Als Erstes gibt sie ihr Alter ein: 31 Jahre. Dann ihre Größe: 1,70 Meter. Ihr Gewicht: 63 Kilogramm. Ihre Hobbys: Wein trinken, Tanzen, Tennis. Zum Schluss ihren Beruf: Apothekerin. Sie stellt ein Foto ins Netz und drückt die Returntaste. Sie ist jetzt angemeldet bei einer der größten Kontaktbörsen im Internet. Es ist der 1. April, draußen ist es nass und trüb. Auf dem Monitor sieht sie bunte Bilder von Männern, die eine Frau suchen. Der da zum Beispiel: Sieht doch ganz nett aus. Was macht der beruflich? Werkzeugmacher. Ein Mausklick, und er ist weg. Und der? Hat es auch nicht aufs Gymnasium geschafft. Klick, weg. Der? Schreibt nicht, welchen Beruf er hat, weg. Weg. Weg. Weg. Sie klickt sich durch die Fotos, bis sie auf einen höheren Angestellten mit Abitur stößt. Schon besser. Sein Gesicht gefällt ihr, er ist 33 Jahre alt, sie schreibt ihm eine E-Mail.

Der Soziologe Jan Skopek sitzt vor dem, was von der jungen Apothekerin übrig geblieben ist, und wartet. Sein Computer an der Uni Bamberg hat die Frau in grüne und gelbe Zahlenreihen verwandelt. Die Partnervermittlung hat Skopek die anonymisierten Daten von 22150 Männern und Frauen zur Verfügung gestellt. In Skopeks Computer werden sie so durchsichtig wie Pantoffeltierchen unter dem Mikroskop. Wer hat wen angeklickt? Wer hat wem gemailt, wer wem geantwortet? Wie lange hielt das Interesse?

Skopek, Nietengürtel, enge Jeans, gegelte Haare, schiebt seine Ray-Ban-Piloten-Sonnenbrille auf dem Schreibtisch hin und her. Er wartet, bis der Computer die Partnersuche der Apothekerin durchgerechnet hat. Er ist auf der Suche nach einem Muster, das ihm die Liebe in den Zeiten des Internets erklärt. Aber das Auswerten der Liebe dauert mitunter länger als das Anbahnen.

Jan Skopek ist Doktorand bei Hans-Peter Blossfeld, einem Bamberger Soziologieprofessor, der sich mit dem Heiratsverhalten der Deutschen beschäftigt. Und vor allem mit der Frage, wie sich die Partnerwahl auf die soziale Ungleichheit in der Bundesrepublik auswirkt.

Wie bitte? Wer wen heiratet, hat doch keinen Einfluss auf die Einkommensunterschiede im Land, oder? Doch, hat es. Sogar großen Einfluss.

Die Reichen werden reicher in Deutschland, und die Armen werden ärmer. So melden es die Statistiker von Jahr zu Jahr aufs Neue. Tatsächlich ist der Abstand zwischen oben und unten größer als je zuvor. Nach Berechnung des Statistischen Bundesamtes beziehen die wohlhabendsten zehn Prozent der Bevölkerung inzwischen 33 Prozent des gesamten Einkommens, die unteren zehn Prozent müssen sich mit 3 Prozent begnügen.

Politiker und Wissenschaftler reagieren auf solche Zahlen mit so hässlichen Wörtern wie »Klassengesellschaft« und »Unterschicht«. Wenn die Journalisten sie nach Ursachen fragen, suchen sie die Antwort meist im Berliner Regierungsbezirk oder in China. Sie nennen Dinge wie Hartz IV, die fehlenden Mindestlöhne oder die Billigkonkurrenz aus Fernost. Nur an einem Ort suchen sie fast nie: zu Hause bei den Bürgern. Dabei fallen dort, wo sich die Leute scheinbar rein private Gedanken über ihr Leben machen, Entscheidungen, die das Land verändern.

Welchen Vornamen gebe ich meinem Sohn? Wo will ich wohnen? Auf welche Schule schicke ich meine Tochter? Was ziehe ich heute an? Welcher Partner ist der richtige für mich? Was biete ich meinen Gästen zum Naschen an? All das sind Fragen, die eigentlich nur einen etwas angehen: denjenigen, der sie sich stellt. Doch die Antworten auf diese scheinbar trivialen Fragen haben auf die bundesdeutsche Gesellschaft weit mehr Einfluss als die niedrigen Löhne in China: Sie bestimmen den Abstand zwischen Arm und Reich, sie bestimmen vor allem, wie leicht oder wie schwer es jemandem fällt, von unten nach oben zu kommen.

Jan Skopek zeigt auf den Computerschirm. Mit dem höheren Angestellten hat die Apothekerin viermal hin und her gemailt. Wahrscheinlich haben sie sich dann getroffen, und wahrscheinlich war die Apothekerin ein wenig enttäuscht. Denn unter Skopeks Mikroskop sieht man: Die Suche geht weiter. Sie schreibt weiter E-Mails an Männer, sie bekommt selbst welche, die sie alle liest, aber selten beantwortet. Ohne Abitur hat bei ihr niemand eine Chance. Die meisten Mails schreibt sie an Männer mit Hochschulabschluss, an Juristen, Ärzte, Informatiker. Vor allem einer scheint ihr zu gefallen. Als Hobbys gibt er Geschichte, Italien und Oldtimer an. Sein Beruf: Philologe. Am 4. Mai endet die Datenreihe.

