Antisemitismus Das verbotene LandSeite 4/4

Die Beerdigung glich einem Triumphzug. Das liberale Norwegen huldigte seinem Helden. Schon bei der Nachricht vom bevorstehenden Tod des Dichters hatten sich Tausende vor seinem Haus versammelt. Als der Sarg durch die Straßen zur letzten Ruhe gefahren wurde, säumten 10.000 Menschen den Weg – ein Fünftel der Einwohnerschaft Christianias. Der Zeitgenosse und Wergeland-Biograf Hartvig Lassen berichtet, dass der Sarg vor lauter Blumen gar nicht mehr zu sehen war.

Auch Skandinaviens Juden trauerten, sie kannten das große Verdienst, das sich der Dichter um ihre Freiheit erworben hatte. Noch immer durften sie sich nicht in Norwegen niederlassen. Aber sie konnten Dank zeigen. So schlugen jüdische Bürger in Stockholm vor, Wergeland ein Denkmal zu setzen. Da sie es selbst nicht in Norwegen aufstellen konnten, wurde es quasi im Exil in Stockholm enthüllt. Bitter lässt die Inschrift noch heute die Nöte jener Zeit erkennen, aus der es stammt: »Dankbare Juden außerhalb der Grenzen Norwegens errichteten dieses Denkmal im Jahr 1847«.

Einzelne Politiker vermochten nichts auszurichten. Dem norwegischen Ministerpräsidenten Fredrik Due, der an der Enthüllungsfeier teilnahm, war die Angelegenheit höchst peinlich. Zerknirscht äußerte er den Wunsch, die Zeit möge nicht mehr fern sein, »da sich auch der Jude uneingeschränkt von einem intoleranten Gesetz, von kleingeistigen Meinungen oder ererbten Vorurteilen frei in meinem freien, glücklichen Vaterland bewegen kann«.

1849 wurde das Denkmal schließlich nach Norwegen gebracht und auf dem Erlöserfriedhof in Christiania aufgestellt. Eine Ausnahmegenehmigung hatte wenigstens einer kleinen jüdischen Delegation die Einreise und die Teilnahme am Festakt ermöglicht. Doch noch einmal zwei Jahre sollte es dauern, bis der unselige Paragraf 2 der Verfassung endlich gestrichen war.

Quisling will Norwegen wieder »judenfrei« machen

Aber auch nach dem Jahr 1851 blieben die Juden dem Lande wohlweislich fern. Selbst ein Vierteljahrhundert später, 1875, zählte man nicht mehr als 34 jüdische Einwohner auf norwegischem Staatsgebiet. Erst 1892 wurde in Oslo die erste Gemeinde gegründet und die erste Synagoge eingerichtet.

Die Geschichte um den elenden Paragrafen indes sollte noch eine grotesk-grausige Fortsetzung finden. Denn nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Norwegen und der Machtübernahme im Lande durch Quislings Regime kehrte auch dieses Gesetz zurück. Norwegen sollte »judenfrei« werden. Im März 1942 nahm man die Formulierung kurzerhand wieder in die Verfassung auf.

Am Tag der deutschen Invasion, dem 9. April 1940, umfasste die jüdische Gemeinde Norwegens etwa 2200 Menschen. Davon wurden, seit der ersten Aktion im Herbst 1942, insgesamt 767 Menschen nach Auschwitz deportiert. Bis auf 26 Heimkehrer kamen sie alle im Vernichtungslager oder auf dem Weg dorthin um.

Heute leben wieder rund 2000 jüdische Bürger in Norwegen. Ganz spannungsfrei ist das Verhältnis zu ihrem Staat kaum zu nennen. Der norwegisch-ungarische Jude Imre Hercz hat in einem Kommentar für die Tageszeitung Aftenposten vor einiger Zeit darauf hingewiesen, was Juden aus anderen Staaten über Norwegen dächten: Es sei von allen Ländern der westlichen Welt der schärfste Kritiker Israels. Auch mit diesem Vorwurf wird sich das neue Osloer Holocaust-Zentrum in seiner Forschung wohl befassen müssen.

Der Autor ist Skandinavist und lebt in Berlin und Oslo

 
Leser-Kommentare
  1. zur Genugtuung und zum sich Entlastet-Fühlen als Deutsche(r) !
    Aber es zeigt dennoch, dass jeder sich um die Leichen im eigenen Keller kümmern muss, bevor er auf Andere zeigt.
    Und Rassismus ist ein universelles Problem, leider.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "... Rassismus ist ein universelles Problem, leider."

