Als die Compact Disc im Herbst vor fünfundzwanzig Jahren auf den Markt kam, schien ihre Überlegenheit unzweifelhaft. Sie war teuer, sie kostete das Doppelte einer konventionellen Langspielplatte, aber sie rauschte nicht, sie rumpelte nicht, sie trennte die Instrumente mit ungeahnter analytischer Schärfe – und vor allem: Sie musste nicht umgedreht, nicht geputzt, nicht gepflegt und gehegt werden. Die digitale CD verhielt sich zur analogen Langspielplatte wie ein Tamagotchi zu einem Goldhamster. Die CD war zu Diensten, wenn sie gebraucht wurde, und rächte sich nicht bei Vernachlässigung. Und wie das Tamagotchi ohne Nahrung und ohne Käfig auskommt, der geputzt werden muss, so verlangte auch die CD keinen Plattenspieler, der liebevoll justiert, mit neuen Nadeln, Gummiriemen, im schlimmsten Fall mit einem neuen Tonabnehmersystem ausgerüstet werden musste.

Die CD – quadratisch, praktisch, gut – hatte als Abspielgerät ein weitgehend standardisiertes Massenprodukt, das stabil und ohne kapriziöse Macken war und deshalb auch ohne Bedauern weggeworfen und ersetzt werden konnte. Der Vorwurf der Seelenlosigkeit, der dem unsentimentalen CD-System deshalb gemacht wurde, verfing damals wenig. Er brauchte Jahrzehnte, um sich aus sektiererischen Kreisen Ewiggestriger in ein breiteres Bewusstsein ehrgeiziger Hörer zu arbeiten. Heute werden für die Verächter der CD und Nostalgiker der schwarzen Platte wieder neue Geräte, sogar neue Alben produziert, und selbst den CD-Spielern versucht man mit nachgeschalteten Röhrenverstärkern die einst umjubelte Analytik wieder zu entziehen und eine gesunde Portion harmonischen Klirrs beizugeben. Wie es dazu kommen konnte, ist ein erstaunlicher Vorgang der technischen Regression. Es ist die dramatische Geschichte der digitalen Ernüchterung.

An ihrem Anfang steht, gewissermaßen noch schuldos und im weißen Kleidchen, die CD. An ihrem Ende stehen die Flittchen der Downloadmusik, die MP3- und anderen Datenkompressionsformate, die statt der ganzen Musik nur noch den Auszug, den Himbeersirup statt der Himbeeren bieten. Was haben sie mit der CD zu tun? Sie haben mit ihr die Digitalisierung der Musik gemeinsam, was für sich genommen zwar wenig heißt und schon gar nicht zum Nachteil der CD ausgelegt werden kann. Aber es ist nun einmal so: Wo etwas digitalisiert worden ist, eröffnet sich ein Reich der Manipulationen, die nicht nur zum Zwecke der Wiedergabetreue, sondern zur technischen Sparsamkeit, zur Bequemlichkeit und zur Wurschtigkeit eingesetzt werden können.

Um sich den Qualitätsabsturz von der CD zum MP3-File vor Ohren zu führen, bedarf es freilich einer guten Musikanlage (mindestens eines guten Kopfhörers) – oder klassischer Musik als Demonstrationsobjekt. Denn das Dateiformat MP3, Anfang der achtziger Jahre in Deutschland entwickelt, um die Umfänge von Musikdateien auf ein Minimum zu schrumpfen, enthält nur noch die Tonsignale, die für die menschliche Wahrnehmung unerlässlich sind. Die Datenreduktion funktioniert nach dem Prinzip, dass der lautere Ton den leiseren auslöscht. Wo auf einer CD noch alles gleichzeitig aufgezeichnet ist, was das Mikrofon gehört hat, ist in einer MP3-Datei nur noch das stärkste Signal aufbewahrt. Das funktioniert am besten bei gleichmäßig lauter Rockmusik ohne komplizierte Nebenstimmen – und am schlechtesten bei klassischer Musik mit ihren enormen Lautstärkeunterschieden und dem mitunter beachtlichen Gewirr mehrstimmigen Tonsatzes. Der Kontrapunkt ist das erste Opfer der Datenminimierung, die notwendig ist, um zügig Musikdateien aus dem Internet zu laden oder in handlichen Geräten zu speichern.

Die Frage ist allerdings, wer sich noch für klassische Musik interessiert – oder über eine hinreichend empfindliche Abspielanlage der Art verfügt, die man noch vor zwanzig Jahren audiophil nannte. Es ist interessant, einen Blick in die Mediensupermärkte zu werfen: Außer Marantz oder Denon gibt es kaum noch einen Großserienhersteller, der ehrgeizige Hi-Fi-Geräte im Angebot hätte. Überall sonst dominiert, was für den Konsum von Downloadmusik ausreicht oder für die Fernsehhintergrundbeschallung mit Mehrkanalanlagen benötigt wird. Der puristische Stereoton für heikle Ohren wird nur noch von kleinen und kleinsten oder teuren und teuersten Manufakturbetrieben, vorzugsweise aus England, mit Equipment bedient.

Die Zeit, als eine respektable Musikanlage ein intellektuelles Statussymbol war, mit dem man Kenntnis und Geschmack oder Dummheit und Geld beweisen konnte, ist lange vorüber. In vielen Wohnzimmern gibt es heute gar keine Stereoanlage mehr, die Musik kommt vom Computer oder von dem tragbaren Abspielgerät, das an ein kleines Lautsprechermodul angedockt wird.

Die CD als Tonträger wird schon nicht mehr benötigt, und leider muss man sagen, dass sie auf eine aberwitzig dialektische Weise ihrem eigenen Bedeutungsverlust vorgearbeitet hat. Durch sie wurde der Aufwand reduziert, der für eine halbwegs brillante Wiedergabe nötig war. Nicht dass sie besser als die Langspielplatte klang, war ihr eigentlicher Sieg, sondern dass sie diesen Klang schon bald nach ihrer Einführung viel billiger bereitstellen konnte. Ein günstiger CD-Spieler klingt unter Umständen genauso gut wie ein zehnmal so teurer Plattenspieler, und nicht nur dies: Die CD-Aufnahme kann mit einfachsten Mitteln so frisiert werden, dass sie die Schwächen mittelmäßiger Verstärker und schlechter Lautsprecher mehr oder weniger unauffällig kompensiert.