Die Apothekerin hat sich in die Weiten des Internets begeben, wo sie Menschen treffen kann, die sie im richtigen Leben nie kennenlernen würde. Trotzdem hat sie ihr soziales Milieu nicht verlassen. Sie hat die Frage nach dem richtigen Partner so beantwortet: Er soll ähnlich gebildet sein und ähnlich viel verdienen wie ich. Damit hat sie sich genauso verhalten wie die große Mehrheit der Bundesbürger.

Früher war das anders. Früher hat in Deutschland jeder zweite Mann nach unten geheiratet und jede zweite Frau nach oben. Wenn sich der Arzt in die Krankenschwester verliebte und der Chef in die Sekretärin, dann entsprach das nicht nur dem Klischee der Groschenromane. Es führte auch dazu, dass sich die Milieus und Gesellschaftsschichten mischten, Wissenschaftler nennen es den »Aschenputtel-Effekt«. Die Krankenschwester konnte sich Dinge leisten, die für sie sonst unerreichbar gewesen wären. Der Heiratsmarkt wirkte wie ein privat organisiertes Umverteilungssystem, das dafür sorgte, dass sich oben und unten nicht zu weit voneinander entfernten.

Heute sorgt es für Erstaunen und Tuscheln, wenn ein Zahnarzt seine Helferin ehelicht. Ist die nicht unter seinem Niveau? Nur noch jeder fünfte Mann heiratet nach unten, hat der Soziologe Blossfeld herausgefunden. Der Beruf und der Bildungsstand sind neben dem Aussehen zum wichtigsten Auswahlkriterium geworden, und nirgendwo wird das so deutlich wie im Internet.

Jan Skopek zeigt in seiner Datenreihe der Apothekerin mit dem Finger auf den Werkzeugmacher, für den die junge Frau nur eine halbe Sekunde übrighatte. Dann wechselt er zu den Daten einer Produktmanagerin, zu denen einer Betriebswirtin, einer Studentin und einer Ingenieurin. Bei ihnen allen hat es der Werkzeugmacher versucht. Keine der Frauen hat ihn genauer angeschaut, keine wollte wissen, welche Hobbys er hat, wie er seinen Charakter beschreibt. Der Blick auf den Beruf hat genügt. Dann wurde er weggeklickt.

Skopeks Studie zeigt, dass niemand so streng auswählt wie gut ausgebildete Frauen. Die Tradition des Nach-unten-Heiratens kennen sie noch nicht. Früher haben sie nach oben geheiratet, jetzt wollen sie auf Augenhöhe bleiben. Eine Apothekerin, die einen Werkzeugmacher ehelicht, ist so selten wie eine 40-Jährige, die einen 20-Jährigen heiratet. Wo ein Mensch die Liebe hinfallen lässt, ist eine sehr persönliche, sehr private Entscheidung. Aber meist wird sie ziemlich rational getroffen. Jahrzehntelang haben die Frauen in Deutschland um ihren Aufstieg gerungen, den Zugang zu den Unis, zu gut bezahlten Jobs, all das mussten sie sich erkämpfen, gegen den Widerstand der Männer, der Traditionen, der Klischees. Jetzt wollen sie ihren Erfolg und sich selbst nicht durch den falschen Partner herabstufen.

Je mehr Ärztinnen, Juristinnen, Managerinnen sich jedoch mit Ärzten, Juristen und Managern zusammenfinden, desto mehr wächst die Zahl der gut bezahlten Doppelverdiener am oberen Ende der Gesellschaft; nach Berechnung der Uni Bamberg ist sie seit Anfang der neunziger Jahre um knapp 25 Prozent gestiegen. Und desto weiter entfernen sich diese Doppelverdiener vom anderen, dem unteren Ende. Dort, wo der Werkzeugmacher aus der Internet-Kontaktbörse vielleicht irgendwann eine Friseurin heiraten wird.

6,5 Millionen Bundesbürger suchen zurzeit an Onlinebörsen nach einem Partner, fast alle sind jünger als 40. Die meisten vergleichen Hunderte möglicher Partner, bevor sie entscheiden, mit wem sie überhaupt in Kontakt treten wollen, im Kopf immer die persönliche Checkliste. Nur wer den richtigen Beruf, das richtige Einkommen, die richtige Herkunft hat, bekommt eine Chance – und am Ende das Jawort. »Das Ergebnis«, sagt Skopek, »ist eine Gesellschaft, die sich immer weiter aufspaltet.«

Die Daten des Soziologen Jan Skopek stammen aus dem Frühjahr 2006. Die Apothekerin hat damals mit einer Reihe von Männern nicht nur Nachrichten ausgetauscht, sondern auch Treffen vereinbart. Womöglich hat sie tatsächlich einen angemessenen Partner gefunden. Nehmen wir an, es ist der Philologe.

Und nehmen wir weiter an, die beiden sind inzwischen zusammengezogen und werden bald ein Kind bekommen. Sie müssten dann die nächste wichtige, sehr private Frage beantworten: Welchen Namen geben wir unserem Kind? Eine knifflige Frage ist das. In Deutschland sind heute nicht weniger als 200000 verschiedene Vornamen registriert. Trotzdem ist die Antwort des jungen Paares auf diese Frage ziemlich vorhersehbar.

