Krankenversorgung Doktor Schwester
Krankenpfleger übernehmen neuerdings ärztliche Aufgaben. Sie geben Spritzen, nehmen Blut ab und operieren. Künftig sollen sie auch Rezepte schreiben
Dirk Martin hat noch rasch dem Patienten Blut abgenommen, der ist nun schon unterwegs zur Strahlentherapie. Seine Kollegin Birgit Kalischewski sticht eine Antibiotikumflasche an und steckt sie auf das Infusionsgerät; das Medikament rinnt in die Vene eines jungen Mannes, dem vor wenigen Tagen Knochenmark transplantiert wurde. Dass die beiden Krankenpfleger solch alltägliche Handgriffe auf der Krebsstation des Uni-Klinikums Münster erledigen dürfen, ist neu. Die Blutentnahme und die intravenöse Medikamentengabe waren bisher Ärzten vorbehalten.
Seit August testet das Universitätskrankenhaus in der Klinik für Hämatologie und Onkologie und in der Hautklinik, was passiert, wenn Pfleger und Pflegerinnen ärztliche Aufgaben übernehmen. Die Mediziner sollen mehr Zeit für Diagnose, Therapie und Krankengespräche haben, die Patienten nicht mehr so lange auf Routinechecks und Medikamente warten müssen. Und Geld will man auch sparen.
Der Münsteraner Versuch ist nur ein Beispiel für ein grundlegendes Umdenken in deutschen Krankenhäusern. Republikweit sind die Kliniken dabei, die Aufgabenverteilung zwischen Ärzten und Pflegepersonal neu zu organisieren.
Mit dem klassischen Berufsbild der Krankenschwester – Patienten waschen, Essen reichen, Bettpfannen verteilen – ist es wohl vorbei. Nicht nur manche ärztliche Tätigkeiten sollen die Pfleger übernehmen, sondern auch mehr Verantwortung für die Organisation der Behandlung. Als Case Manager sollen sie künftig die Patienten durch Diagnose und Therapie schleusen, sich um die Weiterbehandlung durch den Hausarzt kümmern, um einen Platz in der Rehaklinik oder den Pflegedienst.
Einige Krankenhäuser haben diesen Umbruch längst hinter sich. Am Uni-Klinikum Köln liegt das Case-Management vollständig in den Händen von Pflegern. In manchen Kliniken operieren speziell ausgebildete Chirurgie-Assistenten gar selbst. »Ein Großteil der Uni-Kliniken und auch viele andere Krankenhäuser sind dabei, die Aufgaben umzuverteilen«, sagt Ricarda Klein, Vorstandsvorsitzende des Verbands der Pflegedirektorinnen und Pflegedirektoren der Universitätsklinika in Deutschland. Mit ihren Kollegen hat sie einen Leitfaden für die Delegation ärztlicher Tätigkeiten herausgegeben. Darin sind die Aufgaben aufgelistet, die Ärzte an Pfleger übergeben dürfen. Die Gebrauchsanweisung werde ihnen regelrecht aus den Händen gerissen, sagt Klein, so groß sei das Interesse.
Die Kliniken sind in Not: Die Ärzte dürfen nach der Umsetzung der EU-Arbeitszeitrichtlinie nicht mehr so lange Dienst schieben wie früher. Aber eigentlich haben sie mehr zu tun. Patienten bleiben kürzer im Krankenhaus, dafür kommen mehr Kranke. Sie sind älter, leiden häufiger an chronischen Erkrankungen, oft an mehreren gleichzeitig. Nun sollen die Pfleger die Ärzte entlasten.
»Das Krankenhaus könnte die Brutstätte für ein modernes Zusammenwirken der Berufsgruppen sein. Von dort könnte es in den ambulanten Bereich ausstrahlen«, sagt Adelheid Kuhlmey, Direktorin des Instituts für Medizinische Soziologie an der Berliner Charité. Sie ist Mitglied im Sachverständigenrat für Gesundheit. Der hat erst vor wenigen Wochen in einem Gutachten mehr Kompetenzen und Autonomie für die Pflege gefordert. Die »Arztzentriertheit« der Krankenversorgung sei »nicht immer effizient«, schreiben die Gesundheitsweisen. Ihre Auftraggeberin, Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, schloss sich der Forderung an: Im deutschen Gesundheitswesen gebe es »großes ungenutztes Potenzial«.
