Kunst : Da ist alles drin

Gerhard Richters riesiges Fenster für den Kölner Dom sieht aus wie ein Computerbild.

Es ist noch nicht lange her, dass der Kölner Dom auf der Roten Liste des bedrohten Welterbes stand, und nun droht schon wieder Ungemach. Diesmal kommt die Gefahr nicht von allzu distanzlosen Hochhäusern, sie ist hausgemacht: Es geht um das gewaltige, 113 Quadratmeter große Südquerhausfenster. Und es geht um einen der Großen der Gegenwartskunst, um Gerhard Richter. Das von ihm mit einem abstrakten Mosaik aus zirka 11500 brillanten Farbquadraten gefüllte Fenster wird am 25. August feierlich eingeweiht – und hat bereits heftige Reaktionen provoziert.

Das hat gerade bei diesem Fenster Tradition. Als Kaiser Wilhelm I. die Fertigstellung des Kölner Doms 1880 mit einem feierlichen Empfang beging, befand sich der amtierende Kölner Erzbischof in Verbannung, und viele Mitglieder der Kölner Bürgerschaft boykottierten die Festveranstaltung. Das war kein gutes Omen für das Südquerhausfenster, das Wilhelm aus seinem Etat beigesteuert hatte. Anders als die von König Ludwig I. gestifteten »Bayernfenster« und die wertvollen Verglasungen des Mittelalters, wurde Wilhelms Fenster nicht rechtzeitig ausgeglast und fiel dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer. Auch die in Berlin verbliebenen Pläne verbrannten – an eine Rekonstruktion war somit nicht zu denken.

Ein fast farbloser Entwurf von Wilhelm Teuwen trat nach dem Krieg an seine Stelle, aber im Winter, wenn die Sonne tiefer steht, wurden Gläubige im Nordquerhaus vom gleißenden Lichteinfall regelrecht geblendet. Man suchte nach Alternativen und stieß dabei auf den Wahlkölner Gerhard Richter. Warum er niemals Kirchenfenster gestaltet habe, wurde er von Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner und dem heutigen Bischof von Würzburg, Friedhelm Hofmann, bei einer Feier gefragt. Weil man ihn nie gefragt habe, lautete die Antwort. Noch am selben Abend sagte Richter »begeistert und erschrocken« zu.

Begeistert und erschrocken werden auch viele Besucher des Kölner Doms auf das Richter-Fenster reagieren. Denn für eine Darstellung von Märtyrern aus dem 20. Jahrhundert, die sich die Kirchenleute gewünscht hatten, fand Richter »natürlich keine Form«. Stattdessen entschied er sich für radikale Abstraktion. Sein berühmtes Bild 4096 Farben von 1974 diente ihm als Vorlage.

Ausgerechnet »4096 Farben«! War das doch die erste Arbeit, bei der Richter ganz den Zufall walten ließ. Mit dem distanzierten, motorischen Abpinseln von Musterkarten aus dem Malereifachgeschäft wollte er Ironie demonstrieren, sich abheben vom Pathos und vom Innerlichkeitskult der Nachkriegsabstraktion. Ihm missfiel die »Falschheit und die Gläubigkeit, wie Abstraktion zelebriert wurde, mit verlogener Ehrfurcht – Andachtskunst, diese Quadrate, Kirchenkunstgewerbe«.

33 Jahre später ist daraus ehrfürchtig und andächtig bestaunte Kirchenkunst geworden: Die Dombaumeisterin spricht vom »betörenden Licht«, das »alles Ornament vertrieben« habe und »alles zu enthalten« scheine, »was über Spiritualität, Licht und Farbe je gesagt wurde«.

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