    Und er geht in alle Richtungen. Er ist vor allem nicht so, wie es sich die Antifa-Spießer vorstellen.

    "... Rassismus ist ein universelles Problem, leider."

    Und er geht in alle Richtungen. Er ist vor allem nicht so, wie es sich die Antifa-Spießer vorstellen.

  2. Norwegen ist in der Tat das israelfeindlichste Land Europas, aber das weitgehend islamisierte Schweden, mit einer erheblichen palaestinensischen Diaspora, folgt ihm auf den Fersen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Immer wieder höre ich, dass man durchaus Kritik an Israels Landraub- und Unterdrückungspolitik üben dürfe, ohne Antisemit zu sein. In der Realität jedoch finde ich stets immer wieder diese Gleichsetzung: wer Israel (und by extension die USA George W. Bushs) kritisiert, der kann dafür nur sinistre Beweggründe haben.
    Wie hätte sie denn nun auszusehen, die nicht- antisemitische Israel- Kritik?

    Immer wieder höre ich, dass man durchaus Kritik an Israels Landraub- und Unterdrückungspolitik üben dürfe, ohne Antisemit zu sein. In der Realität jedoch finde ich stets immer wieder diese Gleichsetzung: wer Israel (und by extension die USA George W. Bushs) kritisiert, der kann dafür nur sinistre Beweggründe haben.
    Wie hätte sie denn nun auszusehen, die nicht- antisemitische Israel- Kritik?

  3. "... Rassismus ist ein universelles Problem, leider."

    Und er geht in alle Richtungen. Er ist vor allem nicht so, wie es sich die Antifa-Spießer vorstellen.

    Antwort auf "KEIN Grund"
  4. Schön, dass das mal klar gesagt wurde. In der kurzen Geschichte Norwegens, die ich in meinem Norwegischunterricht zu lesen bekam, stand zur Eidsvoller Verfassung, sie habe Religionsfreiheit garantiert. Da ich Paragraf 2 kenne, ist mir das sauer aufgestoßen.

  5. Es gab in praktisch allen besetzen oder verbündeten Ländern wenig Gegenwehr gegen diese Vorgänge. Aber auch die USA, GB und anderen Länder haben zigtausende jüdische Flüchtline zurückgewiesen. Das sollte man der Fairness halber vielleicht dazu sagen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Das ist nicht ganz richtig. Dänemark hat die dänischen Juden gerettet, indem sie quasi über Nacht ins nicht besetzte Schweden gebracht wurden.

    Redaktion

    Das ist nicht ganz richtig. Dänemark hat die dänischen Juden gerettet, indem sie quasi über Nacht ins nicht besetzte Schweden gebracht wurden.

    • Fahad
    • 26.08.2007 um 10:04 Uhr

    Siehe in diesem Zusammenhang auch Philip Roths "The Plot Against America", Houghton Mifflin 2004.

    http://www.washingtonpost...

    • Akakor
    • 26.08.2007 um 13:22 Uhr

    Ich bin dafür unser Weltbild neu zu justieren. Durch jahrzehntelange Anschauung bin ich zu dem Schluß gekommen, dass sich unsere Erde gar nicht um die Sonne dreht. Nein, sie dreht sich vielmehr um Juda.

    Hiermit ist keinerlei Wertung verbunden, ob dies gut oder schlecht ist, vermag ich nicht zu beurteilen, es ist eine reine Feststellung.

    Deshalb solltem man einige Lehrbücher neu verfassen, dies zum Ausdruck bringen, damit jeder weiß, wie der Hase läuft. Man kann damit viel Diskussion und Streit ersparen. Mit dem neuen Weltbild wäre es gar möglich, übertragen gesprochen, einstmals heidnische Religionen wie Sonnenanbetung wieder zu Ehren kommen zu lassen. Los geht's!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    @Akakor:
    Sie haben insofern Recht, dass sich für Antisemiten alles um Juden dreht. Da muss man schon von einigen Fixideen besessen sein, um einer verschwindend kleiner Minderheit so viel Böses anzudichten.

    @Akakor:
    Sie haben insofern Recht, dass sich für Antisemiten alles um Juden dreht. Da muss man schon von einigen Fixideen besessen sein, um einer verschwindend kleiner Minderheit so viel Böses anzudichten.

    • plamen
    • 26.08.2007 um 23:25 Uhr

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service