Sat.1 Der totale BlackoutSeite 8/8

„Wir haben nur einen einzigen Fehler gemacht“, sagte Alicia Remirez schließlich, die von Beginn an dieses Projekt befürwortet und mit viel Engagement betreut hatte: „Wir hätten diesen Stoff nie machen sollen.“ Weshalb aber nur war uns dieser im Nachhinein so klar erkennbare, fundamentale Irrtum unterlaufen?

Prinzipiell gibt es immer zwei diametral entgegengesetzte Ansätze, wie man einen Sender programmieren kann: Entweder man hechelt dem gerade erfolgreichen Trend nach. Oder man versucht umgekehrt, neue Trends zu setzen, indem man sich in eine ganz andere Richtung bewegt. Beide Methoden haben ihre Fallstricke. Als Kopist kommt man oftmals mit einem suboptimalen Produkt verspätet auf den Markt. Außerdem bekleckert man sich nicht mit kreativem Ruhm. Sat.1 hatte in der Vergangenheit den Ruf, diesen Weg zu beschreiten, sodass RTL über „unser Kopierwerk in Berlin“ lästern konnte. RTL machte Deutschland sucht den Superstar Sat.1 hoppelte mit Star Search hinterher. RTL hatte Wer wird Millionär? , Sat.1 konterte mit der Quiz Show . Entsprechend war das Image von Sat.1 diffus und wenig attraktiv.

Als ich 2004 mein Amt antrat, verkündete ich lautstark, dass wir den umgekehrten Ansatz vertreten wollten. Sat.1 würde Trends im Bereich der Qualität setzen, um auf diese Weise zu Quoten und Image zu gelangen. Diese Methode sei die riskantere, die schwierigere, aber auch die prestigeträchtigere. Was ich jedoch unterschätzte, war die Gefahr, dass man sich auf diese Weise schnell zu weit vom bestehenden Markenkern, zu weit von seinem Stammpublikum entfernen kann.

Mein Kampfruf war „Qualität“ gewesen, als wir dieses Projekt angegangen waren, und dieser Ansatz hatte unser Urteilsvermögen getrübt. Ja, wir hatten Qualität geliefert, das war uns von allen Fachleuten bestätigt worden. Wir waren dabei viel konsequenter vorgegangen als die Öffentlich-Rechtlichen, die in diesem Bereich seit Jahren immer mehr eingeknickt sind. Doch wir hatten nicht genau genug analysiert, ob wir mit einer Serie wie Blackout die richtige Ansprache für das Publikum von Sat.1 gewählt hatten. Wir waren auch deshalb so radikal vorgegangen, weil uns dieses Programm persönlich weit mehr ansprach als viele andere Sendungen, die ein privater Sender wie der unsrige im Laufe der täglichen 24 Stunden abspult und mit denen wir unsere Quote und unsere Einnahmen erzielen.

Trotzig hatte ich in Interviews nach ersten Misserfolgen mit dieser Strategie verkündet: „Wenn ich mich irre, dann tue ich dies lieber auf der Seite der Qualität als beim Trash.“ Es war ein eher hilfloser Versuch, schlechte Quoten mit einem Mäntelchen von Größe zu schmücken, wohl wissend, vom Feuilleton und von den Juroren der Fernsehpreise dafür Zustimmung zu erhalten.

Wir waren mit wehenden Fahnen untergegangen, weil wir unser allerwichtigstes Ziel – Fernsehen für ein großes Publikum herzustellen – nicht zum alleinigen Fokus unserer Bemühungen gemacht hatten. Wir hatten gehofft, dass der Köder diesmal dem Fisch und dem Angler zugleich schmecken würde, aber wir Macher hatten den Schmaus vorwiegend mit unserem eigenen Gaumen abgeschmeckt. Das war eine Falle. Die nachträglichen Nominierungen sowohl für die Goldene Kamera wie auch für den Grimme-Preis bestätigten diesen Befund. So wurde zu allem Übel unser Sendetitel noch zu unserem Omen. Sat.1 erlebte den totalen Blackout.

 
Leser-Kommentare
    • ben_
    • 16.08.2007 um 13:51 Uhr

    Zum Satz über Blackout: "Noch nie hatten wir etwas ähnlich Radikales, Eindringliches gesehen." - also nicht, dass ich Balckout gesehen hätte, ,aber was Radikalität, Eindringlichkeit und das was Fernsehen leisten kann betrifft, so muss man immer wieder auf DAS BOOT verweisen, das immerhin auch zu einem Drittel eine Fernsehproduktion und eine Produktion für das Fernsehen war.

  1. ...wenn man sich Jahrelang jeden Tag selber ins eigene Bein schießt.

    Mal davon abgesehen, dass sich der Artikel so liest, wie ein öder Tagebuch Eintrag, ist die anschließende "Selbsterkenntnis" für die deutsche Fernsehlandschaft, Schwachsinn. Wenn ein Ex-Sat1-Chef z.B zu erkennen meint, dass der Zuschauer Gut und Böse, Held und Antiheld deutlich von einander getrennt haben will, frag ich mich doch, welche US Serien zur Zeit gerade erfolgreich im deutschen Fernsehen laufen. Man nehme nur LOST, Dr. House oder Prisson Break, deren Charaktere man ja alles andere als eindeutig in Gut und Böse aufteilen kann.

