Türkei

Nach oben, nach Europa

Abdullah Gül will Islam und westliche Moderne versöhnen. Jetzt hat ihn das Parlament an die Spitze des Staats gewählt - gegen den Widerstand der Militärführung.

Es ist wahrlich kein schlechter Job, der diese Woche in der Türkei zu vergeben ist. Oberbefehlshaber der Streitkräfte. Leitfigur der Justiz und der laizistischen Bürokratie. Vorsitzender des Nationalen Sicherheitsrats. Nachfolger des legendären Republikgründers Kemal Atatürk. Erhabener Schutzherr des Staates, Hüter der Flagge und des säkularen Grals der Türkei. Zur Wahl steht der Präsident.

Brisanter noch als der Posten scheint die Person des einzigen aussichtsreichen Bewerbers zu sein. Als Abdullah Gül im April zum ersten Mal antrat, da raunte die Armee von einem Putsch. Alte Eliten und junge säkulare Frauen demonstrierten in Massen gegen ihn. Das Land stürzte in eine Staatskrise, aus der es erst in vorgezogenen Wahlen wieder herausfand. Nach dem Triumph der regierenden konservativen AKP im Juli sieht nun alles so aus, als würde Gül spätestens im dritten Wahlgang des Parlaments am kommenden Dienstag obsiegen. Dann darf der gläubige Muslim Abdullah Gül, dessen Frau Kopftuch trägt, den Sessel von Atatürk einnehmen, der einst die Kopfbedeckungen mit Bann belegte, die Scharia-Gerichte abschaffte und darauf gern mit Champagner anstieß. Ankara bebt in diesen Tagen.

Die Europäische Union hat schon gewählt. Die Kommission lobt den langjährigen Außenminister Gül als modernen Reformer und warnt die Armee vor neuer Einmischung. Ähnlich liest es sich in den großen liberalen und konservativen Zeitungen der Türkei, die den proeuropäischen Kurs der AKP und ihren Wahlsieg begrüßen.

Die Gegner Güls reden über seine Frau. Sind Hayrünnisa und ihr Kopftuch eine Gefahr für die 84 Jahre alte laizistische Republik? Frau Gül ist nicht zu unterschätzen. Sie holte das verpasste Abitur nach und klagte gegen das Kopftuchverbot an allen öffentlichen Orten der Türkei beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Und die soll nun an der Seite ihres schnauzbärtigen Mannes die glattrasierten Generale und Beamten beim Staatsempfang begrüßen? Die CHP, die Partei des säkularen Establishments, warnt vor dem Abrutschen in die Tarnkappen-Theokratie. Iran lasse grüßen. Der Generalstabschef verweigert pikiert jeden Kommentar. »Wenn ich etwas sage, stürzen die Börsenkurse ab. Wenn ich nichts sage, fallen sie, weil ich etwas sagen könnte.«

Wer hat recht, die EU und die liberalen Journalisten oder die Säkularen? Wer ist dieser Politiker, an dem sich die Geister scheiden? Abdullah Gül wirkt liebenswürdig und unprätentiös, er ist sich nicht zu schade, einen Löffel aufzuheben, und – er hört zu. Die Antworten des 56-Jährigen sind überlegt und werden in geschliffener Sprache vorgetragen, egal ob auf Türkisch, Englisch oder Arabisch. Eigentlich gibt es drei Güls. Den Islamisten von gestern, den Konvertiten und Reformer von heute und einen dritten Gül, den Mächtigen von morgen. Muss man ihn fürchten?

Es stimmt ja, die Erinnerung trügt die Säkularen nicht. Gül kommt aus Kayseri, der Händlerstadt, dem konservativen Herzen der Türkei. Seine Frau hat die Mutter für ihn ausgesucht. Nach dem Armeeputsch 1980 sitzt er im Gefängnis. Um den Generälen auszuweichen, arbeitet Abdullah Gül an der Islamischen Entwicklungsbank im saudischen Dschidda. Güls politische Karriere beginnt in der Wohlfahrtspartei des türkischen Islamistenvaters Necmettin Erbakan. Der regiert als Premier, bevor ihn die Militärs 1997 beizeiten wieder abräumen. Der junge Ökonom ist sein Regierungssprecher. Gül, der Islamist.

