Jedes Jahr kommen sie wieder. Zu fünft, manchmal zu fünfzigt wandern sie zu dieser Hallig, als wäre sie ein Wallfahrtsort. Eineinhalb Stunden brauchen sie bis zu der einsamen Insel der Matthiesens. Hallig Süderoog. Ihre Schritte werden größer, sobald sie die Umrisse erkennen.

Hermann Matthiesen wartet schon auf sie. Vor allem wartet er auf den Moment, wenn sie über die Steinkante seiner Hallig klettern und Süderoog zum ersten Mal sehen. Ein bracher Acker liegt dann plötzlich vor ihnen. Sechzig Hektar groß, nur ein Drittel kleiner als Helgoland. Ein Land aus Meeresschlick und Festlandresten mitten im Nordfriesischen Wattenmeer. Nirgends ein Baum, nur ein Hügel mit einem Häuschen drauf. Erstaunt, verwundert stehen sie dann da. Bei einigen erkennt Matthiesen schon kurz darauf ein Lächeln. Bei anderen Enttäuschung. Ist das der Ort, von dem sie dachten, hier sei das bessere Leben?

Es ist nicht leicht zu verstehen, was das für ein Leben ist. Der Blick geht dem Flug einer Seeschwalbe nach. Sie taucht nach Fischen im Priel – einem schmalen Fluss, der sich wie ein zu Boden gefallenes Haarband durch die Salzwiesen schlängelt. Der Hallighafer biegt sich im Wind. Die Wolken zeichnen Schatten auf den kargen Acker, der seltsam schön ist in diesem Licht. Der Schrei einer Möwe klingt wie das Lachen einer alten Frau.

Hermann Matthiesen lebt seit 16 Jahren in dieser Einsamkeit. Zusammen mit seiner Frau Gudrun. Er ist ein schmaler Mann. Meist geht er gebeugt, als würde er eine Last tragen, aber er wirkt jünger als 59. Die Haut vom Wind gegerbt, die Wangen rötlich, der Blick, als könne ihn nichts erschrecken. Er sieht aus wie ein Seemann, nicht wie jemand, der auf einer Insel Vieh hütet.

Ein Pärchen vom Niederrhein schaut ihn bewundernd an. In kurzen schwarzen Hosen stehen sie barfuß vor ihm. Ihre Haut ist blass im Vergleich zu seiner tiefen Bräune.

Wieso leben Sie hier?, fragt der Mann etwas unbeholfen. Es ist die schwerste Frage. Sie zeichnet Matthiesen zwei Furchen auf die Stirn. Er antwortet nicht gleich. Dann beginnt er mit dem Part, der ihm am leichtesten fällt.

Er hatte diesen Traum. Vom selbstbestimmten Leben auf einer einsamen Insel im Meer. Das Amt für Land- und Wasserwirtschaft in Husum suchte einen Küstenschützer, der daran arbeitet, dass Süderoog nicht in den Fluten verschwindet. Gudrun und er hatten sich spontan beworben, Süderoog aber noch nie zuvor gesehen. Sie rechneten nicht damit, dass man sich für sie entscheiden würde. Als die Zusage kam, musste er sich erst einmal setzen. Sie hatten plötzlich furchtbare Angst. Heute glaubt er zu wissen, warum man sich für sie entschieden hat: Sie wirkten wie ein Paar, das es lange miteinander aushält.