HipHop Witz schlägt Gewalt

Deutscher Rap leidet an Stumpfsinn. Die Berliner Band K.I.Z. zeigt, dass auch harte Reime Niveau haben können

Die schwulenfeindlichen Äußerungen des Rappers G-Hot haben eine neue Debatte um die gesellschaftliche Verträglichkeit von Textzeilen wie diese entfacht: »Was ist bloß passiert / sie werden akzeptiert / es gab Zeiten, da wurden sie mit der Axt halbiert«. Birgt der deutsche Rap ein Gewaltpotenzial, dem auch die rechte Szene zunehmend etwas abgewinnen kann? Diese Frage stellt sich, spätestens seit die Polizei im Juli die Räume der Plattenfirma Hirntot Records durchsucht hat. Jedenfalls werden der deutsche Rap und seine Texte derzeit kritischer betrachtet als noch vor einigen Jahren. Politiker von CDU und Grünen forderten jüngst den Ausschluss des Rappers Bushido von einem Konzert gegen Jugendgewalt, weil dessen Texte gewaltverherrlichend seien. Bushidos plötzliches Engagement gegen Gewalt und seine Erklärung, es gehe ihm bei seinem Auftritt nicht um Promotion, seien nichts als verlogene Anbiederungsversuche, erklärte der Lesben- und Schwulenverband.

Textzeilen wie »Du nichts – Ich Mann« von King Orgasmus One über das Geschlechterverhältnis zeigen, dass das Niveau deutscher Rap-Texte ins Bodenlose gesunken ist. Viele Veröffentlichungen sind musikalisch belanglos. Was bleibt, ist Langeweile. Ein verheerendes Urteil für ein Genre, in dem Originalität, Schlagfertigkeit und Witz immer noch die wichtigsten Kategorien darstellen. Viele Rapper verweisen auf den ironischen Subtext ihrer Aussagen, ohne selbst eine gelungene Pointe formulieren zu können. Die Verkniffenheit gehört zum Image: Harter Rap ist einfach nicht zum Lachen. Er funktioniert nur, wenn er sich selbst ernst nimmt. Insofern wirkt der Hinweis auf die vermeintliche Ironie wie eine Schutzbehauptung auf der Flucht vor der drohenden Indizierung.

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Dass es auch anders geht , beweist das neue Album Hahnenkampf der Rap-Formation K.I.Z. aus Berlin. Dabei zeigt es auf den ersten Blick alle typischen Merkmale des Battle-Rap auf. Natürlich wollen Tarek, Maxim, Euro8000 und DJ Craft besser sein als all die anderen, reicher und härter sowieso. »Was würden wir tun, wenn wir diese Fans nicht hätten / die das dritte Album kaufen auf dem wir ausschließlich über Schwänze rappen / Was bringt uns der Respekt, wenn wir nix verdienen / Wir haben ausgestopfte Rapper über unserem Kamin«, rappen K.I.Z. auf ihrer Single Geld essen . Im Logo der Gruppe gehen Notenschlüssel und erigierter Penis eine harmonische Symbiose ein. In Berlin findet man das Bild flächendeckend auf Häuserwände und Straßenlaternen plakatiert: Die Gruppe steckt ihr Revier ab und ist auf Krawall gebürstet.

Und doch ist ihr Auftreten vielschichtiger als das der meisten Kollegen. Schon die Bedeutung des Kürzels variiert je nach Laune der Bandmitglieder: Künstler im Zuchthaus, Kriegsverbrecher im Zoo, Klosterschüler im Zölibat. Mittlerweile hat man sich auf Kannibalen in Zivil geeinigt. Die Lust an der Uneindeutigkeit ist Programm: Im Video zu Geld essen inszenieren K.I.Z. einen Hahnenkampf zwischen Heavy-Metal-Freaks und den Droogs aus Stanley Kubricks Film A Clockwork Orange . Der Clip vollzieht eine semantische Kehrtwende, die im deutschen Rap ihresgleichen sucht: Statt blitzender Goldketten und rotierender Hinterteile ist ein schwules HipHop-Paar beim Zungenkuss zu sehen. Mit dieser Provokation stoßen K.I.Z. gezielt die eigene Zielgruppe vor den Kopf und sorgen für Verwirrung: Wie meinen die das jetzt? Derartige Kunstgriffe haben die Gruppe auch für ein Publikum interessant gemacht, das sich längst vom deutschen Rap verabschiedet hat. Während andere Rapper mit aggressiven Abgrenzungsstrategien ihre »Echtheit« behaupten, präsentiert sich das System K.I.Z. nach allen Seiten offen. Rücksichtslos bedient sich Hahnenkampf im Fundus der Popmusik, bei Disco, Schlager, Punkrock und Techno ebenso wie bei den Ärzten, Grandmaster Flash oder dem Klassiker House of the Rising Sun .