Die Antwort findet man zum Beispiel mitten in Köln, am Gülichplatz 1. Im zweiten Stock eines roten Klinkerbaus steht dort ein großer Schreibtisch, voll mit Akten, Mappen, Monitor und Stempeln und einem kleinen Plastikschild, auf dem steht: »Hier bedient Sie Frau Barg«. Angelika Barg, Leiterin des Standesamtes der Stadt Köln. Seit dreißig Jahren arbeitet sie hier, seit dreißig Jahren unterzeichnet sie Geburtsurkunden, seit dreißig Jahren beobachtet sie, welche Vornamen die Deutschen ihren Kindern geben, sie hat sie alle mitbekommen, die Modenamen der achtziger Jahre (Stefanie, Christian), der neunziger Jahre (Anna, Jan) und des neuen Jahrtausends (Anna, Lukas).

Über alle Trends hinweg hat sie eine Entdeckung gemacht: Welche Namen die Eltern ihren Kindern geben, hängt nicht nur vom individuellen Geschmack ab, sondern vor allem vom sozialen Milieu. Angelika Barg merkt das, obwohl sie die Leute gar nicht zu Gesicht bekommt, sie sieht nicht, wie sie sich kleiden, wie sie sprechen oder welche Autos sie fahren, sie sieht nur die Formulare. Das genügt. Dort müssen die jungen Eltern nämlich nicht nur den Namen des Kindes und ihre eigenen Namen eintragen, sondern auch ihren Beruf, zum Beispiel Apothekerin oder Philologe. Und der Beruf entscheidet offenbar mit darüber, wie der Nachwuchs heißen soll. Im Moment zum Beispiel sei das so, sagt Frau Barg: »Die akademischen Kreise neigen eher zu althergebrachten Vornamen.« Zu Namen wie Emilia, Franziska, Antonia, Jonathan, Elias, Karl, Friedrich.

Frau Barg formuliert diese Beobachtungen sehr vorsichtig. Sie sagt, das seien alles nur Eindrücke, sie sei ja keine Wissenschaftlerin, sie habe ja keine systematischen Daten erhoben.

Aber sie hat recht.

Wer wird später einmal Chef? Kevin, Justin oder Maximilian?

Der Berliner Kultursoziologe Jürgen Gerhards hat Tausende deutsche Geburtsregister aus mehr als hundert Jahren untersucht, von 1894 bis 1998. Er hat Vornamen und Berufe verglichen und festgestellt: »Der Geschmack ist sozial imprägniert.« Vor 1948 zum Beispiel waren christliche Vornamen bei Bildungsbürgern ziemlich unbeliebt. Damals hörten genug Mägde auf den Namen Johanna, gab es massenweise Fabrikarbeiter, die Paul hießen. Weshalb diese Namen in der Oberschicht kaum vorkamen. Heute, da in den Hauptschulklassen dutzendweise Jaquelynes, Justins oder Kevins sitzen, fangen die Akademiker wieder an, alte Namen zu mögen.

Vor hundert Jahren, am Ende des Kaiserreichs, wurde noch fast jeder zweite Vorname von allen Bildungsschichten vergeben. Heute ist es nicht einmal mehr jeder dritte. Hinter der Entscheidung für Leander oder Franziska verbirgt sich, bewusst oder unbewusst, der Drang, eine Linie zu ziehen, und offenbar war der Wunsch, sich abzugrenzen von jenen, die unten stehen, in Deutschland noch nie so groß.

»Prollig«, »Assig«, »Ein Fall für die Supernanny«, das schreiben werdende Eltern in Internetforen über Vornamen wie Chantal, Samantha oder Jason. Nur ein Hirngespinst überspannter Mittelschichtseltern? Schon möglich. Aber diese Mütter und Väter sind im beruflichen Leben vielleicht Mitarbeiter der Personalabteilung eines großen Unternehmens. Und wie werden sie sich dann entscheiden, wenn sie zwei gleichwertige Bewerbungen für eine Lehrstelle auf dem Tisch liegen haben und auf einer steht ein Name, der sie an RTL2 und schlechtes Deutsch erinnert, ein vermeintlicher Proll-Name?

Es gibt dazu eine Studie aus den USA. Zwei Ökonomen haben mit erfundenen Schreiben auf 1300 Stellenanzeigen geantwortet und sie entweder mit typisch »schwarzen« Vornamen wie Lakisha oder Jarmal versehen oder mit typisch »weißen« wie Emily oder Greg. Ergebnis: Die weißen Bewerber erhielten trotz identischer Qualifikation im Schnitt 50 Prozent mehr Einladungen als ihre schwarzen Konkurrenten, bei anspruchsvollen Berufen war der Unterschied am größten. »Man kann davon ausgehen, dass das in Deutschland genauso wäre«, sagt der Soziologe Jürgen Gerhards. Nur dass es in Deutschland andere Vornamen sind, die nach Ghetto und Sozialhilfe klingen, nach arbeitslosen Eltern und saufenden Nachbarn: eben Jacqueline, Chantal, Cheyenne, Marvin, Kevin, Jason oder Justin.

Vor allem, wenn unter dem Namen auch noch die falsche Adresse steht.

Rembert Freiherr von Meysenbug trägt Hemd, Krawatte, Anzug und im Anzug ein kleines, weißes Einstecktuch. Er ist Immobilienmakler bei Dahler & Company, und die Art, wie er sich kleidet, passt gut zu dem Slogan seines Unternehmens: »Zuhause in besten Lagen«. Das Generalsviertel gehört inzwischen dazu.

