Es gibt zwei Irakkriege. Der eine dauert an und ist vielleicht schon fast verloren. Der andere ist auch nicht gewonnen und in seiner Tragweite noch kaum begriffen: Das ist der Meinungskrieg, der nicht auf arabischem Boden, sondern im westlichen Lager selbst geführt wurde. Die Frage nach Recht und Sinn der amerikanischen Intervention hat Freundschaften zerstört, politische Lager durcheinandergeworfen, das Klima zwischen den USA und Europa für lange Zeit vergiftet.

Die müde Geste, mit der sich heute Anhänger des Feldzuges wie Michael Ignatieff von ihrer bellizistischen Begeisterung distanzieren , lässt kaum noch die Aggression erahnen, mit der sie seinerzeit auf den Plan getreten waren. Aber auch die Skeptiker von einst sind zu keinem Triumph der Rechthaberei aufgelegt. Die Schrecken des realen Krieges überdecken die Erinnerung an den erbitterten Meinungskampf, obwohl manches dafür spricht, dass der ideologische Streit nicht unwesentlich zu dem militärischen Debakel beigetragen hat.

Sein Hauptkennzeichen war eine fatale Gleichgültigkeit gegenüber der Empirie. Der Meinungsstreit vollzog sich in einer rasenden Überhöhung des Konflikts ins Prinzipielle, die alle Fragen nach den realistischen Erfolgsaussichten des Krieges in den Hintergrund drängte. Sein Ursprung war der 11. September 2001, der eine Ideologisierung der politischen Debatte von beispielloser Wucht gebracht hat, die quer zu den gewohnten Frontlinien von links und rechts verlief. Denn der traditionelle linke Traum einer weltweiten Durchsetzung von Demokratie und Menschenrechten wurde in den USA plötzlich von den Neokonservativen vertreten. Der alte konservative Respekt dagegen vor den historisch gewachsenen Unterschieden, dem Recht der Kulturen auf ihre eigenen Gesellschafts- und Politikformen wurde von einer Linken vorgetragen, die eine kriegerische Menschenrechtspolitik, und sei es zum Sturz einer Diktatur, energisch ablehnte.

Diese spektakuläre Vertauschung der Positionen geschah aber nicht aus reiner Vergesslichkeit und Sinnverwirrung, sondern weil innerhalb der angestammten Position plötzlich bestimmte Aspekte dramatisiert wurden, die zuvor eher randständig geblieben waren. Die Rechten in den USA sind auf die Idee des militärischen Demokratieexportes verfallen, weil sie sich auf eine Theorie besannen, nach der die Demokratie auch dem Kapitalismus nützt, insofern freier Markt und freier Bürger untrennbar zusammengehören.

Darauf reagierte die Linke – wie denn überhaupt in diesem Streit die Linke den defensiven, fast überrumpelten Part spielte –, indem sie ihrerseits ein politisches Nebenmotiv dramatisierte, nämlich das Engagement für die Interessen der Dritten Welt. Angesichts eines kriegerisch auftrumpfenden Kapitalismus betonte sie das Recht der nichtwestlichen Kulturen auf Schutz, Eigenständigkeit, sogar Rückständigkeit. Die religiöse Differenz, die dem linken Universalismus bisher fremd, mindestens gleichgültig war, erschien mit einem Mal als wirksame Bremse gegen den globalisierten Kapitalismus.

