Debatte Erregungshistoriker
Die Debatte um den Schießbefehl verfehlt das Thema: Die DDR war ein Unrechtsstaat – mit oder ohne Schießbefehl
Es hätte so gut gepasst. Da präsentierte die Magdeburger Außenstelle der Stasiunterlagenbehörde kurz vor dem Jahrestag des Mauerbaus am 13. August ein neues Dokument, mit dem man einen Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze nachweisen konnte. Einen »höchst bedeutsamen Fund« nannte es der Außenstellenleiter Jörg Stoye, »aufsehenerregend«. In dem Befehl, gefunden in der IM-Akte eines NVA-Soldaten, der sich zugleich zur Mitarbeit in einer speziellen Stasi-Einsatzkompanie verpflichtet hatte, war zu lesen: »Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zunutze gemacht haben.« Erstmals sei damit ein bedingungsloser schriftlicher Schießbefehl gegen Flüchtlinge entdeckt worden, bewertete Hubertus Knabe, der Leiter der Gedenkstätte für Stasi-Opfer in Berlin-Hohenschönhausen, den Fund. Behördenchefin Marianne Birthler zeigte sich erschüttert ob der Brutalität. »Dieser Befehl ist so unverhüllt und deutlich, wie er bis jetzt noch nicht vorgelegen hat«, sagte sie. Es schien, als würde mit diesem Dokument der von der politischen Führung der DDR stets bestrittene Schießbefehl erstmals schriftlich belegt.
Streng juristisch betrachtet, hätte die DDR-Führung damit recht, meint der Potsdamer Historiker Hans-Hermann Hertle. Denn, so schreibt er in seinem Buch Chronik der Mauer , »die Gesetze, Anordnungen und Befehle zum Schusswaffengebrauch begründeten lediglich einen Erlaubnistatbestand, nicht jedoch die Verpflichtung zum Todesschuss«. Dennoch hatte Erich Honecker im April 1989 seinen verblüfften Militärs verbindlich ausrichten lassen, »die Schusswaffe… zur Verhinderung von Grenzdurchbrüchen« sei nicht länger anzuwenden. Mehrere Hundert Menschen könnten noch leben, wäre dieser Satz Jahre früher gefallen. Über 800 Menschen starben seit 1949 an der DDR-Grenze, darunter auch 80 Grenzer. 133 Menschen ertranken oder verbluteten allein an ihrem Berliner Teilstück.
Doch auch der jetzt veröffentlichte Stasi-Befehl ist nicht der für alle gültige Schießbefehl, auch wenn er in seiner Brutalität, bei Fahnenflucht auch auf Frauen und Kinder zu schießen, absolut unverhüllt ist. Und neu ist er auch nicht. Gerade Marianne Birthler hätte das wissen können. Von Helmut Müller-Enbergs beispielsweise, Historiker in ihrer Behörde, der ein wortgleiches Dokument schon vor zehn Jahren präsentiert hat. In dem 1997 von dem Potsdamer Historiker Matthias Judt im Ch. Links Verlag veröffentlichten Buch DDR-Geschichte in Dokumenten findet sich im Kapitel Auftrag: Fahnenflucht verhindern folgender Befehl von 1974 der Hauptabteilung I, Äußere Abwehr: »Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zunutze gemacht haben…«
Matthias Judt erfuhr von der Aufregung um das vermeintlich neue Dokument im Urlaub in Vermont, weil er plötzlich sogar aus Russland Medienanfragen bekam. Der ZEIT sagt er: »Wir wussten, dass es sich um den Befehl für eine Spezialeinheit handelte und haben damals deshalb keine große Welle darum gemacht.« Aus diesem Grund stehe auch nicht »Hier ist der Schießbefehl« über dem Dokument, sondern ausdrücklich Auftrag: Fahnenflucht verhindern. Auf dieses einzelne Dokument habe es 1997 keine nennenswerten Reaktionen gegeben. Das Buch jedoch »wurde und wird sehr gut rezipiert«, sagt Judt. Die Bundeszentrale für politische Bildung habe es in einer Auflage von 44000 Exemplaren nachgedruckt. Es dürfte also im Bücherschrank manchen Historikers und Geschichtslehrers stehen. Auch die Führung der Birthler-Behörde hätte es kennen können. Doch dort hat man vor der Präsentation der Magdeburger Sensation offenbar nicht ausreichend nachgefragt. Inzwischen musste die Behörde sogar einräumen, dass sie schon 1993 die Abteilung Regierungskriminalität der Berliner Staatsanwaltschaft über »ein im Wortlaut nahezu identisches Dokument« informiert hatte. Zudem soll auch jener Fund, der am vorigen Wochenende als DDR-Schießbefehl in Magdeburg vorgeführt wurde, der Berliner Behörde schon seit Juni bekannt gewesen sein.
