Schule Die Rebellin
Bettina Koletnig ist blind. Sie möchte trotzdem Lehrerin werden. Nicht an einer Schule für Blinde, sondern an einem regulären Gymnasium. Dafür zog sie vor Gericht.
Natürlich hat Bettina Koletnig damit gerechnet, dass man ihr irgendwann Steine in den Weg legen würde. Aber Steine sind dafür da, dass man sie aus dem Weg räumt. Und im Moment spricht vieles dafür, dass ihr das gelingt. »Ich bin damit aufgewachsen, mir immer Lösungen auszudenken«, sagt sie. Sie ist 31 Jahre alt, seit ihrer Geburt blind, und sie möchte Lehrerin für Deutsch und Französisch werden, nicht an einer Blindenschule, sondern an einer staatlichen Regelschule in Bayern. Das bayerische Kultusministerium möchte das nicht.
Sie sitzt in einem kleinen Straßencafé gegenüber dem Münchner Hauptbahnhof, sie trägt ein orangefarbenes Sommerkleid, ein Stirnband bändigt die braunen Locken. Ihr Führhund Kimbo, ein Labrador, sucht den schmalen Schatten unter dem Tisch. Bettina Koletnig bestellt Pizza Margherita und Cola und genießt die Augustsonne. Die vergangenen Wochen waren anstrengend.
Sie hatte vor dem Verwaltungsgericht München gegen den Freistaat Bayern geklagt. Das Kultusministerium wollte die Lehramtsstudentin mit dem ersten Staatsexamen in Germanistik und Romanistik nicht zum Referendariat zulassen. Sie könne die Ausbildung nicht schaffen, vor einer Schulklasse nicht bestehen. Eine blinde Lehrerin könne Schülern und Eltern nicht zugemutet werden, hieß es in dem Ablehnungsbescheid des Ministeriums. Das wollte sich Bettina Koletnig nicht gefallen lassen, schließlich hatte sie ihr Studium auch gemeistert. Sie nahm sich einen Anwalt, ging vor Gericht – und bekam Recht. Die Richter sahen das Recht auf freie Berufswahl beeinträchtigt. Ohne Referendariat würde sie nicht zum zweiten Staatsexamen zugelassen und könnte so ihre Ausbildung nicht beenden.
Aber wie soll das funktionieren, wie kann eine blinde Lehrerin sehende Schüler unterrichten? Wie will sie Klassenarbeiten korrigieren, wie Spicken verhindern? Was ist mit dem Tafelanschrieb? Wie will sie Störenfriede bändigen? Fragen, die Bettina Koletnig häufig hört in jüngster Zeit, Fragen, auf die sie schon lange Antworten hat. Die meisten laufen auf eine Assistenz hinaus. Beispiel Klassenarbeiten: Ein Assistent überträgt sie 1:1, also Fehler inklusive, in ihren Computer, so könnte sie die Arbeiten dann korrigieren, mit Hilfe der Braillezeile. Sie wandelt alles, was für Sehende auf dem Bildschirm erscheint, in 8-Punkt-Kombinationen um, die sich ertasten lassen. Beispiel Tafelaufschrieb: Lässt sich durch Overheadfolien ersetzen, die sie zu Hause vorbereiten kann, sagt Bettina Koletnig. Beispiel Störenfriede: Der Assistent könnte sie darauf aufmerksam machen, dass da in der letzten Reihe zwei Schüler alles Mögliche machen, nur nicht aufpassen. Diese Arbeitsassistenz müsste das zuständige Integrationsamt stellen und finanzieren.
Dem Assistenten würde dabei zu viel Verantwortung übertragen, argumentiert das Kultusministerium. Das stimme so nicht, sagt Koletnig, die pädagogische Arbeit bliebe bei mir. Der Assistent versetzt mich nur in Lage, sie zu erledigen. Sie bestellt sich noch einen Milchkaffee und fügt dann hinzu: »Übrigens, ich weiß, wann ein Papierflieger fliegt, ich kann ihn zwar nicht sehen, aber ich kann ihn hören.« Und: »Wie sich Schüler einem Lehrer gegenüber verhalten, hängt nicht davon ab, ob der Lehrer sehen kann oder nicht sehen kann. Das ist eine Frage des Auftretens. Das weiß ich aus meiner eigenen Schulzeit.« Ihre Stimme bekommt dabei einen Klang, der wenig Widerspruch duldet.
Sie besuchte die Landesschule für Blinde in München, machte die mittlere Reife. Der Berufsberater riet ihr: Im Büro wären Sie doch gut aufgehoben. Frau Koletnig, machen Sie eine Ausbildung für Bürotechnik, werden Sie Telefonistin. Was man Blinden eben so rät. Sie machte die Ausbildung. Bis eine ehemalige Lehrerin sie fragte, warum gehst du nicht aufs Gymnasium? Es war eine Lehrerin, die ihre Schüler beeindruckt hatte, weil sie ihnen mehr zutraute als das Übliche. Sie wollte, dass sie andere Berufe ergreifen als die klassischen Blindenberufe wie Telefonistin.
Bettina Koletnig ging auf das Adolf-Weber-Gymnasium München, eine Schule, die auf die Integration Sehbehinderter und Blinder spezialisiert ist. In ihrer Klasse waren sie 15 Mädchen, drei davon blind. Sie belegte Deutsch und Französisch als Leistungskurse. Bald wurde ihr klar, dass sie einmal studieren möchte, und zwar auf Lehramt.