Es ging der Linken dabei nicht um den Eigenwert des Religiösen, sie nahm die christliche Rhetorik George Bushs nur mit Spott auf und hatte auch für den autoritären Islam nicht die Sympathie, die ihr manchmal unterstellt wurde. Es ging ihr nur um die Religion, insofern sie als Hüterin unverrückbarer, nicht verhandelbarer Werte auftritt. Über Gott und seine Gesetze gibt es keine Mehrheitsentscheidungen. Aber auch die Demokratie, das ist ein altes Paradox, das bei dieser Gelegenheit wiederentdeckt wurde, beruht auf Werten, über die ihrerseits nicht demokratisch abgestimmt werden kann. Weder die Gleichheit der Menschen noch überhaupt die Menschenwürde beruhen auf empirischer Beobachtung. Kant hat nachgewiesen, dass sie ohne die Annahme eines Schöpfergottes nicht auskommen. Und so kam es, dass gerade zur Verteidigung des Universalismus die urkonservative Idee der nicht verhandelbaren, vordemokratischen, im Kern religiösen Werte von der Rechten auf die Linke übergegangen ist.

Wie das Gift der nationalen Vorurteile neu zubereitet wurde

Die neokonservative Ideologiebildung spielte derweil auf dem Klavier der nationalen Vorurteile. Dazu gehörte Donald Rumsfelds Unterscheidung von neuem und altem Europa. Kurioserweise befanden sich aufseiten dessen, was er als neues Europa bezeichnete, die ältesten Staaten des Kontinents (Polen, Dänemark, Portugal), während aufseiten des alten, verstockten Europas sich so junge und fragwürdige Staatsbildungen befanden wie Belgien oder Deutschland. Aber das war natürlich nicht, was er meinte; er meinte nur den Grad der Nähe oder Ferne zu dem jungen, aufstrebenden Amerika. Die Gegner wurden konstruiert, wie es die Nationalstaaten im 19. Jahrhundert taten, einschließlich der damit verbundenen Völkerpsychologie. Ein kurioses Beispiel lieferten die deutschen Atlantiker in der Zeitschrift Merkur, die den Zusammenstoß der Kulturen auf die tief eingewurzelte Humorlosigkeit der Araber zurückführten.

Das Verfahren blieb aber kein Privileg Amerikas und seiner Anhänger. Amerikakritische Intellektuelle begannen das nämliche Spiel; man denke nur an den Bestseller des französischen Kulturphilosophen Emmanuel Todd, der Himmel und Hölle der Geistes- und Sozialgeschichte bemüht, um Amerika als sterbenden Staat darzustellen. Pointe: das alte Amerika. Übrigens ist schon die Rede von Amerika als einer einheitlichen Größe ideologisch; mindestens müssten Regierung und Land, eigentlich aber auch Milieus und Schichten, Tradition und Gegenwart streng geschieden werden. Aber im Eifer des Gefechts wurde alles miteinander verrechnet und in Beziehung gebracht. Als Wolfowitz unklug ausplauderte, der Verdacht auf Massenvernichtungswaffen sei nur ein Vorwand zum Krieg gewesen, wurde sogleich an den Spanisch-Amerikanischen Krieg im vorletzten Jahrhundert erinnert, der bekanntlich ebenfalls mit einer Fälschung begann: Das amerikanische Schiff, dessen Explosion im Hafen von Havanna den Kriegsgrund lieferte, war von den Amerikanern zu diesem Zweck selbst gesprengt worden.

Die begeisterte Entdeckung amerikanischer Propagandalügen

Natürlich haben beide Vorgänge nichts miteinander zu tun, aber jetzt wurde behauptet, es handele sich um eine Konstante amerikanischer Verlogenheit. Übrigens ist darin, wie eine Puppe in der Puppe, noch ein anderes, älteres Vorurteil enthalten. Das ist die im 19. Jahrhundert landläufige Rede von der angelsächsischen Heuchelei, mit der man das pathologisch gute Gewissen der englischen und amerikanischen Protestanten meinte, die sich zu jedem Krieg berechtigt fühlten, während sie die Kriege katholischer Staaten stets als unmoralisch bezeichneten.

So stiegen die Gespenster der alten nationalen Vorurteile mit einem Male wieder hervor. Selbst die Manipulation der Journalisten im Krieg, ihre viel beklagte Einbettung in die Armee, wurde mit einer gewissen höhnischen Begeisterung aufgenommen, insofern sie ein weiteres Beispiel für die Verworfenheit der USA darstellte. Aber auch die Anhänger Amerikas haben nicht versucht, Licht ins Dunkel einer Propagandamaschine zu bringen, die doch dem Ansehen der Weltmacht mehr geschadet als genützt hat.