»Wenn ich dieses Papier gefunden hätte«, sagt Hans-Hermann Hertle, der am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam ein Forschungsprojekt über die Toten an der Mauer leitet, »dann hätte ich erst mal im Militärarchiv Freiburg recherchiert. Es geht doch um die Frage: In welche Grenzkompanie ist dieser Stasi-Mann geschickt worden? Was ist da vorher und was nachher passiert?« Das gebiete die Sorgfaltspflicht eines Historikers. »Die vielen Erregungshistoriker übersehen, dass in dem menschenfeindlichen Satz, gegenüber Frauen und Kindern die Schusswaffe einzusetzen, ja auch ein Hinweis auf das Gegenteil steckt«, sagte er. Vor allem über die Formulierung »Zögern Sie nicht…« sei er gestolpert. Das wertet er als Hinweis darauf, dass es Fälle von Fahnenflucht gegeben habe, bei denen nicht geschossen wurde. Deshalb habe sich wohl die Hauptabteilung I der Staatssicherheit darum gekümmert.
Wie sehr man bei der Stasi den Grenzsoldaten misstraute, war schon allein daran abzulesen, dass Posten und Postenführer erst kurz vor dem Dienst erfuhren, wer mit wem Streife lief, damit kein Vertrauen entstehen konnte. Dass die Befehle an die Stasi-Einheit bei den NVA-Grenztruppen nicht bekannt waren, bestätigt auch der Historiker Judt. »Aber die Vermittlung des Gefühls an sehr junge Soldaten, 18, 19 Jahre alt, dass es besser sei zu schießen, die hat es gegeben. Bei jeder sogenannten Vergatterung vor dem Grenzdienst wurden Belobigungen für diejenigen verlesen, die geschossen hatten, und Bestrafungen für die, die falsch gehandelt, also nicht geschossen hatten.«
- Datum 15.08.2007 - 04:52 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.08.2007 Nr. 34
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... für diesen Versuch der Differenzierung in Bezug auf den kolportierten Schießbefehl. Allerdings vermute ich, dass die Vehemenz, mit der nicht zuletzt Redakteure der Zeit gerade in diverse Schützengräben werfen, ganz andere Ursachen hat, als das Missverständnis über ein Dokument:
Da hocken schaummäulige kalte Krieger neben sich nach Weltvereinfachung sehnenden Bürschchen, und auf der anderen Seite DDR-Sozialisierte, denen es stinkt, durch von eigener Anschauuung unbefangenen Westdeutschen deren abgestandene und streng nach Adenauer-Ära müffelnde Totalitarismustheorie übergeholfen zu bekommen, und daneben spaziert Herr Raddatz in der Pose des sich selbst kokett des Opportunismus bezichtigenden Widerständlers herum - ganz so als habe es damals, in der bleiernsten Zeit des DDR-Stalinismus auf der anderen Seite des eisernen Vorhangs nur eitel demokratischen Sonnenschein gegeben.
Nein, es geht um viel mehr: es geht um die Selbstvergewisserung der Westdeutschen, um die Immunisierung eines Weltbildes, in dem die Unrechtmäßigkeit des anderen, des realsozialistischen Deutschlands, eine tragende Säule darstellt. Diese Selbstvergewisserung verbindet, zumal unter den Protagonisten der veröffentlichten Mainstreammeinung, angesichts der mangelnden Dankbarkeit der Ostdeutschen ob ihrer Erlösung von den Ketten der bluttriefenden Honeckerdiktatur - ein Mangel an Dankbarkeit, der sich in im Sturzflug befindlichen Zustimmungswerten zur westdeutschen Demokratie, in Begeisterung für Parteien, die im Westen als Parias gelten, ja sogar - Gipfel der Unappetitlichkeit - ökonomischer Erfolglosigkeit niederschlägt.