Sie begann an der Ludwig-Maximilians-Universität, fühlte sich an der Massen-Uni aber verloren und wechselte nach Passau. Die Seminare waren kleiner, die Dozenten vergaßen nicht, dass sie da war, verschickten Seminarunterlagen per E-Mail, ein Zivildienstleistender scannte ihr die Literatur in ihren Rechner, sie hatte keine Probleme, alles mitzubekommen. In der neuen Stadt zeigte ihr ein Mobilitätstrainer die Wege, die wichtig sind. Wo sie einkaufen kann, wo ihre Hörsäle und Seminarräume sind. Sie lernte die Strecken auswendig. Im 14. Semester hat sie ihre Zulassungsarbeit abgegeben. Ein Vergleich deutscher und französischer Chansons am Beispiel von Hannes Wader und Renaud. »Wader ist auch ein bisschen ein Rebell, das passt zu mir«, sagt sie und lacht.
Manchmal habe sie auch Zweifel, sagt sie, ihre Hände greifen dabei ineinander. »Aber ich glaube, dass sich alle Probleme lösen lassen.« Das hat sie während ihres Praktikums gelernt. In einem regulären Gymnasium hat sie Französisch unterrichtet. In der Nacht vor ihrer ersten Stunde konnte sie kaum schlafen. Aber es lief gut. Ihr Dozent bescheinigte ihr eine »beeindruckende Charakterstärke und die erforderliche fachliche Kompetenz und eine pädagogisch-didaktische Ader«. Trotz ihres Handicaps hätte sie gelungene Unterrichtsstunden gestaltet. Sei sich aber auch bewusst gewesen, dass das nur mit Hilfe einer kompetenten Assistenz möglich sei.
Als sie anfing zu studieren, konnte sie sich auch noch gut vorstellen, in einer Blindenschule zu unterrichten. Dann wurde der Wunsch nach beruflicher Integration immer stärker. Sie wollte raus aus dieser behüteten sonderpädagogischen Ecke. Es ärgert sie, dass andere meinen, sie wüssten besser als sie selbst, was sie kann und was sie nicht kann. Etwa wenn ihr die Beamten des Kultusministeriums raten, sie solle sich doch nicht selbst überfordern. In Bayern wäre sie die erste blinde Lehrerin, die an einer Regelschule unterrichtet. Bundesweit gebe es 20 bis 30 solcher Lehrer, sagt ihr Anwalt Michael Richter, der auch Geschäftsführer des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten ist.
Was ist, wenn das Kultusministerium Berufung einlegt, die nächste Entscheidung anders ausfällt? »Dann gehe ich bis zur letzten Instanz.« Ihr Ziel sei nicht die Selbstverwirklichung auf Kosten der Schüler. Sie wägt ab, weiß, was sie wagt. »Es kann ja auch sein, dass ich in zwei Jahren sage: Das ist zu anstrengend für mich, ich leide, der Unterricht leidet. Dann mache ich etwas anderes.« Worum es ihr geht, ist: »Ich möchte selbst entscheiden und nicht andere über mich entscheiden lassen. Wenn Blinde immer nur das machen, was andere ihnen zutrauen, kommen sie nicht weit«, sagt sie. »Dann wäre ich heute Telefonistin.«
- Datum 22.08.2007 - 05:19 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 23.08.2007 Nr. 35
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Vor allem Blinde haben nach wie vor mit dem Ruf zu kämpen, nichts alleine auf die Reihe kriegen zu können. Wie bei "Ausländern" sieht man bei der Einstellung von Behinderten immer nur Probleme und nicht die Möglichkeiten, die sich darauf ergeben könnten. Sehr bedauerlich.
wünsche ich dieser Lehrerin an einer normalen Schule. Ich hatte eine Studienkollegin, die Spastikerin war. Sie wurde dann auch als Lehrkraft für Schüler mit dieser Krankheit übernommen. Ich zweifele, ob Eltern von "Normalschülern" ihren Kindern eine solche Lehrerin zumuten würden. Oder ob sie sich nicht so verhalten würden, wie jene Gäste im Restaurant, die die Anwesenheit einer Behindertengruppe als störend und unzumutbar monierten? Gibt es Grenzen?
Die betreffende Lehrerin hat übrigens ein sehr gutes Examen gemacht.
Ich emfinde das Wort "zumuten" in diesem Zusammenhang SEHR STÖREND. Und wünsche mir, daß es das die Bayern einfach mal drauf ankommen lassen, und der Lehrerin (und den Schülern) eine Chance geben.
Ich emfinde das Wort "zumuten" in diesem Zusammenhang SEHR STÖREND. Und wünsche mir, daß es das die Bayern einfach mal drauf ankommen lassen, und der Lehrerin (und den Schülern) eine Chance geben.
Ich emfinde das Wort "zumuten" in diesem Zusammenhang SEHR STÖREND. Und wünsche mir, daß es das die Bayern einfach mal drauf ankommen lassen, und der Lehrerin (und den Schülern) eine Chance geben.
@CarlaColumna
Ich meinte "zumuten". Selbstverständlich bin ich Ihrer Ansicht.
@CarlaColumna
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