Jetzt soll sich also Oma Meier an die Front werfen. Den jugendlichen Schlägertrupps in den Arm fallen. Rechtsradikale Randale verhindern. Das fordern viele Kommentatoren, die offenbar noch nie in Ostdeutschland waren. Dort wurden am Wochenende wieder einmal Migranten misshandelt , acht Inder mussten sich in einer Pizzeria verbarrikadieren, draußen erschollen ausländerfeindliche Parolen. Und noch ehe der Tathergang halbwegs geklärt war, erhoben viele Zeitungen schon den Vorwurf , der in solchen Fällen auch gern von der Politik kommt: Anwohner schauten zu! Passanten schritten nicht ein! Will heißen: Oma Meier hielt sich raus, weil sie mit den neuen Nazis sympathisiert. Sogleich kursierte die Floskel vom stillschweigenden Einverständnis.

So simpel ist die Situation aber nicht, nicht einmal in Mügeln. Wer je beim »Tag der Sachsen« im Bierzelt neben einer Gruppe Skinheads stand, der weiß, dass man kein Neonazi sein muss, um in Gegenwart runenverzierter Halbstarker zu schweigen. Es genügt, Angst zu haben. Es genügt, nicht lebensmüde zu sein. Es genügt, die Gefahr zu kennen, um sich vor ihr zu ducken – zumal sie andere betrifft. Diesen Artikel können Sie auch als mp3 hören, klicken Sie auf das Bild. Weitere ZEIT-Artikel zum Hören finden Sie unter www.zeit.de/hoeren BILD

Leider hat auch nackte Feigheit in Deutschland Tradition. Vielleicht fordern wir Deutschen gerade deshalb, weil wir um unseren historisch gewachsenen Mangel an Zivilcourage wissen, diese so lauthals ein? Es ist in Italien noch nicht vorgekommen, dass Journalisten nach dem neuesten Mafiamord die neapolitanischen Pizzabäcker beschimpft hätten, weil sie Schutzgelder zahlen, statt die Camorra zu stoppen.

Natürlich, die Skinheads Sächsische Schweiz sind nicht die Camorra. Bei unseren Rechtsradikalen wird lieber frontal totgeprügelt als hinterrücks erschossen. Trotzdem raten deutsche Sicherheitskräfte heute keinem Zivilisten, sich rechten Attacken entgegenzustellen, sondern lediglich, die Polizei zu rufen. Die Polizei selbst ist gehalten, erst ab entsprechender Truppenstärke einzugreifen. Sie glaubt offenbar, dass man mehr als bloß die richtige politische Einstellung braucht, um den »Kampf gegen rechts« zu bestehen.

Tatsache ist im notorisch gewaltbereiten Ostdeutschland: Wer sich wehrt, lebt gefährlich. Davon können couragierte Bürger ein trauriges Lied singen. Das Mädchen aus Bautzen beispielsweise, das 2006 eine Schlägerei vor einer Kneipe durch beschwichtigende Worte verhindern wollte und deren Gesicht nun für immer entstellt ist. Der Lehrer aus Bischofswerda, der antifaschistischen Geschichtsunterricht gab und dessen schulpflichtige Kinder von gleichaltrigen Nachwuchsnazis kujoniert wurden. Der Bahnpolizist aus Halberstadt, der einem Ausländer beisprang und schwer verletzt wurde.

Und was, wenn mehr als nur einzelne Bürger zugegen sind? Doch wie viel mehr ist genug? Die einfache Mehrheit? Wer das glaubt, hat noch keinen »Markt der Kulturen« erlebt wie etwa in Pirna, den 60 vermummte Kameraden »aufmischten«, während von 600 anwesenden Bürgern jeder sich bang fragte, ob die restlichen 599 seinen Widerstand unterstützen würden.