Humor Kommt 'ne Frau ins Kanzleramt

Bevor Angela Merkel Kanzlerin wurde, galt sie vielen als Witzfigur. Inzwischen sind die Spaßmacher der Nation an ihr verzweifelt. Dafür hat sie selbst ein paar Witze auf Lager

Ein guter Witz über Angela Merkel? Am anderen Ende der Leitung wird es still. Elmar Brandt ist im Auto unterwegs, der Anruf kam etwas unerwartet. Aber irgendetwas Lustiges zur Kanzlerin müsste Brandt doch einfallen, schließlich hat er mit seiner Gerd Show im Radio jahrelang ihren Vorgänger parodiert und ist damit berühmt geworden. Doch jetzt sagt Brandt nur: „Ähm, tja…“ Und dann ist da wieder nur das Rauschen des Verkehrs. „Einen Witz über Merkel…?“ Wieder Rauschen. „Ich sitz gerade im Auto.“ Wieder Rauschen. „Na gut“, sagt Brandt schließlich: „Kommt Frau Merkel zu spät zur Arbeit – und keiner hat’s gemerkt.“ Rauschen. Haha.

Bis zu ihrer Wahl schien Angela Merkel eine Karriere als Witzfigur sicherer zu sein als eine als Kanzlerin. Diese Figur, diese Frisur, diese Mundwinkel. Der Autovermieter Sixt bewarb seine Cabrios mittels Anzeigen, die Merkel mit vom Fahrtwind zerzaustem Haar zeigten, und stellte dazu die Frage: „Lust auf eine neue Frisur?“ Die Titanic betitelte ein Foto Merkels mit den Worten: Darf das Kanzler werden?

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Nun, zwei Jahre später, sind die Witzemacher verstummt. Scherze über Merkel gibt es kaum, keine Witzbücher wie bei Helmut Kohl, nur die üblichen „Treffen sich drei Staatschefs“-Gags, aber die Namen darin sind austauschbar, sie bringen nichts Spezifisches zum Ausdruck. Dafür lacht die Kanzlerin.

Als im Juli Gerhard Schröder noch einmal ins Kanzleramt kam, um der Präsentation seines Porträts in der Ahnengalerie der Altkanzler beizuwohnen, bedachte Merkel ihn mit den Worten, jetzt werde sie wohl nicht mehr gefragt, „wann der Schröder endlich aufgehängt wird“. Da bog sich sogar ihr Vorgänger vor Lachen.

Es ist, als habe die Kanzlerin nun auch die Macht im humoristischen Diskurs übernommen. Tatsächlich bescheinigen alle, die öfter mit ihr zu tun haben, Merkel ein beachtliches Talent zur Imitatorin. Vor allem die osteuropäischen Kollegen kann sie; perfekt beherrscht sie, die in der Schule Russisch gelernt hat, deren Akzent. Aber auch George W. Bush und den einen oder anderen Chinesen hat sie im Repertoire. Umgekehrt scheitern die meisten professionellen Imitatoren und Witzemacher an Merkel so regelmäßig wie ihre männlichen Kollegen und Rivalen in der Politik. Helmut Kohl alias Birne, Schröder und seine Brioni-Machismen, da war die Kabarettwelt noch in Ordnung. Merkel und der Humor – schwierig. Und das liegt nicht nur daran, dass der Chef jetzt eine Chefin ist. Irgendwie perlt derzeit alles an ihr ab, auch die alten Witze. Wer sich über Merkel lustig machen will, blamiert sich eher selber.

Nachfrage bei der Berliner Distel, einem der alten Ostkabaretts: Kommt Merkel überhaupt im Programm vor? „Na, hören Sie mal, wir machen politisches Kabarett!“, heißt es. „Da kommt man am Kanzler gar nicht vorbei.“ Man kommt dann aber in anderthalb Stunden doch erstaunlich gut an ihr vorbei. Nur zweimal wird die Kanzlerin erwähnt, einmal im Zusammenhang mit dem EU-Beitritt der Türkei, einmal beim Thema Rauchverbot, beide Male hat der Gag eigentlich nichts mit ihr zu tun. Umso präsenter dagegen ist immer noch ihr Vorgänger. Im Kabarett, diesen Eindruck kann man bekommen, amtiert auch zur Halbzeit der Regierung Merkel noch Schröder.

Gert Kießling ist einer der Veteranen bei der Distel, nun sitzt er im Café Starbucks unweit des Kabaretts am alten Admiralspalast und macht sich Gedanken über das Thema Merkel und Humor. „Is schwierig“, sagt Kießling, „die is ja immer so physikalisch.“ Viel mehr, Kießling bedauert es selbst, falle ihm nicht ein. An mangelndem Gespür für die biografischen Besonderheiten kann es nicht liegen, Kießling ist selber Ossi. Ein bisschen stolz sei er auf die Merkel, sagt er, einfach weil sie es geschafft habe – auch wenn er ihre Partei nicht möge. Aber mit Schröder habe man als Kabarettist weniger Mühe gehabt.

