Das Rohr hat den Durchmesser eines Esstellers, es soll eineinhalb Meter unter der Erde verlaufen und völlig unsichtbar sein – aber es sorgt für Aufregung in Nordrhein-Westfalen. Der Umweltausschuss des Landtages hat es gerade erörtert, eine Bürgerinitiative sammelt Unterschriften; Ende des Monats befasst sich das Verwaltungsgericht Düsseldorf mit dem Thema. Der Chemiekonzern Bayer plant den Bau eines 70 Kilometer langen Rohres, durch das ab Jahresende das giftige Gas Kohlenmonoxid aus einem Werk in Dormagen zur Weiterverarbeitung nach Uerdingen fließen soll.

Normalerweise wird Kohlenmonoxid nicht zwischen unterschiedlichen Produktionsstätten transportiert, sondern dort hergestellt, wo es benötigt wird. Doch für Bayer ist die Rohrleitung die billigere Alternative zum Ausbau von Produktionskapazitäten. Ziemlich lautlos haben Land und Bezirk das Projekt vor über einem Jahr genehmigt. Erst jetzt, da die Bagger anrücken und überall Rohrstücke bereitliegen, wird vielen Bürgern klar, dass die Leitung mit dem hochexplosiven Atemgift künftig direkt vor ihrer Haustür verläuft. Die Pipeline soll dicht besiedelte Wohngebiete der Gemeinden Monheim, Hilden, Langenfeld, Erkrath und Ratingen durchkreuzen. »Die Leute schauen in ihren Garten und fürchten sich vor dem tödlichen Gas«, sagt Dieter Donner von der Bürgerinitiative »Bau-Stopp der Bayer-Pipeline«.

Donner ärgert sich gleichermaßen über den Konzern wie über die Politik; sie habe die Brisanz des Themas unterschätzt und »wichtige Dinge in nichtöffentlichen Anhörungen« verhandelt. Selbst die Feuerwehr werde jetzt erst einbezogen, um sich mit Bayer über Rettungsszenarien abzustimmen. »Ein Skandal«, findet Donner.

Würde die Gasleitung je undicht, wären einem Gutachten des betroffenen Kreises zufolge 500 Menschen in ernster Gefahr, bei einem Bruch des Rohres sogar etwa 140000 Menschen. Ein weiterer Gutachter, den die Stadt Monheim anheuerte, kritisiert besonders die Mängel bei der Erkennung von Lecks und den hohen Druck, für den die Pipeline genehmigt ist.

Bei Bayer lässt man diese Bedenken nicht gelten. Zugelassen seien die Rohre zwar für bis zu 40 Bar, entgegnet Konzernsprecher Christian Hartel. Im Normalfall fließe das Gas aber nur mit einem Druck von 13,5 Bar durch die Leitung. Und was mögliche Lecks angehe, sagt Hartel, so werde die Pipeline regelmäßig von Experten »mit Gasspürgeräten abgegangen«. Darüber hinaus überwache Bayer die ein- und ausströmenden Gasmengen.

Der Streit um die Sicherheit der Giftgasleitung kommt reichlich spät. Das dem Pipelinebau zugrunde liegende Gesetz wurde schon im Februar 2006 verabschiedet – mit Unterstützung aller Parteien. Damals ging es freilich vor allem um eine Rohrleitung, die den Transport des Gases Propylen von Amsterdam nach Deutschland per Lkw überflüssig machen sollte. »Dass Bayer die Trasse auf einem kurzen Stück für ein ganz anderes Produkt mitbenutzen wollte, haben wir nicht genügend berücksichtigt«, gesteht reumütig der umweltpolitische Sprecher der Grünen, Johannes Remmel.