Schon damals hat er diese sanfte Stimme, das verbindliche Auftreten, das einnehmende Lächeln. Der Islamistenobmann Erbakan mag deshalb überrascht gewesen sein, als Gül plötzlich die Revolution gegen ihn anführt, als dieser die bröckelnde Islamistenpartei erst aufmischt und sie dann mit Aplomb verlässt. Hart bleiben, wenn es ums Prinzip geht, auch das ist eine Seite von Abdullah Gül. Gemeinsam mit dem abtrünnigen Islamisten und heutigen Premier Tayyip Erdoğan gründet er eine neue Partei, die konservative, aber eben nicht mehr islamistische AKP. Gül, der Konvertit, erobert nun Schritt für Schritt die Türkei.

Vor der Parlamentswahl 2002, in der die AKP zum ersten Mal die absolute Mehrheit holt, ist viel vom Kopftuchverbot an türkischen Universitäten die Rede. Gül kehrt seine liberale Seite hervor, als er der ZEIT im Wahlkampf sagt: »Die Universität ist das Zentrum der Freiheit, da sollte jede Frau selbst entscheiden, ob sie ein Kopftuch trägt oder nicht.« Den Vorwurf an gewendete Islamisten wie ihn, sie würden bei Gelegenheit wie in Iran das Kopftuch vorschreiben und das Tragen von Miniröcken verbieten, kontert er so: »Uns geht es um die Freiheit aufzutreten, wie man will. Sowohl die Türkei als auch Iran verletzen Freiheitsrechte mit rigiden Kleidervorschriften.«

Das Parteiprogramm der AKP halten Gül und seine Gefährten frei von islamistischer Ausschussware. Stattdessen zählen Pragmatismus und EU-Beitrittsverhandlungen. Das ist die Stunde von Gül, dem Reformer. Der Wirtschaftsprofessor hat in Istanbul, in Exeter und London studiert. Dort hat er auch seine Gewandtheit gelernt. Als Außenminister führt er die Türkei aus ihrer Isolation heraus. Still repariert er die gestörten bis zerrütteten Beziehungen zu fast allen Nachbarn. In Brüssel kämpft er darum, die Türkei auf das Gleis der Beitrittsverhandlungen zu bringen. »Wir wollen dem skeptischen Westen beweisen, dass ein muslimisches Land demokratisch und transparent regiert werden kann.« In der Nacht vom 3. Oktober 2005 kommt es zum Schwur. Die EU-Staaten wollen Beitrittsverhandlungen offiziell beschließen. In letzter Minute blockiert Österreich. Gül wartet auf dem Flughafen in Ankara und weigert sich, nach Brüssel zu fliegen. Hart bleiben, wenn es ums Prinzip geht. Joschka Fischer, mit dem in den Verhandlungen eine Art Freundschaft entstand, bekniet ihn zu kommen. Dann kippt Österreich um. Gül fliegt und feiert in Brüssel erschöpft den Erfolg.

Es war der Triumph eines politischen Tandems: Abdullah Güls und seines Parteivorsitzenden Tayyip Erdoğan. Gül trat stets bescheiden hinter Erdoğan zurück. Das passte zu ihm. Schon als Kind fiel es ihm schwer, für seinen Vater Kaltgetränke auf dem Markt zu verkaufen. Seine Stimme war zu heiser, das Timbre zu schwach, sein Auftreten zu bedächtig. Er kehrte ohne Geld und mit allen Flaschen nach Hause zurück.

Im Duett mit Erdoğan kannte er seine Rolle. Gül las Bücher und schrieb Programme, während der Volkstribun Erdoğan die Bühne eroberte. Gül entwarf die Strategie für die Zukunft, derweil Erdoğan mit pragmatischem Gespür die politische Sekunde nutzte. Gül beseitigte manierlich die Kollateralschäden, wenn Erdoğan mal wieder aufbrauste und die Europäer oder die Opposition erschreckte. Gül vertrat Erdoğan als Premier, als dieser 2002 wegen eines kämpferischen Gedichtzitats im Gefängnis saß, und räumte den Posten, ohne zu murren, als Erdoğan freikam.

Doch könnte sich dieses Verhältnis nun ändern. Denn aus den AKP-Rängen sickert das Gerücht, dass Erdoğan den Präsidentenposten lieber mit einem für alle verdaulichen Kompromisskandidaten besetzt hätte. Mit einem Mann ohne islamistische Vergangenheit, ohne Kopftuchfrau, ohne jene religiöse Attribute, die Erdoğan ja selbst schon kennzeichnen. Und mit einem, der einen weniger starken Willen besitzt als Abdullah Gül.