Selbstverständlich wird auf Hahnenkampf verbal kräftig ausgeteilt, allerdings fantasievoller und komischer als bei der Konkurrenz: »WM 2666 / Die Welt zu Gast bei Menschfressern / Mein Kühlschrank ist vollgepackt mit Gangstern und Studentenrappern«. Songs wie Der Schöne und das Biest und Klassenfahrt sind der schmutzige Witz auf Großmutters Geburtstag, den hinterher keiner gehört haben will. Immer wieder blitzen unter all dem Schweinkram gekonnte Wendungen und Brechungen auf, ergeben sich clever gereimte Doppeldeutigkeiten. Die Texte schlagen in eine karnevaleske Übergeschnapptheit um, die dem sonst so unentspannten Vokabular des Battle-Rap seine Schärfe nimmt. Das macht sie im Gegensatz zu den herkömmlichen Battle-Raps nicht weniger wirkungsvoll, unterscheidet sie jedoch deutlich von dessen angestrengtem Gestus. Anders als Rapper wie GHot behaupten K.I.Z. nicht bloß einen ironischen Subtext ihrer Stücke, um sich aus der Verantwortung zu stehlen. Es gibt ihn wirklich.

Auf Fotos posieren K.I.Z. gerne hinter Bergen von Steaks und Koteletts. »Eigentlich sind wir ja Ökos«, sagt Rapper Maxim. Daher habe man den Vorschuss der Plattenfirma in Fleisch aus artgerechter Haltung reinvestiert, das auf der Bühne gegrillt und mit den Fans verzehrt werden soll. Während sich Beleidigungen und gezielte Herabwürdigungen im Rap etabliert haben, pflegen K.I.Z. die Lust an der anarchischen Geschmacklosigkeit. Hahnenkampf beweist, dass man eben auch hart rappen kann, ohne zum Lachen in den Keller gehen zu müssen.

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Leser-Kommentare
  1. Ich kann mich irren, aber niveauvoll ist es nur bedingt, was K.I.Z. hier abliefern. So mag es zwar stimmen, dass diese Combo es wirklich auf eine großartige Art und Weise schafft Gangsta-Rap mit Sinn zu füllen, aber trotzdem ist das Lied "Spast" ja wohl eindeutig diskriminierend (zu hören unter "www.k-i-z.com"). Mich persönlich zumindest erinnern Texte wie "Leih mir deine Frau aus, dann wird wenigstens dein Sohn kein Spast" stark an die "rassenhygienische" Vorstellung der Nationalsozialisten.

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    Ironie heist das Zauberwort! ;D

    Ironie heist das Zauberwort! ;D

  2. Ich würde vorschlagen du leihst dir mal das Album aus um dir ein vollständiges Bild zu machen.

    Ansonsten kann ich nur sagen: Gelungener Artikel!

