Gesellschaft Wenn es nicht mehr gehtSeite 2/2

Aber wo das Buch des Anonymus durch seine konzentrierte, aufklärende Sachlichkeit der Not des Sohnes eine Stimme gibt, vernebelt Christine Eichel ihr Thema in einem seltsam diffusen, unterschwelligen Ideologisieren. Ihre stilistische Lieblingsform ist die rhetorische Frage. »Dieser Tag X ist für die meisten ein blinder Fleck im Planquadrat Zukunft. Hoffen wir etwa auf Happy Endings, trotz alledem?« Man hat als Leser von Buchseiten, die vier oder fünf solcher Fragen enthalten, vier oder fünf Sätze also, die im Suggestiven enden, den unguten Eindruck, Adressat untergejubelter Botschaften zu sein. Man spürt, ohne es konkret zu begreifen, dass hier ein Seitenangriff der neuen Bürgerlichkeit geführt wird. Gegen ein entsprechendes Pamphlet wäre ja nichts zu sagen. Nur hat man ein solches nicht vor sich. Stattdessen eine belesene Plauderei, der unter der Hand die Dringlichkeit des Themas abhandenkommt, die Christine Eichel mit vielen Worten propagiert.

Damit folgt sie, natürlich ohne es zu wollen, dem Selbstwiderspruch der ubiquitären Altersdiskussion. Denn diese wirkt grell und farblos zugleich. So hysterisiert wie betäubt. Sie berechnet und beschwört ein veritables Zukunftsproblem (bis zum Jahr 2040 wird sich die Anzahl der Pflegebedürftigen – heute sind dies 2,1 Millionen – verdoppeln, die Zahl Demenzkranker etwa verdreifachen) und behandelt es gleichzeitig so fatalistisch, als handele es sich um die Wettervorhersage. Zu keinem Zeitpunkt der Zivilisation musste sich eine Gesellschaft um so viele Alte und Gebrechliche kümmern wie unsere schon in ein paar Jahren. Es handelt sich, schreibt Klaus Dörner in seinem neuen Buch, um nichts Geringeres als eine »menschheitsgeschichtlich völlig neue Aufgabe«. Was die Erderwärmung für den Globus bedeutet, ist das ungelöste Pflegeproblem für die Gesellschaft. Wie die Klimakatastrophe eine ökologische Revolution erzwingt, fordert, was landauf, landab den Namen Pflegekatastrophe hat, revolutionierte Formen der Altenhilfe heraus. Klaus Dörner hat in seinem Buch Leben und Sterben, wo ich hingehöre eine ganze Reihe neuer Ideen parat. Nehmen wir, als Beispiel, nur die Idee der Pflegezeit, vergleichbar der Erziehungszeit. Das hieße: Menschen, die für ein, zwei oder gar drei Jahre ihre Eltern pflegen wollen, werden für diese Zeit von ihrer Berufstätigkeit suspendiert und können ohne Nachteile in den Beruf wieder einsteigen. Wie junge Mütter oder Väter, die ihr Kleinkind betreuen. Ob die Geschwister, die im Buch des Anonymus nicht wissen, »wohin mit Vater«, eine solche Möglichkeit genutzt hätten, ist die eine Frage. Eine andere ist aber, wie die Gesellschaft einen 54-Jährigen einschätzt, der seine Tage nicht mit Anzug und Krawatte im Büro, sondern im Haus des 87-jährigen Vaters beim Umgang mit Schnabeltasse, Windeln und Gehhilfe verbringt. Wie viel Anerkennung sie ihm in Wahrheit zollt.

Denn es ist eine Sache, mit dem Baby vor dem Bauch tagsüber durch Berlin-Mitte zu spazieren. Und eine ganz andere, den Vater in seinem Rollstuhl durch den Park zu schieben. Hier sitzt vermutlich das lähmende Tabu: Der Abgesang des menschlichen Daseins ist für die Sinnstiftung der Gesellschaft weitaus weniger attraktiv als sein Beginn. Sie redet gern und viel über ihr eigenes Altern. Aber so, als handele es sich um ein seltsam abgerücktes, im Abstrakten liegendes Problem.

Wohin mit Vater?GesellschaftSachbuchEin Sohn verzweifelt am PflegesystemAnonymusBuchS. Fischer Verlag2007Frankfurt a. M.16,90190Die LiebespflichtGesellschaftSachbuchZwischen alten Eltern und kleinen KindernChristine EichelBuchPendo Verlag2007München/Zürich18229Leben und sterben, wo ich hingehöreGesellschaftSachbuchDritter Sozialraum und neues HilfesystemKlaus DörnerBuchParanus Verlag der Brücke Neumünster2007Neumünster19220
 
Leser-Kommentare
  1. Eines wird bei der Pflegediskussion gerne vernachlässigt: Viele der Alten, die am "Tag X" plötzlich zum Problem werden, haben dies zu einem guten Teil selber verschuldet. Die Eltern und Großeltern sind schon seit Jahren alt geworden und nicht "plötzlich". Nicht wenige Alte sind froh über ihr selbstgesteuertes Leben gewesen und haben die Ruhe und die Freiheit genossen. Am Wochenende wurden die Kinder und Enkelkinder besucht, man war gerne Babysitter, aber auch froh, wenn man dann am Montag wieder Ruhe in den eigenen vier Wänden hatte. Individualismus wurde nicht erst von den jetzt 50 jährigen entdeckt, sondern schon früher von den Alten, die jetzt 90 plus sind.
    Dieser Individualismus der Alten macht es um so schwerer, die Alten VOR dem Tag X davon zu überzeugen, ihn aufzugeben und sich nach 30 Jahren wieder in ein Familienleben einzuordnen. Wer hat schon als Enkel oder Kind das Herz und die Autorität, seinen Eltern oder Großeltern zu befehlen, ihr jetzigen Leben aufzugeben, wenn diese lieber am fragilen Status-quo festhalten, bis es gar nicht mehr geht?

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  • Quelle DIE ZEIT, 16.08.2007 Nr. 34
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