Vielmehr war die Enthüllung der Wolfowitzschen Propagandalüge für die meisten nur das Tüpfelchen auf dem i; die Anhänger des amerikanischen Menschenrechtsexportes sahen darin einen höchst erlaubten Schwindel, um den korrupten Sicherheitsrat der UN und die korrupten Eliten des alten Europas zu überlisten, und die Amerikakritiker riefen nur: Ha – haben wir’s nicht gewusst? Man könnte deshalb auch sagen, dass die Öffentlichkeit zu Recht belogen wurde, sie war nicht an der Wahrheit, sondern nur an der Bestätigung der längst gezogenen Fronten interessiert.

Die Frage ist allerdings, wann sich diese Fronten gebildet haben, warum sie sich so schnell verhärteten, auf welches Interesse, welche Hoffnungen oder Ängste sie dabei setzen konnten. Möglicherweise war es die amerikanische Regierung selbst, die mit einem unklugen Schachzug den Krieg zu einem Prinzipienstreit um das Selbstverständnis des Westens machte und die Debatte auf das ideologische Gleis schob. Unmittelbar nach dem 11. September begann sie schon mit einer Kette von Gleichsetzungen, die völlig haltlos, aber in hohem Maße polemisch waren – und das wohl auch sein wollten, um die erste Aggression abzureagieren.

Als Europa noch gar nicht wusste, was es von dem Attentat in weltanschaulicher Hinsicht halten sollte, begann Amerika schon Folgendes zu erklären: 1. Es war kein Attentat, sondern eine Kriegserklärung. 2. Bekriegt wurde nicht nur Amerika, sondern der Westen überhaupt. 3.Aber nicht nur in seiner Eigenschaft als politisches und militärisches Bündnis, sondern in seiner Eigenschaft als Kultur- und Wertegemeinschaft. 4. Der Kern dieser Wertegemeinschaft sind Demokratie und Kapitalismus, mit anderen Worten der Liberalismus.

Die Summe dieser Gleichsetzungen lautete also: Der Islam (denn auch die Attentäter wurden umstandslos mit dem Islam in eins gesetzt) führt Krieg gegen die liberale Gesellschaft, wenn nicht sogar, schärfer noch: Eine autoritäre Religion führt Krieg gegen unsere Freiheit. Damit bekam, was man auch als bloßen Kriminalfall hätte behandeln können oder meinetwegen als politische Herausforderung, plötzlich die Qualität eines Kulturkampfes – die Bürger des Westens mussten sich fragen lassen, was ihnen, angesichts einer solchen tödlichen Bedrohung, die Verteidigung ihrer Lebensweise wert war.

Die erste Reaktion Europas beziehungsweise des europäisch geprägten Ostküstenmilieus Amerikas war eher bedächtig. Man stellte Gegenfragen: ob Amerika nicht eher ein Sonderfall des Westens sei; ob mit dem Attentat auf das WTC nicht eher der globalisierte Kapitalismus gemeint sei als die Demokratie oder die Meinungsfreiheit; man bestritt, kurzum, die Gleichsetzungen. Dann fragte man weiter: ob nicht die Dritte Welt Grund hätte, dem Westen böse zu sein; ob der Liberalismus überhaupt der Weisheit letzter Schluss sei; ob man nicht auch Verständnis haben müsse für ernsthafte Gläubige, für die es noch Wahrheitsfragen gebe, die sich nicht ohne Weiteres in liberaler Beliebigkeit auflösen ließen. So räsonierte die europäische Öffentlichkeit vor sich hin, mit den eingeübten Reflexen der Selbstkritik und dem schlechten Gewissen der ehemaligen Kolonialherren.