Von Meysenbug läuft durch die Moltkestraße, die Wrangelstraße, die Roonstraße, die Kottwitzstraße, die Gneisenaustraße, die Mansteinstraße. Sechs Straßen im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel, die drei Dinge gemeinsam haben: Sie wurden alle nach preußischen Generälen benannt; sie sind mit herrschaftlichen Mehrfamilienhäusern bebaut; sie waren für Immobilienmakler bis vor zehn, zwanzig Jahren ziemlich uninteressant. »Früher lebten hier viele Arbeiter und Ausländer, die Häuser waren heruntergekommen, und am Rande des Viertels standen überall Dönerbuden«, sagt von Meysenbug. Er sagt es ganz sachlich, ohne die Stimme zu heben, so wie ein Analyst über Börsenkurse spricht. Und so ähnlich sieht er die Sache ja auch.

Von Meysenbug geht vorbei an glänzenden Fassaden in Pastelltönen, er lobt den Jugendstil, den alten Baumbestand, die Linden, Eichen und Buchen, vor einem Baugerüst bleibt er stehen. Es reicht vom Boden bis zum Dach. Wer keine Ahnung hat, sieht es und denkt: Ein schlechtes Zeichen, das Haus ist baufällig. Von Meysenbug sagt: »Gerüste bedeuten, dass das Haus verschönert wird.« Und das bedeutet: Wertsteigerung. Die Wohnungen werden saniert, dann werden sie verkauft, am Ende leben in dem Viertel andere Leute. Die Ausländer ziehen weg, die Dönerbuden schließen, Galerien und Weingeschäfte ziehen ein. So war das in den vergangenen Jahren im Generalsviertel.

Von Meysenbug spricht von der hohen Akademikerdichte, »heute wohnen hier viele Anwälte, Ärzte, Architekten«. Dann sagt er den vielleicht wichtigsten Satz: »In St. Pauli gibt es Häuser, die sind eigentlich noch schöner.« Billiger sind sie auch. Trotzdem wollen sie nicht in St. Pauli wohnen, die Anwälte, Ärzte, Architekten. Weil sie keine Alkoholiker als Nachbarn wollen, keine Arbeitslosen, keine Ausländer, die kein Deutsch sprechen.

Als Arbeit noch kein knappes Gut war und Arbeiter noch ein sicheres Auskommen hatten in sozial anerkannten Berufen, da verband die Arbeiter mit den Akademikern ganz schlicht der ähnliche Tagesablauf. Man ging morgens zur Arbeit und kam abends heim. Und oft waren die Einkommen gar nicht so unterschiedlich. Mit dem Verlust der Arbeit teilen sich die Leben, die Probleme und die Wohnviertel.

Das Umfeld werde immer wichtiger, sagen Immobilienexperten, vor allem für Leute, die Kinder haben. Wer will die Bank vor der Sandkiste schon mit arbeitslosen Männern und deren Bierflaschen teilen? Wer es sich leisten kann, zieht weg.

»Abstimmung mit den Füßen« nennt das der Berliner Stadtsoziologe Uwe Jens Walther. Jene, die gehen, haben danach ein Problem weniger, die Gesellschaft als Ganzes aber eines mehr, ein ziemlich großes sogar. Denn plötzlich entstehen überall Stadtviertel, in denen kaum noch jemand wohnt, der Abitur hat. Viertel, in denen jeder zweite »arbeitslos« sagt, wenn ihn jemand nach dem Beruf fragt. Viertel, in denen kaum noch ein Weg nach oben führt. Viertel für die Unterschicht.

Wenn ein Mensch es schafft, von unten aufzusteigen, wenn der Sohn eines Arbeitslosen zum Beispiel Bankkaufmann wird oder sogar Anwalt, dann nennen Wissenschaftler das soziale Mobilität. In Deutschland ist sie ziemlich gering, niedriger als in den meisten anderen Industrieländern. Hier bringen es vor allem diejenigen zu Reichtum, deren Eltern schon ziemlich wohlhabend waren. Die Angehörigen unterschiedlicher Schichten begegnen sich kaum noch. In Hamburg-Wilhelmsburg, Köln-Kalk, Berlin-Neukölln oder Gelsenkirchen-Bismarck können die Kinder von Arbeitslosen auf der Straße nur mit Kindern anderer Arbeitsloser spielen. Später gehen sie dann zusammen auf die Hauptschule. Ist es da eine Überraschung, wenn Hartz IV zum Berufsziel wird? »Den Kindern in den Problemvierteln fehlen die sozialen Vorbilder«, sagt der Berliner Stadtforscher Andreas Kapphahn. Es fehlt die Treppe, die die Unterschicht mit der Mittelschicht verbindet.

Es fehlt Oma Philippine.

So hieß die freundliche ältere Dame in Siegen, die immer mit dem kleinen Nachbarsjungen die Hausaufgaben machte. Der Junge ist inzwischen fast vierzig Jahre alt, gerade kommt er aus Dubai am Persischen Golf, übermorgen fliegt er nach Afrika, aber vorher muss er unbedingt etwas essen: Sushi. Er nimmt die Stäbchen in die Hand, schiebt sich ein Reisröllchen in den Mund, und dann fängt er an zu erzählen, von seinem Studium, von Harvard, von seiner Zeit im Bundesvorstand der FDP, von seinem neuen Job als Manager bei Conergy in Hamburg, einem jungen deutschen Energieunternehmen, und einen Moment lang hört sich das alles an wie eine dieser langweiligen Managerkarrieren, die so vorhersehbar verlaufen wie ein Börsenkurs im Boom: Sie fangen oben an, und dann steigen sie immer weiter.

