Klassiker der Moderne (74) Wut, warenförmig

Nirvana pflügten den Rock um und suchten im Weltschmerz ihre eigene Position. Der miserable Sound macht ihr Debütalbum "Bleach" unverwechselbar

Im Rückblick waren die späten Achtziger gar keine schlechte Zeit für zu spät geborene Punks. Überall klebte Discosoul in den Charts, die Generation Acid rief zur ewigen Party, Berlin startete seine Love Parade, selbst Heavy Metal wurde mehr und mehr zu Pop – die ideale Angriffsfläche für dreckige Akkorde und wütende Melancholie, für Bands wie Nirvana. Mit ihrem Album Nevermind pflügten sie den Rock gehörig um, machten die Wut warenförmig und schufen zugleich die Hymne des zivilisationsmüden Losers schlechthin: Smells Like Teen Spirit. Dabei war das, was sich 252 Wochen in den US-Charts hielt, nur eine ins Massentaugliche gewendete Fortsetzung ihres furiosen Debütalbums Bleach.

Bei dessen Erscheinen interessierte sich bis auf ein paar langhaarige Jeansjackenträger noch niemand für einen Stil, den Journalisten gerade »Grunge« getauft hatten. Bleach war eine dreizehnteilige Kanonade brachialer Rockdekonstruktionen, die Kurt Cobains autoaggressives Genie zum ersten Mal offenbarte. Schon auf Bleach ist der Anspruch herauszuhören, einem verfetteten Genre neues Leben einzuhauchen. Schon durch Bleach geistert aber auch die böse Ahnung, mit diesem Protest unweigerlich in den Hitparaden zu landen. Cobains Leistung besteht darin, diesen Widerspruch schon bei seinem allerersten Auftauchen formuliert zu haben.

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Bis dahin galt Punk als fremdbezogene Musik. Gemeinsam drosch man im Viervierteltakt auf alles Denkbare ein – nur nicht aufs eigene Ego. Selbstreflexion, in Aporien verstrickte Gefühle, der Schmerz des Zuspätkommens waren dem Punk der ersten Stunde unbekannt, seine Wut richtete sich gegen Systeme oder soziale Zustände. Nirvana indes suchten eben im Weltschmerz ihre eigene Position. Bleach strahlt eine geballte Emotionalität aus, die dennoch denkbar weit entfernt ist von Gefühlsduselei. Dafür sind die Songs zu vertrackt, bisweilen brutal. Noch ohne den Drummer Dave Grohl hackt Cobain so dissonant in die Saiten, dass vieles nach Proberaum klingt. Die Harmonie im Chaos zu erkennen dauert eine Weile, sagt dann aber mehr über Cobains Seelenzustand aus als die Schrotflinte im Mund.

Mitverantwortlich für den Schock, den man beim Hören noch heute erlebt, ist sicher der (bewusst?) miserable Sound des Produzenten Jack Endino, fürs Ur-Grunge-Label SubPop in drei Tagen gemixt. Erst das Stakkato dumpfer Drums im Wechsel mit absurden Gitarrensoli aber macht Bleach unverwechselbar. Das synkopische Geschrei später ausdifferenzierter Genres wie Math Rock sind ohne ein verstörendes Lied wie Paper Cuts so unvorstellbar wie der Hardcore-Sound von Soundgarden oder Korn. Es bleibt eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet diese Musik später auf MTV landete.

Cobain, so heißt es, sei am Erfolg zerbrochen. Richtig ist, dass der Erfolg die Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität gnadenlos offenlegte. »Black is black / Shading back / Need more enemies«, singt Cobain im düsteren Big Cheese. Er hat seinen Feind gefunden – in dem, was nach Bleach kam.

Nirvana: Bleach (SubPop/Warner)

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    • Quelle DIE ZEIT, 23.08.2007 Nr. 35
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    • Schlagworte Musik | Punk | Genre | MTV | Rock | Album | Pop | Berlin
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