Hirnforschung

Der Riss im Selbstmodell

Der Mensch hat keine Seele – er hat nicht einmal ein substanzielles Selbst, sagt der Philosoph Thomas Metzinger. Ein Gespräch über die aktuelle Neuroforschung

DIE ZEIT: Herr Metzinger, gibt es jenseits vom Flackern der Neuronen eine menschliche Seele, einen göttlichen Funken?

Thomas Metzinger: Wer weiß das schon so genau? Doch wir brauchen diese Begriffe nicht, um Hypothesen über das Bewusstsein zu formulieren, menschliches Verhalten oder psychiatrische Erkrankungen zu erklären. Ich sage sogar: Es gibt nicht nur keine Seele, es gibt überhaupt kein substanzielles Selbst.

ZEIT: Das würden sicher die meisten Menschen bestreiten. Haben Sie einmal Ihre Sekretärin im philosophischen Institut befragt, was sie dazu meint?

Metzinger: Ich bräuchte dringend eine. Keine Seele, kein Selbst – und dann auch noch keine Sekretärin! Aber gut, was ist mit Identität und Authentizität der Person? Logisch möglich ist die Existenz einer nichtphysischen Substanz immer. Die Ergebnisse der empirischen Forschung deuten aber stark darauf hin, dass es im klassischen philosophischen Sinn keine Seele gibt, die ohne den Körper existieren könnte, auch keinen essenziellen Ich-Kern.

ZEIT: Sie negieren damit ein seit Jahrhunderten gültiges Menschenbild.

Metzinger: Höchstens eines von vielen. Ich habe eine spekulative Hypothese: Zahlreiche alte Kulturen haben eine sinnliche Vorstellung der Seele als einer räumlichen, ätherartigen Gestalt. Diese archetypische Idee beruht möglicherweise auf einer sogenannten out-of-body experience, dem subjektiven Erlebnis, dem eigenen Körper zu entschweben und ihn von außen zu sehen. Das ist ein bekanntes neuropsychologisches Phänomen bei schweren Unfällen, Nahtoderfahrungen, Epilepsien, auch bei Meditierenden, Mystikern und Heiligen. Ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung hat im Leben spontan so ein Erlebnis. Der mythische Begriff der Seele könnte aus diesen Erfahrungen entstanden sein, die frühen Menschen mussten sich das erklären. So ist der Seelenglaube in unsere geistige Tradition gelangt.

ZEIT: Trotzdem gehen die Philosophen und Theologen davon aus, dass der geistige Kern einer Person nicht nur durch elektrische Impulse und biochemische Prozesse im Gehirn zu erklären ist.

Metzinger: »Die Philosophen« gibt es nicht. Viele würden mir zustimmen, dass Personalität etwas ist, das in Gesellschaften durch wechselseitige Anerkennungsbeziehungen zwischen rationalen Individuen konstituiert wird. Personen gibt es nicht einfach so, genauso wenig wie »den Geist«. Die Theologen greifen zu verschiedenen Tricks, etwa: »Wir haben nie behauptet, der Mensch habe eine unsterbliche Seele. Das Wunder besteht darin, dass Gott bei der Wiederauferstehung Leib und Seele neu erschafft.« Oft treten die vorsätzliche Irrationalität und die intellektuelle Unredlichkeit noch deutlicher zutage. Für Wahrhaftigkeit braucht man starke Nerven.

ZEIT: Sie sagen also, das Bewusstsein sei nicht im Gehirn, sondern in der Gesellschaft?

Metzinger: Nein. Man muss unterscheiden. Phänomenale Zustände, die Erlebnisse selbst, basieren auf neuronalen Mustern, dynamisch aktiven Nervennetzen. Der Charakter des subjektiven Erlebens bleibt gleich, egal ob man etwas tatsächlich wahrnimmt oder nur eine Halluzination hat. Diese Nervenmuster könnte man künstlich anschalten und etwa durch eine technische Intervention die Erfahrung einer Orange erzeugen. Doch ob dieser Zustand auch Wissen ist, sich auf die wirkliche Welt bezieht, hängt von sozialen und äußeren Umständen ab. Externe Faktoren in Umwelt und Gesellschaft entscheiden, ob er als Halluzination, Krankheit, als Weisheit oder Heiligkeit gilt. Dennoch, das bewusste, subjektive Erleben dieser Inhalte kann man vielleicht wirklich allein durch neuronale Funktionen erklären.

