an? Und was für eine Sensation muß es gewesen sein, den ersten Geparden beim kraftvollen Spurt festzuhalten und später sogar das Flügelschlagen eines Kolibris aufzeichnen zu können. Wäre es nicht genau so möglich, mit einer neuen und verbesserten Methode auch die zeitliche Auflösung der Hirnaktivität zu verbessern? Möglicherweise bräuchte es hierfür einen komplett anderen Ansatz, wie etwa den Einsatz von direkt implantierten Mikro- oder Nanosonden, grundsätzlich abwegig scheint diese Vorstellung allerdings nicht zu sein.
Bislang sind solche Spekulationen allerdings noch weit von der neurowissenschaftlichen Realität entfernt. Doch dem gesamten Wissenschaftszweig nun ein so grausames Ende zu beschwören, wie es der Phrenologie (zurecht) widerfuhr, wäre übereilt. Erkenntnisse, die mit Hilfe einer unzureichenden Methode gewonnen wurden, können mit neuen oder verbesserten Methoden differenziert oder revidiert werden. Einzige Vorraussetzung hierfür ist das Wissen um die Unzulänglichkeit der eigenen Schlußfolgerungen. Vielleicht läßt sich ja eines Tages auch diese Erkenntnis - und die daraus folgende Scham - mit Hilfe der Neurowissenschaften entschlüsseln. Dann endlich könnte man auch herausfinden, warum man auf den meisten Partyschnappschüssen so aussieht, wie man sich am morgen danach fühlt.
... warum dieser artikel so dezent plaziert wird, obwohl er dem öden metzinger-interview (http://www.zeit.de/2007/3...), prominent plaziert, gewaltig das wasser abgräbt.
aber das hat mich schon in der druckausgabe unangenehm berührt -- während metzinger und konsorten sich gerne häufig und unwidersprochen in der zeit auslassen dürfen, musste diesem artikel unbedingt noch das metzinger-interview zur seite egstellt werden, um das ungleichgewicht der darstellung in der zeit zu erhalten ...
Man könnte ja mal versuchen mit denselben Methoden herauszufinden wie ein Computer funktioniert. Da man schon weiß wie ein Computer funktioniert ist es so möglich die Methode auf ihre Aussagekraft zu testen.
Gerne erklärt die Neurowissenschaft, sie könne das Geheimnis des menschlichen Bewußtseins prinzipiell lösen. Wie weit sie aber davon entfernt ist, wird erst klar, wenn man auch auf die philosophischen Fragen Rücksicht nimmt: wie kann beispielsweise in einer (möglicherweise rein ?) materiellen Welt so etwas wie ein immaterielles Bewußtsein überhaupt entstehen ? Und vor allem: was ist dies überhaupt ? Diese Fragen sind deshalb von Belang, weil zwei unterschiedliche Weltbilder davon abhängen: Materialismus oder Immaterialismus. Will heißen: Gibt es nur und ausschließlich das, was wir als Materie wahrnehmen ? Oder gibt es nicht vielmehr auch Dinge, die nicht materiell sind ?
An diesen Fragen hängt auch ferner die Frage, ob es zum Beispiel eine immaterielle Seele gibt, die den Tod überdauert.
Allerdings sprechen viele Belege dafür, dass der Materialismus keinesfalls der Weisheit letzter Schluß sein muss, sondern lediglich eine Annahme sein kann. Demnach ist es durchaus denkbar und - je nachdem, welchem Weltbild man sich anschließen möchte - sogar wahrscheinlich, dass es auch immaterielle Dinge gibt. In Anlehnung an Platon ist es nicht abwegig, dass die Seele etwas Immaterielles ist - und somit den biologischen Tod überdauert. Wem solche Fragen zu spekulativ erscheinen, dem sei gesagt, dass es gleich ein paar Dinge auf dieser Welt gibt, die zu Spekulationen Anlaß geben: das Bewußtsein, der Urknall, der Grund allen Seins, die Unendlichkeit.> Hier zum Artikel.
Lesen Sie auch: > Überzogene Ansprüche der Naturwissenschaften
> Wo steckt Gott ? - Theologie, Philosophie und Wissenschaft
> Was ist das Bewußtsein ? Gibt es eine Seele ?
http://theolounge.wordpre...
Zunächst vielen Dank für den gelungenen Artikel.