Wie viel Selbstkritik darf sich der Westen erlauben?

Die Antwort Amerikas, aber auch der Amerikafreunde in Europa war Empörung. Wie könne man, nachdem ein so himmelschreiendes Verbrechen begangen worden sei, sich schon wieder ans Verstehen machen? Und auf die Empörung folgten neue Gleichsetzungen: 1. Verstehen sei fast schon entschuldigen. 2. Entschuldigen deute auf eine heimliche Sympathie für den Aggressor. 3. Sympathie mit dem Islam bedeute Verrat an den westlichen Werten, mithin mangelnde Wertschätzung von Freiheit und Demokratie. 4.Diese mangelnde Wertschätzung zeige eine unterschwellige Neigung zur Diktatur, wenn nicht sogar den alten bolschewistischen und faschistischen Ungeist. Hatten nicht schon Hitler-Deutschland und später die Sowjetunion die arabischen Länder unterstützt?

Damit war der Fehdehandschuh geworfen. Denn mit dieser Antwort, die den Versuch des Verstehens an sich schon unter Verdacht stellte, war ein Kern des europäischen Selbstverständnisses, die ganze geistige Aufbruchsbewegung seit der Renaissance berührt. Verständnis für den anderen, und selbst einen Feind, erwiderten darum die Europäer, sei nicht nur der zentrale Wert des Christentums. Es sei der Kern der großen hermeneutischen Bewegung der Welterkenntnis und Selbstaufklärung; schon die Humanisten hätten inmitten der Türkenkriege gefragt, ob vom Osmanen nicht am Ende auch etwas zu lernen sei. Und so weiter, über Aufklärung, Historismus und moderne Dialektik der Aufklärung hinweg sei Selbstkritik stets das entscheidende Movens der Erneuerung, der Lernfähigkeit, Konfliktbewältigung und Modernisierung gewesen. Verständnis und Selbstaufklärung seien der Kern des Westens, sagten die Europäer, und Toleranz für den anderen sei das Wesen des Liberalismus. Ein Liberalismus, der nur liberale Meinungen dulde, sei kein Liberalismus, sondern seinerseits totalitär.

So wurden die Schützengräben ausgehoben. Es ging um nicht mehr und nicht weniger als die Definitionsmacht über den Freiheits- und Kulturbegriff des Westens und damit – bei gleicher missionarischer Energie wie auf amerikanischer Seite – um das, was für die Zukunft der Welt zu wünschen sei. Und da zu jenem Zeitpunkt jeder sich auch schon als möglichen Verlierer sah, die Europäer zumal gegenüber Amerika, war es ein Streit um die Zukunft eines jeden Bürgers. Ob ein wild und autoritär gewordener Neoliberalismus Amerikas am Ende die ganze Welt seiner Diktatur unterwerfen werde, fragten sich die Europäer. Ob ein windelweich und feig gewordener Wohlstandsliberalismus der Europäer, fragten die Amerikaner, sich am Ende bereitwillig jeder Diktatur, und sei es der islamischen Mullahs, unterwerfen werde.

So sah der Krieg der Meinungen aus, doch was verteidigt werden sollte, waren auf beiden Seiten dieselben, recht eigentlich linken Ideale einer aufgeklärten, emanzipierten, toleranten und friedlichen Gesellschaft. Nur wie, das war die Frage, und sie kaprizierte sich zunächst auf das umstrittene Institut der Selbstkritik. Wenn aber ein und dasselbe Institut – Selbstkritik – sowohl als Verteidigung der Freiheit wie als Kapitulation vor der Unfreiheit verstanden werden kann, dann liegt der Verdacht auf reine Willkür, vorsichtiger gesagt, auf etwas unhintergehbar Subjektives, auf Erfahrung und Lebensgefühl, nahe.

