Sat.1 Der totale Blackout
Am Beispiel der ambitionierten Krimiserie "Blackout" erzählt Ex-Sat.1-Chef Roger Schawinski, wie er vergeblich Qualität im Privatfernsehen durchsetzen wollte.
Der Fernsehsender Sat.1 macht Schlagzeilen mit einem drastischen Sparprogramm. Nachrichten- und Magazinsendungen sind ihm bereits zum Opfer gefallen, rund 180 Mitarbeiter sollen entlassen werden. Hinter dem journalistischen Kahlschlag steht eine Finanzinvestorengruppe, die den profitablen Sender im vergangenen Dezember gekauft hat. Sie will nun die Rendite erhöhen.
Roger Schawinski, 62, war von 2003 bis 2006 Sat.1-Chef. In seinem Ende August erscheinenden Buch „Die TV-Falle. Vom Sendungsbewusstsein zum Fernsehgeschäft“ (Kein & Aber Verlag) rechnet er mit dem Privatfernsehen ab. Wir veröffentlichen einen Auszug, der das Scheitern einer Krimiserie namens „Blackout“ beschreibt. Roger Schawinski wollte mit diesem ambitionierten Projekt beweisen, dass Qualität und Quoten im Privatfernsehen kein Widerspruch sein müssen. Der Versuch misslang – mit weitreichenden Folgen für die Fernsehlandschaft.
Qualität. Das war mein Stichwort im Frühjahr 2004. Unter diesem Aspekt würden wir alle neuen Ideen sichten und bewerten. Diesen klaren programmatischen Ansatz verkündete ich stolz in jedem der vielen Interviews, die ich in jenen Monaten zu geben hatte. Und dabei sah ich in den Augen der mich befragenden Journalisten so etwas wie Verwunderung, Überraschung aufblitzen. War ich, der ehemalige Journalist, etwa einer von ihnen und keiner der eindimensionalen Quotenfuzzis an der Spitze der privaten Sender, die allein gemäß der Grundthese von Helmut Thoma programmierten? Der Mitgründer von RTL und Urvater des privaten Fernsehens in Deutschland hatte diese mit seinen beiden brillant formulierten Sätzen auf den Punkt gebracht: „Im Seichten kann man nicht ertrinken.“ Und: „Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“
In jenen Monaten steuerte die Diskussion zum Thema Trash-Fernsehen einem Höhepunkt entgegen. Formate wurden von Sendern in den Ring geworfen, die auf der Jagd nach dem nächsten großen Erfolg immer noch flachere Untiefen austesten sollten. Ja, es gab da draußen weitere Tabus, die man brechen konnte, und bei Gott, ein kreativer TV-Macher würde sie auch aufspüren! Mit dem internationalen Hit Ich bin ein Star – Holt mich hier raus! erzielte RTL Rekordquoten, natürlich in Koproduktion mit der Bild-Zeitung , die täglich auf Seite 1 den nächsten Skandal herausschrie, den ihr der Sender exklusiv zugesteckt hatte.
ProSieben und RTL hechelten gleichzeitig dem nächsten US-Erfolg nach, nämlich einem Sendekonzept, in dem Frauen Schönheitsoperationen unterzogen wurden, um dann vor aller Augen vom hässlichen Entlein zum allerschönsten Schwan zu werden. Auch ich war in meiner Sichtung des internationalen Fernsehmarktes auf dieses Format gestoßen und hatte meiner Frau Gabriella eine Folge der amerikanischen Version von The Swan gezeigt. Sie hatte sich angewidert abgewandt. „Wenn du so etwas bei Sat.1 zeigst, dann lasse ich mich von dir scheiden“, hatte sie mir gedroht. „Dann bist du nicht mehr der Mann, den ich geheiratet habe.“ Nein, das würde ich nie tun, versicherte ich ihr und hoffte insgeheim, dass dieses Format scheitern würde – was es in der Folge auch tat.
Nein, ich wollte im Gegensatz zu den anderen beiden großen Privatsendern allein auf Qualität setzen. Bei meinen ersten „May Screenings“ in Los Angeles, bei denen die großen amerikanischen Studios ihre Produktionen für den kommenden Herbst vorstellen, sah ich Serien, die mich ins Grübeln brachten. Nicht nur Desperate Housewives und Lost waren so viel besser, cleverer geschrieben und aufwendiger produziert als alles, was wir aus unserer eigenen Küche anzubieten hatten. Bei einer genaueren Analyse erwiesen sich auch andere amerikanische Angebote deutschen Serienprodukten bei Weitem überlegen, und dies betraf nicht nur unseren Sender, sondern ebenso RTL und die Öffentlich-Rechtlichen.
