ATELIERBESUCHGeorg Baselitz

von Barbara Nolte

Vor kurzem ist Georg Baselitz nach München gezogen, hier hat er ein provisorisches Atelier. Unter dem Titel Remix malt er alte Bilder neu. Dieses heißt Moderner Maler, 2007

Baselitz Markenzeichen sind Motive, die auf dem Kopf stehen. Hier Der Wald auf dem Kopf von 1969

Georg Baselitz

Geboren 1938 als Hans-Georg Kern, hat er sich später nach seinem Heimatort Deutschbaselitz in Sachsen benannt. Nachdem er wegen gesellschaftlicher Unreife der Hochschule in Ost-Berlin verwiesen worden war, ging er nach West-Berlin. In London ist im September eine große Retrospektive seines Werks zu sehen

Zu Baselitz wollte man, und jetzt steht man zwischen hundert Plüsch-Koalas, die sich in Regalen stapeln. Man steht vor einer dauergewellten Frau, die zu einem Freizeitclub für Kinder gehört: Einen Herrn Basel, der malt, kenne ich hier nicht. Bleibt die Eisentür ohne Schild und Klingel gleich nebenan, mit einem Objekt gesichert-Aufkleber versehen, der darauf hindeutet, dass sich hinter der Tür etwas Wertvolleres als Plüsch-Koalas verbirgt. Ein Schlüssel dreht sich im Schloss.

Tag, Baselitz, sagt Baselitz, der groß ist, kahlköpfig, die Garderobe fein, fast ein wenig geckenhaft. In den Zeitungen wird er meist im Holzfällerhemd beschrieben, heute trägt er eine weiße Bundfaltenhose und ein schwarzes Poloshirt. Ein dazu passender und, wie Baselitz betont, originaler Stetson-Strohhut hängt neben der Tür. Ich habe mir heute Ihre Zeitung gekauft und die Rubrik Atelierbesuch gelesen, sagt er, während er die Besucher zu einem Ledersofa führt. Ist ja bescheiden... Größe spielt für Baselitz eine Rolle. Groß sind seine Bilder und Skulpturen, groß war das Schloss bei Hildesheim, das er bewohnte. Groß sollen auch die Artikel über ihn sein.

Baselitz ist vorigen Herbst ausgezogen aus seinem Schloss, nach dreißig Jahren. Ihm sei die Bewirtschaftung zu aufwendig geworden, erklärt er. Zurück nach Sachsen, wo er herstammt, wollte er nicht.

Zurzeit malt er in seinem Haus an der Riviera und in dieser ehemaligen Fabriketage hinter Münchens Ostbahnhof. Man vagabundiert so vor sich hin, sagt er.

Drei Regale für Pinsel und Farben, zwei Nägel in der Wand für Baselitz Hüte, ein CD-Spieler für die Mittagspause das Atelier ist nur Provisorium. Herzog & - de Meuron, die Architekten der Münchner Allianz-Arena, bauen ein neues am Ammersee. Eine unübliche Ortswahl: Für gewöhnlich meiden Künstler wie Baselitz das saturierte Bayern.

Ich bin da anspruchslos, sagt er: Ich will sowieso nichts anderes als arbeiten. Außerdem sehen Sie hier hübsche Menschen, man kann gut essen gehen. Nur die Autospuren sind zu schmal.

Nun war Baselitz immer einer, der die Nähe zu den Kollegen nicht suchte. Natürlich ist es angenehmer, einer Schule anzugehören, sagt er, heißt sie nun Worpsweder oder Leipziger Schule. Doch ich war immer eine Einzelfigur. In der DDR haben sie ihn aus dem Studium geworfen, weil er nicht im Stil des sozialistischen Realismus malte.

Er ging nach West-Berlin und bekam dort an der Kunsthochschule bald auch Probleme, als er sich der Abstraktion verweigerte.

Bis heute ist ihm die tiefe Ablehnung des Kunstbetriebs geblieben.

Sie können in Deutschland keine seriöse Karriere im System machen, sondern nur eine Außenseiterkarriere. Sie können sich darin nicht frei entfalten. Solange Sie mit den Wurzeln im Dreck stehen, können Sie nicht sagen, ich stehe auf freiem Grund. Baselitz schaut zufrieden.

