Obdachlose

Kranke Seelen

Obdachlose sind fünfmal häufiger psychisch krank als andere Menschen. Doch das ist schwer zu erforschen. Ein Interview mit der Tübinger Psychologin Katja Salkow

DIE ZEIT: Wie viele Obdachlose konnten Sie wieder aufstöbern?

Katja Salkow: Abgesehen von denen, die schon verstorben waren, haben wir 75 Prozent der Wohnungslosen bei der Nachuntersuchung wiedergefunden. Für eine solche Studie ist das ziemlich beachtlich.

ZEIT:Hat sich an deren Situation etwas geändert?

Salkow: Die Raten für alle Erkrankungen sind leicht gesunken. Wir führen das darauf zurück, dass die Münchner Obdachlosen in der Zwischenzeit auch als Folge unserer ersten Studie viele Hilfsangebote bekommen hatten. Trotzdem sind die Zahlen hoch: Über 65 Prozent der Männer waren akut psychisch krank, fünfmal so viele wie Menschen mit festem Wohnsitz. Oft hatten sie nicht nur eine, sondern gleich mehrere Erkrankungen.

ZEIT:Unter welchen Störungen leiden Obdachlose hauptsächlich?

Salkow: Mehr als jeder Zweite war alkoholabhängig. Bei den Obdachlosen war diese psychische Erkrankung damit zehnmal so hoch wie bei anderen Menschen. Häufig waren auch Depressionen, Psychosen und Angststörungen.

ZEIT:Sind es diese psychischen Störungen, die dazu führen, dass jemand obdachlos wird?

Salkow: Wir vermuten, dass psychische Probleme in vielen Fällen einer der Gründe für die Obdachlosigkeit sind. Ich habe in unseren Daten auch Hinweise darauf gefunden, dass bestimmte Persönlichkeitszüge eine Rolle spielen: So hatten die Wohnungslosen in der Nachuntersuchung etwa viermal so häufig eine Persönlichkeitsstörung wie Personen mit festem Wohnsitz, und solche Störungen beginnen in der Regel schon in der Kindheit, also lange vor der Obdachlosigkeit.

ZEIT:Wie findet man Menschen ohne festen Wohnsitz eigentlich wieder?

Salkow: Meine Kollegin und ich hatten alle Namen der 265 Teilnehmer aus der ersten Untersuchung, sodass wir gezielt in Heimen oder Hilfseinrichtungen nachfragen konnten. Aber manchmal mussten wir Detektiv spielen, sind nachts losgezogen zu Plätzen, wo Obdachlose erfahrungsgemäß übernachten. Dort haben wir andere Obdachlose nach den Männern gefragt.

ZEIT:Wo fanden die Interviews statt?

Salkow: In den meisten Fällen bei uns in der Klinik, in Heimen, Sozialwohnungen oder der Bahnhofsmission; ausnahmsweise aber auch draußen. Einmal habe ich einen akut psychotischen Mann befragt, der unter der Wittelsbacher Brücke wohnte. Es regnete, und unter der Brücke hatten sich noch andere Obdachlose versammelt, die neugierig wurden. Mein Interviewpartner lag auf einem alten Bettgestell und bot mir einen Platz auf der Bettkante an, zwischen Essensresten. Ich habe mich dann doch lieber in den Matsch gekniet.

Die Fragen stellte Anke Weidmann

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Leser-Kommentare

  1. So richtig kommt das bei mir (bei allem gebotenen Respekt und auch Mitleid vor den auf die eine oder andere Weise von der Gesellschaft ausgespieenen Menschen) nicht an.

    Das psychische Probleme zu Krankheiten und ggf. zu gesellschaftlich nicht angepassten Verhaltensmustern führen, die entweder in deftigen Krankheitsbildern, Obdachlosigkeit oder Suizid enden, ist ja nun wahrlich nichts neues.

    Davon kann jeder bessere Landarzt seit Jahrhunderten berichten.

    Die Frage wäre doch besser, was unsere Gesellschaft tun könnte, damit die Menschen nicht psychisch erkranken. Auch Hartz IV fördert soclhe Erscheinungen massiv.

  2. ein gewisser "bodensatz" hilft doch auch den rest der herde zu motivieren. dewegen behalten wir den doch lieber, gell.

  3. Die Erkenntnisse sind wahrlich keine neue "Entdeckung".
    Nun hat es Obdachlose seit Bestehen der Menschheit immer gegeben, allerdings jetzt mit dem Unterschied, dass sie heute, zumindest in Deutschland, durch ein gutes Sozialnetz nicht elendich zu Grunde gehen muessen, sondern die Moeglichkeit zu einer Wiedereringliederung oder zum Ueberleben haben. Nur wollen oder koennen das die Meisten gar nicht und sind auch nicht therapierbar, weshalb wir und der Staat also auch in Zukunft mit ihnen rechnen muessen.

  4. Es grenzt für mich schon beinahe an Zynismus, ein solches Thema wie Obdachlose und Psych. Krankheit aufzugreifen, ohne wenigstens in bisschen auf mögliche Ursachen dieser geschilderten Zusammenhänge einzugehen. Denn die gäben vielleicht Hinweise darauf, wo was und wie geändert werden könnte, damit auch solche Menschen eine reelle Chance in unserer Welt haben.

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  • Von Anke Weidmann
  • Datum 25.8.2007 - 01:34 Uhr
  • Quelle DIE ZEIT, 23.08.2007 Nr. 35
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