Was dabei aus dem Blickfeld gerät, ist, dass die Kategorie "Unrechtsstaat" überhaupt nicht zur Bewertung der DDR und zum abschließenden Systemvergleich taugt. Bekanntlich hat die Bundesrepublik, die die juristische Kontinuität zu Hitlerdeutschland pflegte, selbiges als in Grundzügen rechtsstaatlich anerkannt. Es ist in den Augen eines DDR-Bürgers absurd, die in der DDR in weiten Teilen funktionierende Zivil- und Strafgerichtsbarkeit einfach zu leugnen. Richtig ist, dass es in der DDR durchaus massive Beugungen des Rechts gab - aber die pauschale Behauptung, jeder Wiederstand dagegen sei obsolet gewesen, da Gerichte und Gesetze lediglich als Fassade staatlicher Willkür gedient hätten, ist nicht nur unsinnig, sondern verkennt den zivilgesellschaftlichen Diskurs. - Ebenso unsinnig wäre die Behauptung, die Bundesrepublik besäße angesichts des offensichtlichen Versagens der Justiz z.B. in der Parteispendenaffäre oder der Leuna-Affäre keine rechtsstaatliche Natur. Mit der Kategorie "Unrechtsstaat" kann man das Phänomen DDR nicht einfach zu den Akten legen.
Ähnlich verhält es sich mit dem Etikett "Diktatur". Richtig ist, dass die DDR innerhalb der Parteien formal von der Basis ausgehende Wahlen abhielt, mit denen es zumindestens theoretisch möglich gewesen wäre, das Führungspersonal von unten nach oben auszutauschen und eine andere Politik herbeizuführen. Die DDR war eine proletarische Demokratie. (Die Formel "Diktatur der Arbeiterklasse" meinte eben keine Diktatur im traditionellen Sinne, sondern die Herrschaft der arbeitenden Volksmehrheit über das Land.)
Tatsächlich war ein durch Wahlen herbeigeführter Politikwechsel weder gewollt noch hätte er funktioniert: Bei der letzten Kommunalwahl (deren Ergebnis bekanntlich auf 99-Prozentigkeit gefälscht wurde, was letztlich entscheidend zur Delegitimierung und damit zum Ende der DDR führte), wählten 76 Prozent des Wahlvolks brav den Status Quo.
Andererseits empfinden viele DDR-Bürger, die ja den Vergleich haben, die Bundesrepublik ebenfalls als eine nicht-funktionierende, wenngleich bürgerliche Demokratie. Auch in der Bundesrepublik sind Wahlen kein Mittel des Politikwechsels und das gewählte Personal kein Repräsentant einer sich ändernden Mehrheitsmeinung.
Wo Westdeutsche es als ganz selbstverständlich hinnehmen, dass die Lenkungsgremien von Konzernen und Banken mehr reale Macht besitzen als die gewählten Volksvertreter, sehen Ostdeutsche eine Diktatur des Kapitals. Und wo Westdeutsche vermeinen, ihre Stimme in Mandate für politische Entscheidungen umzumünzen, nehmen Ostdeutsche wahr, dass demokratische Partizipation sich im entwickelten Kapitalismus darin erschöpft, aller vier Jahre (also vielleicht ein Dutzend Mal) das kleinere Übel unter den wenigenden sich anbietenden und medial als mehrheitsfähig aufgetischten Sachwaltern der von den ökonomischen Machtstrukturen vorgegebenen Entscheidungen auszuwählen. Ostdeutsche erleben seit der Wende massiv die Unfähigkeit der modernen demokratischen Strukturen und das Versagen der politischen Verfaßtheit der Bundesrepublik - sie sehen, wie breite fruchtbare Landstriche veröden und die deindustrialisierten Städte, in denen es keine Arbeit mehr gibt, zurückgebaut werden. Sie erleben, dass viele von ihnen keine Güter produzieren dürfen - keine Arbeit bekommen - weil die Wirtschaft Überkapazitäten fährt, und dass sie trotz dieser Überkapazitäten ohne Arbeitsplatz nicht am Konsum und am kulturellen Leben teilhaben können.
