Kino Mongolische Menage

In dem Berlinale-Siegerfilm "Tuyas Hochzeit" erzählt Wang Quan'an vom ergreifenden Dilemma seiner Heldin.

Was ist es nur, das uns Bewohner der industrialisierten Welt in Filme über weinende Kamele und mongolische Schafhirtinnen zieht? Mit verträumtem Blick treten wir danach wieder auf großstädtisch belebte Straßen, stolpern ungehalten über Bordsteine und in U-Bahnen und fühlen uns, als hätte man uns jäh aus dem Kamelsattel gerissen. Selbst wenn unser einziger tatsächlicher Kamelritt ein 50-Meter-Parcours in einem Ferienresort an der nordafrikanischen Küste war.

In diesen Filmen aus der zentralasiatischen Steppe, die selten mehr als ein, zwei oder höchstens vier Personen gleichzeitig im Bild zeigen, ist der Himmel weiter, als das Auge blicken kann, und der Einzelne nur ein Pünktchen auf einer Leinwand voller Staub, kargem Gras und steinigem Nichts. Aus dieser Einöde sprechen die Gegenstände lauter zu uns, gerade weil es nur ein verbeulter Kessel oder ein altes Dreirad sind, und das Leben, seine Freuden, Ärgernisse und Gefühle scheinen schnörkellos und intensiv.

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Vermutlich ist es einfach ein Rousseauscher, zivilisationsmüder Impuls, der uns in der Fremde eine ursprünglichere, reinere Form menschlicher Existenz imaginieren lässt. Der Kopf sagt: So einfach ist es mit dem Reinen und Ursprünglichen nicht. Doch das Herz und im Falle von Tuyas Hochzeit noch dazu das Auge spiegeln uns das Gegenteil vor.

Wer ein motorisiertes Gefährt für die Heuernte besitzt, gilt als reich

Dabei handelt es sich bei diesem, dem dritten Film des 1965 geborenen Regisseurs Wang Quan’an, um einen durch und durch realistischen, gar sozialkritischen Film. Er wurde in der inneren Mongolei gedreht mit der Absicht, Bilder von den Überbleibseln des dortigen halbnomadischen Lebens einzufangen, bevor es endgültig zwischen Kohlewerken und Erdgasbohrtürmen untergeht. Auf jede romantische Verklärung wird hier verzichtet. Fünfzehn Kilometer muss die Hirtin Tuya ihr Kamel täglich über Stock und Stein treiben, um Wasser für ihre Familie und ihre Schafherde heranzuschaffen. Bei dem Versuch, in der Nähe des Hauses einen Brunnen zu graben, hat sich Tuyas Mann Bater ein Bein verkrüppelt. Wer ein motorisiertes Gefährt für die Heuernte besitzt, gilt als reich, und der Alkohol ist Heilmittel und Fluch für alle, die an der Armut verzweifelt sind.

Woher also gewinnt dieser Film seine Poesie? Durch die Weite und das Schweigen und eine den Lebensumständen abgeschaute Sparsamkeit. Durch die von abgetragenen Jacketts und rosafarbenen Kopftüchern bescheiden verhüllte Anmut seiner Hauptfigur, durch Wang Quan’ans kluges und empfindsames Drehbuch und durch die grandiose Kamera von Lutz Reitemeier. Gleichsam jeden von Tuyas fünfzehn Kilometern zur Wasserstelle und zurück hat sein Objektiv mit einem eigenen Landschaftsbild eingefangen: Es sind Panoramen einer schier endlosen Steppe mit einem abrupt am Horizont sich erhebenden Gebirgszug in blassem Braun-, Grau- und Blautönen, für deren unzählige Nuancen unsere Sprache keine Begriffe hat. Dazwischen ein einsamer Strommast, ein Windrädchen oder der wie entrückt am Himmel stehende volle Mond.

Zwei kleine Gesten, ein Blick und eine komplette Romanze ist erzählt

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    • Quelle DIE ZEIT, 23.08.2007 Nr. 35
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    • Schlagworte Kino | Berlinale | Mongolei | Film | Peking | Brunnen
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