ZEIT: Das glaubt Ihnen in den geisteswissenschaftlichen Disziplinen aber kaum jemand, oder?

Metzinger: Die Zusammenarbeit zwischen Philosophie und Hirnforschung klappt immer besser. Sie müssten die herausragenden jungen Leute bei der European Platform for Mind Sciences in der Volkswagen-Stiftung sehen – das ist eine ganz neue Forschergeneration. Die machen mir Mut. Aber Sie haben recht, es gibt seit Jahren einen Wettkampf darum, wer den menschlichen Geist erklären darf – die Neurowissenschaftler, die Kognitionsforscher oder die Psychologen.

ZEIT: Wer wird als Sieger hervorgehen?

Metzinger: Im Moment liegen die Neuroforscher klar vorn. Aber auch die werden Schwierigkeiten bekommen – möglicherweise bei der mathematischen Modellierung. Das Gehirn ist ein sehr komplexes System, die übergreifende Theorie fehlt uns noch. Aber wir haben eine enorme Menge von Daten, die ständig anwächst. Es wäre lächerlich, den Erkenntnisfortschritt zu bagatellisieren. Und ich bin Philosoph, mir geht es ums Prinzip. Die Stunde der Philosophie des Geistes kommt noch.

ZEIT: Wie kann die Vorstellung des Ichs denn überhaupt in unserem Kopf entstehen, wenn es, wie Sie sagen, ein solches Selbst gar nicht gibt?

Metzinger: Was wir heute noch das »Selbst« nennen, ist kein Ding, sondern ein Prozess. Die meisten Menschen übersehen, dass man eine Identität nicht haben kann wie ein Fahrrad. Sie ist auch keine Eigenschaft wie die Augenfarbe. Höchstens ist sie eine Beziehung, die jeder Mensch zu sich selbst hat. Wir finden aber nichts im Gehirn oder im Geist, was sich durch die Zeit hindurch hält und die Selbigkeit der Person garantiert, ihr Stabilität gibt und deswegen als Kern der Person gelten könnte. Der Philosoph Wittgenstein hat gesagt, dass die Stärke des Fadens nicht darin liegt, dass eine Faser durch die ganze Länge läuft, sondern darin, dass viele Fasern ineinandergreifen. Der Faden kann sehr bunt sein – und trotzdem stabil.

ZEIT: Dennoch, jeder Mensch empfindet sich als ein authentisches Wesen, das auch über Jahrzehnte hinweg dieselbe Person ist.

Metzinger: Ja, ich nenne das ein phänomenales Selbstmodell. Es gibt eine Struktur im Gehirn, in der sich der Körper repräsentiert findet, die Emotionen und auch der Geist. Unser Ziel ist, diese neurofunktionale Architektur aufzuspüren, ein minimales neuronales Korrelat, das hinreichend ist, damit ein vorsprachliches Ich-Gefühl entsteht, damit jemand das Erlebnis hat, dass er selbst rot sieht oder Vanille schmeckt. Ein solches Korrelat kann man nicht nur für das vorbegriffliche Selbstbewusstsein finden, sondern im Prinzip auch für jeden einzelnen Bewusstseinsinhalt und für das Erleben als Ganzes. Ich glaube, wir werden in den nächsten 20 bis 50 Jahren zumindest das globale Korrelat von Bewusstsein im Hirn ganz gut eingrenzen können.

ZEIT: Könnte dieses Wissen nicht auch gefährlich sein?

Metzinger: Wenn wir das neuronale Korrelat des Bewusstseins kennen und ein mathematisches Modell haben, das erklärt, wie Information darin fließt und verarbeitet wird, dann können wir auch Bewusstseinsinhalte direkt modulieren, sie hemmen, verstärken, optimieren. In den nächsten 200 Jahren werden Teile der Neurotechnologie fließend in Bewusstseinstechnologie übergehen.

ZEIT: Aber es will doch wohl niemand sein Bewusstsein von anderen kontrollieren lassen.

Metzinger: Da bin ich nicht so sicher. Mächtige, höchst effektive Bewusstseinstechnologien kennen wir schon – adaptive Realitätsmodelle, die sich durch ganze Populationen propagieren und soziales Mikroverhalten durch eine Makrodynamik versklaven: Ideologien, den Glauben, metaphysische Placebos aller Art. Der Faschismus hatte den Charakter einer religiösen Erweckungsbewegung, auch den Stalinismus kann man als politische Religion verstehen.

ZEIT: Die Folgen waren schrecklich genug. Was haben wir von der Neuroforschung zu erwarten?