Der Zweifel der Ostdeutschen an der westdeutschen Demokratie speist sich nicht aus der Verklärung eines Unrechtsstaates, sondern aus der unmittelbaren Erfahrung des Versagens der demokratischen Institutionen bei der Lenkung eines modernen kapitalistischen Landes in den Zeiten der Globalisierung.
Und die Empörung der Westdeutschen über die Zweifel der Ostdeutschen wird vielleicht nicht zuletzt aus dem Teilen dieses Zweifels, einem Zweifel an der eigenen Identität als Teil eines demokratischen Gemeinwesens, getragen.
Ich habe Ihren Artikel gelesen, und war sehr erfreut über die tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Thema. Ein entsprechender Blick auf anstehende Themen jenseits hohler Phrasen würde nicht nur einigen Kommentatoren, sondern auch den Verfassern einiger Artikel gut zu Gesicht stehen. - 5 Sterne ohne Einschränkung
Es könnte sehr interessant sein, im Zeit-Forum Diskussionen zu führen. Leider geht das in der Praxis nicht, weil der Tonfall unter den Forumsteilnehmern das nicht gestattet. Natürlich können Debatten nur interessant sein, wenn gegensätzliche Standpunkte erörtert werden. Das geht aber nur ohne Beschimpfungen und Trollerei, sondern erfordert den Willen zur Differenzierung und zur Verständigung. Es wäre hilfreich, wenn man einzelne Teilnehmer für sich filtern könnte (und diese vielleicht auch ein Feedback bekämen).
Das Bewertungssystem ist leider nicht besonders geeignet, weil es derzeit nicht Qualität von Argumenten sondern bloß den Grad der Affirmation erfaßt.
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Ehrlich gesagt fand ich die oberflächlichen Diskussionen der letzten Zeit über dieses berühmte Papierchen schon mehr als peinlich. Eine derart an den Haaren herbeigezogene Diskussion habe ich lange nicht mehr erlebt. Noch peinlicher all die plötzlichen Artikel von Amateurhistorikern, Regimekritikern und was es sonst noch so alles gibt.
Natürlich, über die Skrupellosigkeit dieses jetzt so völlig unerwartet aufgetauchten "Schießbefehls" müssen wir keine Gedanken verlieren. Dabei geht freilich völlig verloren, daß es sich bei der ganzen Angelegenheit um schlichte Kriminalität in den Reihen der Grenztruppen handelt. Die ist nicht gutzuheißen, kann aber auch schlechterdings als Beispiel gesamtstaatlicher Weisungen herhalten.
Es gab definitiv keinen Schießbefehl. Die innerdeutsche Grenze funktionierte anders. Zum einen befanden sich die Posten, wie vom Autor des wirklich sehr schön recherchierten Berichtes treffend zusammengestellt immer in der Sorge, was sie denn nun im Fall der Fälle tun sollten. Wer ist denn Dein Mann neben Dir? Was weißt Du von ihm? Was ist dran an den Geschichten mit den desertierten russischen Soldaten? Immerhin waren diese Geschichten angesichts der Zustände in den sowjetischen Garnisonen durchaus glaubhaft (und vielleicht auch wahr).
Aber zum anderen wirkte die innerdeutsche Grenze eben über möglicherweise gezielt verbreitete Falschinformationen. Die Fernsehsender der damaligen Bundesrepublik ließen ja keine Gelegenheit aus, die Grenze als unüberwindliches Bollwerk darzustellen. Das wirkte abschreckend, ich muß sagen: erfreulicherweise. Wie viele Grenzer mag diese Abschreckung vor der befürchteten Frage bewahrt haben, wie denn nun mit einem Flüchtling zu verfahren sei? Das waren ja keine Unmenschen, sondern ganz normale Wehrpflichtige, die in der großen Mehrzahl einfach ohne jedes Ärgernis ihre Grenzgarnison wieder verlassen wollten.
Aber ich merke schon, daß ich meine Gedanken nicht sonderlich sortieren kann. Bin ja auch kein Redakteur. ;-)
Auf alle Fälle täten uns mehr derartig umfassende Betrachtungen ohne vordergründige Sensationsgier gut.
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