Denn dieser bleibt erneut hart und besteht auf seiner Kandidatur. Den Wahlsieg interpretiert Gül auch als Bestätigung seiner präsidialen Ambition. Nicht noch einmal will er den Ersatzmann für Erdoğan spielen. Beharrlich und planmäßig warb er in der Partei für sich. Er umgarnte Kurden und Nationalisten im Parlament, damit sie nicht die Wahl boykottieren. Wird er zum Präsidenten gewählt, hat er mehr als nur repräsentative Aufgaben. Güls Vorgänger, der säkulare Ahmet Sezer, blockierte viele EU-Gesetze der Regierung Erdoğan. Das sähe Gül nicht ähnlich. Und doch wäre er als Präsident für Erdoğan nicht mehr verantwortlich. Er kann ihn mit seinem Veto einhegen. Er hätte den Gefährten auf dem langen Weg aus dem einfachen Volk an die Spitze des Staates überholt. Was Gül, der Ex-Islamist, der Konvertit und Reformer auf Europakurs, daraus macht, hat er dem Premier nicht verraten.

Allein am Gesicht der muslimischen Demokratie poliert das Ehepaar Gül schon mal. Seine Frau lässt sich nun die Garderobe samt modischer Kopftücher vom Wiener Designer des Models Naomi Campbell neu schneidern. Gül wird dazu sein durchschlagendes Lächeln beisteuern.

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Leser-Kommentare

  1. Abdullah Gül sieht aus wie George Clooney....!

    • 28.08.2007 um 20:49 Uhr
    • Karmi

    ist nicht entscheidend. Von Bedeutung ist die Tatsache, dass nun saemtliche Exekutiv- und Kontrollpositionen des Staates in der Hand einer Partei sind. Das waere in jedem Staat, nicht nur in der Tuerkei, aeusserst fragwuerdig und ist sicherlich nicht demokratisch vertretbar. Immerhin hat eine Mehrheit der Waehler die Regierungspartei nicht gewaehlt. Ansonsten beschreibt der Artikel die Situation korrekt, was bei diesem Thema leider selten der Fall ist.

  2. Lieber Freund Karmi,

    ich finde es großartig, dass endlich jemand meine schon immer propagierte These vertritt: Was heißt schon Stimmenmehrheit bei Wahlen? Meines Empfindens wurde unsere Bundesrepublik stets durch illegale Regierungen geleitet, schließlich waren sie niemals Regierungen aller Herzen, sondern immer nur die Regierungen der Stimmenmehrheit. Und wer will allen Ernstes bezweifeln, dass das Herz höher zu werten ist?
    Im Weiteren muss ich Ihnen leider widersprechen: Sehen Sie, alle dieser illegalen Regierungen bzw. Parteien haben mit ihrer Stimmenmehrheit in den entsprechenden Gremien stets ihre eigenen Parteifreunde an den Staatsspitzen platziert. Nehmen Sie zum Beispiel für die SPD das Trio Schröder-Thierse-Rau oder für die CDU brandaktuell Merkel-Wieheißtdernoch-Köhler. Furchtbar schreckliches Gefühl von einem Staatstrio geführt zu werden, das einer einzigen Partei abstammt und ihre Legitimität alleine auf freien Wahlen gründet. Wo bleibt die Demokratie?...fragt man sich und zweifelt insgeheim an den Integrationskursen.

    • 28.08.2007 um 22:06 Uhr
    • KHJ

    Die Herren der AKP und der neuen Präsidenten Gül (mit islamitischem Hintergrund, aber ohne Kopftuch) haben alle einen tadellosen Anzug an, nach westlichem Vorbild. Dagegen haben die Frauen (mit jüdischen oder protestantischen Hintergrund?) von Gül und Erdogan ein Kopftuch an.

    Laut Berichte einiger türkischer Zeitungen soll auf dem Land das islamische Recht schon weit auf dem Vormarsch sein, was Voralleendingen an den Bau von neuen Moscheen zusehen ist und dass immer mehr Frauen Kopftuch tragen müssen.

    Die EU (die Schlafmützen der Welt) sehen darin keine Gefahr für den inneren Frieden Türkei und feiern den neuen türkischen Präsidenten Gül mit allem was sie haben.

    Die Türkei, gehört auf jedenfalls nicht in die EU hinein. Wenn die EU einen Aufstand der EU-Bürger vermeiden möchte, dann soll sie der Türkei jetzt klar machen, dass eine Mitgliedschaft in die EU nicht wünschenswert ist. Somit verlieren alle Parteien ihr Gesicht nicht.