Und so wurde denn auch in dieser Richtung gegraben, und es kamen zum Vorschein das geschichtliche Erlebnis und seine Verarbeitung, die europäischen Kriege, der Pazifismus, die Erfahrung des »Dritten Reiches« oder der sozialistischen Diktaturen, die Befreiung aus eigener Kraft oder mit Hilfe der Amerikaner und so weiter. Europa und Amerika legten sich gegenseitig auf die Couch. Die psychologischen Vermutungen eskalierten in Büchern und Essays; Robert Kagans Unterscheidung zwischen den Amerikanern, die vom kriegerischen Mars, und den Europäern, die von der liebebedürftigen Venus stammen, war nur ein Beispiel. Die Spekulationen folgten fast ausnahmslos einer Logik der Unterstellung.

Kritik an Amerika wurde als Antisemitismus gegeißelt

Denn nun hatte im Meinungskrieg die zweite Kristallisation begonnen. Wenn man Stendhals Theorie der Liebe, die sich genauso gut auf den Hass anwenden lässt, zugrunde legt, dann hat der erste Schlagabtausch den Gegner geschaffen, nämlich nach Maßgabe der eigenen Befürchtungen. Nun, nachdem das Schreckbild da war, wurde es ein zweites Mal bearbeitet. Es war wie Schattenboxen: Auf jeden Schlag antwortete der Gegner mit dem symmetrisch entsprechenden Schlag. Die Amerikaner nahmen den europäischen Widerstand zur Kenntnis, aber vor allem als emotionale Ablehnung. Das komme, sagten sie, weil die Europäer es sich schon immer mit Diktaturen bequem gemacht hätten und die USA dafür hassen, dass sie von ihnen befreit wurden und sich nicht aus eigener Kraft befreit hätten. Nur die Europäer, deren Diktaturerfahrung noch frisch ist, wüssten die Freiheit zu schätzen. Damit waren die neuen Europäer gemeint, die ehemals sozialistischen Länder. Die alten Europäer erwiderten, dass Amerika selbst große Liebe zu Diktaturen entwickelt habe, namentlich zu solchen, die von den USA eigens installiert worden seien wie in Lateinamerika. Die Freiheitsliebe der USA, sagten diese Europäer, folge im Wesentlichen ihrer Macht- und Wirtschaftspolitik.

Damit war neues Gift in der Wunde. Aber die USA wussten sich zu revanchieren. Der Antiamerikanismus – es wurde in dieser Phase schon großzügig jedes Argument als Ressentiment behandelt –, also der Antiamerikanismus, um den es sich eigentlich handele, sei noch eigentlicher Antisemitismus. Dafür wurden zwei Begründungen angeführt: zum einen Israel. Da Israel von Amerika geschützt wird, meine jeder, der Amerika kritisiere, in Wahrheit Israel. Wenn die USA an einem Feldzug gegen die Feinde Israels gehindert würden, werde damit auch das Existenzrecht Israels bestritten. Die andere Begründung arbeitete eher historisch-psychologisch. Die Ablehnung Amerikas bedeute im Kern eine Ablehnung des Prinzips der Rassen- und Kulturenmischung. Im Antiamerikanismus komme der alte europäische Rassismus zurück.

Darauf erwiderte der Europäer im Allgemeinen nichts. Er war fassungslos oder schmollte. Nur selten wies einer darauf hin, dass hier die Akteure verwechselt würden. Denn die Kritiker des amerikanischen Feldzugs gegen den Irak seien in ihrem eigenen Land gerade Anhänger der multikulturellen Gesellschaft; gerade aus Verständnis für das andere komme die Ablehnung des amerikanischen Imperialismus. Andere sagten, vor allem in Frankreich, dass nicht Israel das Hauptproblem im Nahen Osten sei, sondern die Unterstützung der USA für die reaktionären und fundamentalistischen Regime wie Saudi-Arabien, die in allen Nachbarländern die Ansätze der Modernisierung untergrüben.

