Kunst Da ist alles drinSeite 2/2

Auffällig an dem etwa 370000 Euro teuren Fenster ist vor allem die Bildform des Rasters, auf die Richter in seiner Kunst öfter zurückgreift. Es ist allerdings ein Unterschied, ob sich das Raster auf einer Leinwand befindet, auf einem Teppich (wie ihn Richter für eine Kollektion aus dem Jahr 1988 entwarf) – oder auf einer riesigen Fensterfläche. Denn gerade hier erinnert das gute, alte, moderne Raster an etwas Neues: an ein Pixelmeer. Doch was haben diese Pixel, die man sonst von digitalen Bildern kennt, mit einer katholischen Kirche zu tun?

Man hat die Kathedrale mit all ihren Figuren, Bildern und diaphanen Fenstern als eine frühe Form von Totalsimulation bezeichnet – im Unterschied zum Barock, wo die illusionistische Wirkung geliebt und zugleich als Illusion kenntlich gemacht wurde. Die Kathedrale brauchte das Außen nicht, sondern schirmte sich im Gegenteil weitgehend dagegen ab. Das gotische Kirchenfenster war entsprechend nicht als Durchblick gedacht, war nicht Medium zwischen innen und außen. Jede Erinnerung an die irdische Welt störte, nur das Licht zählte: zur Intensivierung der Innenwirkung.

Eine ähnliche Sehnsucht nach Totalsimulation zeigt sich auch in der gegenwärtigen Computerkultur, zumindest dort, wo sie gewissermaßen religiös wird. Die Computernutzer wollen vollständig in eine digitale Welt eintauchen, alle Unterschiede zwischen innen und außen gilt es aufzuheben. Dazu dienen immer bessere Grafiken, 3-D-Techniken und – als ultimatives imaginäres Ziel – neuronale Schnittstellen. Während aber die Kathedrale ein religiöses Jenseits im Diesseits inszeniert und antizipiert, in Abgrenzung zur irdischen Welt hinter den Fenstern, ist die Sehnsucht der Computergläubigen auf ein digitales Jenseits gerichtet.

Wer beim Richter-Fenster an die Pixel als Grundelemente von Computergrafiken denkt, für den wird es buchstäblich zum »window«, zum symbolisches Windauge, das einen frischen Luftzug durch geschlossene Weltbilder erlaubt. Dabei zielt Richter mit seiner ironischen Skepsis keineswegs auf billige Provokation. Vielmehr mäßigt er den Bruch zwischen gotischer Gegenständlichkeit und digitaler Abstraktion, indem er die Fremdheit der Zeichen sorgfältig mit einer Vertrautheit der Farben ausbalanciert. Die insgesamt 72 Farbtöne spiegeln in ihrem Zusammenklang die Farbeffekte der umliegenden Fenster aus dem Mittelalter und dem 19. Jahrhundert. Die dunkle, gotische Maßwerksilhouette des Fensterrahmens tut ihr Übriges, um die Farbquadrate auch atmosphärisch in den kirchlichen Kontext einzufügen.

Nicht zuletzt dies macht das Fenster geeignet für eine meditierende Anschauung. Wer sich darin vertieft, mag den Eindruck bekommen, als sei das stolze mittelalterliche Kirchenschiff auf seiner langen Kreuzfahrt durch die Geschichte an einer Stelle angelangt, wo sich die Welt draußen als Pixelchaos darstellt. Ist die Kathedrale in einem Pixelmeer untergegangen? Oder bekommt sie in einer Welt, die sich in Bits und Illusionen aufzulösen scheint, eine neue bergende Kraft? Kirche und Gegenwartskunst, so viel steht fest, sind sich schon lange nicht mehr so nahe gekommen.

Luca Di Blasi ist Philosoph und wissenschaftlicher Assistent im ICIKulturlabor Berlin. Johanna Di Blasi arbeitet als Kunstjournalistin in Hannover und Berlin

 
Leser-Kommentare
    • Fahad
    • 02.09.2007 um 7:15 Uhr

    Ich lese hier gerade in der FAZ von gestern, dass dem Koelner Kardinal Meisner das Fenster nicht gefaellt. Meisner haette lieber figuerliche Darstellungen gesehen. Das abstrakte Werk von Gerhard Richter koenne genauso gut in einer Moschee (!) haengen. Wohl wahr! Meisner sollte sich mal eine Fortbildungsreise zu den den grossen Moscheen der Welt in Istanbul, Damaskus, Cairo, Esfahan von Rom bezahlen lassen, wo er islamische Kunst vor Ort studieren kann. Idolatrie (samt der Darstellung von Heiligen) ist das, was Muslimen an Christen so gar nicht gefaellt.