Metzinger: Die medizinische Neurotechnologie steht erst an ihrem Anfang. Aber ihre Werkzeuge werden besser. Wir erleben gerade den Übergang von neurologischen zu psychiatrischen Erkrankungen, sehen Erfolge bei der Tiefenhirnstimulation für Kranke mit schweren Zwangsgedanken und unheilbarer Depression. Neurotechnologie wird aber erst zur Bewusstseinstechnologie, wenn sie beginnt, phänomenale Realitätsmodelle, also Bewusstseinsinhalte als solche, vorsätzlich und selektiv zu verändern oder zu erzeugen.

ZEIT: Die Cyber-Seele im Second Life 2.0?

Metzinger: In Second Life war ich nur einmal – ich gehe doch lieber im Wald spazieren…

ZEIT: Also wird es keinen virtuellen Metzinger geben?

Metzinger: Auch das Selbstmodell in Ihrem Gehirn ist jetzt schon rein virtuell. Der interessante Punkt ist gerade, dass Sie es nicht als Modell erleben können, sozusagen naiv-realistisch an seinem Inhalt kleben. Stellen Sie sich vor, wir entwickeln eine Bewusstseinstechnologie, durch die Sie sich erlebnismäßig mit ihrer Second-Life-Figur identifizieren können. Ein Exodus des Menschen aus der Realität in die Virtualität ist keine ganz neue Idee. Die philosophische Frage wäre: Wer oder was ist es überhaupt, das da auswandert?

ZEIT: Wenn Sie den Menschen die Seele nehmen, nehmen Sie ihnen auch jede Hoffnung auf etwas nach dem Tod. Wie soll man damit umgehen?

Metzinger: Ich habe nichts zu verkünden. Aber wenn wir in einer Kultur der Verleugnung den Erkenntnisfortschritt verdrängen, taucht das tabuisierte Wissen wie ein Dämon aus dem Unbewussten in der Lebenswelt wieder auf – in Form neuer Technologien. Unser christlich-humanistisch geprägtes Verständnis vom Menschen verändert sich nicht nur durch theoretische Erkenntnisse, sondern ebenso durch das Auftreten dieser Technologien. Die Frage ist: Welche Konsequenzen wird eine naturalistische Wende im Menschenbild haben? Wie groß sind die psychosozialen Folgekosten?

ZEIT: Haben Sie einen Vorschlag?

Metzinger: Ein guter Ausgangspunkt könnte die Idee eines »evolutionären Humanismus« sein. Allerdings ist die Evolution nichts, was man glorifizieren könnte: ein zufallsgetriebener, zielloser Prozess, der Millionen unserer Vorfahren geopfert und unendlich viel bewusstes Leid in die Welt gebracht hat und der keine Gnade kennt. Außerdem geht es nicht nur um uns Menschen, sondern um die Gesamtheit bewusster und leidensfähiger Wesen.

ZEIT: Im Moment scheint es in der Welt nicht sehr gut bestellt zu sein für solche humanistischen Werte.

Metzinger: Ich bin im Grunde stockkonservativ. Wir müssen die Werte der Aufklärung verteidigen. Ich sehe eine Gefahr der Flucht in den Fundamentalismus. Die naturalistische Wende könnte eine Welle der Desäkularisierung, der Gegenaufklärung antreiben. Amerika haben wir schon verloren, ich denke, das ist eigentlich kein westliches Land mehr. Als ich in China einen Vortrag über Neuroethik und Bewusstseinskultur gehalten habe, hat man mich dagegen ausgelacht: »Junge, das ist ein Problem, das nur ihr im Westen habt. Ihr hattet damals schon Theater mit Darwin und der Kirche – wir fanden es einfach interessant, dass wir von Affen abstammen.« Dort gibt es anscheinend keinen kulturellen Widerstand gegen ein neurowissenschaftliches Menschenbild.

ZEIT: Konservative Kritiker warnen davor, dass sämtliche Werte den Bach runtergehen, wenn sich ein solches Menschenbild durchsetzt.

Metzinger: Möglich wäre auch, dass die Gesellschaft in einen vulgären Materialismus abdriftet. Wenn die Leute sagen: Das ist ein kaltes, leeres Universum, wir sind eine bessere Art von Bioautomaten, Ego-Maschinen ohne Willensfreiheit, die aus der Evolution entstanden sind. Wir haben keine Seele, sondern Selbstmodelle, und es wird im Jenseits keine Belohnung für gute schauspielerische Leistungen geben. Da könnte sich, lange bevor die wissenschaftlichen und philosophischen Fragen überhaupt geklärt sind, ein primitiver Hedonismus ausbreiten, der zu einer Entsolidarisierung führt. Das klassische Stichwort lautet »soziale Bindekräfte«.