Der letzte Satz gefällt ihm. Er mag prägnante Aussagen, in der Kunst wie im Leben, ist lieber zu laut als zu leise. Unberechenbar, nach eigenen Maßstäben urteilend. Meine Bilder sind sowieso frei von Erlebnissen von außen, sagt er. Seit 1960 beschäftige ich mich mit meinem eigenen Zeug. Meine Welt ist hermetisch. Wenn, wie heute, alle Fenster des Ateliers offen stehen, dann nur, um etwas Luft hereinzulassen. Der Parkplatz draußen ist kein schöner Anblick, Baselitz ist das egal. Mich nervt bloß, dass die von der Autovermietung laut Techno-Musik laufen lassen, sagt er.

Durchlässig ist Baselitz Welt nur für andere Künste. Er ist sehr belesen. Lautréamont, Beckett und Grimmelshausen nennt er als die ihm wichtigsten Autoren. In letzter Zeit liest er weniger. Ich kenne alles. Tatsächlich sind die einzigen Bücher, die in diesem Übergangsatelier zu finden sind, seine Ausstellungskataloge. Etwa fünfzig liegen zerwühlt und zerlesen auf einem Holztisch. Baselitz zieht einen Band aus dem Stapel, blättert darin, hält bei dem Gemälde eines federgeschmückten Schwarzen inne. Mit diesem Neger, wie wir in Sachsen sagen, beschäftige ich mich gerade, sagt er. Das Gemälde heißt Black Man/Negro, es ist von 1973. Jetzt will er es noch mal malen. Die Selbstbeschau hat Baselitz zum Konzept gemacht: Unter dem Titel Remix malt er sein Werk neu.

So erkennt man im Atelier einiges wieder, obwohl die Bilder frisch gemalt sind und teilweise in der großen Baselitz-Retrospektive im September in der Londoner Royal Academy zum ersten Mal ausgestellt werden. Dem Sofa gegenüber steht ein Porträt von Baselitz Frau Elke (Original von 1969), nicht nur, wie die meisten seiner Bilder, auf dem Kopf stehend, sondern auch wie ein Foto-Negativ gemalt.

Immer neue Bilder kramt er hervor, rückt Leinwände hin und her, damit man die Originale mit den neuen Versionen vergleichen kann. Die neuen sind bunter, lässiger als die alten, auf die Leinwand gebracht mit schnellem Pinselstrich. Statt wie früher Monate braucht er heute nur noch Stunden dafür. Die Bilder sind ja schon erfunden und müssen nur noch gemalt werden, sagt er. Die Sicherheit beim Malen scheint er zu genießen wann fällt einem schon mal im Alter etwas leichter als in der Jugend? Früher, sagt er, fand ich kein Ende. Ich war verkrampft, zu hart, nahm es zu ernst. Er hat den Bildern die Handschrift abgetrotzt, ihre Eigentümlichkeit erzwungen. Baselitz arbeitete wie ein sensibler Berserker, was er noch immer bei seinen Skulpturen auslebt. Eine ungeschlachte Frauenfigur von drei Metern steht gleich beim Eingang. Sie trägt eine hellblaue Schirmmütze, ein Kostüm, Schnürschuhe, sodass sie aussieht wie eine Mischung aus italienischer Politesse und sächsischem Jungpionier. So ein Baumstamm ist 1,60 Meter dick. Da müssen Sie als alter Kerl drauf herumklettern mit der Säge!, erklärt Baselitz. Das ist mein Sport. Die Skulptur wirkt wie das weibliche Alter Ego von Baselitz selbst. Groß, kantig und markenbewusst. Schauen Sie, auf dem Rücken trägt sie einen Kelly-Bag, eine Designertasche von Hermès. Darin habe ich ihr Proviant und Besteck mitgegeben, sagt Baselitz vergnügt, während er einen nach draußen begleitet. Ich bin zum Spaßvogel geworden.

Nächste Woche zu Besuch bei Tim Eitel

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