Leser-Kommentare
  1. Schmidts Idee, Frau Merkel auf dem Theater zu verorten, wurde bereits an einer seiner früheren Wirkungsstätten verwirklicht: im Sommernachtstraum am Augsburger Stadttheater tritt sie als Frau Petra Squenz auf und führt als solche Regie bei dem Laienspiel im Stück, "Pyramus und Thisbe".

  2. Sehen wir es, wie es ist: Es macht einfach keinen Spaß, Angie mittels Satire zu verletzen. Die Vorstellung, daß sie einen enttäuscht oder verletzt ansieht, bringt einen nicht wirklich zum Lachen. Dies, verbunden mit einer Engelsgeduld, ist ihre stärkste Waffe. Der Kabinetts-Rest wirkt zwar insgesamt auch humorlos, ist aber wenigstens dank "Wir sind die Kompetenten"-Gehabe gelegentlich lustig, jedenfalls satirisch angreifbar.

  3. Dass alles von ihr abprallt, hat Angela gemeinsam mit Reagan, den man deshalb zum Teflon-Präsidenten kürte. Aber ihn konnte man wenigstens prima karikieren, während die meisten Karikaturen ihr kaum ähnlich sehen. Beiden gemeinsam ist aber die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen. Offenbar ist es leichter, über die Großkopfeten zu spotten, die sich selbst zu ernst nehmen.

  4. Frau Hildebrand Sie sehen die falschen Sendungen. Einmal im Monat kommt im ZdF zu guter Sendezeit direkt nach dem heute-journal die Sendung "Neues aus der Anstalt". Die Hauptprotagonisten sind Urban Priol und Georg Schramm, zwei mit sämtlichen Kabarettpreisen der Nation ausgezeichnete Kabarettisten. Da können Sie reichlich von dem sehen, was Sie in Ihrem Artikel vermissen. Leider wird viel zu wenig Kritik an unserer "Worthülsenfrucht aus der Uckermark" geübt.

  5. Die Zeit, ja die Zeit findet immer etwas um Merkel abzufeiern. Die Zeit, die Hofberichterstatter Nr.1, definitiv.

    • andrku
    • 24.08.2007 um 6:46 Uhr
    6. Merkel

    Ich kann nicht über sie, aber auch nicht mit ihr lachen. Ich finde sie nach wie vor extrem verlogen, viele schöne Worte für den dummen Wähler, knallharte Interessenpolitik für die Wirtschaft, wenn man etwas genauer hinschaut.

    Eine Machtpolitikerin durch und durch. Damit erreicht sie einiges, fragt sich nur für wen. Das Durchboxen der EU-Verträge z.B. trotz Ablehnung durch mehrere Referenden verursacht immer noch einen ekligen Nachgeschmack bei mir.
    Ebenso die Rückenstärkung für Schäubles kranke Ideen, die Blockierung des Mindestlohns, Ablehnung der Liberalisierung des Strom/Gasmarktes usw.

    Ich könnte gut auf die Frau verzichten.

    MfG
    AKu

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    Sie schreiben:

    "Ebenso die Rückenstärkung für Schäubles kranke Ideen, die Blockierung des Mindestlohns, Ablehnung der Liberalisierung des Strom/Gasmarktes usw."

    Ich vermute, Sie sind überzeugt, die Wahrheit zu besitzen oder gar zu sein.

    Sie schreiben:

    "Ebenso die Rückenstärkung für Schäubles kranke Ideen, die Blockierung des Mindestlohns, Ablehnung der Liberalisierung des Strom/Gasmarktes usw."

    Ich vermute, Sie sind überzeugt, die Wahrheit zu besitzen oder gar zu sein.

  6. Mit den richtigen Ohrringen schafft sie es schon noch auf den Aufkleber von "La vache qui rit".

  7. Ja bei der Frau vergeht einem sogar das Lachen. ;-) Willkommen in der Depression. Übrigens gibt es diverse Radiosendungen, die durchaus in der Lage sind, Frau Merkel zu parodieren. Aber wahrscheinlich wird hier kein Radio gehört.

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    "Aber wahrscheinlich wird hier kein Radio gehört."

    Ich tippe bei einem Großteil der Schreiber hier auf passionierte Sat1-Enthusiasten.

    "Aber wahrscheinlich wird hier kein Radio gehört."

    Ich tippe bei einem Großteil der Schreiber hier auf passionierte Sat1-Enthusiasten.

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