  3. wirds erst, wenn Erdogan mit Kopftuch rumläuft ;-)
    Noch komischer finde ich allerdings die absurden Statemnts hier zur demokratischen Legitimation der AKP. Das die Regierungspartei nicht die Mehrheit der Stimmen erhält, ist in einem Land mit Mehrheitswahlrecht eher die Regel, als die Ausnahme. Viel fragwürdiger ist die Rolle der Armee. Anscheinend ist es für einige Leute in der Türkei voll OK, wenn eine überhaupt nicht dazu ermächtigte Staats-Soldateska Politik macht. Erklärung, bitte.

    • 29.08.2007 um 9:54 Uhr
    • Karmi

    Man sollte ein bisschen mehr von der tuerkischen Innenpolitik verstehen, bevor man unqualifizierte Kommentare abgibt! Erstens ist das tuerkische Militaer verfassungsgemaess legitimiert, den saekularen Staat zu schuetzen. Zweitens ist die AKP als Regierungspartei durchaus legitimiert, auch mit weniger als der Haelfte der Stimmen. Aber anders als in Deutschland und anderen westlichen Demokratien verfuegt die Tuerkei uber kein Zwei Kammern System. Dem Parlament steht als einzige Kontrollinstitution der Praesident gegenueber (in Deutschland der Bundesrat). Durch die Wahl eines Parteifreundes zum Praesidenten kontrolliert sich die Regierung (absolute Mehrheit im Parlament) selbst. Das ist ein Zustand, den man sonst nur in Diktaturen antrifft.
    Das sollte auch einem Laien verstaendlich sein!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Diese Verfassung haben sich die lamettatragenden Schafherden anläßlich ihres letzten Putsches selbst gegeben. Mich erinnert so etwas an ein gewisses Ermächtigungsgesetz.

    Die einzige Möglichkeit, wie sich die Türkei auf absehbare Zeit für einen EU-Beitritt diqualifizieren kann wäre m.E. der Versuch dieser Tressenständer, die Demokratie zu retten, indem sie sie wieder mal abschaffen, um sich wieder eine ihnen noch genehmere Verfassung zu basteln.

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    Die Bürde des Menschen sei antastbar!

  4. Diese Verfassung haben sich die lamettatragenden Schafherden anläßlich ihres letzten Putsches selbst gegeben. Mich erinnert so etwas an ein gewisses Ermächtigungsgesetz.

    Die einzige Möglichkeit, wie sich die Türkei auf absehbare Zeit für einen EU-Beitritt diqualifizieren kann wäre m.E. der Versuch dieser Tressenständer, die Demokratie zu retten, indem sie sie wieder mal abschaffen, um sich wieder eine ihnen noch genehmere Verfassung zu basteln.

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    Die Bürde des Menschen sei antastbar!

    Antwort auf "Quietschbaer"
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    Sie haben leider keine Ahnung von tuerkischer Innenpolitik, aber das geht hier vielen so, die aus dem deutschen Lehnstuhl heraus Umstaende in anderen Laendern beurteilen wollen, von denen sie ein selektiv angelesenes Verstaendnis haben.

  5. Da das Kopftuch der Ehegattin von Herrn Gül scheinbar so wichtig ist, würde mich nun brennend interessieren, ob die Gattinnen von Beckstein, Schäuble oder Stoiber schon mal in der Öffentlichkeit mit einem Kreuz als Schmuck gesehen wurden; oder vielleicht sogar Frau Merkel selbst? Dies schiene mir hier in Deutschland allemal relevanter.
    Und es stellt sich die unausweichliche Frage, ob sich aus dem Tragen eines Kreuzes als Schmuck auf eine christlich-fundamentalistische Gesinnung der Trägerin oder des jeweiligen Ehegatten geschlossen werden darf. Falls ja, welche Konsequenzen gedenkt der Generalinspekteur der Bundeswehr daraus zu ziehen?

    Ich hoffe, daraus wird klar, mit welch hahnebüchenen Argumenten hier von Teilen unserer Politikerschuft popolistische Propaganda gegen einen Beitritt der Türkei zur EU betrieben wird.

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    Die Bürde des Menschen sei antastbar!

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  • Von Michael Thumann
  • Datum 28.8.2007 - 07:30 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 23.08.2007 Nr. 35
  • Kommentare 14
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