ZEIT: Wie kann man mit der Vorstellung zurechtkommen, ins Universum geworfen zu sein?

Metzinger: Es ist nicht einfach, damit zu leben. Ich frage mich aber, ob es einen dritten Weg gibt, vielleicht eine radikal individualistische, jenseits vom reaktionären Irrationalismus der organisierten Religion liegende Spiritualität, die dezidiert nichts glaubt und für empirische Erkenntnisse offen ist, die aber weiß, dass es Dinge gibt, über die wir aus prinzipiellen Gründen nicht reden können. Es geht darum, eine gewisse Qualität der Offenheit nicht zu verlieren. Wir stehen noch immer vor einem riesigen Ozean von Nichtwissen – vielleicht werden wir nach dem Durchmarsch der Neurowissenschaft Antworten finden, für die wir jetzt nicht einmal die Fragen formulieren können.

ZEIT: Können wir uns von der Evolution emanzipieren?

Metzinger: Wir haben als einzige Spezies der Natur ein eingebautes Problem. Erstens hat unser bewusstes Selbstmodell einen räumlich kodierten Teil, das Körperbild, und einen »außersinnlichen«, das Denken. Darum sind wir intuitive Dualisten. Zweitens beherrscht uns ein tief in unser Selbstmodell eingebrannter biologischer Imperativ: Du darfst nicht sterben, du musst überleben. Und drittens haben wir bewusste Gedanken, und der präfrontale Kortex, unser kognitives Selbstmodell, sagt uns: Der größte anzunehmende Unfall, der wird kommen, auch für dich. Das ist der existenzielle Riss im Selbstmodell. Niemand von uns ist gefragt worden, ob er existieren will, mit diesem Gehirn, mit dieser Form von Bewusstsein. Und am Ende werden wir auch nicht gefragt werden, ob wir bereit sind zu gehen. Wir sind die ersten Tiere, die das bewusst erleben.

ZEIT: Liegt in diesem Riss, wie sie ihn nennen, der Ursprung der Religion?

Metzinger: Einer der evolutionsgeschichtlichen Ursprünge der Religion könnte die Kompensation für diese neue Schicht im Selbstmodell sein, die uns emotional verletzt. Aber natürlich wäre, rein logisch gesehen, auch eine solche Erklärung kein Beweis dafür, dass Gott nicht existiert.

Die Fragen stellte Ulrich Bahnsen.