    Nach Ansicht der Grünen-Vorsitzenden Claudia Roth offenbare diese Äußerung "eine fundamentalistische Geisteshaltung und eine große Distanz gegenüber einem Dialog der Religionen". Richters Arbeit in den Islam abschieben zu wollen, sei "auf seltsame Weise borniert". Auch nicht schlecht.

    Die hannoversche Landesbischoefin Margot Kaessmann sagte der Sonntagszeitung der FAZ, auch Abstraktion koenne eine Glaubenssprache sein. Na, da sind mir ja die richtigen Experten am Werk.

  1. isses nich schööön?
    Und ich meine nicht das Fenster. Ich könnte mich weglachen über die Meinungen, Interpretationen und nun über den Ärger, die dieses Fenster verursacht und hervorgebracht hat. Warum hat man ausgerechnet Gerhard Richter verpflichtet? Ärger vorprogrammiert! Aber nein, Künstler sind ja die heiligen Kühe von heute, („Nachdem es keine Priester und Philosophen mehr gibt, sind die Künstler die wichtigsten Leute auf der Welt.“ Zitat von G. Richter auf Wikipedia) die dürfen alles, ... selbst uralte Entwürfe verwursten, Entschuldigung, ich meine natürlich, er hat sich inspirieren lassen. Von sich selbst quasi. Das habe ich bei WDR5 im Interview mit Herrn Richter gehört.

    Naja, nun gilt es sich an das Fenster zu gewöhnen, und ich hoffe inständig, dass das Domkapitel und alle anderen Verantwortlichen doch bei der nächsten Künstler-Verpflichtung eine Sitzung länger verhandeln. Und vielleicht vorher eine Ausschreibung machen? Künstler gibt´s doch wie Sand am Meer...

  2. "Die Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen läßt"...

    Die raffiniert infantile Optik des SmartiesDesignes vom Domfenster wirft sicher einen Schimmer von Gottes Schöpfung auf das reflexive Auge des "Kenners". Aber in Fatima hatte sich Gott bereits durch nachhaltig verstörende Intensität eines unüberbietbaren Farbenreigens der Menschheit durch die Mutter Gottes geoffenbart...;

    Jedoch sollten wir nicht eine wabernde Wolke von Gottes Güte durch das Universum ziehend erahnen; wäre es so, hätten sich nicht Generationen von Märtyrern für die Einsetzung einer gewissen Frohen Botschaft von den Löwen fressen lassen müssen... Tatsächlich ist der christliche Gott nicht irgendwie inflationär unter uns; der Abgrund muß durch aktiven Glauben überwunden werden.

    Deshalb läßt sich ein Christ auch nicht wie die Pantheisten, oder passiv die Tiere, in einem säkularen Waldfriedhof verscharren; vor allem in welchem! Glauben wir leben, steht und fällt unsere "ewige Seligkeit".

    Alle haben den gleichen Gott, wir katholischen Christen haben den Richtigen Gleichen...

    Wenn es unserem kreativen Intellekt überlassen ist, welche Message wir im säkularen Domfenster "erblicken", dann kann dieses doch das Gemüt in jedem beliebigen ZweckRaum mit seinen transzendierenden Schwingungen erhellen!

  3. Was sich etliche Generationen von Kölner Gutbürgern vom Munde abgespart haben, um einen Wegweiser des Glaubens in aller erdenklichen irdischen Prachtentfaltung für die Bewältigung des Eintritts von existenziellen Ausnahmesituationen gegenwärtig zu haben,
    das verhunzen nun ein paar säkulare Simpel Kraft ihres von dem Kölner Domkapitel erhaltenen künstlerischen Auftrages innerhalb von einer Generation mit einem "Viele, viele Bunte SmartiesDesigne"...
    darf man den Sponsor nennen...?

    Das Tragische daran ist, daß die kölsche Seele, Kardinal Meisner, bereits vor etlichen Jahren über die Auftragsvergabe seine segnende Hand hielt; also hat der Kardinal mitgewirkt; irgendwie ist er jedoch im Laufe der Planungsarbeiten von seinem säkular künstlerischen Höhenflug in sakraler Läuterung heruntergekommen; nun kloppt sich das Domkapitel in aller Öffentlichkeit auf SchulbubenNiveau mit einem Würdenträger der Kirche.

    Unser Kardinal wurde bei seiner Rede nicht vom Heiligen Geist inspiriert...

    Als FUNDAMENTAL marianisch, erzkonservativer, römisch katholischer Christ hat man es immer schwerer, seinen Glauben bei den Mitmenschen ohne MainstreamVerrenkungen zu eröffnen, wenn die Kirche mir selber mit GlaubwürigkeitsKrisen in den Rücken fällt.

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