In den Jahren zuvor hatten deutsche Serien gewisse Nachteile durch Authentizität kompensieren können, durch gesellschaftliche und stoffliche Nähe, doch dieser Vorteil schien in den Augen der Zuschauer immer weniger Gewicht zu besitzen. Sie begannen sich an die optischen Reize und die Dramaturgie von Serien wie CSI zu gewöhnen und schienen diesen Standard immer eindringlicher einzufordern. Es war am Anfang bloß ein dumpfes Gefühl, ausgelöst von der sichtbaren Veränderung des Zuschauergeschmacks, dem wir irgendwie zu begegnen hatten.
Was blieb uns anderes übrig, als es bei unseren neuen Serien mit einer viel höheren Qualität als bisher zu versuchen? Da wir nicht mit amerikanischen Produktionsbudgets von bis zu drei Millionen Dollar pro Folge konkurrieren konnten, musste dies auf einer anderen Ebene geschehen. Zum Beispiel auf der Ebene der Stoffe. Oder der Drehbücher. Oder der Schauspieler. Oder der Regisseure. Eigentlich, wenn man es so richtig besah, auf all diesen Ebenen gleichzeitig. Nur so würden wir aufsehenerregendes Fernsehen herstellen können, das sich vom immer mehr als plätschernd empfundenen deutschen Serienangebot abheben würde.
Das war unser neuer Ansatz, und so lancierten wir einige neue Serienprojekte. Das weitaus ambitionierteste war Blackout . Zu jenem Zeitpunkt ahnte niemand, dass es zum viel diskutierten Beispiel für eine Fehlentwicklung im deutschen Fernsehen werden würde. Dieses Projekt eignet sich hervorragend dazu, einige allgemein gültige Mechanismen aufzuzeigen.
- Datum 16.08.2007 - 06:52 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEITmagazin LEBEN, 16.08.2007 Nr. 34
- Kommentare 32
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Zum Satz über Blackout: "Noch nie hatten wir etwas ähnlich Radikales, Eindringliches gesehen." - also nicht, dass ich Balckout gesehen hätte, ,aber was Radikalität, Eindringlichkeit und das was Fernsehen leisten kann betrifft, so muss man immer wieder auf DAS BOOT verweisen, das immerhin auch zu einem Drittel eine Fernsehproduktion und eine Produktion für das Fernsehen war.
...wenn man sich Jahrelang jeden Tag selber ins eigene Bein schießt.
Mal davon abgesehen, dass sich der Artikel so liest, wie ein öder Tagebuch Eintrag, ist die anschließende "Selbsterkenntnis" für die deutsche Fernsehlandschaft, Schwachsinn. Wenn ein Ex-Sat1-Chef z.B zu erkennen meint, dass der Zuschauer Gut und Böse, Held und Antiheld deutlich von einander getrennt haben will, frag ich mich doch, welche US Serien zur Zeit gerade erfolgreich im deutschen Fernsehen laufen. Man nehme nur LOST, Dr. House oder Prisson Break, deren Charaktere man ja alles andere als eindeutig in Gut und Böse aufteilen kann.
Das der geneigte Sat1 Zuschauer mit Niveau nichts anfangen kann, dass hätte ihm dann auch mal jemand stecken müssen. Denn wer bleibt bei dem Schrott von einem Programm, freiwillig vor dem Fernseher sitzen. Außer, genau… Und so ist es auch kein wunder, wenn Blackout im Quotensumpf versinkt. Zumal die meisten Menschen wohl eh bei dem Wort "Eigenproduktion" in Verbindung mit Sat1 und Co Reflexartig den Fernseher ausschalten.
Eure Chance mit Niveauvollem Fernsehen Zuschauer zu locken, habt ihr schon vor Jahren verschenkt, falls sie überhaupt jemals bestand
Man kann kein qualitätvolles Fernsehprogramm machen, weil der Zuschauer zu doof ist, Qualität zu erkennen und zu würdigen.
Wohl zu viel Karl Kraus konsumiert vor dem Schreiben? Publikumsbeschimpfung ist out, mindestens so out wie SAT.1-Eigenproduktionen...
bringt es auf den Punkt. Die Bildungsbürger schalten immer seltener den Fernseher ein. Die Serie ist sicher gut gewesen, aber an der Zielgruppe vorbei. Die geistige Unterschicht wurde überfordert.
