DIE ZEIT: Herr Metzinger, gibt es jenseits vom Flackern der Neuronen eine menschliche Seele, einen göttlichen Funken?

Thomas Metzinger: Wer weiß das schon so genau? Doch wir brauchen diese Begriffe nicht, um Hypothesen über das Bewusstsein zu formulieren, menschliches Verhalten oder psychiatrische Erkrankungen zu erklären. Ich sage sogar: Es gibt nicht nur keine Seele, es gibt überhaupt kein substanzielles Selbst.

ZEIT: Das würden sicher die meisten Menschen bestreiten. Haben Sie einmal Ihre Sekretärin im philosophischen Institut befragt, was sie dazu meint?

Metzinger: Ich bräuchte dringend eine. Keine Seele, kein Selbst – und dann auch noch keine Sekretärin! Aber gut, was ist mit Identität und Authentizität der Person? Logisch möglich ist die Existenz einer nichtphysischen Substanz immer. Die Ergebnisse der empirischen Forschung deuten aber stark darauf hin, dass es im klassischen philosophischen Sinn keine Seele gibt, die ohne den Körper existieren könnte, auch keinen essenziellen Ich-Kern.

ZEIT: Sie negieren damit ein seit Jahrhunderten gültiges Menschenbild.

Metzinger: Höchstens eines von vielen. Ich habe eine spekulative Hypothese: Zahlreiche alte Kulturen haben eine sinnliche Vorstellung der Seele als einer räumlichen, ätherartigen Gestalt. Diese archetypische Idee beruht möglicherweise auf einer sogenannten out-of-body experience, dem subjektiven Erlebnis, dem eigenen Körper zu entschweben und ihn von außen zu sehen. Das ist ein bekanntes neuropsychologisches Phänomen bei schweren Unfällen, Nahtoderfahrungen, Epilepsien, auch bei Meditierenden, Mystikern und Heiligen. Ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung hat im Leben spontan so ein Erlebnis. Der mythische Begriff der Seele könnte aus diesen Erfahrungen entstanden sein, die frühen Menschen mussten sich das erklären. So ist der Seelenglaube in unsere geistige Tradition gelangt.

ZEIT: Trotzdem gehen die Philosophen und Theologen davon aus, dass der geistige Kern einer Person nicht nur durch elektrische Impulse und biochemische Prozesse im Gehirn zu erklären ist.

Metzinger: »Die Philosophen« gibt es nicht. Viele würden mir zustimmen, dass Personalität etwas ist, das in Gesellschaften durch wechselseitige Anerkennungsbeziehungen zwischen rationalen Individuen konstituiert wird. Personen gibt es nicht einfach so, genauso wenig wie »den Geist«. Die Theologen greifen zu verschiedenen Tricks, etwa: »Wir haben nie behauptet, der Mensch habe eine unsterbliche Seele. Das Wunder besteht darin, dass Gott bei der Wiederauferstehung Leib und Seele neu erschafft.« Oft treten die vorsätzliche Irrationalität und die intellektuelle Unredlichkeit noch deutlicher zutage. Für Wahrhaftigkeit braucht man starke Nerven. Thomas Metzinger lehrt Philosophie an der Universität Mainz. Der 49-Jährige ist der Meinung, dass angesichts der Möglichkeiten der Neurowissenschaften, Geist und Bewusstsein zu beeinflussen, die Entwicklung einer "Neuroethik" nötig ist

ZEIT: Sie sagen also, das Bewusstsein sei nicht im Gehirn, sondern in der Gesellschaft?

Metzinger: Nein. Man muss unterscheiden. Phänomenale Zustände, die Erlebnisse selbst, basieren auf neuronalen Mustern, dynamisch aktiven Nervennetzen. Der Charakter des subjektiven Erlebens bleibt gleich, egal ob man etwas tatsächlich wahrnimmt oder nur eine Halluzination hat. Diese Nervenmuster könnte man künstlich anschalten und etwa durch eine technische Intervention die Erfahrung einer Orange erzeugen. Doch ob dieser Zustand auch Wissen ist, sich auf die wirkliche Welt bezieht, hängt von sozialen und äußeren Umständen ab. Externe Faktoren in Umwelt und Gesellschaft entscheiden, ob er als Halluzination, Krankheit, als Weisheit oder Heiligkeit gilt. Dennoch, das bewusste, subjektive Erleben dieser Inhalte kann man vielleicht wirklich allein durch neuronale Funktionen erklären.

ZEIT: Das glaubt Ihnen in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen aber kaum jemand, oder?

Metzinger: Die Zusammenarbeit zwischen Philosophie und Hirnforschung klappt immer besser. Sie müssten die herausragenden jungen Leute bei der European Platform for Mind Sciences in der Volkswagen-Stiftung sehen – das ist eine ganz neue Forschergeneration. Die machen mir Mut. Aber Sie haben recht, es gibt seit Jahren einen Wettkampf darum, wer den menschlichen Geist erklären darf – die Neurowissenschaftler, die Kognitionsforscher oder die Psychologen.

ZEIT: Wer wird als Sieger hervorgehen?

Metzinger: Im Moment liegen die Neuroforscher klar vorn. Aber auch die werden Schwierigkeiten bekommen – möglicherweise bei der mathematischen Modellierung. Das Gehirn ist ein sehr komplexes System, die übergreifende Theorie fehlt uns noch. Aber wir haben eine enorme Menge von Daten, die ständig anwächst. Es wäre lächerlich, den Erkenntnisfortschritt zu bagatellisieren. Und ich bin Philosoph, mir geht es ums Prinzip. Die Stunde der Philosophie des Geistes kommt noch.

ZEIT: Wie kann die Vorstellung des Ichs denn überhaupt in unserem Kopf entstehen, wenn es, wie Sie sagen, ein solches Selbst gar nicht gibt?