Hochschule Es darf ein bisschen mehr sein
Bildungspolitiker wollen die besten Studenten aus aller Welt nach Deutschland locken. Aber sie geizen bei den Stipendien
Tübingen erschien ihm wie ein unerfüllbarer Traum. In seinem Studierzimmer in Chile hatte sich Javier Fernandez Arancibia jahrelang ein Studium in Deutschland ausgemalt. Dort an eine Universität zu gehen, das war für ihn als Philosophiestudenten ein erhebender Gedanke. Doch der Durchschnittslohn in Chile liegt bei einigen Hundert Euro – da lässt sich nur schwer etwas zurücklegen für ein Studium im teuren Europa. Dank eines Stipendiums hat Javier Fernandez Arancibia es schließlich doch geschafft: Seit drei Jahren studiert er in Tübingen, sein Geld bekommt er von der Friedrich-Ebert-Stiftung.
»Für ausländische Studenten ist es eines der größten Probleme überhaupt, sich hier in Deutschland zu finanzieren«, sagt Martin Menacher vom Bundesverband Ausländischer Studierender (BAS). 227000 Ausländer sind nach einer drei Jahre alten Erhebung des Deutschen Studentenwerks an den hiesigen Hochschulen eingeschrieben, die Tendenz ist steigend. Gerade einmal 31 Prozent von ihnen stammen aus den reichen Ländern Westeuropas – die anderen Studenten kommen vor allem aus Asien, Afrika und Osteuropa. Die meisten von ihnen, berichtet das Studentenwerk, leben in sehr engen finanziellen Verhältnissen.
Es ist ein dramatischer Widerspruch: Einerseits sollen die deutschen Hochschulen für gute Studenten aus aller Welt zur beliebten Anlaufstelle werden, andererseits stellen der Staat und private Stiftungen lange nicht genug Geld zur Verfügung, um auch wirklich mehr begabten Ausländern ein Studium in Deutschland zu ermöglichen. Die Studiengebühren, die sich in vielen Bundesländern auf 500 Euro pro Semester belaufen, erschweren die Situation neuerdings noch zusätzlich. So könnte Deutschland im globalen Wettbewerb um die besten Talente ins Hintertreffen geraten.
Wer vom Deutschen Akademischen Austausch Dienst (DAAD) gefördert wird, hat Glück gehabt. Die Stipendienprogramme der Bonner Institution genießen auch international ein hohes Ansehen. 27000 ausländische Studenten und Graduierte hat der DAAD im vergangenen Jahr unterstützt, hinzu kommen zahlreiche Professoren und Künstler. In mehr als 90 Ländern unterhält der DAAD eigene Niederlassungen. Dort werden Studenten mit Informationen rund um die deutschen Hochschulen versorgt. Auch um die Studiengebühren müssen sich die Studenten keine Sorgen machen, die meisten Hochschulen erlassen sie den Stipendiaten; andernfalls kommt der DAAD auch dafür auf. Eine grundlegende Einschränkung gibt es bei den Förderprogrammen allerdings: Aufgenommen werden vor allem Doktoranden und Graduierte, die erste Studienerfolge verbucht haben. Außerdem sollte man sich schon aus dem Ausland bewerben. Chancen hat auch, wer erst weniger als ein Jahr in Deutschland ist.
Wie eng die finanzielle Situation vieler ausländischer Studenten in Deutschland ist, stellt Martin Menacher vom BAS immer wieder in seinen Beratungsgesprächen fest. »Wir gehen davon aus, dass der Bedarf bei mehr als 600 Euro pro Monat liegt«, sagt er – und erzählt von Studenten, die mit 300 Euro auskommen müssen. »Das sind nicht nur Einzelfälle«, sagt Menacher. Für Studiengebühren gebe es deshalb bei den meisten Ausländern keinen Spielraum mehr. Menacher rät Betroffenen dazu, im Notfall die Universität zu wechseln. Schließlich gebe es auch gebührenfreie Bundesländer.
Verschärft wird das Schicksal der ausländischen Studenten dadurch, dass es in ihren Herkunftsländern häufig keine Stipendien gibt. Gerade in Dritte-Welt-Ländern fehlt es am Geld, um die eigenen Talente auf ihrem Weg ins Ausland zu unterstützen. In Deutschland hingegen existieren zahlreiche Möglichkeiten, sein Studium über gut dotierte Stipendien zu finanzieren – die allerdings sind häufig nur für Deutsche zugänglich. Gerade einmal 23 Prozent der ausländischen Studenten bekommen nach der Sozialerhebung des Studentenwerks einen regelmäßigen Zuschuss von einer Stiftung. Diese Zahl wirkt nur auf den ersten Blick hoch: Eingerechnet sind darin nämlich schon die Erasmus-Stipendiaten, die vor allem aus dem vergleichsweise wohlhabenden Westeuropa stammen und nur für kurze Zeit in Deutschland leben.
- Datum 28.08.2007 - 11:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 23.08.2007 Nr. 35
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