Das Fernsehen lebt von den Zuschauern welche sich durch Werbung beeinflussen lassen. Darauf wurde das Programm jahrelang zugeschnitten. Das hat natürlich zur Folge dass die intellektuellen Zuschauer vom Programm verabschieden.
Man sollte die Serie als Doppel-DVD herausbringen, ggf. mit herausgeschnittenen Szenen.
Die Analyse, warum dieses Format scheitern musste, ist fehlerhaft. Zum Qualitätsschub hätte ein radikaler Marketingwechsel gehört! Wie soll man den Unterschied erkennen, wenn „Blackout“ genauso beworben wird wie „Hilfe, ich liebe den Freund meiner Tochter“? Zwischen all den FilmFilmen, Free-TV- und Weltpremieren? Das hätte sat1 nicht der Presse überlassen dürfen.
Die Privatsender zeigen sehr deutlich, dass sie keinen Respekt für das empfinden, was sie so zwischen der Werbung zeigen. Wenn z.B. Vox viermal pro Sendung einen blöden Dino ins Bild ragen und in den Dialog brüllen lässt, nur um die achtunddreißigste unvermeidliche Wiederholung von Jurassic Park anzupreisen…
Vielleicht hätte eine schlichtere, ehrliche Werbestrategie – „Entschuldigung, dass wir Euch so viel Müll zeigen, hier haben wir jetzt zur Abwechslung was Gutes. Gebt uns eine Chance!“ – zu mehr Erfolg geführt. Denn je penetranter ein Format beworben wird, umso mehr Zuschauer merken, dass Ihnen die Entscheidung abgenommen werden soll.
Vor einigen Jahren begann bei sat1 jeder Werbeblock mit der epochalen Ankündigung: „Gérard Depardieu ist - - DER GRAF VON MONTE CHRISTO!“ Ich liebe das Buch, Depardieu ist ein passabler Schauspieler, den Mehrteiler habe ich aufgrund der Penetranz des Werbekonzepts trotzdem nicht angeschaut.
Dasselbe ist „Blackout“ passiert. In meinem Bekanntenkreis haben wir uns damals – nach Erduldung der Trailerflut – nur gefragt, warum jemand wie Richy Müller sich für so was hergibt. Und „Blackout“ keine Chance gegeben.
Da sag ich nur 39,95 - erst für den Teufel arbeiten, da kein Erfolg - den Teufel beschimpfen...
Sehr unglaubwürdig dieser selbsternannte TV-Aufklärungs-Missionar.
So geht es aber vielen in den höheren Bereichen der Medienbranche, wenn sie irgendwann unangenehm von ihrem Chefsessel weggeputscht werden.
Einfach mal aufhören im manipulirienden Gewerbe - hilft auch...
Verschachtelte Handlungen gefallen Germanisten und Journalisten. Aber als Zuschauer möchte ich keine Fernsehkritik schreiben sondern entspannen. Anspruchsvoll ist der Sender der mir dabei hilft. Das dies nicht niveaulos sein muss, zeigen einige amerikanische Produktionen. Es ist ziemlich arrogant den Zuschauer zu beschimpfen, weil er sich nicht mit dem Künstler Filmproduzent einlassen möchte. Nur nicht den Fehler bei sich selbst suchen.
Man stelle sich einmal vor, ein Politiker der von Politologen als genial betracht wird, aber keine Stimme erhält würde seinen Wählern sagen "Niveau bringt leider keine Wählerstimmen".
...auch ich lechz(t)e nach komplexen Inhalten, allerdings hasse ich depremierende düstere Filme. In D scheint man aber überhaupt nur diese als "gute Filme" zu betrachten. Und natürlich darf ein Film keinerlei positiven Ausgang haben, das wird nachgerade als primitiv angesehen.
Ich gebe zu: auch ich hätte weggeschaltet.
Derzeit habe ich aber gar keinen Fernseher mehr und lebe viel besser dadurch :-)
Deutsche Filme die anders, etwas tiefgründig und auch witzig sind, gibt es trotzdem, aber scheinbar vor allem fürs Kino, "Lola rennt" fand ich zB nicht schlecht.
Wer hindert die Deutschen eigentlich daran für den Weltmakt Filme zu machen, so wie die Amis, mit richtig dickem Budget?
Ist es die Markdominanz der US-Konzerne?
MfG
AKu
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren