Es gibt zwei Irakkriege. Der eine dauert an und ist vielleicht schon fast verloren. Der andere ist auch nicht gewonnen und in seiner Tragweite noch kaum begriffen: Das ist der Meinungskrieg, der nicht auf arabischem Boden, sondern im westlichen Lager selbst geführt wurde. Die Frage nach Recht und Sinn der amerikanischen Intervention hat Freundschaften zerstört, politische Lager durcheinandergeworfen, das Klima zwischen den USA und Europa für lange Zeit vergiftet.

Die müde Geste, mit der sich heute Anhänger des Feldzuges wie Michael Ignatieff von ihrer bellizistischen Begeisterung distanzieren , lässt kaum noch die Aggression erahnen, mit der sie seinerzeit auf den Plan getreten waren. Aber auch die Skeptiker von einst sind zu keinem Triumph der Rechthaberei aufgelegt. Die Schrecken des realen Krieges überdecken die Erinnerung an den erbitterten Meinungskampf, obwohl manches dafür spricht, dass der ideologische Streit nicht unwesentlich zu dem militärischen Debakel beigetragen hat.

Sein Hauptkennzeichen war eine fatale Gleichgültigkeit gegenüber der Empirie. Der Meinungsstreit vollzog sich in einer rasenden Überhöhung des Konflikts ins Prinzipielle, die alle Fragen nach den realistischen Erfolgsaussichten des Krieges in den Hintergrund drängte. Sein Ursprung war der 11. September 2001, der eine Ideologisierung der politischen Debatte von beispielloser Wucht gebracht hat, die quer zu den gewohnten Frontlinien von links und rechts verlief. Denn der traditionelle linke Traum einer weltweiten Durchsetzung von Demokratie und Menschenrechten wurde in den USA plötzlich von den Neokonservativen vertreten. Der alte konservative Respekt dagegen vor den historisch gewachsenen Unterschieden, dem Recht der Kulturen auf ihre eigenen Gesellschafts- und Politikformen wurde von einer Linken vorgetragen, die eine kriegerische Menschenrechtspolitik, und sei es zum Sturz einer Diktatur, energisch ablehnte.

Diese spektakuläre Vertauschung der Positionen geschah aber nicht aus reiner Vergesslichkeit und Sinnverwirrung, sondern weil innerhalb der angestammten Position plötzlich bestimmte Aspekte dramatisiert wurden, die zuvor eher randständig geblieben waren. Die Rechten in den USA sind auf die Idee des militärischen Demokratieexportes verfallen, weil sie sich auf eine Theorie besannen, nach der die Demokratie auch dem Kapitalismus nützt, insofern freier Markt und freier Bürger untrennbar zusammengehören.

Darauf reagierte die Linke – wie denn überhaupt in diesem Streit die Linke den defensiven, fast überrumpelten Part spielte –, indem sie ihrerseits ein politisches Nebenmotiv dramatisierte, nämlich das Engagement für die Interessen der Dritten Welt. Angesichts eines kriegerisch auftrumpfenden Kapitalismus betonte sie das Recht der nichtwestlichen Kulturen auf Schutz, Eigenständigkeit, sogar Rückständigkeit. Die religiöse Differenz, die dem linken Universalismus bisher fremd, mindestens gleichgültig war, erschien mit einem Mal als wirksame Bremse gegen den globalisierten Kapitalismus.

Es ging der Linken dabei nicht um den Eigenwert des Religiösen, sie nahm die christliche Rhetorik George Bushs nur mit Spott auf und hatte auch für den autoritären Islam nicht die Sympathie, die ihr manchmal unterstellt wurde. Es ging ihr nur um die Religion, insofern sie als Hüterin unverrückbarer, nicht verhandelbarer Werte auftritt. Über Gott und seine Gesetze gibt es keine Mehrheitsentscheidungen. Aber auch die Demokratie, das ist ein altes Paradox, das bei dieser Gelegenheit wiederentdeckt wurde, beruht auf Werten, über die ihrerseits nicht demokratisch abgestimmt werden kann. Weder die Gleichheit der Menschen noch überhaupt die Menschenwürde beruhen auf empirischer Beobachtung. Kant hat nachgewiesen, dass sie ohne die Annahme eines Schöpfergottes nicht auskommen. Und so kam es, dass gerade zur Verteidigung des Universalismus die urkonservative Idee der nicht verhandelbaren, vordemokratischen, im Kern religiösen Werte von der Rechten auf die Linke übergegangen ist.

Wie das Gift der nationalen Vorurteile neu zubereitet wurde

Die neokonservative Ideologiebildung spielte derweil auf dem Klavier der nationalen Vorurteile. Dazu gehörte Donald Rumsfelds Unterscheidung von neuem und altem Europa. Kurioserweise befanden sich aufseiten dessen, was er als neues Europa bezeichnete, die ältesten Staaten des Kontinents (Polen, Dänemark, Portugal), während aufseiten des alten, verstockten Europas sich so junge und fragwürdige Staatsbildungen befanden wie Belgien oder Deutschland. Aber das war natürlich nicht, was er meinte; er meinte nur den Grad der Nähe oder Ferne zu dem jungen, aufstrebenden Amerika. Die Gegner wurden konstruiert, wie es die Nationalstaaten im 19. Jahrhundert taten, einschließlich der damit verbundenen Völkerpsychologie. Ein kurioses Beispiel lieferten die deutschen Atlantiker in der Zeitschrift Merkur, die den Zusammenstoß der Kulturen auf die tief eingewurzelte Humorlosigkeit der Araber zurückführten.