Türkei Nach oben, nach EuropaSeite 3/3
Es war der Triumph eines politischen Tandems: Abdullah Güls und seines Parteivorsitzenden Tayyip Erdoğan. Gül trat stets bescheiden hinter Erdoğan zurück. Das passte zu ihm. Schon als Kind fiel es ihm schwer, für seinen Vater Kaltgetränke auf dem Markt zu verkaufen. Seine Stimme war zu heiser, das Timbre zu schwach, sein Auftreten zu bedächtig. Er kehrte ohne Geld und mit allen Flaschen nach Hause zurück.
Im Duett mit Erdoğan kannte er seine Rolle. Gül las Bücher und schrieb Programme, während der Volkstribun Erdoğan die Bühne eroberte. Gül entwarf die Strategie für die Zukunft, derweil Erdoğan mit pragmatischem Gespür die politische Sekunde nutzte. Gül beseitigte manierlich die Kollateralschäden, wenn Erdoğan mal wieder aufbrauste und die Europäer oder die Opposition erschreckte. Gül vertrat Erdoğan als Premier, als dieser 2002 wegen eines kämpferischen Gedichtzitats im Gefängnis saß, und räumte den Posten, ohne zu murren, als Erdoğan freikam.
Doch könnte sich dieses Verhältnis nun ändern. Denn aus den AKP-Rängen sickert das Gerücht, dass Erdoğan den Präsidentenposten lieber mit einem für alle verdaulichen Kompromisskandidaten besetzt hätte. Mit einem Mann ohne islamistische Vergangenheit, ohne Kopftuchfrau, ohne jene religiöse Attribute, die Erdoğan ja selbst schon kennzeichnen. Und mit einem, der einen weniger starken Willen besitzt als Abdullah Gül.
Denn dieser bleibt erneut hart und besteht auf seiner Kandidatur. Den Wahlsieg interpretiert Gül auch als Bestätigung seiner präsidialen Ambition. Nicht noch einmal will er den Ersatzmann für Erdoğan spielen. Beharrlich und planmäßig warb er in der Partei für sich. Er umgarnte Kurden und Nationalisten im Parlament, damit sie nicht die Wahl boykottieren. Wird er zum Präsidenten gewählt, hat er mehr als nur repräsentative Aufgaben. Güls Vorgänger, der säkulare Ahmet Sezer, blockierte viele EU-Gesetze der Regierung Erdoğan. Das sähe Gül nicht ähnlich. Und doch wäre er als Präsident für Erdoğan nicht mehr verantwortlich. Er kann ihn mit seinem Veto einhegen. Er hätte den Gefährten auf dem langen Weg aus dem einfachen Volk an die Spitze des Staates überholt. Was Gül, der Ex-Islamist, der Konvertit und Reformer auf Europakurs, daraus macht, hat er dem Premier nicht verraten.
Allein am Gesicht der muslimischen Demokratie poliert das Ehepaar Gül schon mal. Seine Frau lässt sich nun die Garderobe samt modischer Kopftücher vom Wiener Designer des Models Naomi Campbell neu schneidern. Gül wird dazu sein durchschlagendes Lächeln beisteuern.
- Datum 28.08.2007 - 09:30 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 23.08.2007 Nr. 35
- Kommentare 14
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Da das Kopftuch der Ehegattin von Herrn Gül scheinbar so wichtig ist, würde mich nun brennend interessieren, ob die Gattinnen von Beckstein, Schäuble oder Stoiber schon mal in der Öffentlichkeit mit einem Kreuz als Schmuck gesehen wurden; oder vielleicht sogar Frau Merkel selbst? Dies schiene mir hier in Deutschland allemal relevanter.
Und es stellt sich die unausweichliche Frage, ob sich aus dem Tragen eines Kreuzes als Schmuck auf eine christlich-fundamentalistische Gesinnung der Trägerin oder des jeweiligen Ehegatten geschlossen werden darf. Falls ja, welche Konsequenzen gedenkt der Generalinspekteur der Bundeswehr daraus zu ziehen?
Ich hoffe, daraus wird klar, mit welch hahnebüchenen Argumenten hier von Teilen unserer Politikerschuft popolistische Propaganda gegen einen Beitritt der Türkei zur EU betrieben wird.
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Die Bürde des Menschen sei antastbar!
Abdullah Gül sieht aus wie George Clooney....!
ist nicht entscheidend. Von Bedeutung ist die Tatsache, dass nun saemtliche Exekutiv- und Kontrollpositionen des Staates in der Hand einer Partei sind. Das waere in jedem Staat, nicht nur in der Tuerkei, aeusserst fragwuerdig und ist sicherlich nicht demokratisch vertretbar. Immerhin hat eine Mehrheit der Waehler die Regierungspartei nicht gewaehlt. Ansonsten beschreibt der Artikel die Situation korrekt, was bei diesem Thema leider selten der Fall ist.
Lieber Freund Karmi,
ich finde es großartig, dass endlich jemand meine schon immer propagierte These vertritt: Was heißt schon Stimmenmehrheit bei Wahlen? Meines Empfindens wurde unsere Bundesrepublik stets durch illegale Regierungen geleitet, schließlich waren sie niemals Regierungen aller Herzen, sondern immer nur die Regierungen der Stimmenmehrheit. Und wer will allen Ernstes bezweifeln, dass das Herz höher zu werten ist?