In einem Punkt möchte ich jedoch widersprechen bzw. mehr Differenzierung einfordern: Es sind nicht "die Neurowissenschaftler", die permanent in lächerlichen Studien versuchen neuronale Korrelate von Religosität und dergleich mehr zu finden, es sind in erster Linie die Neuropsychologen und teils auch die Psychiater (Kandel), nicht jedoch die Neurobiologen, die ohnehin fast ausschließlich am Tiermodell arbeiten.
Da ist der Verweis auf die versuchte Herstellung einer Verbindung zwischen fMRT-Ergebnissen und Freudscher Theorie ganz richtig, wobei es natürlich auch nicht unberechtigt wäre den Psychologen auch das noch zur Last zu legen: Freud war zu keinem Zeitpunkt Persönlichkeitspsychologe oder gar Entwicklungspsychologe (siehe z.B. Danziger 1999). Ähnlich wie die Psychologie in diesem Fall versucht hat durch Usurpation eines nicht anderweitig beanspruchten Wissenschaftsbereichen zu Legitimität zu gelangen versucht sie es nun seit geraumer Zeit (auf zum großen Teil dilettantische Weise, nennenswerte Ausnahme vll. die Untersuchung von Learning & Memory) eben mit den Neurowissenschaftlern. Ich hoffe, dass "die Psychologen" in absehbarer Zeit von den seriöseren Fachtagungen ausgeschlossen werden.
Irgendwie erinnern die "wissenschaftlichen" Erkenntnisse der Tomografie an die "wissenschaftlichen" Erkenntnisse der technischen Aktienanalyse. Es wird gerechnet und gerechnet, Auswertungen über Auswertungen analysiert und bewertet. Doch wehe, jemand kommt und pikst leicht in den hochwissenschaftlichen Luftballon.
Einerseits sind die Studien auf lächerlich kleine Untersuchungsgruppen beschränkt. Andererseits stehen und fallen die Untersuchungen mit den verwendeten statistischen Methoden.
Ein Vorschlag, der schon in ähnlicher Form die Börsengurus entlarvt haben soll:
Man erstelle einige Gehirnscans mittels Zufallszahlen und warte die Interpretationen der sogenannten Wissenschaftler ab.
Frage a) Können sie mit hinreichender Genauigkeit die künstlichen Gehirnscans herausfiltern?
Frage b) Was interpretieren sie in die künstlichen Gehirnscans hinein?
Das Ergebnis würde sicher für sehr viel Belustigung im Publikum sorgen.
Doch die Wahrscheinlichkeit, daß eine solche Blindverkostung von Untersuchungsergebnissen jemals stattfindet ist eher gering. Die Gründe:
1. Die Geräte waren teuer und die Wissenschaftler sind zum Erfolg verdammt
2. Jahre der Forschung verlangen Rechtfertigung. Wer gibt gerne zu, die produktiven Jahre seines Schaffens und seiner Mitarbeiter in einer Sackgasse verbracht zu haben.
3. Was alle tun, kann nicht falsch sein. Wie hat ein hochrangiger Bankmanager kürzlich das Versagen seines Institutes bei der Bewertung der wertlosen Kreditverbriefungen kommentiert: "Das haben doch alle so gemacht."
Auch vielen Wissenschaftlern dürfte klar sein, daß ihre Arbeiten einer seriösen Überprüfung nicht standhalten. Zum Professor der Medizin wird selten berufen wer zum Denken zu blöd ist. Aber für die geliebten Forschungsgelder ist kein Argument zu schade, wenn ein Wissenschaftler sein Steckenpferd zum Edelhengst herausputzen will.
Ich muss dem Autoren im Großen und Ganzen recht geben. Gerade in den Anfängen des Neuroimagings wurde doch die Methode arg blindwütig ausgeschlachtet. Da werden im Scanner Markenschokoriegel und Nicht-Markenschokoriegel gezeigt, die Aktivierungen voneinander abgezogen und in der Bild-Zeitung prangert das fMRT-Bild mit der Überschrift "Ein Gehirn im Kaufrausch" (leider kein Scherz). Naja. Aber der erste Hype hat sich längst gelegt und den meisten (nicht allen) Wissenschaftlern ist klar, dass das bunte Bilder allein nicht das saubere Experimentieren ersetzen. Namhafte Wissenschaftsjournals lassen sich jedenfalls nicht bloß durch "rote Flecken" zum Publizieren einer Forschungsarbeit bewegen, so meine Erfahrung.