    • Vrip
    • 08.12.2007 um 12:46 Uhr

    K.I.Z. spielt natürlich mit den Tabus dieser Gesellschaft, keine Frage und Reime wie: "ich
    scheffel Kohle wie ein Krematorium Heizer, meine Feinde sehen das eng
    wie Chinesen" (Hahnenkampf: Pogen) .. brechen diese Tabus gnadenlos.
    Aber man sollte solche Reime im Kontext des ganzen Albums betrachten.
    K.I.Z. schafft es auf eine destruktive, überspitzte und abrundtief
    sarkastische Weise, eine hintergründige Gesellschaftskritik in ihren
    Songs zu implementieren, die in meinen Ohren ganz große Kunst ist. Alle
    Kritiker sollten sich den Song "Wenn es brennt" (Hahnenkampf)
    reinziehen. Dort wird die Gesellschaftskritik, die ansonsten in fast
    jedem Track unterschwellig mitschwingt sehr verständlich. Der Refreng
    "Dein Leben ist ein scheiß Job doch einer muss ihn machen, jeder kann
    es schaffen, einsam und erwachsen - nicht reich, nicht schön - du
    willst das jeder dich kennt - vielleicht fällt das Licht auf dein
    Viertel wenn es brennt" (Hahnenkampf), verkörpert diese Klarheit des
    Tracks ganz besonders. Wie wir in allen Pisastudie gesehen haben wird
    ein Teil unseres Volkes, nämlich Kinder und Jugendliche mit
    Migrationshintergrund ins Abseits gedrängt und vergessen. Ebenso kann
    keiner bestreiten, dass wir von Vorurteilen durchtrieben sind. Ein
    junger Mann um die 16 Jahre mit dunklerem Teint und HipHop Outfit
    gehört in unseren Köpfen auf die Haupschule, aufs BVJ oder in ein
    Erziehungsheim. Viele unserer Lehrer setzen diese Voruteile dann in
    Empfehlungen nach der Grundschule um. Ein Kind aus dem Arbeitermilieu
    mit Migrationshintergrund wird aufgrund subjektiver, internalisierter,
    unterbewusster Vorurteile immer eine vergleichsweise schlechtere
    Beurteilung erhalten als ein "deutsches - weißes - Akademikerkind"! Der
    Hass der darurch bei vielen Jugendlichen gegen ihre Pädagogen
    entstanden ist drückt sich in dem Reim: "das ist Klassenkampf, machs
    wie Mao Zedong, spann den Abzung und bring die Pauker um"
    (Hahnenkampf).
    Eine weiter Passage:"Es gibt viel zu tun, viel zu viel, fang erst gar nicht an - du willst
    ein Ziel im Leben guck dir deinen Vater an - wenn du hart kämpfst
    kriegst du seinen Platz - und hängst auch jeden Morgen in der Kneipe ab
    --- du kannst jeden Tag wie deinen Letzten leben - du musst nur jeden
    Tag das gleiche tun (das wird schon, das wird schon), brich die Schule
    ab, stich ein Schwulen ab, auch du kannst ein Künstler sein, bemal ein
    Judengrab -- im Ghetto mag dich jeder ein Euro-Straßenfeger, du brauchst kein Psychologen nur jeden Tag ’n Träger, hör auf den Papst, treib nicht ab, schick
    die Kids ins Heim, wer ein guter Freund ist muss die Spritze teilen,
    geh dein Weg, (Ja!) leb dein Leben, (Ja!) sei du selbst, (Ja!) fick deine Mutter, das ist mein Appell an die Ghetto-Kids, lasst die Skills zu Hause, bringt die Messer mit!" (Hahnenkampf).
    Darin wird die ganze Trost- und Mutlosigkeit ganzer Bevölkerungsgruppen
    dargestellt. Brutal, abstoßend, grenzverletzend sind diese Texte - aber
    sie sollen ja genau diesen Effekt der Auseinandersetzung mit ihnen
    bewirken.
    Ich glaube das Grundproblem dass eine etablierte "Bildungselite" mit
    K.I.Z. hat, ist dass sie nicht auf "Arte", oder im "Theater" - sondern
    im "Internet", auf der "Straße" und auf "CD" - in einer besonderen Form der Musik
    (Underground-HipHop) kommunizieren. Das ist wieder eine stereotypische
    bürgerlich-konservative Betrachtungsweise - "Arte" gut "HipHop" schlecht. Natürlich
    bestehen solche Stereotypen überall in unserer Gesellschaft, aber
    insbesondere von der selbsternannten "intellektuellen Elite" sollte man
    den Versuch erwarten, über den Tellerrand zu schauen zu wollen.
    Die Zeit hat mir diesem Artikel bewiesen, dass sie dazu in der Lage ist - Gratulation von meiner Seite!