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Leser-Kommentare

    • 16.08.2007 um 10:53 Uhr
    • thogos

    Thomas Metzinger beweist in diesem Interview einmal mehr, weshalb er kaum in der Philosophie, aber umso mehr in den Neurowissenschaften als Gesprächspartner akzeptiert wird. So sind auch Neurowissenschaftler wie Wolf Singer daran interessiert, ihre empirischen Forschungsgegenstände zu vernachlässigen, um philosophische Erkenntnisse zu verkündigen. Das ist das gute Recht eines Hirnforschers, nur sollte er eben wissen, dass er die These, es gebe keinen freien Willen, nicht mehr naturwissenschaftlich begründen kann - die Behauptung, den Menschen auf biophysikalische Vorgänge reduzieren zu können, beruht auf weltanschaulichen, philosophischen Vorentscheidungen, die sich eben nicht mehr mit Mitteln der Neurowissenschft begründen lassen.
    Umgekehrt gibt es Philosophen wie T. Metzinger, die die empirischen Ergebnisse der Neurowissenschaften übernehmen, ohne diese tatsächlich einer philosophischen Reflexion zu unterziehen. Die neurowissenschaftliche Aussage: "Der Mensch ist nur Biologie" wird vielmehr dazu genutzt, eine Neuroethik zu fordern (was natürlich neue Forschungsgelder für T. Metzingers Lehrstuhl bereitstellen könnte...)
    Wollte Metzinger sich tatsächlich als Philosoph ausweisen, dann dürfte er nicht unkritisch die Ergebnisse eines Wolf Singers übernehmen, sondern er müsste das tun, was seit den Griechen die Hauptaufgabe der Philosophen ist: Er müsste Fragen stellen!
    Wenn z.B. die Behauptung aufgestellt wird, es gebe kein eigenes Selbst, dann müsste der Philosoph doch fragen: Wer stellt denn die Behauptung auf - wenn nicht ein Subjekt? An wen richtet sich dann die Behauptung überhaupt - wenn nicht an ein subjektives Selbst? Und warum stellen wir überhaupt Thesen auf (wobei der Begriff "wir" hier schon bedeutungslos wäre), wenn es doch keine Subjekte gibt, an die wir unsere Erkenntnisse weitergeben könnten?
    Wenn ferner behauptet wird, der freie Wille, sämtliche menschliche Gedanken seien allein das Produkt hirnphysiologischer Vorgänge, so soll nicht bestritten werden, dass der Geist natürlich eine materielle Grundlage hat. Aber zu fragen wäre doch, wie aus elektrischen und chemischen´, also materiellen Vorgängen der qualitative Sprung hin zu geistiger Wahrnehmung geschehen kann. Wie ergibt sich aus Materie das, was traditionell als Geist bezeichnet wird?
    Das sind nur zwei vielen weiteren einfachsten Fragen, die eigentlich Gegenstand philosophischer Proseminare sind. Doch nicht einmal auf diese simplen, aber für unseren subjektiven Selbstvollzug grundlegenden Fragen bekommen wir von Metzinger eine Antworten. Nein, er stellt noch nicht einmal die Fragen!
    Nun gut, wenn man eben zu sehr damit beschäftigt ist, gänzlich neue Forschungsgebiete wie die "Neuroethik" zu fordern und zu deren Realisierung frische Forschungsgelder auftreiben muss, dann hat man wohl auch keine Zeit mehr, etwas gründlicher über die Grundlagen nachzudenken.
    So müssen wir wohl doch einigen unserer hoch dotierten Berufsphilosophen zurufen: Si tacuisses, philosophus mansisses...

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    Ihr Kommentar:
    ...Wenn z.B. die Behauptung aufgestellt wird, es gebe kein eigenes Selbst, dann müsste der Philosoph doch fragen: Wer stellt denn die Behauptung auf - wenn nicht ein Subjekt? An wen richtet sich dann die Behauptung überhaupt - wenn nicht an ein subjektives Selbst?...

    Besonders gründlich scheinen Sie den Artikel nicht gelesen zu haben. Natürlich leugnet Metzinger, wie auch keiner der Hirnvermesser, dass es ein subjektives Empfinden gibt. Metzinger selbst hat da gar ein 600-Seiten Schmöker darüber verfasst. Er hat sich also ziemlich gründlich mit dieser Frage beschäftigt. Können Sie das auch von sich behaupten?

    Metzinger:
    ... Ja, ich nenne das ein phänomenales Selbstmodell. Es gibt eine Struktur im Gehirn, in der sich der Körper repräsentiert findet, die Emotionen und auch der Geist....

  1. Auch, wenn wir Herrn Metzinger bei uns einmal zum Thema Bewußtsein zitiert haben, scheint das, was er hier von sich gibt, doch ein recht subjektives Weltbild zu sein. Es geht wie der Epikurismus den wesentlichen Fragen einfach aus dem Weg und geht davon aus, dass der Materialismus wahr sei - also dass es nur die Materie gebe, sonst nichts. Das ist Ansichtssache - mehr aber leider auch nicht. Insofern diskutiert Herr Metzinger hier sein eigenes Denkmodell (ist ja logisch), das aber automatisch eine ganze Menge anderer Modelle ablehnt - ohne das sonderlich zu begründen.

    http://theolounge.wordpre...