Aber weder Feinde noch Freunde Amerikas versuchten, den langen abschüssigen Weg missglückter Nahostpolitik zu untersuchen, der schließlich den Terror in den Westen selbst gebracht hat. Sie waren nur noch an dem Prinzipiellen des Konflikts interessiert, und so kam der Konflikt nun fest in die Hand der Spezialisten fürs Prinzipielle und Philosophische.

Das Stichwort der Stunde hieß Orientalismus, und gemeint war damit die künstliche Konstruktion eines Orients nach Maßgabe westlicher Fantasien. Das ist eine kaum bemerkte Ironie der Debatte, dass sie, die in so hohem Maße auf gegenseitigen Projektionen beruht, nun ihrerseits die kulturelle Projektion zum Thema macht, aber ohne diesen Gedanken jemals auf sich selbst anzuwenden. Das Feindbild Islam, sagten also die Europäer und beriefen sich dabei vor allem auf Edward Said, einen amerikanischen Professor palästinensischer Herkunft, das Feindbild Islam sei das Ergebnis von Orientalismus. Der erfundene Orient des Orientalismus habe mit dem wahren Orient nichts zu tun, er vernebele den Blick auf die Wirklichkeit, im Orientalismus habe sich der Westen ein Gegenüber aus eigenen Ängsten und Sehnsüchten gebastelt. Insgeheim wolle der Westen genauso böse oder genauso gläubig, auf jeden Fall aber nicht so aufgeklärt und liberal sein, wie er sei. Selbsthass, kurzum, stecke hinter dem von Bush ausgerufenen Kreuzzug gegen das Böse.

Nebenbei bemerkt: Diesen schlauen, vielleicht übermäßig dialektischen Gedanken hat der französische Philosoph Baudrillard schon gleich nach dem 11. September artikuliert: Das verdrängte Eigene, die nicht zugelassene Alternative zur liberalen Gesellschaft sei in Wahrheit das, was hinter dem Attentat stecke. Ein Anschlag des Westens auf sich selbst. In dem Maße, in dem sich die westliche Lebensform über die Welt ausbreite und zum unentrinnbaren Schicksal würde, wüchse auch der Widerstand. Wo Alternativen verschwänden, entstehe Gewalt.

Aber auch in Amerika formierten sich die Experten fürs Philosophische. Was die Europäer konnten, das konnten sie auch. Sie beschlossen: Wenn die Europäer von Orientalismus reden, dann reden wir eben von Okzidentalismus. Der Hass der fundamentalistischen Araber beruhe ebenfalls auf einer Feindkonstruktion, aber diesmal des Westens. Auch die Araber hätten sich nach eigenen Ängsten und Sehnsüchten einen Westen konstruiert. Sie hassten ihn, weil der Westen sich alles erlaube, was sie sich verbieten, Alkohol, freizügige Videos, freie Liebe, freie Rede. Das Problem, das die Muslime mit ihrer Religion und ihren autoritären Regimen hätten, projizierten sie auf die Vereinigten Staaten. Und so weiter und so fort nach dem geschilderten Muster. Schattenboxen.

Welche Kultur bestimmt, was ein menschenwürdiges Dasein ist?

Abermals wurde dasselbe Motiv von beiden Seiten, aber mit umgekehrter Pointe benutzt: die Frage nach dem Wesen der Freiheit und ihrer Bedrohung. Die Europäer sagten, Amerika bedrohe durch die Ausbreitung seiner Lebensform die Freiheit zur Wahl einer anderen Lebensform. Die Amerikaner sagten, die Muslime bedrohten die Freiheit, weil sie sich in ihrer eigenen Entscheidung für die Unfreiheit verunsichert fühlten. Seht, sagten die Amerikaner, wie sich die Afghanen nach dem Sturz des Taliban-Regimes gefreut haben, Transistorradio zu hören und Hollywoodfilme zu gucken. Seht, sagten die Europäer, wie jetzt auch in Afghanistan unser westliches Muster mit Gewalt durchgesetzt wurde, das kann ja nur Widerstand erzeugen.