Diese Diagnose ist nicht überall populär. Die Bundesärztekammer und die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnten vor einer »Medizin light«. »Wer originäre ärztliche Tätigkeiten auf die Pflegeberufe verlagern will, gefährdet die Sicherheit der Patienten«, sagte der Vorsitzende des Marburger Bundes, Frank Ulrich Montgomery. Würden die Vorschläge des Sachverständigenrats umgesetzt, vergifteten sie das Klima in den Kliniken. »Die ›Arztzentriertheit‹ ist ein Kampfbegriff, damit will die Gesundheitsministerin einen Keil zwischen Pflege und Ärzte treiben und von der Budgetknappheit ablenken«, mutmaßt sein Stellvertreter Rudolf Henke.
In der Aufregung ist oft nicht klar, um welche Aufgaben es überhaupt geht und unter welchen Bedingungen die Pflege sie übernehmen kann. Ein Gesetz, das ärztliche Tätigkeiten festlegt, gibt es nicht, auch keine einheitliche Regelung der Krankenpflegerausbildung. Doch der Blick in die Praxis zeigt: Geht es um eine konkrete Station, können sich Pfleger und Ärzte durchaus einigen. Gut funktioniert die Zusammenarbeit vor allem in spezialisierten Teams, in denen beide Berufsgruppen aufeinander angewiesen sind, etwa auf der Intensivstation, in der Ambulanz, auf der Krebsstation. Und dort, wo es nichts mehr zu heilen gibt – auf der Palliativstation.
»Beim Hausarzt nimmt doch meist die Arzthelferin das Blut ab. Von der lasse ich mich lieber stechen als von einem Arzt, der keine Übung hat«, sagt Joachim Kienast, Oberarzt in der Klinik für Hämatologie und Onkologie in Münster. »Für einen Großteil der Aufgaben braucht man keine so lange Ausbildung, vieles muss nicht ein Facharzt machen.«
- Datum 23.08.2007 - 07:42 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 23.08.2007 Nr. 35
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Entsprechende Verantwortung und Ausbildung sollten das ermöglichen. Das kann doch Schritt für Schritt geschehen. Sorgfältig dokumentiert kann ein Ausbildungsweg gestaltet werden...
Hier in Schweden ist das im Artikel Genannte gang und gäbe. Die Krankenschwestern haben hier eine viel fundiertere Ausbildung als in Dtl. Es erleichtert ungemein die Arbeit nicht am Morgen 30 ocder 40 Blutproben zu nehmen, oder Kanuelen zu legen oder Infusionen anzuhängen. Was ist daran ärztliche Tätigkeit?? Schon unerfahrene Studenten duerfen in Dtl so etwas tun. Ist ein Student im 7 Semester besser ausgebildet als eine Schwester mit 30 Jahren Berufserfahrung??? Ich kann das nur begruessen, dass man in Dtl auch endlich dainter kommt so etwas zu deligieren. Hoffentlich setzt sich das durch. Rezepte austellen sollte allerdings an einen Arzt gebunden bleiben.
Gott sei´s getrommelt und gepfiffen. Wenn jetzt wirklich noch die Ausbildung entsprechend verbessert und am Besten direkt akademisiert wird, hat´s endlich ein Ende mit der Grauzone. Hat echt kein Spaß gemacht, mit einem Bein im Knast zu arbeiten.
gez. Ein ehem. Pfleger
Ein sehr gelungener Artikel!
Schön finde ich, dass endlich einmal das nicht genutzte Potential der Gesundheits- und Krankenpfleger/innen angesprochen wird! Außerdem sollten der Pflege in der Tat Aufgaben wie waschen und essen bringen abgenommen werden, momentan würde nämlich der zeitliche Rahmen fehlen mehr ärztliche Tätigkeiten zu übernehmen. Die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger (in Baden-Württemberg) befähigt zu mehr Tätigkeiten, als umgesetzt werden dürfen!So z.B. sind Pflegekräfte oft besser in Wundmanagement ausgebildet, müssen aber meist die veralteten Methoden der Ärzte umsetzten. Eine bessere Zusammenarbeit zwischen Pflege und Ärzten ist allerdings nicht in jedem Krankenhaus ein Zukunftstraum!
MFG Sarah (Krankenpflegerin & Medizinstudentin)!