Das saubere Experimentieren ist nach meiner Meinung auch der Schutz vor einer so globalen Kritik, wie sie vom Autoren geäußert wird. Das beinhaltet u.a. auch, dass man klar macht, was man eigentlich zu messen glaubt. Und dann wird z.B. das Konstrukt "Liebe" durch die Darbietung von Fotos mit Liebespaaren operationalisiert. Solange dieser Schritt nachvollziehbar ist, ist es wissenschaftlich vollkommen in Ordnung. Niemand würde behaupten, dass hier gerade die Liebe an sich in all ihren Facetten untersucht wird und ein Wissenschaftler würde hier auch keine übertriebenen Schlüsse draus ziehen.
Das Problem entsteht meiner Ansicht nach beim Transfer vom wissenschaftlichen Journal in die Tagespresse: jetzt muss der Befund vereinfacht werden, Details müssen ausgelassen werden, Grauschattierung sind zu schwierig, schwarz-weiß muss die Aussage sein. Gerade die schönen Bilder, die beim Neuroimaging entstehen, täuschen vor, wissenschaftliche Ergebnisse leicht vermitteln zu können. Aber diese roten Flecken müssen höchst sorgfältig vor dem Hintergrund des jeweiligen Experimentes interpretiert werden. Jeder, der dies wissenschaftlich tut, wird einen kleinen, manchmal sehr kleinen Erkenntnisgewinn daraus ziehen (und sei es den, dass hier schlecht geforscht wurde). Jeder, der sich einfach nur das Bild und die für die Allgemeinbevölkerung weichgekochte Aussage in der Tagespresse anschaut, wird dazu verleitet viel zu große Schlüsse viel zu früh zu ziehen. Kein Wunder ist es dann, wenn ein Jahr später behauptet werden muss, dass es eigentlich ganz anders ist.
@querzahnmolch: ich hätte gerne gewusst, woher Ihre Vorbehalte gegenüber "den Psychologen" stammen. In meinem wissenschaftlichen Umfeld sind es vor allem die Psychologen, die besser als die meisten anderen Neurowissenschaftler (Mediziner, Physiker, Biologen...) geschult sind, ein Experiment durchzuführen, Konstrukte zu explizieren, sinnvolle und korrekte (!) Statistiken zu berechnen und auch zu relativieren, was man nun in den Ergebnissen sehen kann und was nicht. Ihre Reduzierung der Psychologie auf Freud ist etwas zu spät. So ca. 50 Jahre. Tiermodelle haben auch ihre Funktion und sind sicherlich sehr wertvoll. Aber Sie klingen ja gerade so, als ob sie damit die Hirnforschung komplett im Griff haben.
These 1: Der Kopf des Menschen ist für den Körper da, nicht umgekehrt. Man kann beide Beine und beide Arme einem Menschen abnehmen und er kann weiterleben, aber nicht den Kopf.
These 2: Die Medizin behandelt primär nur pathologische Fälle. Das Gehirn eines Gesunden zu analysieren war in den vergangenen Jahrhunderten nicht üblich und auch nicht möglich. Der Beginn eines Unternehmens, wie es die Neurologie versucht, ist als gigantisch zu bezeichnen im Vergleich zu den Diagnose- und Therapieverfahren für die anderen Körperbereiche und Organe.
These 3: Die verwendeten Begriffe der Umgangssprache, der traditionellen Psychologie, der Philosophie und weiterer Geistes- und Naturwissenschaften kleben noch stark an dem Dualismus von Descartes und den geistigen Beschreibungen der damals herrschenden Klasse. Es erscheint schlichtweg unmöglich, die Macht der bestehenden "geistigen bzw. geistlichen Literatur und Alltagssprache" durch die bisher erarbeiteten Erkenntnisse der Neurologen zu relativieren.
These 4: Als erste haben verschiedene Neurologen eine - zunächst - grobe Nomenklatur der Gehirnbestandteile erarbeitet, die den Einstieg in ein Systemdenken hinsichtlich des Modells Mensch andeuten.
Ergebnis: Es bleibt noch sehr viel Arbeit, um eine unvoreingenommene, wertfreie Einstellung zu der gewaltigen Arbeit der Neurologie zu erhalten.
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