  2. Offenbar weiss Herr Bahnsen nicht, wen er im Gespräch vor sich hat: Seine Fragen an Herrn Metzinger deuten darauf hin, dass er seinen Gesprächspartner als eine Art Prophet, Schamane oder fleischgewordenes Orakel von Delphi ansieht, dabei beweist schon der Text unter dem Bild von Herrn Metzinger, dass es sich bei ihm um ein gewöhnliches menschliches Individuum handelt, dass wie wir alle in Raum und Zeit existiert, nämlich jetzt gerade in Mainz lehrt. Höchst verwunderlich allerdings ist, was dieser "Philosoph" da lehrt: Während er zuerst auf die Frage der Seele mit einem bescheidenen Ignoramus, besser gesagt mit einem Zweifel beginnt ("Wer weiss das schon so genau ?"), wird er danach zum Sprachphilosophen ("Doch wir brauchen diese Begriffe nicht, um Hypothesen über das Bewusstsein zu formulieren) und er endet dann, kategorisch wie ein Politiker vom Range Catos: Ich sage sogar: Es gibt nicht nur keine Seele, es gibt überhaupt kein substanzielles Selbst." Ja, und hier ist er, der Prophetenton: Ich aber sage euch...., und wahrschenlich ist das der Grund, warum Herr Bahnsen ihn von nun an als Prophet behandelt. Und was wohl die Sekretärin von Herrn Metzinger sagen würde ? Sie würde vermutlich sagen: Das ist aber sehr schade für den guten Herrn Metzinger, dass er kein substanzielles Selbst hat...
    Wenn Herr Metzinger aufgrund seines bilogischen Materialismus sagt, es gibt kein substanzielles Selbst, dann gleicht er einem Schildbürger-Philosophen, der versucht, die Seele mit einem Mikroskop einzufangen - er schliesst ein Auge, betrachtet seinen winzigen Ausschnitt der Wirklichkeit, wo ihm zugestandenermassen die Seele nicht in das Blickfeld geraten kann, und dann verkündigt er, dass es da auch sonst nichts zu sehen gibt, ergo, dass keine Seele vorhanden ist. Quod erat demonstrandum.
    Was ist hierauf zu antworten ? Vielleicht dies: Wer wäre auch so dumm, zu glauben, dass es sich bei der Seele um ein gegenständlich-fixierbares Ding handelt ? Selbstverständlich ist die Seele transzendent, etwas zu Glaubendes, das aber beim Menschen durch den Körper hindurch erscheint, was Jeder bezeugen kann, der seine Freizeit nicht nur mit materialistischen Hirngespinsten (o wunderliches Paradox) verbringt, sondern der einmal gesehn hat, welch leiblich-seelische Flecken etwa die Schamesröte auf den Wangen eines Mädchens hinterlässt. Wir wünschen Herrn Metzinger, dass er sobald eine Seklretärin da ist, noch einmal dieser Erkenntnis teilhaftig werden wird ! Ansonsten zeigt das Gespräch einen Einblick in ein groteskes Denksystem: die Vermengung von Heiligen und Meditierenden mit Epileptikern zeugt nicht von einem philosophischen Scharfsinn, sondern von Science Fiction. Will MJetzinger uns weismachen, dass die Vorstellung einer Seele das Ergebnis von pathologischen Bewusstseintrübungen ist ? Wo sind eigentlich Vernunft und Wahrscheninlichkeit geblieben ? Und es kommt ja noch besser: Metzinger belehrt den Interviewer darüber, dass es "die Philosophen" nicht gibt - ja, das ist auch nicht schwer, das zu denken, denn wenn man schon glaubt, dass es keine Seele gibt, dann kann man auch glauben, dass es keine Philosophen gibt. Und wenn Metzinger eben noch behauptet hat, dass es keine Philosophen gibt, so widerspricht er sich schon im nächsten Satz, denn da heisst es (Viele gehen davon aus, dass...) Ja, was denn nun Herr Metzinger ? Und die Theologen greifen zu Tricks......Da unterstellt Metzinger einem ganzen Berufsstrand Unehrlichkeit, bloss um selber als der Gipfel der hartgestottenen Wahrhaftigkeit darzustehen. Und so geht es immer weiter....Nur an einer einzigen Stelle ähnelt Metzinger einem Philosophen: Da, wenn er sich wundert warum seine Theorie der Personhlosigkeit in Asien nicht auf Hemmungen trifft. Hier wundert er sich philosophisch über Selbstverständliches. Es hat ihm ja auch keiner sagen können, dass in einem kollektivistischen Termitenstaat die Negation von Personalität keine Furore machen muss......

    • 17.08.2007 um 22:20 Uhr
    • volz

    Ihr Kommentar:
    ...Wenn z.B. die Behauptung aufgestellt wird, es gebe kein eigenes Selbst, dann müsste der Philosoph doch fragen: Wer stellt denn die Behauptung auf - wenn nicht ein Subjekt? An wen richtet sich dann die Behauptung überhaupt - wenn nicht an ein subjektives Selbst?...

    Besonders gründlich scheinen Sie den Artikel nicht gelesen zu haben. Natürlich leugnet Metzinger, wie auch keiner der Hirnvermesser, dass es ein subjektives Empfinden gibt. Metzinger selbst hat da gar ein 600-Seiten Schmöker darüber verfasst. Er hat sich also ziemlich gründlich mit dieser Frage beschäftigt. Können Sie das auch von sich behaupten?