Ohne Oma Philippine hätte Mehmet nie den Aufstieg geschafft

Aber Mehmet Daimagüler hat eben nicht oben angefangen, sondern ziemlich weit unten, und ohne Oma Philippine wäre er auch dort geblieben. Sie half ihm beim Aufsatzschreiben, gab ihm Bücher zu lesen und korrigierte seine Grammatikfehler. Mehmets Vater, der Stahlarbeiter, sprach kaum ein Wort Deutsch, aber sein Sohn wurde in der Schule immer besser. Trotzdem sagte sein Lehrer: »Ein Türkenjunge gehört nicht aufs Gymnasium.« Also ging Mehmet auf die Hauptschule. Dann auf die Realschule. Am Ende machte er doch noch das Abitur. Notenschnitt: 1,4.

Danach kam eines zum anderen, Jurastudium in Köln, Aufbaustudium in Harvard, Praktika bei FDP-Bundestagsabgeordneten, der Job als Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group, der Wechsel zu Conergy. Mehmet Daimagüler ist jetzt relativ weit oben, aber wenn er zu Hause ist in Siegen in Westfalen, dann geht er manchmal ein Bier trinken mit seinem alten Kumpel Kemal, der, genau wie Mehmet, einen Gastarbeiter zum Vater hatte und in einer billigen Mietswohnung aufwuchs. Aber der keine Oma Philippine hatte.

Und was macht Kemal jetzt?

»Er ist Stahlarbeiter.«

Wenn der Immobilienmakler Rembert von Meysenbug im Hamburger Generalsviertel aus seinem Büro schaut, dann sieht er die kleinen Kinder der Akademiker vorbeilaufen, dann sieht er junge Frauen, die einen Kinderwagen vor sich herschieben. »Es gibt hier in der Gegend einen richtigen Babyboom«, sagt er.

Auch unsere Apothekerin und ihr Mann, der Philologe, würden gut hierhin passen. Nehmen wir an, ihr Sohn ist inzwischen zur Welt gekommen. Sie haben ihn vielleicht Friedrich genannt. Es geht ihnen gut, sie fühlen sich wohl im Generalsviertel. Die Apothekerin ist für ein Jahr in Elternzeit gegangen. Dank des neuen Erziehungsgeldes ist die finanzielle Einbuße gering. Wenn die junge Mutter auf dem Spielplatz mit anderen Müttern zusammensitzt, dann dreht sich das Gespräch manchmal schon um das Thema Schule. In der staatlichen Grundschule am Rande des Viertels sollen die Klassen ja sehr groß sein. Dafür hat ein paar Straßen weiter kürzlich eine Privatschule aufgemacht. Vielleicht wäre das eine Alternative. Aber ist das nicht zu elitär?

Ähnliche Gedanken haben sich die Wagners vor ein paar Jahren auch gemacht.

Die Häuser in Kleinmachnow am Rande von Berlin sind alt und hübsch. In den großen Gärten klemmen Baumhäuser zwischen dicken Ästen, Spielsachen liegen im Gras. Nach der Wende sind viele junge Familien aus Berlin-Kreuzberg und Berlin-Schöneberg hierher nach Brandenburg gezogen. Erst in die alte Villenkolonie, die Ende des 19. Jahrhunderts für das Großbürgertum errichtet wurde, dann in die Bürgersiedlungen aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Heute ist Kleinmachnow einer der teuersten Wohnorte im Berliner Umland.

Die Wagners sind mit ihren Kindern Emily, Florentine, Carlotta und Linus vor sieben Jahren hierhergekommen. Benjamin Wagner ist Kabarettist, seine Frau Silke managt ihn und die Familie. Die Nachbarn sind Regisseure, Fernsehproduzenten, Fotografen, Geschäftsleute. Alles Akademiker, alles nette Leute, alle wie sie, alle aus dem Westen. Und alle trieb dieselbe Frage um, als sie nach Kleinmachnow zogen: Auf welche Schule schicken wir unsere Kinder? Frau Wagner steht in Turnschuhen und kurzen Hosen in der großen, hellen Küche ihres Hauses und erinnert sich an damals. Während ihr Mann mit seinem Kabarettprogramm durch Deutschland tourte, tourte sie durch die Schulen Brandenburgs und Berlins.

Es ging ja schließlich um die Zukunft ihrer Kinder.

Frau Wagner hat Romanistik studiert, ihr Mann Germanistik. Sie war während der Schulzeit ein Jahr in den USA und hat nach der Uni vier Dolce-Vita-Jahre in Rom verbracht. Jetzt wünschte sie sich eine Schule, die ihre Kinder ähnlich angstfrei und neugierig werden lässt wie sie selbst. Die staatliche Grundschule, der die Familie zugeordnet war, fiel durch. »Um 7.20 Uhr war Beginn, dann folgten drei Stunden Frontalunterricht.« Silke Wagner war bedient.

Also machte sie sich auf den Weg zur nächsten Schule, einer privaten Waldorfschule. Die Direktorin war so unsympathisch, dass Frau Wagner gleich wieder ging. Sechs Schulen besuchte sie insgesamt, jedes Mal war sie so gespannt wie auf dem Jahrmarkt, wenn in der Hand ein halbes Dutzend Lose liegt – und so enttäuscht, als sie eine Niete nach der anderen zog.

Am Schluss war doch noch ein Treffer dabei: Frau Wagner entschied sich für die private internationale Kant-Schule, ihren englisch-deutschen Unterricht und 800 Euro Schulgeld im Monat. Die richtige Schule zu finden ist heute fast so aufwendig wie den richtigen Mann – nur viel teurer.