An dieser Stelle sehen wir wieder den Streit um den Universalismus und wie er als Argument die Fronten gewechselt hat. Die europäische Linke, die immer auf den universalen Menschen jenseits der kulturellen Besonderheit gesetzt hat, entdeckt auf einmal die Menschenwürde gerade in der Abweichung. Die konservativen Amerikaner wiederum setzen darauf, dass jeder Mensch in jeder Kultur dasselbe will: Freiheit, nur dass sie sich diese Freiheit allerdings nach Maßgabe ihrer eigenen Kultur vorstellen, nämlich als Freiheit zum Konsum von Videos und Coca-Cola. Das ist es ja gerade, riefen die Europäer an dieser Stelle regelmäßig, dass Amerika sich selbst zum Maßstab des universalen Menschseins setzt, also in Wahrheit das Partikulare zum Allgemeinen erhebt. Die Amerikaner, unterstellten sie, sprechen von Menschenwürde und meinen nur die amerikanische Lebensform, wenn nicht überhaupt nur den Absatzmarkt für ihre Produkte.

Das war der Kern des Meinungskrieges. Wer definiert das Menschsein? Kann Amerika, kraft seiner politischen, militärischen und wirtschaftlichen Macht, festlegen, was ein würdiges Dasein, was Freiheit, was Erfüllung, was politische Partizipation ist? Ist Amerika das Ziel und Ende der historischen Entwicklung? Kein Europäer kann sich das vorstellen. Der Europäer kann es sich auch nicht wünschen, weil er sich damit selbst vom Subjekt zum Objekt der weiteren Geschichte wandeln, im Grunde in die Rolle kolonialisierter Völker bequemen müsste. Aber im Letzten ist auch dies der Grund nicht, sondern der einfache Widerspruch, dass zum Universalen nun einmal das Partikulare nicht taugt, dass Amerika als Vorbild zu eng definiert ist, um für die ganze Menschheit zu stehen.

So einfach ist das, und so umstandslos ließe sich die ganze erbitterte Debatte als Scheindebatte entlarven. Amerika, selbst einmal unterstellt, es wollte sich zum Exempel zukünftigen Menschseins auf der ganzen Welt machen, wird es doch niemals sein, weil es nur ein Teil dieser Welt ist und bleiben wird. Aber diese friedliche und entspannte Sicht der Dinge ist nicht mehr leicht wiederzugewinnen. Und es kommt noch etwas anderes, unbehaglich Reales hinzu. Denn so hoch kann keine Debatte ins Prinzipielle abschwirren, dass sie nicht doch noch etwas von der Realität tief unter ihr, am Boden, verspürte. Es ist mit der Ideologie ein wenig wie mit der Prinzessin, die unter tausend Matratzen noch immer die Erbse spürt, die sie drückt.

Das Reale, das in diesem Falle drückt, ist die faktische Macht der USA. Sie werden nicht das Menschsein definieren, aber die konkrete Existenz konkreter Menschen doch fühlbar beeinflussen. Aus dieser Gefahr bezog auch die Diskussion um die völkerrechtliche Erlaubtheit des Irakkrieges ihre Energie. Es soll hier nicht die höchst verzwickte Diskussion nachgezeichnet werden, in der übrigens auf amerikanischer Seite genauso viele Kriegsgegner auftraten wie auf europäischer Seite. Die völkerrechtliche Illegitimität des Kriegs stand außer Frage. Infrage dagegen stand, wie viel Geltung hier überhaupt das Völkerrecht beanspruchen durfte.

Denn es ist nun einmal so, dass Recht und Moral nicht in eins fallen. Das Recht verbietet es, dem potenziellen Mörder ins Messer zu fallen, bevor er zum Mord deutlich erkennbar ansetzt. Man könnte sonst ja auch den Nachbarn einsperren lassen, dessen unfriedlichen Charakter man so gut kennt, dass man eine Gewalttat jederzeit für möglich hält. In Analogie zu der nicht erlaubten vorbeugenden Strafjustiz ist auch ein Präventivkrieg nicht erlaubt. Moralisch rechtfertigen lässt er sich allerdings durchaus: als Abwehr von Schlimmerem.