    Das der geneigte Sat1 Zuschauer mit Niveau nichts anfangen kann, dass hätte ihm dann auch mal jemand stecken müssen. Denn wer bleibt bei dem Schrott von einem Programm, freiwillig vor dem Fernseher sitzen. Außer, genau… Und so ist es auch kein wunder, wenn Blackout im Quotensumpf versinkt. Zumal die meisten Menschen wohl eh bei dem Wort "Eigenproduktion" in Verbindung mit Sat1 und Co Reflexartig den Fernseher ausschalten.

    Eure Chance mit Niveauvollem Fernsehen Zuschauer zu locken, habt ihr schon vor Jahren verschenkt, falls sie überhaupt jemals bestand

  2. Man kann kein qualitätvolles Fernsehprogramm machen, weil der Zuschauer zu doof ist, Qualität zu erkennen und zu würdigen.

    Wohl zu viel Karl Kraus konsumiert vor dem Schreiben? Publikumsbeschimpfung ist out, mindestens so out wie SAT.1-Eigenproduktionen...

  3. bringt es auf den Punkt. Die Bildungsbürger schalten immer seltener den Fernseher ein. Die Serie ist sicher gut gewesen, aber an der Zielgruppe vorbei. Die geistige Unterschicht wurde überfordert.

    Das Fernsehen lebt von den Zuschauern welche sich durch Werbung beeinflussen lassen. Darauf wurde das Programm jahrelang zugeschnitten. Das hat natürlich zur Folge dass die intellektuellen Zuschauer vom Programm verabschieden.

    Man sollte die Serie als Doppel-DVD herausbringen, ggf. mit herausgeschnittenen Szenen.

  4. Die Analyse, warum dieses Format scheitern musste, ist fehlerhaft. Zum Qualitätsschub hätte ein radikaler Marketingwechsel gehört! Wie soll man den Unterschied erkennen, wenn „Blackout“ genauso beworben wird wie „Hilfe, ich liebe den Freund meiner Tochter“? Zwischen all den FilmFilmen, Free-TV- und Weltpremieren? Das hätte sat1 nicht der Presse überlassen dürfen.
    Die Privatsender zeigen sehr deutlich, dass sie keinen Respekt für das empfinden, was sie so zwischen der Werbung zeigen. Wenn z.B. Vox viermal pro Sendung einen blöden Dino ins Bild ragen und in den Dialog brüllen lässt, nur um die achtunddreißigste unvermeidliche Wiederholung von Jurassic Park anzupreisen…
    Vielleicht hätte eine schlichtere, ehrliche Werbestrategie – „Entschuldigung, dass wir Euch so viel Müll zeigen, hier haben wir jetzt zur Abwechslung was Gutes. Gebt uns eine Chance!“ – zu mehr Erfolg geführt. Denn je penetranter ein Format beworben wird, umso mehr Zuschauer merken, dass Ihnen die Entscheidung abgenommen werden soll.
    Vor einigen Jahren begann bei sat1 jeder Werbeblock mit der epochalen Ankündigung: „Gérard Depardieu ist - - DER GRAF VON MONTE CHRISTO!“ Ich liebe das Buch, Depardieu ist ein passabler Schauspieler, den Mehrteiler habe ich aufgrund der Penetranz des Werbekonzepts trotzdem nicht angeschaut.
    Dasselbe ist „Blackout“ passiert. In meinem Bekanntenkreis haben wir uns damals – nach Erduldung der Trailerflut – nur gefragt, warum jemand wie Richy Müller sich für so was hergibt. Und „Blackout“ keine Chance gegeben.

  5. Da sag ich nur 39,95 - erst für den Teufel arbeiten, da kein Erfolg - den Teufel beschimpfen...

    Sehr unglaubwürdig dieser selbsternannte TV-Aufklärungs-Missionar.

    So geht es aber vielen in den höheren Bereichen der Medienbranche, wenn sie irgendwann unangenehm von ihrem Chefsessel weggeputscht werden.

    Einfach mal aufhören im manipulirienden Gewerbe - hilft auch...

  6. Verschachtelte Handlungen gefallen Germanisten und Journalisten. Aber als Zuschauer möchte ich keine Fernsehkritik schreiben sondern entspannen. Anspruchsvoll ist der Sender der mir dabei hilft. Das dies nicht niveaulos sein muss, zeigen einige amerikanische Produktionen. Es ist ziemlich arrogant den Zuschauer zu beschimpfen, weil er sich nicht mit dem Künstler Filmproduzent einlassen möchte. Nur nicht den Fehler bei sich selbst suchen.
    Man stelle sich einmal vor, ein Politiker der von Politologen als genial betracht wird, aber keine Stimme erhält würde seinen Wählern sagen "Niveau bringt leider keine Wählerstimmen".

    • andrku
    • 16.08.2007 um 15:31 Uhr

    ...auch ich lechz(t)e nach komplexen Inhalten, allerdings hasse ich depremierende düstere Filme. In D scheint man aber überhaupt nur diese als "gute Filme" zu betrachten. Und natürlich darf ein Film keinerlei positiven Ausgang haben, das wird nachgerade als primitiv angesehen.

    Ich gebe zu: auch ich hätte weggeschaltet.

    Derzeit habe ich aber gar keinen Fernseher mehr und lebe viel besser dadurch :-)

    Deutsche Filme die anders, etwas tiefgründig und auch witzig sind, gibt es trotzdem, aber scheinbar vor allem fürs Kino, "Lola rennt" fand ich zB nicht schlecht.

    Wer hindert die Deutschen eigentlich daran für den Weltmakt Filme zu machen, so wie die Amis, mit richtig dickem Budget?
    Ist es die Markdominanz der US-Konzerne?

    MfG
    AKu

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