    Metzinger:
    ... Ja, ich nenne das ein phänomenales Selbstmodell. Es gibt eine Struktur im Gehirn, in der sich der Körper repräsentiert findet, die Emotionen und auch der Geist....

    Antwort auf "Si tacuisses..."
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    Wenn Metzinger sagt, dass sich im Rahmen des von ihm entworfenen "phänomenalen Selbstmodells" eine Struktur vorfindet, "in der sich der Körper repräsentiert findet, die Emotionen und auch der Geist", dann behauptet er damit doch implizit nichts weniger, als dass es die Erfahrung des Selbst und eben den Geist doch gibt.
    Umso erstaunlicher ist es folglich, wenn Metzinger im gleichen Interview behauptet, dass es gar kein "Selbst", also auch gar keinen Geist gebe. Sprachlich und logisch hebt Metzinger innerhalb weniger Sätze seine eigenen Aussagen wieder auf.
    Ich erspare mir daher, einen 600-Seiten-Schmöker eines
    Autors zu lesen, der bereits in einem kurzen, populärwissenschaftlichen Interview seine eigenen Aussagen ad absurdum führt. Die reduktionistischen, bereits in ihrem Denkansatz widersprüchlichen Theorien, die Metzinger und andere Verteter einer randständigen "philosphy of mind"-Ideologie publizieren, wollen den Menschen in seiner Selbserfahrung entkernen. Doch wie die Aporien des hier vorliegenden Interviews unfreiwillig, aber sehr augenscheinlich aufzeigen, können diese biologistischen Ansätze kaum dazu beitragen, das Geheimnis des Geistes zu kären, da sie den Ausgangspunkt solcher Überlegungen nicht ernstnehmen: Die Selbstevidenz der Ich-Erfahrung. Die grundlegende Bedingung des Forschens und Fragens wird vorausgesetzt und zugleich als Illusion abgelehnt - da kann es nicht wundern, dass die verqueren Widersprüche entstehen, die ja in der Überschrift des Interviews schon anklingen: "Riss im Selbstmodell"

    • 18.08.2007 um 11:37 Uhr
    • thogos

    Wenn Metzinger sagt, dass sich im Rahmen des von ihm entworfenen "phänomenalen Selbstmodells" eine Struktur vorfindet, "in der sich der Körper repräsentiert findet, die Emotionen und auch der Geist", dann behauptet er damit doch implizit nichts weniger, als dass es die Erfahrung des Selbst und eben den Geist doch gibt.
    Umso erstaunlicher ist es folglich, wenn Metzinger im gleichen Interview behauptet, dass es gar kein "Selbst", also auch gar keinen Geist gebe. Sprachlich und logisch hebt Metzinger innerhalb weniger Sätze seine eigenen Aussagen wieder auf.
    Ich erspare mir daher, einen 600-Seiten-Schmöker eines
    Autors zu lesen, der bereits in einem kurzen, populärwissenschaftlichen Interview seine eigenen Aussagen ad absurdum führt. Die reduktionistischen, bereits in ihrem Denkansatz widersprüchlichen Theorien, die Metzinger und andere Verteter einer randständigen "philosphy of mind"-Ideologie publizieren, wollen den Menschen in seiner Selbserfahrung entkernen. Doch wie die Aporien des hier vorliegenden Interviews unfreiwillig, aber sehr augenscheinlich aufzeigen, können diese biologistischen Ansätze kaum dazu beitragen, das Geheimnis des Geistes zu kären, da sie den Ausgangspunkt solcher Überlegungen nicht ernstnehmen: Die Selbstevidenz der Ich-Erfahrung. Die grundlegende Bedingung des Forschens und Fragens wird vorausgesetzt und zugleich als Illusion abgelehnt - da kann es nicht wundern, dass die verqueren Widersprüche entstehen, die ja in der Überschrift des Interviews schon anklingen: "Riss im Selbstmodell"

  3. Weder Philosophie noch Naturwissenschaft konnte man in dieser Sammlung von widersprüchlichen subjektiven Aussagen finden.
    Nicht Amerika ist für die Aufklärung verloren sondern Gesellschaften die auf diesem blanken Materialismus und Vor(Urteilen) basieren. Interessant das Stalinismus und Nationalsozialismus als Religion bezeichnet werden. Beide predigten den Nihilismus und das mechanistische Weltbild an das Thomas Metzinger glaubt. Banal.