So haben sich auch die USA für ihren Krieg nicht oder nur zum Schein aufs Völkerrecht berufen. Sie haben sich aber auf die Moral berufen. Das ist keineswegs so verwerflich, wie manche meinten; zumal dann nicht, wenn das Völkerrecht den Schurken zu schützen droht und, mehr noch, die höchste völkerrechtliche Instanz, der UN-Sicherheitsrat, selbst voller Schurken steckt. Trotzdem hat die amerikanische Nichtachtung des Völkerrechts die Europäer schwer gezwickt. Der selbstherrliche Akt, mit dem die USA Moral über Recht setzten, war deswegen so provozierend, weil er ohne Macht nicht zu denken ist. Der Ohnmächtige kann noch so viel die Moral bemühen; er wird sich auf den Gang der Justiz verlassen müssen. Er selbst kann Moral nicht durchsetzen. Moral über Recht setzen zu können ist das Privileg der Macht und im Kreis der Völker das Privileg der einzigen verbliebenen Supermacht.

Angst vor Amerikas Stärke ist der Kern der Debatte

Es ist diese fundamentale Asymmetrie, die den Widerstand gegen den Irakkrieg über Europa hinaus in weite Teile der Welt getragen hat. Sie war der geheime Glutkern der Erregung: der machtgeschützte Auftritt einer Nation, die als einzige in der Lage ist, Moral, oder was sie dafür hält, über Recht zu setzen und damit ein Exempel fundamentaler Ungleichheit in die Welt zu bringen. Es ist dieses Exempel, das mehr als alles andere den Anspruch des Universalismus desavouiert, betrifft er nun Demokratie, Freiheit oder Menschenrechte. Sie alle leben aus der Gleichheit, und wenn ihre Durchsetzung mit einem Akt der Ungleichheit beginnt, ist es mit der Glaubwürdigkeit nicht weit her. Schlimmer noch, es nährt den Verdacht auf Heuchelei, der gerade hier nicht aufkommen darf, weil die Feinde der Menschenrechte genau auf diesen Vorwurf spekulieren: dass die Menschenrechte reine Rhetorik sind, um Machtinteressen durchzusetzen, und dass nicht sie es sind, die den Westen beflügeln, sondern dass es der Darwinismus des Stärkeren ist.

Wenn man überhaupt bereit ist, den europäischen Einspruch gegen die amerikanische Weltpolitik ernst zu nehmen, dann könnte man ihm dieses Motiv zugrunde legen: die Furcht vor einer Diskreditierung dessen, was den kostbarsten Teil der europäischen Zivilisierung darstellt. Man muss es aber nicht so treuherzig sehen. Man könnte auch sagen: Macht provoziert immer und überall. Ja, es gibt sogar die spezifisch europäische Einsicht, dass manchmal ein Rechtsbruch dem Recht zum Sieg verhelfen muss. Es ist dies die Logik einer jeden Revolution. Allerdings: Den Preis der politischen Freiheit werden wir für die weltweite Durchsetzung von Bürgerrechten nicht zu zahlen bereit sein. Darüber sollte die gegenwärtige Erschöpfung der Irakkriegsdebatte nicht hinwegtäuschen: Gerade weil so viel auf dem Spiel steht, so viel von dem, was in der Geschichte erstritten und wieder verloren wurde, bleibt das Erregungspotenzial groß, auf europäischer Seite wie auf amerikanischer, denn was diese historische Erinnerung anlangt, ist Amerika noch immer ein Stück Europa.

Lesen Sie hier: "Der Feind im Kopf" - eine Zitatsammlung zum Irakkrieg aus den vergangenen fünf Jahren