Phantastische Erzählungen Stellen Sie sich, Herr von Mythenmetz!Seite 2/2

Zweitens: Ich habe mitnichten miserabel übersetzt, aber ich werde den Teufel tun und persönlich auf die Qualität meiner Übersetzungen hinweisen. Ich möchte stattdessen entgegnen: Hildegunst von Mythenmetz hat meine Übersetzungen nie gelesen.

Drittens: Ich habe keinen geistigen Diebstahl begangen. Dass Mythenmetz’ Werk vom Orm, jener geheimnisvollen kreativen Kraft, die nur zamonischen Dichtern zuteil wird, regelrecht überschäumt, ist hinlänglich bekannt. Denken wir nur an den Beginn seines wundervollen Märchens Der Wald bei den Mondscheinminen: »Wenn du dich wandernd weit genug wagst, an einem dieser Nachmittage im April, wenn der Rauch abwärts strebt statt hinauf und sich die nahen Dinge weit entfernt anhören und die weit entfernten Dinge nahe klingen – dann bist du wahrscheinlich endlich am verwunschenen Wald zwischen den Mondscheinminen und dem Zentaurenberg angekommen. Du erkennst den Wald schon von weitem am Duft seines Parfüms, den du nie wirklich vergessen, an den du dich aber auch nie wirklich erinnern kannst. Und da wird ein ferner Glockenschall sein, der die Jungen dazu veranlasst, lachend davonzulaufen, und die Mädchen, zitternd stehenzubleiben. Wenn du einen der zehntausend Pilze pflückst, die im smaragdgrünen Gras am Saum der wundervollen Wälder wachsen, dann wird er in deiner Hand so schwer wiegen wie ein Hammer, aber wenn du ihn loslässt, wird er über die Bäume hinwegsegeln wie ein kleiner Schirm, schwarze und purpurne Sterne hinter sich lassend.«

Das ist makellose Prosa – Mythenmetz at his best. Das Problem ist nur: Der Text ist gar nicht von Hildegunst von Mythenmetz. Sondern von Hubert Jamser, der lange vor Mythenmetz wirkte und schrieb. Eine Mythenmetzsche Abschreibung sozusagen, die anscheinend bisher nur mir aufgefallen ist. Bei Jamser hieß das Märchen noch Das weiße Reh, aber ansonsten hat Mythenmetz den Text wortgetreu übernommen. Weil ihm der Zündfunke fehlte? Als Huldigung an Jamser? Wer weiß. Die weitere Erzählung ist dann wieder lupenreiner Mythenmetz. Aber auch wer kleine Äppel klaut, ist ein Dieb – oder? Reicht das wirklich, um ihn zu verurteilen? Welcher Schriftsteller kann reinen Gewissens behaupten, ausschließlich aus sich selbst zu schöpfen? Wer wirft den ersten Stein? Ich bestimmt nicht.

Dennoch: Ausgerechnet Hildegunst von Mythenmetz, der Gofid Letterkerls schmale Novelle zum dicken Roman ausbaut, sich also schamlos eines vorhandenen Fundamentes bedient, macht mir den Vorwurf des geistigen Diebstahls. Die Literaturgeschichte ist nicht arm an solchen Beispielen. Ist nicht letztendlich jede Reiseerzählung eine Odyssee? Ist nicht jedes epische Märchen ein Abklatsch der Nibelungen- oder Artussage? Jede Detektivgeschichte ist Edgar Allan Poe zu verdanken, der das Genre erfand. Und jedes Werk der Science-Fiction schuldet seine Existenz eigentlich Shakespeares Sturm. Sind deshalb alle Autoren von Märchen, von Detektiv- oder Science-Fiction-Romanen Diebe und Plagiatoren?

Herr von Mythenmetz! – Sie sollten die Kirche lieber im Dorf lassen, auch wenn es in Zamonien keine Kirchen gibt! Mir bleibt angesichts einer so schwammigen Anklage nichts anderes übrig, als meinen Gegenvorwurf zu wiederholen: dass Sie weder meine Übersetzungen noch meine Romane gelesen haben. Ich fordere Sie hiermit auf: Lesen Sie meine Bücher – dann werden Sie erkennen, dass es sich dabei um wortgetreue Übersetzungen, liebevolle Bearbeitungen und ehrfürchtige Hommagen handelt. Und nicht, wie Sie sagen, um die »Beutekunst eines Leichenfledderers«. Lassen Sie uns diesen Strauß ausfechten, auf altmodische Weise und vor aller Augen, wie Männer – beziehungsweise Lindwürmer – von Ehre. Statt uns die Dolche in den Rücken zu jubeln, wie Kritiker es zu tun pflegen. Ich stehe für jedes Wortduell, für jede Zungenschlägerei zur Verfügung. Stellen Sie sich, Herr von Mythenmetz!

 
Leser-Kommentare
  1. Sind in zamonischen Zeitungen eigentlich Redaktions- und Anzeigenteil noch getrennt?

    • Wamm
    • 04.09.2007 um 23:48 Uhr

    Sehr geehrter Herr Moers,

    halten Sie es für richtig, den Lesern Rezepte vorzuenthalten, denen Sie selbst nicht widerstehen konnten? Ich hätte erwartet, dass auf der Übersetzung wenigstens der Hinweis "überarbeitete uns gekürzte Fassung" oder Ähnliches den arglosen Käufer gewarnt hätte.

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