  4. Es scheint als müsse sich Herr Prof. Metzinger mit breiterer Publizität auf den Besuch wütender Pöbelhaufen einstellen.

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    Gefährlich   hectorle

    Auch auf die Gefahr hin, dass derjenige, der an bestimmten anthropologischen Konzepten Kritik übt, hier im Forum als "wütender Pöbelhaufen" bezeichnet wird, muss ich doch der deutlichen Kritik an Metzingers Konzepten zustimmen.
    Mehr noch, in letzter Konsequenz scheint die hier diskutierte "Philosophie des Geistes" geradezu gefählich zu sein. Prof. Metzingers These besagt in aller Kürze, dass kein Geist, keine Seele, also gewissermaßen keine Personalität des Menschen existiert. Wie einige der Vorkommentatoren überzeugend dargelegt haben, entbehrt diese Aussage sowohl der empirischen als auch einer letztgültigen philosophischen Begründung.
    Philosophisch ist das von Metzinger Gesagte also nicht interessant, aber umso mehr gesellschaftspolitisch. Wenn es nämlich, wie im Interview behauptet, kein Selbst und damit keine Personalität gibt, dann gibt es auch keine personale Würde. In einer gesellschaftlichen Situation, in der die finanziellen Mittel für soziale Fürsorge immer knapper werden, liefert diese "Philosophie" die ideale Grundlage, um -z.B. mittels aktiver Sterbehilfe- die finanziell belastenden Subjekten zu entsorgen: Denn wenn ein alter, kranker Mensch letzten Endes doch eh kein Selbst ist, keine Person ist, dann -so die doch gar nicht so weit entfernt liegende Konsequenz des von Metzinger vorgestellten Konzepts- dann können wir uns doch der Alten und Kranken entledigen. Wir tun ja damit keinem "Selbst" Unrecht, denn die Würde dieses "Selbst" würde ja die Existenz von Personen voraussetzen.
    Daher kann ich mit Blick auf die sogenannte "Philosophie des Geistes" nur hoffen, dass nicht etwa, wie Metzinger sagt, die Stunde dieser Philosophie noch kommt. Zu hoffen ist, dass sie angesichts ihrer fatalen gesellschaftlichen Folgen niemals erst anfängt!

  5. Auch auf die Gefahr hin, dass derjenige, der an bestimmten anthropologischen Konzepten Kritik übt, hier im Forum als "wütender Pöbelhaufen" bezeichnet wird, muss ich doch der deutlichen Kritik an Metzingers Konzepten zustimmen.
    Mehr noch, in letzter Konsequenz scheint die hier diskutierte "Philosophie des Geistes" geradezu gefählich zu sein. Prof. Metzingers These besagt in aller Kürze, dass kein Geist, keine Seele, also gewissermaßen keine Personalität des Menschen existiert. Wie einige der Vorkommentatoren überzeugend dargelegt haben, entbehrt diese Aussage sowohl der empirischen als auch einer letztgültigen philosophischen Begründung.
    Philosophisch ist das von Metzinger Gesagte also nicht interessant, aber umso mehr gesellschaftspolitisch. Wenn es nämlich, wie im Interview behauptet, kein Selbst und damit keine Personalität gibt, dann gibt es auch keine personale Würde. In einer gesellschaftlichen Situation, in der die finanziellen Mittel für soziale Fürsorge immer knapper werden, liefert diese "Philosophie" die ideale Grundlage, um -z.B. mittels aktiver Sterbehilfe- die finanziell belastenden Subjekten zu entsorgen: Denn wenn ein alter, kranker Mensch letzten Endes doch eh kein Selbst ist, keine Person ist, dann -so die doch gar nicht so weit entfernt liegende Konsequenz des von Metzinger vorgestellten Konzepts- dann können wir uns doch der Alten und Kranken entledigen. Wir tun ja damit keinem "Selbst" Unrecht, denn die Würde dieses "Selbst" würde ja die Existenz von Personen voraussetzen.
    Daher kann ich mit Blick auf die sogenannte "Philosophie des Geistes" nur hoffen, dass nicht etwa, wie Metzinger sagt, die Stunde dieser Philosophie noch kommt. Zu hoffen ist, dass sie angesichts ihrer fatalen gesellschaftlichen Folgen niemals erst anfängt!

    Antwort auf "Fackeln und Mistgabeln"
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  • Von Ulrich Bahnsen
  • Datum 20.8.2007 - 01:34 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT 16.08.2007
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  • Schlagworte Medizin | Medizinisches Verfahren | Technik | Forschung
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