Frau Wagners Mann war dann auch erst einmal sprachlos. Privatschule? Er sitzt im verglasten Wohnzimmer und streckt die Beine von sich. Kein Fernseher versperrt den Blick, nur ein Klavier und eine Menge Bücher. »Ich dachte damals, dass die Kinder an einer privaten Schule in einem elitären Umfeld aufwachsen, das nichts mit dem richtigen Leben zu tun hat«, sagt Wagner. Und so haben auch viele seiner Kollegen reagiert. Linke Kabarettisten, für die Privatschulen in eine Reihe mit Westerwelle, dem Neoliberalismus und der Spaltung der Gesellschaft gehören. Deshalb will Benjamin Wagner auch nicht, dass sein wirklicher Name in der Zeitung steht, schon gar nicht im Zusammenhang mit Privatschulen.

Stolz, Mut, Selbstbewusstsein – darauf legt die Privatschule Wert

Eine Zeitlang bewahrte sich Wagner seine Abneigung gegen die Kant-Schule. Zum Beispiel, als er das erste Mal von den komischen Auszeichnungen hörte, die die Kinder dauernd bekommen. »Awards« heißen sie, und Wagner kam sich vor wie in einer amerikanischen Fernsehserie. Manchmal erhielt sein Sohn Linus so einen Award schon deshalb, weil er einem Mitschüler geholfen hatte, die heruntergefallenen Bücher aufzuheben. Verrückt, dachte Wagner.

Mittlerweile hat er seine Meinung geändert. »Ich finde die Awards toll. Die Kleinen sind so stolz darauf.« Stolz, Mut, Selbstbewusstsein, darauf wird Wert gelegt in der privaten Kant-Schule. Jede Woche müssen einige Schüler vor der Schulversammlung (»Assembly«) etwas vortragen. Sogar die elfjährige Emily traut sich schon, vor der großen Gruppe zu sprechen.

800 Euro Schulgeld pro Monat und Kind sind auch für den erfolgreichen Kabarettisten Benjamin Wagner nicht leicht zu bezahlen. Die Kinder sind es ihm wert. »Wenn ich glaube, dass diese Schule eine gute Sache ist, kann ich mein Geld nicht besser anlegen«, sagt er. Darüber, was eine gute Sache ist, hätte sich jemand wie Wagner früher wohl weit weniger Gedanken gemacht. Damals hätten alle ihre Kinder ganz selbstverständlich auf die staatliche Grundschule geschickt. Bis irgendwann einer der Nachbarn auf die Idee gekommen wäre, seinen Kindern durch eine Privatschule einen Vorteil zu erkaufen. Damit sie es nach oben schaffen.

Nichts beeinflusst in Deutschland die Stellung in der Gesellschaft so sehr wie der Bildungsabschluss. Egal, ob der Vater Maurer oder Manager ist: Ohne Abitur darf niemand studieren, ohne Studium wird heute niemand mehr reich, der nicht das Zeug zum Profifußballer oder Popmusiker hat. »Das Bildungssystem ist das Nadelöhr, durch das auch die Kinder der Mittel- und Oberschicht gehen müssen«, sagt der Berliner Sozialforscher Martin Kronauer. Zwar schlüpft niemand so sicher hindurch wie sie; die Chancen von Akademikerkindern auf ein Studium sind nach Angaben des Deutschen Studentenwerks viermal höher als die von Kindern, deren Eltern nicht studiert haben. Aber in den Einfamilienhäusern und Altbauwohnungen der Republik ist trotzdem die große Abstiegsangst ausgebrochen.

Nie wurde mehr Geld für Nachhilfe und Ferienkurse ausgegeben. Nie gingen mehr Kinder auf eine Privatschule, inzwischen ist es jeder 14. Schüler in Deutschland. Nicht besonders viele. Doch es werden immer mehr, Anfang der neunziger Jahre war es nur jeder 20. Die Warteliste an der privaten Kant-Schule wächst von Jahr zu Jahr. An den evangelischen Grundschulen in Berlin sind die Anmeldungen dreimal so hoch wie die Zahl der Plätze. Private Kindergärten mit Englischkursen sind keine Besonderheit mehr, inzwischen gibt es für die Kleinsten schon Chinesischunterricht. Dass in Deutschland wenig Dinge so ungleich verteilt sind wie Bildung, liegt eben auch an den Eltern. Die einen kaufen sich große Stücke, den anderen bleiben die kleinen.

Benjamin Wagner sagt, es treffe ihn, wenn man ihm vorwerfe, er habe sich aus dem Solidarsystem der staatlichen Schulen verabschiedet, in dem die Starken den Schwachen helfen. »Es ist nicht die Aufgabe der Eltern, das Schulsystem zu reformieren, das ist Aufgabe der Politik.« Dann verabschiedet er sich, er muss los, heute Abend tritt er in Berlin auf. Sein Programm heißt: »Elite für jedermann«.

Egal, für welche Lehrer, für welche pädagogischen Konzepte sich unsere Apothekerin und ihr Mann am Ende entscheiden, ob für die staatlichen oder die privaten, ihr Sohn Friedrich wird noch eine zweite, vielleicht ebenso wichtige Schule besuchen. Und sie selbst werden die Lehrer sein.

Sie werden ihm zeigen, wie man sich benimmt als zivilisierter Mensch, wie man sich anzieht, wie es ist, Gäste zu haben: dass man ihnen eine Kleinigkeit zu essen, zu trinken anbietet und sie nicht nach Dingen fragt, die einen nichts angehen. Sie werden dafür sorgen, dass er ein Musikinstrument und den korrekten Genitiv lernt, und ihm erklären, dass ein Buch wertvoller ist als ein Fernseher und eine selbst gekochte Mahlzeit höherwertiger als Fastfood. Er wird verstehen, dass es schöne und hässliche Dinge gibt im Leben, und irgendwann wird er begreifen, dass diese Dinge mitunter ein klein bisschen von ihrer Schönheit oder Hässlichkeit auf ihren Besitzer abstrahlen. Er wird dann merken, dass man sich mit manchen Produkten blamieren kann, wenn man den falschen Hersteller, den falschen Namen erwischt. Dass solche Produkte wie Brandzeichen wirken. Sie markieren ihren Besitzer als jemanden, der keinen Stil hat. Schokolade ist zum Beispiel so ein Produkt. Neuerdings.

