Manche Männer überqueren im Segelboot den Stillen Ozean, um jene Grenzen zu überschreiten, die dem Menschen gesetzt sind, andere durchmessen zu Fuß den brasilianischen Dschungel, wieder andere verabreichen sich halluzinogene Pilze oder erklimmen Himalaya-Gipfel ohne Sauerstoffgerät. Hans-Ludwig Kröber überschreitet Grenzen, indem er sich an einen Tisch setzt, seinen Block herausholt und zuhört.

Grenzüberschreitungen sind der Alltag eines forensischen Psychiaters, allerdings die anderer Menschen – jener Verbrecher nämlich, die nun als sogenannte Probanden vor Kröber sitzen und ihn im Geiste mitreißen über diese unsichtbare Linie, die den mittleren Bürger trennt vom Räuber, vom Kinderschänder, vom Mörder. Zahllose Kriminelle hat Kröber im Laufe der Jahre hinüberbegleitet in die dunklen Gefilde, die scheinbar außerhalb der Gesellschaft liegen, in Wahrheit jedoch mittendrin: wo Anstand und Rücksicht als Schwächen gelten, wo die Regeln des Zusammenlebens manchmal ganz aufgehoben sind, wo das Recht des Stärkeren regiert oder die Verblendung, die bloße Angst, die totale Einsamkeit.

Viele unter Kröbers Probanden haben Taten begangen, die das Land aufwühlten: Marlis S. beispielsweise, die ihre siebenjährige Tochter Jessica in einem Hamburger Hochhaus verhungern ließ. Oder Mario M., der eine Dreizehnjährige in seiner Dresdner Wohnung wochenlang als Sexsklavin gefangen hielt. Oder der 17-jährige Felix D., der im mecklenburgischen Tessin scheinbar anlasslos ein Ehepaar aus der Nachbarschaft erstach. Auch Christian Klar sollte von Kröber auf seine künftige Gefährlichkeit hin begutachtet werden, als die Begnadigung des RAF-Terroristen durch den Bundespräsidenten noch zur Debatte stand. Doch Klar verweigerte die psychiatrische Untersuchung, begnadigt wurde er nicht.

Hans-Ludwig Kröber, Direktor des Instituts für Forensische Psychiatrie der Charité, ist derzeit einer der gefragtesten Kriminalpsychiater des Landes. Wenn er einen Täter exploriert, verströmt er – unbeeindruckt von den Abgründen, die sich vor ihm auftun – freundliche Ungezwungenheit. Nichts Klinisches umgibt den Nervenarzt bei der Arbeit. Nichts Steriles. Nichts Lauerndes. Nichts, wovor einer sich fürchtet. Die Begutachteten (und manchmal auch deren Angehörige) unterhalten sich mit einem netten Herrn Mitte fünfzig, der sich aufrichtig für ihr Schicksal und die Untat interessiert.

„Wie ist es denn schließlich zur Entscheidung gekommen, die Frau zu vergewaltigen?“, will er von einem Delinquenten wissen. „Haben Sie sich das früher schon mal ausgemalt?“ Oder: „Haben Sie denn gar nicht daran gedacht, was passiert, wenn man Sie erwischt?“ Oder: „Ihre Geschichte stimmt doch nicht! Die Spuren am Tatort sagen etwas ganz anderes.“ Oder: „Man erschießt doch keine wildfremde Frau, bloß weil man mit seiner Mutter seit Wochen Ärger wegen irgendwelcher Möbel hat!“

Vielleicht erfährt Kröber deshalb oft viel über die Hintergründe einer Tat – er verabscheut keinen, er ekelt sich nie. Auch nicht, wenn ihm ein wirklich böser Mensch gegenübersitzt und lächelnd erzählt, wie sein kindliches Opfer noch versucht hat, durch Bezahlen von 20 Pfennig der unausweichlichen Ermordung zu entgehen. So was ist auch für Kröber schwer zu ertragen. In solchen Momenten, schreibt er in einer Fachzeitschrift, „schützen wir uns durch unseren Wunsch, zu verstehen, und unsere Fähigkeit, mehr zu verstehen, als wir verstehen können“.

Es sei eine Art „ethnologisches Interesse“, das ihn antreibe herauszufinden, warum deutsche Jugendliche in Berlin-Neukölln auf dem Schulhof mit dem Butterflymesser aufeinander losgingen, sagt Kröber. Warum ein braver Polizeibeamter plötzlich Tennisschläger klaue, warum ein Schuster seiner Ehefrau den Schädel einschlage. Meistens kommen dem Psychiater die Tatmuster bekannt vor, mitunter trifft er Menschen, die selbst ihn noch erstaunen. Doch alle Straftäter – wie grausam ihre Verbrechen auch waren, wie unsympathisch sie im Gespräch erscheinen mögen – bleiben für den Sachverständigen Menschen, die für ihre Vergehen ganz persönliche (wenn bisweilen auch kaum nachvollziehbare) Gründe hatten. Und deren Wert immer noch schwerer wiegt als der Unwert ihrer Taten.

Vielleicht vermeidet Kröber in seinen schriftlichen Gutachten, die er anschließend für die Staatsanwaltschaft und das Gericht anfertigt, gerade dieser Anteilnahme wegen jede Weinerlichkeit. Im Gegenteil, er schlägt zuweilen einen Ton hemdsärmeliger Direktheit an, die manchem, der Kröber nicht kennt, zynisch vorkommt. Über eine Kindermörderin schreibt er: „Frau X ist eine auffällige Persönlichkeit mit einer erheblichen emotionalen Dickfelligkeit, einer markanten Sturheit und einer geringen Anstrengungsbereitschaft und einer Neigung zur Bequemlichkeit.“ Über einen Frauenmörder steht im Gutachten: „Herr Y betonte, unser Gespräch habe ihn enorm aufgewühlt. Diese verbalen Bekundungen waren sicher hilfreich, weil man es Herrn Y nicht ohne Weiteres angemerkt hätte, abgesehen von einem kurzen Tränenausbruch, der allerdings aufgesetzt wirkte. Es gab vereinzelte dramatisierende Momente, ansonsten aber kein wesentliches Agieren. Das Beziehungsangebot bestand am deutlichsten darin, man möge sich seiner als eines braven Kindes erbarmen.“ Andere seiner Expertisen verfallen – der hässlichen Materie zum Trotz – in einen beinahe feuilletonistischen Stil. Man merkt, dass hier ein witziger und sprachlich gewandter Verfasser am Werk ist, und bedauert mitunter, dass Kröbers Texte dem engen Lesezirkel der Richter, Staatsanwälte und Verteidiger vorbehalten bleiben.