Im Weiteren muss ich Ihnen leider widersprechen: Sehen Sie, alle dieser illegalen Regierungen bzw. Parteien haben mit ihrer Stimmenmehrheit in den entsprechenden Gremien stets ihre eigenen Parteifreunde an den Staatsspitzen platziert. Nehmen Sie zum Beispiel für die SPD das Trio Schröder-Thierse-Rau oder für die CDU brandaktuell Merkel-Wieheißtdernoch-Köhler. Furchtbar schreckliches Gefühl von einem Staatstrio geführt zu werden, das einer einzigen Partei abstammt und ihre Legitimität alleine auf freien Wahlen gründet. Wo bleibt die Demokratie?...fragt man sich und zweifelt insgeheim an den Integrationskursen.
Die Herren der AKP und der neuen Präsidenten Gül (mit islamitischem Hintergrund, aber ohne Kopftuch) haben alle einen tadellosen Anzug an, nach westlichem Vorbild. Dagegen haben die Frauen (mit jüdischen oder protestantischen Hintergrund?) von Gül und Erdogan ein Kopftuch an.
Laut Berichte einiger türkischer Zeitungen soll auf dem Land das islamische Recht schon weit auf dem Vormarsch sein, was Voralleendingen an den Bau von neuen Moscheen zusehen ist und dass immer mehr Frauen Kopftuch tragen müssen.
Die EU (die Schlafmützen der Welt) sehen darin keine Gefahr für den inneren Frieden Türkei und feiern den neuen türkischen Präsidenten Gül mit allem was sie haben.
Die Türkei, gehört auf jedenfalls nicht in die EU hinein. Wenn die EU einen Aufstand der EU-Bürger vermeiden möchte, dann soll sie der Türkei jetzt klar machen, dass eine Mitgliedschaft in die EU nicht wünschenswert ist. Somit verlieren alle Parteien ihr Gesicht nicht.
wirds erst, wenn Erdogan mit Kopftuch rumläuft ;-)
Noch komischer finde ich allerdings die absurden Statemnts hier zur demokratischen Legitimation der AKP. Das die Regierungspartei nicht die Mehrheit der Stimmen erhält, ist in einem Land mit Mehrheitswahlrecht eher die Regel, als die Ausnahme. Viel fragwürdiger ist die Rolle der Armee. Anscheinend ist es für einige Leute in der Türkei voll OK, wenn eine überhaupt nicht dazu ermächtigte Staats-Soldateska Politik macht. Erklärung, bitte.
Man sollte ein bisschen mehr von der tuerkischen Innenpolitik verstehen, bevor man unqualifizierte Kommentare abgibt! Erstens ist das tuerkische Militaer verfassungsgemaess legitimiert, den saekularen Staat zu schuetzen. Zweitens ist die AKP als Regierungspartei durchaus legitimiert, auch mit weniger als der Haelfte der Stimmen. Aber anders als in Deutschland und anderen westlichen Demokratien verfuegt die Tuerkei uber kein Zwei Kammern System. Dem Parlament steht als einzige Kontrollinstitution der Praesident gegenueber (in Deutschland der Bundesrat). Durch die Wahl eines Parteifreundes zum Praesidenten kontrolliert sich die Regierung (absolute Mehrheit im Parlament) selbst. Das ist ein Zustand, den man sonst nur in Diktaturen antrifft.
Das sollte auch einem Laien verstaendlich sein!
Diese Verfassung haben sich die lamettatragenden Schafherden anläßlich ihres letzten Putsches selbst gegeben. Mich erinnert so etwas an ein gewisses Ermächtigungsgesetz.
Die einzige Möglichkeit, wie sich die Türkei auf absehbare Zeit für einen EU-Beitritt diqualifizieren kann wäre m.E. der Versuch dieser Tressenständer, die Demokratie zu retten, indem sie sie wieder mal abschaffen, um sich wieder eine ihnen noch genehmere Verfassung zu basteln.
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Die Bürde des Menschen sei antastbar!
Diese Verfassung haben sich die lamettatragenden Schafherden anläßlich ihres letzten Putsches selbst gegeben. Mich erinnert so etwas an ein gewisses Ermächtigungsgesetz.
Die einzige Möglichkeit, wie sich die Türkei auf absehbare Zeit für einen EU-Beitritt diqualifizieren kann wäre m.E. der Versuch dieser Tressenständer, die Demokratie zu retten, indem sie sie wieder mal abschaffen, um sich wieder eine ihnen noch genehmere Verfassung zu basteln.
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Die Bürde des Menschen sei antastbar!
Diese Verfassung haben sich die lamettatragenden Schafherden anläßlich ihres letzten Putsches selbst gegeben. Mich erinnert so etwas an ein gewisses Ermächtigungsgesetz.
Die einzige Möglichkeit, wie sich die Türkei auf absehbare Zeit für einen EU-Beitritt diqualifizieren kann wäre m.E. der Versuch dieser Tressenständer, die Demokratie zu retten, indem sie sie wieder mal abschaffen, um sich wieder eine ihnen noch genehmere Verfassung zu basteln.
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Die Bürde des Menschen sei antastbar!
Sie haben leider keine Ahnung von tuerkischer Innenpolitik, aber das geht hier vielen so, die aus dem deutschen Lehnstuhl heraus Umstaende in anderen Laendern beurteilen wollen, von denen sie ein selektiv angelesenes Verstaendnis haben.
Sie haben leider keine Ahnung von tuerkischer Innenpolitik, aber das geht hier vielen so, die aus dem deutschen Lehnstuhl heraus Umstaende in anderen Laendern beurteilen wollen, von denen sie ein selektiv angelesenes Verstaendnis haben.
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