Große Roboter packen zentnerschwere Kisten mit von Schokolade überzogenen Haselnüssen und hieven sie auf Paletten. Kleine Roboter ritzen winzige Furchen in weiße Champagnertrüffel, von denen hinterher keiner aussieht wie der andere, denn so wirken sie wie handgemacht. Männer in weißen Kitteln, mit weißen Haarnetzen schaufeln kiloweise Nugatmasse in blecherne Wannen. Frauen in weißen Kitteln, mit weißen Haarnetzen legen grammweise Pralinen in Kartons und schaffen 45 Schachteln pro Minute. Beheizte Metallrohre pumpen flüssige Schokolade zu fünfzig Meter langen Fließbandstraßen, wo sie aus feinen Düsen über kleine Waffeln läuft. Es spritzt, dampft, rotiert, und überall riecht es nach Schokolade.

Am interessantesten aber ist es dort, wo nichts spritzt und nichts dampft, in einer Ecke am Ende der Fabrikhalle. Dort stehen ein paar silbern glänzende Tanks, an denen große Temperaturanzeiger hängen, die alle 45 Grad anzeigen. Der Werksleiter deutet auf den ersten Tank und sagt: »Ecuador«. Er zeigt auf den zweiten. »Ghana«. Den dritten: »Java«. Den vierten: »São Tomé«. In jedem der Tanks sind neun Tonnen flüssiger Kakao, aber nicht irgendeiner, sondern ausschließlich Kakao aus der jeweiligen Region. Und so steht es dann später auch auf der Tafel: Ecuador. Ghana. Java. São Tomé. Der Kunde sieht das und weiß, dass er hier nicht ein x-beliebiges Gemisch isst, sondern Kakao aus einem bestimmten Land, einer bestimmten Gegend, mit einem bestimmten Aroma. Der Weinkenner achtet ja auch auf die Herkunft.

Der Schokoladenmarkt ist heute so gespalten wie die Gesellschaft

Die Tafel, deren Rohstoff da in einer Fabrik in Norderstedt, ein paar Kilometer nördlich von Hamburg, angerührt wird, heißt Sarotti Nr. 1. Sie ist die Oberschicht der Sarotti-Gesellschaft. Es gibt sie erst seit drei Jahren. Sarotti, dieser deutschen Traditionsmarke, erging es lange Zeit wie der ganzen Republik. Oben und unten, das gab es im Sarotti-Sortiment nicht. Schokolade war ein Produkt für alle und jeden. Imagemäßig konnte man mit ihr nichts gewinnen und nichts verlieren. Man aß sie, und fertig. Eine Tafel kostete eine Mark, egal ob Vollmilch oder Trauben-Nuss, Hauptsache, süß, bei der Milch schaute ja auch niemand auf das Firmenlogo.

Vollmilch und Trauben-Nuss gibt es noch immer, aber in der sozialen Rangordnung sind sie abgerutscht. Es gibt jetzt Schokoladenboutiquen und Schokoladenseminare, in denen Chocolatiers über Duft, Farbe und Herkunft der Kakaobohne räsonieren. Konditoreien kreieren immer neue Pralinen, Weingeschäfte bieten dunkle Tafeln mit Chili- oder Orangenaroma an. Der Schokoladenmarkt ist heute so gespalten wie der Rest der Gesellschaft, und manche Marken, manche Sorten liefern neben dem Zucker inzwischen etwas, das noch viel süßer schmeckt: Sozialprestige.

Eine Zeitlang sah es so aus, als habe sich die Konsumwelt in eine klassenlose Gesellschaft verwandelt. Marktforscher entdeckten den hybriden Verbraucher, der sich nicht um Konventionen schert und heute Schinken bei Aldi kauft und morgen Käse im Feinkostladen, je nach Laune. Doch bei genauerem Hinsehen zeigte sich: Es geht hier nicht um Laune, sondern um Kalkül. Beim Frühstück mit der Familie greifen die Leute zum Billigprodukt und abends, wenn die Gäste kommen, zur Premiumware. »Der moderne Verbraucher ist sich sehr bewusst, welche Signale er aussendet«, sagt der Trierer Konsumsoziologe Michael Jäckel.

Die Industrie sendet eifrig mit. Hat man früher noch einfach Schokolade gegessen und Mineralwasser getrunken, gibt es heute kaum ein Produkt mehr, bei dem man nicht zwischen Luxus- und Billigmarken wählen kann. »Es gibt sogar schon Zahnpasta für Anspruchsvolle und Zahnpasta für Leute, die auf den Preis schauen müssen«, sagt Wolfgang Twardawa vom Marktforschungsunternehmen GfK in Nürnberg. Auch unter den Produkten gibt es inzwischen eine Ober- und eine Unterschicht, und wer den richtigen Eindruck machen will, muss sich dort an der richtigen Stelle einordnen.

Der kleine Friedrich wird das wohl von seinen Eltern lernen.