  3. Also ich bin echter K.i.z Fan und finde K.i.z enz geil nur mein problem is das K.i.z auf dem neuen Album noch Frauen verachtenender geworden ist ich steh trotzdem auf die Musik!!!!! bussi jana

  4. Zwar schon etwas älter der Artikel, trotzdem muss ich als HipHop Hörer der "reiferen" Generation (24) auch mal meinen Kommentar dazu abgeben: HipHop darf in den meisten Fällen NICHT ernst genommen werden. Die Jungs, die diese Musik machen, sind liebe, nette Kerle. Das ist Show. Andere Generation mögen den Humor nicht verstehen. Wenn nun jemand etwas "frauenfeindliches"rappt, ist der Interpret nicht zugleich frauenfeindlich. Es geht hier um Unterhaltung - und die findet nun mal im Rap unterhalb der Gürtellinie statt. Doof ist nur, wers nicht versteht.

    Deutscher HipHop Deutscher Rap http://www.deutscher-rap.de

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Kommentar auch schon was älter ist ( ;) ) muss ich da trotzdem etwas revidieren. Wenn Leute wie Orgi ohne ersichtliche Ironie ihre doch sehr frauenverachtenden Texte (er definiert sich quasi über seinen Frauenhass) unter die Leute bringen, dann ist es egal, ob sie privat nette Kerle sind, sie haben eine Vorbildfunktion auf die Jugendlichen.
    KIZ gelingt es meines Erachtens viel viel besser, klarzustellen, dass sie nicht wirklich rassistische, menschenverachtende psychokiller sind, obwohl sie großenteils davon rappen.

    Kommentar auch schon was älter ist ( ;) ) muss ich da trotzdem etwas revidieren. Wenn Leute wie Orgi ohne ersichtliche Ironie ihre doch sehr frauenverachtenden Texte (er definiert sich quasi über seinen Frauenhass) unter die Leute bringen, dann ist es egal, ob sie privat nette Kerle sind, sie haben eine Vorbildfunktion auf die Jugendlichen.
    KIZ gelingt es meines Erachtens viel viel besser, klarzustellen, dass sie nicht wirklich rassistische, menschenverachtende psychokiller sind, obwohl sie großenteils davon rappen.

  5. Kommentar auch schon was älter ist ( ;) ) muss ich da trotzdem etwas revidieren. Wenn Leute wie Orgi ohne ersichtliche Ironie ihre doch sehr frauenverachtenden Texte (er definiert sich quasi über seinen Frauenhass) unter die Leute bringen, dann ist es egal, ob sie privat nette Kerle sind, sie haben eine Vorbildfunktion auf die Jugendlichen.
    KIZ gelingt es meines Erachtens viel viel besser, klarzustellen, dass sie nicht wirklich rassistische, menschenverachtende psychokiller sind, obwohl sie großenteils davon rappen.

  6. Ironie heist das Zauberwort! ;D

    Antwort auf "Niveau???"
    • M.Sp
    • 16.09.2011 um 13:29 Uhr

    Ja das ist immer eine schöne Methode sich selbst von Verantwortung freizusprechen. "Das ist ja alles nur Ironie, wer das nicht erkennt ist doof".

    Ich verfolge deutschen HipHop schon sehr lange und erinnere mich noch an Combos wie Eins,Zwo, die Mongo Clikke und so weiter. Da waren Ironie und Spaß deutlich zu sehen. Auch in vielen Texten von Sido oder B-Tight. Bushido hingegen ist und war nie in der Lage ironische Texte zu verfassen.

    King Orgasmus One und auch Frauenarzt, der jetzt für sich beschlossen hat richtig Kohle zu machen und Ballermannhits auf den Markt schmeisst, sind schlicht und ergreifend frauenfeindliche Deppen. Da ist keine Ironie, auch keine "gut versteckte". Ich kenne ihre Musik schon lange und ich kenne auch diverse "Nebenprojekte" dieser Herren.
    Kein verstecktes Niveau, keine Ironie. Nada.

    Zu K.I.Z., ich halte diese Combo schon nahezu für ein Guerillaprojekt um den ganzen "dicken Hosen" dieser Musikrichtung, der Lächerlichkeit preiszugeben.

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  • Quelle DIE ZEIT, 23.08.2007 Nr. 35
  • Kommentare 8
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