Sorry, aber der Artikel ist extrem schlecht recherchiert! Denn delegierbare ärztliche Aufgaben sind rechtlich nur sehr unzureichend geregelt und waren schon immer mal, wieder in unterschiedlicher Weise, an das examinierte Pflegepersonal übertragen worden. Geregelt ist, dass die Tätigkeiten, die das ärztliche Fachwissen erfordern, vom Arzt durchgeführt werden müssen. Andere Tätigkeiten dürfen dann delegiert werden, wenn sich der Arzt (persönlich) überzeugt hat, dass die examinierte Pflegefachkraft diese Tätigkeit durchführen kann. Wenn Sie sich das Krankenpflegegesetz vonn 2004 ansehen, werden Sie feststellen, dass die Krankenpflegeausbildung in der BRD einheitlich geregelt ist und sich inzwischen die Berufsbezeichung, wie auch das Ausbildungziel geändert hat. Damit will ich nicht den Sparkurs der Kliniken unterstützen, sondern lediglich den Gesundheits- und Krankenpflegeberuf in das rechte Licht rücken (von wegen "nur Bettpfanne reichen...).
Mir stellt sich schon seit längerem die Frage, warum jeder, der eine ärztliche Massnahme vornimmt, einen Doktortitel tragen muss. Warum nicht ein viergliedriges (Komtepenz-)System einführen: Pfleger(in) - Bachelor der Medizin - Master der Medizin - Doktor der Medizin. Und dann die Aufgaben im Alltag auf diese vier Stufen aufteilen.
Die Medizinerausbildung ist eine der teuersten überhaupt. Warum Menschen heranbilden, die über irgendein Bakterium, mit dem sie später nie wieder zu tun haben, eine Doktorarbeit schreiben, und dann mit den zwei Buchstaben vor dem Namen sich zu schade sind, auf dem Land eine Praxis zu übernehmen (was nicht auf alle zutrifft, aber auf immer mehr)? Ich könnte mit einem "Mag. med." (oder wie man ihn nennen will) als Hausarzt, der in seinem praktischen Feld prima ausgebildet ist, gut leben. Klar vedient der dann nicht so gut wie ein Dr. med. - reden wir aber nicht schon zu lange über die zu hohen Kosten im Gesundheitswesen?
| Mir stellt sich schon seit längerem die Frage, warum
| jeder, der eine ärztliche Massnahme vornimmt, einen
| Doktortitel tragen muss.
Ich kann Ihnen diesbezüglich eine erfreuliche Mitteilung machen: Er muß es nicht. Ein Arzt braucht einen Studienabschluß in Medizin (und eine staatliche Berufserlaubnis, die Approbation, die regelmäßig nach Studienabschluß erteilt wird). Einen Doktorgrad braucht er nicht, die Promotion ist fakultativ. Die Promotionsquote bei den Medizinern ist längst nicht so hoch wie in der Bevölkerung vermutet, sie liegt um die 40%. Ganz anders ist das beispielsweise bei Chemikern; hier ist der Studienabschluß praktisch nur die Berechtigung, eine Promotion zu beginnen. Einen nicht-promovierten Diplomchemiker stellt keiner ein. Promotionsquote etwa 98%.
| Mir stellt sich schon seit längerem die Frage, warum
| jeder, der eine ärztliche Massnahme vornimmt, einen
| Doktortitel tragen muss.
Ich kann Ihnen diesbezüglich eine erfreuliche Mitteilung machen: Er muß es nicht. Ein Arzt braucht einen Studienabschluß in Medizin (und eine staatliche Berufserlaubnis, die Approbation, die regelmäßig nach Studienabschluß erteilt wird). Einen Doktorgrad braucht er nicht, die Promotion ist fakultativ. Die Promotionsquote bei den Medizinern ist längst nicht so hoch wie in der Bevölkerung vermutet, sie liegt um die 40%. Ganz anders ist das beispielsweise bei Chemikern; hier ist der Studienabschluß praktisch nur die Berechtigung, eine Promotion zu beginnen. Einen nicht-promovierten Diplomchemiker stellt keiner ein. Promotionsquote etwa 98%.
Soweit ich weiss, werden in Holland schon längere Zeit vom Pflegepersonal als ärztlich geltende Aufgaben durchgeführt.
Die holländischen Ärzte und ebenso das Pflegepersonal sollen mehr verdienen als ihre Kollegen/innen in Deutschland und die Gesundheitskosten seien niedriger als hier.
Stimmt das?
Die Idee ist - im Prinzip - gut. Allerdings bedeutet das, wenn wirklich mehr Zeit für Ärzte am Patienten übrig bleiben soll und die "technischen Leistungen" wie gewohnt geschehen sollen, mehr Pflegepersonal. Diese Arbeitsgruppe kann ncht so mal eben den ärztlichen Dienst mitübernehmen. Auch darf das nicht ohne (versicherungs)rechtliche Regelungen geschehen.
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