Egal, ob es um den Wohnort, den Vornamen, die Schule, die passende Schokolade geht: Die Apothekerin und der Philologe werden ihr Leben lang vermutlich keinen anderen Plan verfolgen, als dass es ihnen und ihrem Sohn gut geht. Dass sie glücklich werden. Doch weil Millionen anderer Eltern den gleichen Plan mit den gleichen Mitteln verfolgen, passiert nebenbei noch etwas anderes. Es entsteht eine klar abgegrenzte Schicht, eine bürgerliche Klasse mit ihren ganz speziellen Verhaltensweisen und Vorlieben, die wie Kennzeichen wirken, wie kleine Aufkleber auf der Stirn, auf denen steht: Ich bin einer von Euch.

Und so ein Aufkleber kann am Ende ziemlich nützlich sein.

Dieser Aufkleber wird Mehmet Daimagüler immer fehlen. Für den Sohn eines türkischen Stahlarbeiters ist er schon ziemlich weit gekommen, ganz oben ist er noch lange nicht. »Ich bin im Management eines mittelgroßen Unternehmens, I am not a big shot«, sagt er. Bis zum Schlosshotel in Kronberg ist es noch weit.

Sie stehen in kleinen Gruppen beisammen und trinken Champagner, gleich werden sie sich auf die Tische verteilen. Dann wird Ulrich Hartmann (E.on) neben Leonhard »Lenny« Fischer (Ripplewood) sitzen und Manfred Schneider (Bayer) gegenüber von Klaus-Peter Müller (Commerzbank). Die Kellner werden Heilbuttmousse und Saiblingskaviar mit roh mariniertem Spargel servieren, und Mathias Döpfner (Springer) wird womöglich bedauern, dass Wolfgang Reitzle (Linde) nicht kommen konnte, und Dieter Vogel (Bertelsmann) wird vielleicht Dieter Zetsche (Daimler) vermissen. Denn deswegen sind sie schließlich hierhergekommen, ins Schlosshotel Kronberg im Taunus, zur »Hall of Fame« der deutschen Wirtschaftselite, veranstaltet vom manager magazin wie jedes Jahr: um zu reden. Übers Geschäft und manchmal auch über Privates. Hundert Männer, die unter sich sein wollen. Aber eigentlich sind sie das ja sowieso fast immer. Denn egal wo sich die Chefs der großen Unternehmen treffen, egal, ob sie in München, Frankfurt oder Stuttgart leben, sie stammen aus derselben Gegend: dem gehobenen Bürgertum.

Die Herkunft wird für eine Karriere immer wichtiger

Der Darmstädter Soziologe Michael Hartmann hat sich vor fünf Jahren die Lebensläufe von 6500 Bundesbürgern angesehen, die alle eines gemeinsam haben: Sie haben den höchsten in Deutschland erreichbaren Bildungstitel erworben. Sie haben promoviert, in Jura, Wirtschafts- oder Ingenieurswissenschaften. Manche haben es anschließend an die Spitze von Unternehmen, Behörden oder Universitäten geschafft, andere sind unterwegs stecken geblieben. Das ist zunächst nicht überraschend, nicht jeder kann Chef von Daimler oder Springer werden. Allerdings hatten jene, die ganz oben ankamen, neben der Promotion noch etwas gemeinsam: Sie stammten fast alle aus den oberen fünf Prozent der Bevölkerung. Als Kinder des gehobenen Bürgertums verfügten sie über Qualitäten, die bei gleicher Qualifikation letztlich den Ausschlag gaben: Sie hatten die richtigen Kontakte in die Chefetagen, sie konnten beim Geschäftsessen auch mal über eine gelungene Operninszenierung plaudern, sie wussten einen guten von einem schlechten Wein zu unterscheiden und waren imstande, peinliche Situationen souverän zu überspielen. Sie hatten das von klein auf gelernt. »Vor allem den Kindern der Arbeiter und kleinen Angestellten ist es dagegen nicht gelungen, das Handicap ihrer nichtbürgerlichen Herkunft auszugleichen.« Das war damals Hartmanns Fazit.

Inzwischen hat er seine Studie aktualisiert und auf andere europäische Länder erweitert, in drei Wochen kommt sein neues Buch auf den Markt. Das Ergebnis: Obwohl es hierzulande keine Elitehochschulen wie in Frankreich oder England gibt, ist die Herkunft für eine Karriere in Deutschland ähnlich bedeutsam wie dort. Und sie wird immer wichtiger, nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Verwaltung und der Wissenschaft. Selbst in der Politik, einem der letzten Bereiche, in denen Arbeiterkinder wie Gerhard Schröder oder Joschka Fischer große Karrieren machten, schreitet die Verbürgerlichung fort. Lebensläufe wie der des ehemaligen Innenministers Otto Schily (Vater: promovierter Hüttendirektor) waren früher die Ausnahme. Ende der Neunziger stammten 5 von 16 Mitgliedern des Bundeskabinetts aus gehobenen Kreisen. Heute sind es 10 von 16. Die Familienministerin Ursula von der Leyen (Vater: Ministerpräsident und zuvor Geschäftsführer eines großen Industrieunternehmens) ist nur das prominenteste Beispiel. Von unten nach oben schaffen es auch in der Politik immer weniger. Und sogar in einem vermeintlich so durchlässigen Bereich wie den Medien bilden Menschen wie Günther Jauch (Vater: stellvertretender Chefredakteur) und Christiane zu Salm (Vater: Verleger) die Mehrheit.

Es sieht ganz danach aus, als müssten sich unsere Apothekerin und ihr Mann, der Philologe, um den kleinen Friedrich keine Sorgen machen.